Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1919-03-28 · Heft 13 (28.3.1919) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 13 (28.3.1919)
Date
1919-03-28
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2693126-2693139--10670-2706029
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Sk- 13, ■ v am Opernplatx Erstklassiges Familten-Kaffe« Täglich von 4. Uhr ab . Künstler - Konzert. L i pst ad t, Rabb. Dr. Leo Cahn, Lehrer Spiro und Max Cohen haben Referate »übernommen. Aus ver Mistachi-Bewegung. Atrtch. LaS Zentralbüro der „AgudaS-JiSroel" erllärte auf den Protest der elf holländischen Rabbiner, wegen der Nichteinladung des Misrachi zur „Weltkonferenz d. jüd.-orth. Verbände", daß' der Misrachi, wenn er über Probleme beratschlage, die das ganze jüdische Volk angehen, auch nicht die nichtmisrachistische Orthodoxie einladen werde. Hierauf veröffentlicht die,Misrachi-Landesorgauisation in der Schweiz" eine Erwiderung, in der es heißt: „Kein Mensch hätte auch nur ein'Wort über die Nichteinladung des Misrachi verloren, wenn die in Frage stehende Konferenz eine Aguda-Konfercnz gewesen, wäre. Widers aber liegt hier der Fall. Hier chat das Zentralbüro der Agudas- Jisroel die Vorarbeiten zur Einberufung der religiösen Verbände zu einer Weltkönferenz übernommen und dabei den Misrachli eigenmächtig ausgeschaltet, weil es eine -Opposition des Misrachi gegen die Aguda befürchtet hat. Dies ist der wahre Grundder Nichteinladung." Pers,««tte» «. kletue VtttteU»«re». Landa«. Im 78. Lebensjahr verschieb hier «u ß. mann Wallach, eines der geachtesten und frömmsten Mitglieder der hiesigen orthodoxen Kreise. Abhold jeglichem! Hervorstellen seiner Persönlichkeit sah er in seiner Vorbild- Uchkekt als Familienvater und Geschäftsmann, im täglichen -Lernen und in der diskreten Ausübung guter Werke seine Lebensaufgabe.-Seine ihm würdige Gattin, eine geborene Westheimer aus Moisling-Lübeck, er selber stammte aus dem Rheinland, ist ihm vor 11/2 Jahren im Tode vorausgegangen. . f Frankfurter Berichte. v Borkige. Am 18. März sprach im Zionistischen Heim Jsaac B r 0 cz yner - Heidelberg über „Die Iüdis ch, e Jugendbewegung". Er . schilderte drei Gruppen. Die neutrale Jugendbewegung enthielt den junge» Menschen die Entscheidung vor und ließ, sie so innerlich kalt. Die orthodoxe Jugendbewegung hat die orthodoxe .Auffassung zur Voraussetzung. Me dritte Bewegung erkennt, daß Leben nur im Volke möglich.und produktiv sein kann, daß nur in eigener Sprache, in eigenem Denken und Wollen die Erfüllung. der erkannten Verpflichtung denkbar ist. Die letzte Bindung ihrer Gemeinschaft ist ihr aber der Boden, das Land der Väter: darum sehnt sich die Jugend nach Zion zurück. Der Wanderbund Blau-Weiß und die anderen natioualjiidischen Jugendverciuigungen sind, keine zionistischen Parteien, sondern jüdische Gemeinschaften, von Men-* schen getragen und nicht von Programmen. Am 20. März sprach! Dr. M a x M i ch a e l über „V 0 r- I aüfer des Zionismus im 19. Iahrhu nde rt". Er zeigte an einigen Persönlichkeiten wie Diraeli, Moses Hetz, Gutmacher, Pinsler u. a. m., daß das Judentum immer Männer hervorgebracht hatte, die von den verschiedensten Richtungen kommend gleiches erstrebten, nämlich Zion, die Ganzheit der jüdischen Seele. Dr. R a b i n fügte in— der Diskussion den Darstellungen des Redners wertvolle Gedanken hinzu. Fmilleion. Der Prostek von Leopold von Sache r- Ma so ch.*) /Amster Löbl Regenstreif war in vollstem Matze das, .was die Cbassiden unter einem Prostek verstehen. D iese Bezeichnung wird zwar jedem zuteil, der nicht ihrer Lehre huldigt und .auf die wundertätige Heiligkeit ihres Zadik schwört, aber nicht ein jeder verdient sie im gleichen Matze, Und kaum ein Zweiter verdiente sie so sehr wie Amster Löbl Regenstreif. - - Ein Prostek ist so was' wie ein Philister, ein Mensch, der. sein Leben lang in den kleine» Sorgen, lächerlichen Freuden und erbärmlichen Leiden . der. Alltäglichkeit besangen ist und sich nie zu einem'höheren Gesichtspunkt, zu einer kühnen Tat, ja nur-, zu einem ungewöhntichen- Gesühl aufschwingen kann, und so ein Mensch war Amster Löbl Regenstreif. . . *) Entnommen mit Erlaubnis des Berlages Dr. Tally Rabinowitz, Leipzig, dem Buchje „Ausgewählte Ghetto-Geschichten von .Leopold von Sacher-Masoch". Sachcr-Masoch wurde 1835 in. Lemberg geboren und starb 1895 in Lindheim in Hessen. (Trotzdem er polnischer Edelmann und Christ war, interessierte er sich lebhaft für., die Welt seiner jüdischen Landsleute. In der vorliegendr»:Sammlung.hätten wir dieMovelle „Her Jluj" gern vermißt;, sie ist keine" GfettoHleschichte, und die ihr : zu; Grunde, liegende .naturalistische Weltanschauung macht ihre-,? Lektüre für nicht selbständigdenkende Leser zu einer un- > geeigneten., - - . 7 1 " ' - Neue jüdische Presse. , Slot»» Notiz». Malerilh. Taube rt hat eine Broschüre „Aus der Leidensgeschichte der Lcmberger Juden" herausgegeben, dexen Reinertrag der von ihm und Hermann W r 0 n k e r unternommenen Hilfsaktion für die Lemberg er Opfer zufließt. - Dr. Arthur Ruppin, der langjährige Leiter des Palüstinawerkes in Jasfa und Verfasser des hervorragenden sozialwisseuschaftlichen Werkes. „Die Juden der Gegenwart", wird. Donnerstag abend hier sprechen. (Näheres siehe Inserat in der heutigen Nummer.) Stimme« aus dem Leserkreise. Ein weltpolitischer Faktor. Am 27. Februar hat der Zehncrausschutz. der Friedenskonferenz die Forderungen einer Delegation, die im Name» des Jüdischen Volkes sprach, grundsätzliche angenommen. Wenn auch die Erfüllung dieser Forderungen im Einzelnennoch im Schoß der Zeiten ruht und von der Art ihrer Erfüllung gewiß sehr viel für die Bedeutung abhängr,.— eines steht fest: Me Judcnheit ist wieder in den Augen der Welt, d unbeschadet ihrer sonstigen Qualitäten, ein Volk! Daraus ergibt sich für den einzelnen Juden folgende neue Konstellation: wurde er seither von der nichtjüdischen Welt nur als Mensch und als Staatsbürger, als Träger von Rechten und Pflichten betrachtet, so tritt er ihr heute noch. in einer dritten Eigenschaft, eben als Jude, gegenüber. Es bedarf als» keines Bekenntnisses, also auch keiner Einsicht und keines Entschlusses mehr dazu, sondern er wird, wie seither auch vom Standpunkt des Judentums' aus, dazu geboren, und der Weg heraus müßte erst noch gefunden werden. Für die Gesamtjudenheit erwächst daraus ein größeres Interesse an ihren einzelnen Mitgliedern, da sie keinen mehr durch Mißachtung ausschalten kann, vielmehr den Schaden, den die Haltung und das Auftreten des Einzelnen stiften kann, ebenso büßen muß, wie ihr ein jeder nützen kann. Tie erste Forderung der Gesamtheit an ihre Volksgenossen ist die aus politische Einstellung. Me steht es damit bei uns? Die Mächtigen der Erde geben einem Volke sein längst verlorenes Land zurück, — und der Teil des Volkes, der sich mit kultureller Begründung sein bester nennt, verharrt in ablehnender Indifferenz. Wer kann sich das erklären? Es war einmal ein Bauerngut, das bestand aus einem schmalen Küstenstreifen, über den bon Zeit zu Zeit immer wieder die Fluten hereinbrachen, und die Besitzer lebten jahrhundertelang in Armut und 'Angst; aber sie hingen an ihrer Scholle und ließen sie nicht. Einmal erwuchs dem müden Geschlecht wieder ein junger, tatenfroher Sproß. Ter sann nach, wie der Wirtschaft von Grund auf zu helfen fei; er baute Dämme gegen das Meer und bearbeitete den Boden auf neue Weise; und. nach einer Reihe von Jahren war der Erfolg sichtbar: die Felder standen üppig, und die Walter thauss nTM¥TTv I 11"—" Assekuranz, Frankfurt a. M. Petersstr. 4. Tel. Hansa 8696. ■-'■fed ,:v M förnthmes färiete-Kabarett und Ballhaus. -vf s5chäfergassef5-fS. Gürten versprachen Früchte von nie gekannter Süße. Aber -. -° der alte Bauer grollte, als er sah,-daß der Junge zustande gebracht hatte, was ihm und seinen Vorfahren nicht ge^ lungen war. Der junge Bauer weiß nicht, wie ihm geschieht. Hach er doch nicht nur für sichgearbeitet, sondern eigentlich für, > Väter und Enkel —- für die Ehre seines alten Namens" \ und für das Glück der kommenden Jahre k Kinder uni» Enkbl '• werden sein "Werk fortsetzen und die Früchte genießend ’i). ~ ihm danken, das- Alter kann sich nicht mehr wandeln.—. die Brüder stehen vor der Wahl, ob sie es wie der Vaters *' ' " oder wie die Kinder machen wollen. . .. Wir sind die Brüder des Zionisten. Er wird nicht triumphieren, er wird sich nur um feines Werkes willew; freuen, wenn wir alle bei der Ernte helfen. . Wählen wir das andere, so haben wir die Verachtung der Welt verdient. Zwei Wege gibt es, dem zu entgehen:' der Anschluß an die zionistische Bewegung und die. Schatz-? fung einer neuen Körperschaft, die auf Grund der bis-7 herigen Politik nach eigener Anschauung zum Wohle des ■■ Ganzen mitarbeitet. Beide müßten erst gebahnt: werden;,? beide können zu einem neuen Leben führen, — aber Set-' stocktheit und Groll ist Siechtum! x.- m .4*1 ■^y * X .:*?■ -t i- Srtjr geehrter Herr Redakteur s - , In Nr. 12 Ihres gesch. Blattes wird eine -..Stimme- - * aus dem Leserkreise" laut. Sie befaßt sich mit metnenfT Hervortreten in .stiner Versammlung am 13. ds.. Mts., - in der ein Vertreter der Staatsregierung über? das Themch Trennung von Staat und Kirche spracht 'Den Einsender findet es für gut, sichschämig in den Mantel der Auonymttät zu hüllen. Er mag dafür seinen Grund, haben; Ich selbst, der ich zwar gleichfalls in jenen Ausführungennicht mit Namen genannt werde, bin gewöhnt, frei und offen für meine Worte einzustehen. Darum bitte.ich, Sitz; sehr geehrter Herr Redakteur, unk Ausnahme dieser Zeilen, in Ihr gesch. Blatt. Freilich beabsichtigen sie nicht,- eine- -. -. Auseinandersetzung mit dem Anonymus zn>geben.Das - Recht darauf hat er verwirkt durch den Tdn, den er ' am Schluß seiner Auseinandersetzung anzuschlagen belieäb - - hat. Meine Lebensart verbietet mir, ihm hierin zu folgen.»^ < Nur seine soziologischen Schmerzen will ich ihm Heiken uni»' . ihm die Namen Ernst Troeltsch und Albert Kalthosf neu». .'HL nen, deren Provenienz aus der evangelisch-theologischen- -f-»V ' Fakultät doch wohl nicht gut zu bestreiten ist. - 3^,?'). Zweck dieser Zeilen ist vielmehr, däß die geehrten . Leser Ihres Blattes die volle Wahrheit erfahren. Jene oben erwähnte Versammlung, zu der die versthiedensMhiesigen Religionsgesellschaften Einladungen erhalten hatten," sollte dem „Mnisterium für Wissenschaft, Kunst und Boltfe bildung" Gelegenheit geben, seine Anschauungen und Pläne^ für die Regelung des Verhältnisses von.Staat und- Kirchie - zu verlautbaren, sowie entsprechende Wünsche und Anreg? ungen der Religionsgemeinden kennen zu lernen miit auß»^ zunehmen. Da kein anderer Jude spracht sa ergriff ichdas Wort und trug im Sinne unserer Religionsgeinein-?. schaft folgende Forderungen vor: . i*** ’ ", 1. Das Umlagerecht (fälschlich Steuerrecht genannt^ . unsrer Gemeinden muß mindestens auf längere Zeit er- 7 halten bleiben, damit sie den großen, .von ihnen pingegange- ~ nen finanziellen Verpflichtungen nachzukomine« in der»'. Lage bleiben. - ' t*'. ’ Wie sollte er kein Prostek sein? War es ihm vielleicht gegeben, den Titanen zu spielen, ihm, der eine Frau und elf Kinder zu ernähren hatte, der sechs Tage in der Wachst das Land" durchlaufen mußte, um sich am siebenten satt essen zu können, und mit drei anderen Familien in einem, Zimmer wohnte, das nicht viel' größer war ,als eine Hundehütte? Und hätte seine arme gute Seele den Schwung besessen, - sich trotzdem über den .Erdenstaub zu erheben, so hätte! sich sein Dalles gleich: einem Zentnergewicht an dieselbe gehängt und hätte' sie 'wieder in den Kot herabgezogen. Nicht umsonst nannten ihn die Chassiden einen Pro- 'ftef, aber mit noch größerem Recht wurde er von deji anderen Juden ein Schlemiel gescholten. -Wenn es wirklich ein Dalles war, der ihm aus dem - Halse saß, und es richtig^ ist, daß derselbe immer uiebr zunimmt, je elender es seinem Opser ergeht, so mußte der Dalles des armen Amster Löbl Regenstreif bereits de» Umfang einer Wiener Jüdin, oder doch wenigstens eines Prälaten erlangt haben. Ein Kamel in der Wüste, das Pferd eines polnische» Juden oder ein österreichischer Finanzminister kann nicht mehr geplagt sein, als es Amster Löbl Regenstreif war, aber in ihm brannte ein helles Licht, das ihn auf seinen! dunkeln Wegen leitete und tröstete, die innige Liebe zu seinem Weibe und seinen Kindern. Er ging am Sonntag früh vom Hause fort' und kehrte erst am Freitag Abend zurück. Die Woche über wauderte er, sein Bündel, die . Elle.und die Wage auf dem Rücken, von Dorf zu Dorf, von einem Edelhof zuni anderen. 'Aus den Worten, die er sprach, hätte man eine zweite Jliade oder divina Comedia zusammensetzen können-; mit den Schritten, die er machte, wäre man bequem nach? Lemberg oder Czernowitz gekommen. Hundert Hunde bellten ihn an, ein Viertel- Hundert Gendarmen verlangten seine vergilbten schmutzigen Papiere, zu sehen, wenigstens ebensoviel Edelsraue» dedrohten ihn mit dem Kautschuk. Alles dies rührte «ihrtnicht. Er schlief bei Nacht wenige Stunden auf d-Mt .'-'»M eines Bauern oder Schenkwirtes, »der unter deinngchsteu'. Baum, der über dem Straßengraben, stapd, er eilte*vonr! - \a?, ersten Morgengrauen bis Sonnenuntergang durch >d«w Staub der Kaiserstratze und über die Sieine-der Feldwegch?;'.^ er nährte sich einen Tag -lang vomeiner ZwiZbel vder?."^M einem Apfel und löschte seinen Durst an dem - Brunnen, wo -die Pferde getränkt wurden, und kam der Abend, .-saß ' er auf dem Feldrain, am Waldrande oder auf der Ost»?; bank, wo er gerade war, und zog den Talmuix herchor- -~ und las und brütete. Kam er aber dm Freitag »ach Hallst»^ . dann brannte schon der Kronleuchter in demj/Biertzk^-j - stübch.'n, das er mit den Seinen bewohntst, und das duriU einen Verschlag abgeschlossen war; her Tflch war mit;\’<§ einem reinen weißen Tuch gedeckt; seine Frau nutz, seine ’V- .v, Kinder alle so gut es nur anging, gekleidtzt, ftgntbcütder Schwelle und riefen: Der Himmel segne Deinen Ein- -V.l gang, und er warf sein Bündel ab "und wasch undflHdech '.-'.H' »- sich an, und wenn der Abendstern sich^ schön nnd^ milde ."M.' ß zeigte und Amster Löbl Regenstreif aitz dem Tischk< 0be», stand, die,Sabbatmütze auf dem Kopfe undhttät* ßfeBet zu sprechen begann: „Aus! laßt uns dem Mwigen zen!" dann war er kein Prostek mehr und auch kein Schke- " miel, dann war er ein König inr Kreise der €äetneit*un8|. wie ein König bewirtete er. der Arme,, den Aemereir, müde und hungrig an seine Tür kkopffe. . . - Einmal sah Amster Löbl Regenstrcis einen fischen Bauern sein kleines mageres' Pferd mit Jjefcn'- Peitschenstiel antreibe». .^Veshalb Magst Du «das Tier so?" fragte er. „Ich muß, mein Lieber, denn.die- Peitsche fühlt es nicht mehr." -.i-**"' V ' Mens» hatte sich Amster Löbl Regeastreff an hie * Peitschenhiebe des Geschickes gewöhnt, ui»-.'mit .fee Kid tff: gewöhnte er jich auch an -den Peitschenstiel des «schicke»;- '.-H man gewöhnt sich an alles. Abei bei Amster 'Löbl Dchew- . . V - . - •*: ■: % > ' . -s V . .* 1 Gtzvet. janchU-'e.^

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.