Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 7 (14.2.1919)
- Date
- 1919-02-14
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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SleüTV 9*taL ——^ *»«(•». V "■ «»fierflk» «»f Krte„»»tse« r Bei einer Sitzung der Kultusgemeinde teilte der Vorsitzende Dr. Landau ,nit, daß 256 Kriegswaisen auS Ostgalizien, die bisher in Nikolsburg geweilt haben, nun nach Krakau gebracht wurden. Man hat sie in einer von der polnischen Liquidations-Kommission zur Verfügung gestellten Schule einquartiert. Mit Essen versorgt sie die jüdische Volksküche. Das holländisch-amerikanische Hilfskomitee in Kopenhagen hat durch die Alliance in Wen 100000 Kr. überwiesen. Leider ist es in den letzten Tagen zu unerquicklichen Vorfällen, gekommen. Christliche grauen haben sich zusammengerottet und stürmisch dagegen demonstriert, daß man jüdische Kinder in einer Schule einquartiert, dazu noch, wo sich ein Kloster in der nächsten Nähe befindet. Gassenjungen haben die Scheiben eingeschlagen, und einmal sind auch junge Burschen, darunter auch Studenten, ins Gebäude eingedrungen, die die unglücklichen Kinder blutig schlügen. Man mußte die Polizei um Hilfe an« gehen, und auch jetzt muß noch immer eine größere Polizeiwache vor dem Hause stehen. Es ist selbstverständlich dadurch unmöglich geworden, die Kinder dort weiter zu belassen, und sie werden in eine Schule im jüdischen Viertel überführt werden. Dr. Landau teilte auch mit, daß in Ungarisch Hradisch 150 galizische jüdische Kriegswaisen sich befinden, deren Evakuierung muh Krakau die dortigen Behörden fordern. Auch in Wien befinden sich 815 Waisenkinder, die Wien am raschesten loswerden möchte. Lschechr-SlovaNsche Republik. «rl»». MatftMltltnrag Itt Sato«. Bei der Volkszählung in hiesiger Stadt schrieben sich 5300 Juden, b. i. mehr als die Hälfte, als zur 'jüdischen -Nationalität gehörend ein. Brünn, diese alte deutsche Stadt in Mähren, war stets eine Hochburg der Assimilation gewesen, — so zeigt denn das überraschende Ergebnis der Volkszählung den Wandel der Zeiten. In Göding veranstaltete der Jüdische Volksrat eine große Versammlung, in der Dr. Gold stein, der Generalsekretär des Prager Jüd. Nationalrats sprach. Bei dieser Gelegenheit ergriffen zwei Vertreter der sozialdemokratischen Partei das Wort und gaben dem Wunsche nach verständnisvollem" Zusammenarbeiten der tschechischen und der jüdischen Bevölkerung Ausdruck. Amerika. Der Kongreh jüdischer Arbeiter für Yalästi»«. ' Das „Jüb. Korrespondenzbürv Zürich" meldet aus Newyork: - - Der Kongreß der jüdischen Arbeiter behandelte die Frage der Heimkehr nach Palästina. Wahrscheinlich wird ein Teil der nach Amerika eingewanderten Ostjuden nach Palästina auswandern. Die in den Bereinigten Staaten verbKibenden jüdischen Arbeiter sind übereingekom.nrn, ein Prozent ihrer Löhne zugunsten der Auswandernden und ihrer; Stammesgenossen in Polen und Rußland abzutreten. Palästina solle eine Republik nach dem Muster der amerikanischen werden. Kurze politische Nachrichten. Temesvar (Ungarn!. Bei der Volkszählung habe» sich 78°/» fi* jüdischen Bevölkerung zur jüdischen Nation bekannt. — zMW« PirMe. fit*Gp»rje» wurde Oberrabfitner Fischer von schachen verhaftet und «l» Geisel sörtgeschlrppt. La»»»». Die Heit»«» der A«,lo Jewish Association, deren Sekretär LncienWolffist, sprach sich gegen eilten jüdischen Weltkongreß aus. Auch reichte sie beim Auswärtigen Amt ein Schriftstück über die Lage der Juden in Osteuropa ein, das bedeutend weniger fordert, als die "Beschlüsse der Juden Amerikas. Es ist eben der assimilatorische Geist Lucien Wolffs, der sich bei allen Schritten dieser englischen Organisation Geltung verschafft. Liouifttsche «achrichle». Kopruhage«. H»»ri Rathäuser» für dr» Li»»1S»»r. Der bekannte Schriftsteller und Dramatrrrg Henri Nathansen tritt in einer Broschüre warm für den Zionismus ein. Der nichtzionistische Jude müsse, um „vollgültiges" Mitglied in seiner nicktjüdischen Umgebung zu werden, allmählich zu einer bewußten Aufopferung alles Jüdischen kommen. Nur auf dem Wege des jüdischen Volkstums könne sich der Jude zur seelischen Harmonie und seelischen Freiheit durchringen. Li» ko»do»er zioatstifch» >o»ferr«i. ® H»»>. Dos Jüdische Korrespondenz-Büro meldet: Zur Lo ndoner zionistischen Konferenz entsenden die polnischen Zionisten: Farbsteim, Pod» lichewski, Grünbaum und Lewite; Die galizischen Zionisten: W. Haußmann, Dr. Ringel. Dr. Reich lalle drei als Geisel in Krakau gefangen), Din Osias'Thon, Adolf Stand Tropp, Dr. Syrop und Jsr. Waldmann: die schweizer Zionisten: Dr. Brunschweig, Dr. Pinkus, Gottschalk und Lewi; die belgischen Zionisten: Jean Fischer und die holländischen Zionisten: I. H. Kann, Prof. O ruft ein Rechtsanwalt Henri Edersheim. AuS der Misrachi-Bevegir«s. C|e«tfM«». K»»d,eb»»s fit litt MlSrachi. Der hiesige Rabbiner hat gemeinsam mit dem Rabbiner und dem Rosch-Jeschiwa von Zabrze und zwanzig anderen Rabbiner in einem Aufruf aufgefordert, sich dem Ms» rachi anzuschließen. «»dopest. J»»e»»iroppe. Die kürzlich gegründete Jugendgruppe „Bachnre MiKrachi" hat bereits mehrere Hundert Mitglieder. Der Hundsdorser Rabbiner, SamnelRosenberg, hat sich für die nationale Organisierung des Judentums ausgesprochen. Saffa. Bom Sch»lwese» i« ValSßtt»a. Die Schulkommissivn des Misrachi beschloß unter Vorsitz des Chacham Baschi die Schaffung einer Organisation und die Zentralisierung des Unterrichts in Palästina aus streng traditioneller Grundlage. Jeder Schule soll ein Aüfsichtsrat aus Lehrern und Eltern vvrgesetzt werden. — Die Tachkemonischule in Jerusalem ist heute eine der größten und besten Schulen des' Landes. Perso»aNe» «. kleine Mitteilungen. Frankfurt «. M. Wie dir „Freie Vereinigung für die Interessen des orth. Judentums mitteilt, ist sie bereit, Mazzes und Konserven an kriegsgefangene ■ , * /' , . Erste ». iLdischO zum b»»»rfi»b«ö«r Pessachseste gu versendon. Wsg«n der Brcht»g»ng»n »«» man. sich unmittelbar an das Büro der Fxeän Bereinigung, Frankfurt a. M., Schützenstr. 14, wenden. Fraukfurt «. M. Hier verschied Geh. Medizinalrat Tr. C. Levy, früher Professor an der Universität Straßburg, im Alter von 55 Jahren. Tr. I. Radin, zuletzt Leiter des Rabbinerseminars in Odessa, wurde als Lektor für jüdische Wissenjch asten am Orientalischen Seminar der Universität Gießen zugelassen Berta Stern, ged. Heß, Wwe., Schloßstr. 53, war dieser "Tage fünfzig Jahre Mitglied der Jsr. Frauenkrankenkasse Bockenheim. Der Verein erwies ans diesem Anlaß seiner Jubilarin eine Ehrung. Bern». Dr. Weiß. Amtsrichte» und Rittmeister d. R.. Sohn des Herrn Max Weiß, wurde zmn Regio» rungsrat am Polizeipräsidium ernannt. Kr ist der erste Jude im preußischen höheren Verwaltungsdienst. Rabbiner Tr. Josef Stier ist im 76. LeLensjahre verschieden. - Frau Geh. Kommerzienrat Clara Fricdländ e r, gcb. Mannheimer, Ehrendame der Jüd. Altersversorgungs-Anstalt, ist verschieden. Berlin Dr.Ludwig»er^er.GeheimerReaierrrngSrat und Professor der deutschen Literatur an der Universität und Chefredakteur der „Allgemeinen ZeitMM des Judentums", ist — 70 Jahre alt — mitten aus rüstig schaffender Arbeit am Herzschlag plötzlich verschieden. Ludwig Geiger wurde in Breslau als Sohn des bekannten Resormrabbmers Tr. Mraham Geiger gehören und war gleichfalls sein Lebtag ein Verfechter der Reform. Cr' sah in den Juden ausschließlich Anhänger einer Glaubensgemeinschaft für den Monotheismus und dessen einstmaligen Sieg in der gesamten Menschheit mür verneinte deshalb jeglichen Zusammenhang zwischen den Judenhesten der einzelnen Länder. Karlsruhe. Rabbiner Dr. Meier«Il p p el ist imS», Lebensjahre verschieden. Lberjfimtzer» (Kaden). Im 81. Lebensjahre verschied hier Frau Babetie Stammhalter, ged Vogel, eine wegen ihrer Frömmigkeit und ihrer Wohltätigkeit allgemein geschätzte Frau. - vre»!««. Wie dem Bericht deS Jüd.»The»log. Seminars zu entnehmen ist, wurden im vergangenen Jahre von seinen ehemaligen Hörern berufen: Tr. Kober-Wiesbaden nach Köln, Tr. Lazarus-Essen nach Wiesbaden, Tr. Levi-Breslau nach Mainz, Tr. Freier nach Eschwege, Prof. Tr. Jul. Guttmann-Breslau an die Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, und Tr. Ba er wald-München zum Rabbiner von München. Hier starb im 69. Lebensjahre Tr. Jakob Baßfrennd, früher Oberrabbiner in Trier. Zürich Unter dem Titel .jüdische Preßzentrale Zürich" wurde hier eine Zentrak-Jnformatümsstelle für das jüdische Pressewesen, verbunden mit einem jüdischen Presse-Archiv, gegründet. Frankfurter Berichte. Jüdischer BollSveret». Eine zahlreich besuchte Versammlung beschloß unter dem Vorsitz Lichtigfeld's pind nach Referaten Dr. Ra bin's und Erich Fromm's die Gründung eines Jüd. Volksvereins- In der Debatte sprach Dr. Süfflet gegen die Gründung, da die 'Aufgaben des neuen Bereits von schon lange bestehenden Vereinen, in denen -auch die Ostjuden willkommen seien, erfüllt würden. Herz barg trat für den jüngst gegründeten ,T)stjüd. Jugendverein" ein. Der neue Verein sieht in der Annäherung der westlichen und osteuropäischen jüd. Jugend Frankfurts eine seiner ' „Es war gut und angenehm) wenn ichs zu verteilen hätte, so viel Leut schreiben an mich, aber ich habe doch nur über den dritten Teil zu verfügen, die andern Zweidrittel' verteilen doch mein Schwiegersohn und dessen Vater." - „Ganz recht, aber den Teil, über welchen Du verfügst, muK Du den Armen geben, es gehört den 2lrmen, «nd. Du Darfst Linen Nutzen davon haben." „Narr Du," sagte ^Lichtenstein selbstgefällig schmunzelnd, „meinst Du, ich wolle mich an den Armen bereichern? glaubst Tu, ich hätte mir einen Pfennig Nutzen berechnet? O nein, ich habe den Einkaufspreis ohne Aufschlag, selbst die Spesen habe ich nicht daraufgeschlagen, von dem Tuch eingeschrieben, das ich Miete gegeben habe." , . m zuckte die Achseln und schwieg. machst Tu für närrische Bewegungen? Hast Tudagegen etwas einzuwenden?" »Kenn Tu mich fragst, Vater, ja." „So? mal hercruS damit." . ,Kas Tu als Zehnten da eben'gebucht hast, ist kein Maaßer, dass ist Line Spende an die Armen! Du hast für. die kranke Mlgd jemand gedungen zur Verrichtung Deiner Arbeit, für die. Dp zu sorgen hast, und bezahlst mit? dem Gelde» das den Emen gehört, bereicherst Dich also, am Maaßer." '«Ich hätte .doch für die Arbeit nicht so viel zu de-, zahlen brauchen." ' - ,/Das ist gleich. Du hast dem Herrn Lehrer und Fräulein Rieke und noch einem. Dutzend andern Leuten gegenüber geprahlt: „Jch lasse mir nichts schenken, ich werde der RieL ihre Tttbeit nobel entgelten, und nun gibst Tu ihr. keinen Pfennig von Deinem? Gelbe, sondern bezahlst mit. dem Gelde der Armen." : - ) ,Kie st»ll ich's denn machen?" > ) „Hast Tu das Tuch auf Konto Maaßer gebucht, so mußt Tu Fräulein Rieke als Bezahlung für die Arbeit jetzt das versprochene Kleid geben." Jakob Lichtenstein sprang wütend auf. „Find' ich das Geld?" schrie er, „Tu flehst da herum und spielst den Nabeln, geh fort und sieh Dich um, ob Du nicht ein Geschäft austreibst, wo etwas zu verdienen ist, — baS ist gescheiter, als deinem Vater Belehrungen zu erteilen!" Wolf ging ohne Erwiderung hinaus i:nd schwl'e nach ^Egenheit zu'neuem Verdienst. Aber Lichtensteia hatte mit der Entfernung seines Tadlers und Mahners nichts gewonnen, denn kann, war er mit seiner Frau allein» als diese sich auf die Seite ihres Sohnes schlug, und halb beschämt über die Verkennung und 'Ableugnung seiner Noblesse gab Lichtenstein nach. Frau Esther brachte - Rieke selbst den Stoff zum Kleid, und eye vierzehn Tage vergingen, war RieL am Sabbat so fein hermiS« geputzt wie irgend ein Mädchen iu -der Gemeinde. Harte Winterwochen hielten die Menschen in den Häusern fest, selbst die mit acht Pferden bespannten Schneeschlitten hatten Aüihe gehabt, durch die hohen Schneemassen Bahn zu schassen, damit der Verkehr in den SttaßerBund von Ort zu Ort aufrecht erhalten wurde. So nordisch-winterlich war's gewesen, daß selbst der Gedanke an heitere Frühlingszeiten erstarrt schien unter den eisigen Stürmen, die von Ost und Wesb»durch die Bergschluchten sich heulqnd zwängten. Aber es schien nur so, auch Frost und Schnee verhinderten nicht, des ^kommenden Frühjahrs zu gedenken, die ersten Vorarbeiten für das Passahfest zu' treffen. In der Synagoge war nach dem Borlesen aus der Thora gebetet worden, daß am folgenden und nächstfolgeaden/Tage der Neumond des elften Monats, des Monat Schwat, zu, Leben und Frieden, zn> Wonnen und Fronde, zu Kit und Drost über Israel vmrmen möge. die Thorarolle war zur heiligen Lade zurückgetragen, «nd der Vorsänger stand schon wieder an seinem Pulte, bereit, das Mussafgeber zu: beginnen, aber schwieg noch, mir dem Synagogendiener Mendel Zeit zu lassen für die Bekanntmachung, die nach langjährigem Brauche jetzt^ erfolgen mußte. Richtig» Mendel ging schön mit seinen schleppenden Schritten hinauf znm Almemor» legte sich in seiner wenig anmutigen Weise mit dem linken Wnn über die Balustrade und rief mit seiner faulen, breiten Stnnme: »Morgen nachmittag um vier Uhr werden in der Kahlstube die Kittaus '• ausgelost." „Stuß!" rief Jakob Lichtenstein, daß es jeder in der Synagoge hören konnte. Alle lachten, denn das war nun seit Jahren die sichiiumer wiederholende Komödie. Es. wußte jeder, daß am Tage vor dem Neumond Schwat die Ktttaus 'ausgekost wurden, und daß dies im Gemeindezimmer nachniütagS vier Uhr geschah. Die Bekanntmachung war also in .der Tat unnöttg, war ein Stuß! Aber das war es nicht, was die Leutchen amüsierte, die Bekanntmachung war der Form halber notwendig, damit niemand sich ausreden konnte, er habe es nicht gewußt, habe es vergessen, — sie lachten nur deshalb, weil Jakob Lichtenstein das Auslosen der Kittaus überhaupt für einen Stuß erklärte. Dies Auslosen der Kittaus war seit zehn Jahren, der ständige Streit zwischen Jakob Lichtenstein und dem Parnes. Kittaus, das heißt Gesellschaften, nannte man die Mchselndeu Vereinigungen derjenigen Gemeindemitglieder, die den. Zweck hatten, sich beim Mazzebacken gegenseittg zu helfen. Es gehörten drei oder vier Mtglieder zu. einer^ Kittoh, je nach dem größeren oder kleineren Bedarfs die Familie an diesem ungesäuerten Brot hatt^ ^Fortsetzung folgt)