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Neue jüdische Presse · 1919-05-16 · Heft 19 (16.5.1919) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 19 (16.5.1919)
Date
1919-05-16
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Neue Jüdische Presse. So zählen zu den -Opfern der Bolschewiken und Kommunisten zahlreiche Juden aus - den angesehensten Kreisen und eD steht zu befürchten, daß auch unter den Geiseln der Budapester Kommunisten nicht minder zahlreiche Juden zum Opfer fallen werden. Me antisemitischen Verleumder werden trotzdem' nicht aufhören, Kommunismus, Bolschewismus und Judentum in Beziehung zu bringen/'' V- I. A Hamburg. Ms erste studentische Verbindung, schon mit Beginn der hiesigen Universitätskurse aktiv geworden, hat.sich die dem Bunde jüdischer Akademiker angehörige Vereinigung jüdischer Akadeiniker zu Hamburg konstituiert. Sie will die auf dem Standpunkte des traditionell-gesetzestreuen Judentums stehenden Studenten umfassen, studentische Geselligkeit pflegen und vor allein für die Betätigung des Thorastudiums, jüdischer Wissenschaft und jüdischer Lebensführung eintreten. Amerika. Sechszehn Millionen Dollar. Nach, der Ausstellung des „Amerikan. Hilfskomitees für die jüdischen Kriegsopfer" hat dieses Komitee bis zum 1. März *faft 16 Millionen Dollar verteilt. Deutsch-Oesterreich Wien. Wahlsieg der Jüdischnationalen. Die Indisch-rationalen Dr. Jakob Ehrlich, Dr. Leop. Plaschkes und Dr. Bruno Pollak-Par« n o w sind als Gemeinderäte und nenn Jüdischrratiönale als Bezirksräte 'der Stadt Wien gewählt worden. Dr. Isidor Schalit ist mit nur '200 Stimmen minus als Landtagskandidat unterlegen. Schuld hieran war ■ die besondere Aufstellung des Dr. Schwarz-Hiller, der 300 Stimmen erhielt, die sonst Dr. Dchalit zugefallen wären. Aus ver Misrachi-Bewesuug. Misrachistisches Leben in Königsberg. Anläßlich, der Palästina-Woche hatte die Misrachigruppe die Jugend zu einer festlichen Veranstaltung geladen, die sehr stimmungsvoll verlief. — Am anderen Tage sprach Rechtsanw. Dr. Barth, Berlin, über das aktuelle Thema: „Wie bauen wir ein jüdisches Palästina auf?" Ausgehend von der Tendenz des Misrachi „Die Wahrung und Geltendmachung des zionistischen Programms auf der Grundlage und im Sinne des überlieferten Judentums" führte er aus, daß bei dein in greifbare Nähe gerückten Wiederaufbau Palästinas die Satzungen der heiligen Thora nicht allein die Grundlage aller Kultur und Bildung, sondern auch der ganzen Wirtschafts- und Rechtsordnung bilden müsse. Für die jüdische Nation könne kein anderes Recht als das jüdische in Frage kommen, das seine Zweckmäßigkeit und Brauchbarkeit in den jüdischen Zentren längst bewiesen «drUe A habe. Die Einführung jedes anderen Rechtes biete zugleich größere Schwierigkeiten und würde, da es dem jüdischen Volksgeist zuwider sei, von dem'Volke schließlich doch hftrweggefegt werden. *— Abends sprach Dr. Barth über: „Religion und Zionisulus". In vornehm sachlicher Weise setzte er sich mit" den Gegnern des Zionismus von rechts und links auseinander. Für den Bodenerwerb in Palästina wurde in der Palästina-Woche fast 5000 JL gesmnmelt. Berlin. Der AguvaS Misrachi Tifereth- Z i o n veranstaltete ani 28. April anläßlich der Palästina- Woche einen Vortragsabend. Nach einleitenden Begrüßungsworten des Vorsitzenden, K. Groß, referierten R.-A. Dr. Lob und Lazarus Barth über Keren kajemes lejisroel. Die beiden Reden wurden mit großer Begeisterung ausgenommen. Eine Sammlung zu Gunsten des Nationalfonds ergab den Betrag von über 750 ,11 __ Der Agudas Misrachi Tifereth Zion veranstaltet jeden i-vonntag nachmittag um 5 Uhr in seinem Heiin, Grenadierstraße 32 I., zwanglose Diskussionen, zu welchen auch Gäste willkommen sind. Neue Ortsgruppen. In Chemnitz wurde mit 30 Mitgliedern und in Karlsruhe mit 70 Mitgliedern eine Ortsgruppe gegründet. Vorträge. Vorträge hielten: Justizrat Dr. Fränkel -München in der Münchener Ortsgruppe, Rechtsanwalt Dr. Löb- Berlin in der Ortsgruppe Hannover, Rechtsanwalt Dr. Bart h-Berlin in den Gruppen Berlin und Breslau, Frau Rechtsanwalt Gr on cm an n, G a b riel Knoller und Schragenheim in der Berliner Gruppe und Lazarus Barth in Fulda. Bo« der Misrachi-Arbeit. Me Misrachii-Jugendgemeinschaft Berlin hat ein Heim mit Synagoge, Lefesaal und Bibliothek errichtet. Für die Schülergruppe ist eine Tischlerwerkstatt eingerichtet worden. Me Breslauer Gruppe hat sich mit der Agudas-Jisriol-JugendgruPpe und mit dem Machsika-Thora- Verein zu einer Lerngemeinschaft vereinigt. Ans der „Agudas,Mroel"-Brweznug. Zürich. Eine Ngudoh-Zeitschrist. Der Bundesrat bewilligte dem Zentralbüro der „Agudas Jisroel" die Herausgabe einer Zeitschrift .Laderech," in hebräischer und jüdischer Sprache . Der.Laderech" wurde früher als offizielles Organ der „Aguda" in Frankfurt a. Main herausgegebe» und beginnt nunmehr in zwei Aus-, gaben — hebräisch unter dem bisherigen Titel und. jüdisch unter dchn Titel „Der Weg" zunächst als Monatsschrift in Zürich (Bahnhosstr. 35) zu erscheinen. Nr 19 Die materielle Situatioavek Jerusalemer Thora-Lehranstalten. Das Zentralbüro der Agudah Jisroel veröffentlichte vorige Woche das folgende Telegramm: „Zionistische Konnnission sperrte jede Unterstützung der Jerusalemer Talmud - Thoraschulen und Jeschiwaus. Vollständiger geistiger Zusammenbruch droht. Beschleuniget Propaganda sür Befreiung orthodoxer Erziehung. Rabbiner Sonnen seid,Diskin und Waad, Hoir Aschkenasim". Diese verblüffende Nachricht stimmt in der ihr gegebenen Forni nichjt. Man scheint in Jerusalem sehr schnell bereit zu sein, Depeschen abzuschicken. Der wirkliche Sachverhalt > ist wie folgt: Die von der Zionistischen Kommission verteilten Gelder waren solchje des „Joint Distribution Comitv" -in Newyork, eines philanthropischen Instituts, Und diel Zionistische Kommission durfte das. Geld nur nach, dem Willen ihres Auftraggebers verwenden. Die anderen Gelder aus Amerika waren.nicht eingetroffen,,und so mußte die Zionistische Kommission die Auszahlung der Beihülfen sür Schulen usw. vorläufig aussetzen. Von einer „Sperrung der Gelder" ist natürlich keine Rede. Die Agudas Jisroel Organisation hätte sich vor Veröffentlichung der Depesche doch erst mit der Zionistischen Organisation in Verbindung setzen sollen! ' Anerkannt sei, daß auch, die Jerusalemer Thora-Lehranstalten schwere Zeiten durchmachen und ein Ausruf an die gesetzestreue Judenheit Westeuropas wärmste Unterstützung verdient. Deutsches Reiche Ei» Wiener Jude unter de« i« München hingeschlachteten Geisel». Blochs Wpchenschrist schreibt: „Unter den Geiseln, die in München von betrunkenen russischen Soldaten an die Wand, gestellt und niedergeschossen wurden, befand sich auch ein Künstler, dessen ~ Wiege in Wien gestanden ist, und . der an der Wiener Akademie seine Ausbildung erlangt hat. Es ist dies der ' Maler Ernst Berger, den sein trauriges und grausames Schicksal im 62. Lebensjahre erreicht hat. Berger hat an unserer Akademie unter Eisenmenger und Makart studiert und in einzelnen seiirer Werke, der man sich auch von Wiener Ausstellungen her entsinnt, war er bestrebt, das Makart'sche Kolorit sich anzucignen. So entsinnen wir.uns eines ' Bildes „.Orientalischer Markt in Venedig" und eines anderen, das die Wasserweihe in Venedig darstellte. In den letzten Jahren hat sich Berger auch als Verfasser •V »«^technischer Schriften einen Namen, gemacht. Die Ausstellungen der jüngsten Zeit zeigten mir landschaftliche Zeichnungen des Künstlers. Ernst Berger gehörte, einer der angesehensten jüdischen -Familie» Wiens an. Sein Bruder, Dr. Alfred Berger, war jahrelang 'Vorstandsmitglied Her israel. Kultusgemeinde; sein Vater, Heinrich Berger, war ein eifriger Förderer der jüdischen Literatur, hat für Palästina außerordentliche Opfer gebracht und zählte zu den vornehmsten Repräsentanten des orthodoxen Judentums im alten Oesterreich. Märchen ans dem Ghetto von Leopold Kompert. Der Begleiter. Eine Mutter gab ihrem Kinde, das in die weite Welt , zog, das letzte Geleit bis zur Straße, die es nun ziehen sollte. Me sie es nun geherzt und geküßt und gesegnet hatte, sprach sie tiefbekümmert: „Jede Mutter, die ihr Kind von sich läßt, bekommt von Gott einen Mallcch ' (Engel), der geht mit.dem Kind fort und gibt acht auf ihn. Nur mu das eine bitt' ich dich: leg alle Tage Tefellin, — und wenn du's nicht tust, wiro mir's schon der . Mallcch erzählen." Nun aber sage ich euch : an den Wimpern der Mutter - hing noch das Tränennaß als das Kind schon ihren Engel vergessen hatte. Eine wilde Zerstreuung bemächtigte sich seiner Sinne, und die Tefillin schliefen einen unheimlichen Schlaf. ,Mo bleibt der Engel meiner Mutter?" fragte sich oft das Kirrd, solang' es in Freuden ' schwamm, und dieselbe Frage "tat es, als es krank, hungrig und abgezehrt, — fern von seiner Mutter war. Da! . fiel ihm das Beten wieder ein; es nahm die Tefillin hervor > und umschnallte damit, die linke Hand und den Kops. | 5ßfe' er -sie nach dem Gebete wieder in das Sammetbeutelchen zurücklegte, das er in seinem dreizehnten Jahr« von seiner Schwester erhalten, siel da nicht etwas Helll leuchtendes. Freudigfunkelndes heraus? Waren das nicht ' zwei größte Goldstücke? , ~ Nächster Tage brachte die Post einen Brief, darin stand: „Gute Mutter! Deinen Mallcch Hab''ich erst jetzt gesehen, und gerad' zur rechten Zeit ist er gekommen. Jetzt will ich alle Tag Tefillin legen, und Hab' mir von dem Geld auch zwei Paar Stiefel und einen guten Mnterrock angcschafst." .; . Nicht sterben können. In stiller Nacht war es einmal dem Schulklopfer, 'alss Wrte .er den Hammer, -womit er frühmorgens und -abendsdie Leute zur Synagogen rief, in leisen Schwingungen auf und medergleiten. - -/„Der Hammer läßt mich nicht schlafen," sagte er zu seiner Tochter, die, ebenfalls wach, den unheimlich leisen SchläMii lauschte.' -/MH« wird sterben wollen in der Gasse," sagte sie schlürdernd, vbet gleich darauf schrie sie in,ungeheurer Angst: '7,Gott!- der Rabbi wird'ssein." In demselben Augenblicke hörten die Schwingungen Hes Hammers auf; draußen aber poOe jemand ans Fenster, und eine hasttge Stimme rief: „Steht auf und geht in Schul' klopfen, die Leut' sollen Thillim (Psalmen) sagen, denn der Rabbi liegt im Sterben." In stiller Nacht ertönten nun die drei bekannten Zeichen des Hammers an jeder Türe. Anfschauernd in den -innersten Fasern ihrer Seele hörte die Tochter, wie ihr Vater von Haus zu Hans schritt, und als nun der letzte Schlag an der letzten Türe der Gasse verschollen war, meinte sie, jetzt müsse der Rabbi seinen letzten Atemzug Man haben. Da mußte sie bitter weinen. Aber das Dhillimsagen der Leute hielt seine schjeidende Seele noch zurück, noch wichen die Schatten des Todes nicht vom Rabbi.; Frühmorgens war er ein Sterbender, und seine Boch° rim (Schüler) wehklagten lauter. Man nahm nun Wachs und Docht, man maß die ganze Körperlänge des kranken Rabbi und formte danach ein riesiges Licht. Dem zog man -einen Sterbekittel an und trug es dann hinaus auf den „guten Ort" (Friedhof), woman es zu den Toten begrub. Dennoch, mußte mau bald darauf denken, die Körperlänge des Rabbi — für die sechs Bretter seines Sarges zu brauchen. „Gott, starker Gott!" schrie» die Bochrim, „wie sollen wir es denn anfangen, -daß der Rabbi leben bleibt?" ,Hommt Jahre für ihn sammeln," sprach darauf einer, „vielleicht hört uns Gott." Ein Bocher ging nun von Hans zu Haus, ein Papier in der Hand, dahin ein jeder schrieb, wieviel Jahre, Wochen oder Tage seines eigenen Lebens er für den sttrbenden Rabbis gab. Des Schjulklopfers Tochter stand vor der Haustüre, als der Bocher mit dem Papiere gerade vorbeigiug. - 1 i „Und du gibst nichts für den Rabbi her?" rief er ihr zu. — „Mein Leben, mein ganzes Leben geb' ich.für ihn hin," sprach sie schluchzend. „Soll ich das einschreiben?" „Schreibt, schreibt!" So zeichnete der Bocher das Leben Hanneles ein. Zur selben Stunde genas der Rabbi; :— am andern Tage begrub man eine junge Leiche auf dem „guten Ort", — nun, es war des Schjulklopfers Tochter. So hastig das Mädchen unter die Toten gegangen war, so .schwer siel es' nun dem Rabbi, seinen Namen aus dem Buche der Lebenden auszulöschen. Es war merkwürdig: in der ersten Zeit nach seiner Genesung war der Rabbi ftöhlich und guter Dinge; er blühte in wunderbarer Kraft wieder aus. .Dann aber ward er schwermütig und bleich; die Leute wußten nicht, woher das fern. Die. Leute wußten nicht, daß, wenn der Rabbi in später Nacht über dem Talmud saß und lernte, unten im Hose ein leiser Gesang ertönte, und daß, wenn er das Fenster öffnete, ein schönes Mädchen unten stand, dessen Todeslächeln er durch den Schleier der Finsternis heraufleuchten sah. „Sie könnte jetzt singen und frei sein wie der Vogel in der Luft," dachte dann der Rabbi, und in stiller Nacht weinte er Aber den dumpfen Blättern seiner Bücher. Einmal um Mitternacht erschollen bange Wehnagen um das Haus, sonderbare Töne, wie sie der Schmerz erpreßt. Gleich darauf hörte er die Atimme eines neugeborenen Kindes. ,Meh'!" rief der Rabbi, „um das Hab' cch! sie gebracht." In jeder Nacht vernahm er nun dies Kinderwimmern, dazwischen aber auch so himmlische Wiegenlieder, daß er aus tiefstem Herzensgründe weinen mußte. Sechsmal 'im Laufe der Fcchre wiederholten sich die Schmerzensklagen jener Nacht, dann kam das Neugeborene, dann die wunderbaren Wiegenlieder. Dann ward es eine lange Zeit Ml . . . Einmal jedoch erscholl wieder schöner, jubelnder Gesang, und der Rabbi wußte: „Jetzt m-wht ihr erstes Kind Bar-Mitzweh, ich Hab' sie darum' gebracht." Wieder ward es still, bis nach Fahren einmal neuere schöner Gesang ertönte, und der Rabbi wußte: .Hetzt führt sie ihre Lochter unter ddie Chuppe, ach, ich Hab' ihr das genommen." Me kam nun die Stimme klagend oder weinend; immer war es ein hcrrlichier, unaussprechlich süßer Gesang, und der Rabbi ward inne: „Eine glückliche Mutter wär' sie geworden, ich Hab' ihr das vernichtet." So lebte der Rabbi das ganze Dasein des Mädchens' durch, ja schon gelüstete es ihn einmal, die schönen Melodien verstummen und Wehklagen dafür zu hören, damit er doch wüßte, sie hätte auf Erden auch gelitten. Aber das kam nicht, und der Rabbi weinte über den Talmud: „So glücklich wäre sie geworden!" Nun wollte er sterben, vergehen; der Gesang ermüdete sein Leben; dennoch konnte er nicht sterben. So war er alt und greisenschwach geworden; die Leute in der Gemeinde sanken vor ihm ins Grab, ja selbst die Kinder, die er gebenscht, schlichen nun als finstere hinfällige Alte herum. Sie starbens; er aber konnte es nicht. .Mann ist's tan der Zeit, du Mädchen?" fragte er oft, „wie lange willst: du denn leben?" Da ertönte einmal um Mitternacht ein banger Wehruf, wie der eines Sterbenden, vom Hope herauf. „Jetzt ist sie tot," sagte der Rabbi, „Gott sei ewig Dank!" Frühmorgens fanden ihn die Bochrim entseelt vor seinen Büchern liegen. . .

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