Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 4 (24.1.1919)
- Date
- 1919-01-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4. Nr. 4 P.Z.) ,,AH«va"°Organis^iv», Unter dem Borsitze Samuel Bettelheims fand Vieser Tage die konstituierende Sitzung des Verbandes „Ahama" (nach der hebräischen Abbreviatur Agudah hajctudim beerez hungaria) statt. Der Verband bezweckt die Zusammenfassung aller Richtungen des Judentumes auf demokratischer Basis. Der Verband gliedert sich in Logen, i» denen jede Schattierung sich in ihrer Ueberzeugung auslebcn und in ihrer Wesensart vertiefen kann- Die Logen find in der Großloge durch ihre Delegationen vertreten .und beraten gemeinsam über allgemeine Fragen des Judentum«:«. Es bestehen bereits „Jabnc-Loge", Verband der gewesenen .Hörer ungarischer Jeschiwoth, „Reines-Loge", Verband der Hebraisten, „Moria-Loge", Verband jüdischer Frauen und Mädchen, ,Herzl-Loge", Verband der Zionisten und ei,«: Acolvgen - Loge. Die Delegierten der verschiedenen Logen vereinigen sich in der Großloge in Budapest, welche den Namen „Louis D. Braudeis" trägt. Der Verband zählte schon im ersten Monat mehr als 1000 Mitglieder. Pole». Ein «euer Pogrom in Lemberg. .'Den, „Jüd. Korrespondenzbüro Bern-Zürich" wird ans Mährisch-Ostrau gedrahtet: Ein neuer Ängriff auf die Juden geschah am Samstag, den 29. Dezember in Lemberg. Polnische Soldaten umschlossen zwei Straßen des Judenviertels mit einem Kordon, plünderten alle jüdischen Häuser und Läden, verhafteten alle Männer und vergewaltigten mehrere Frauen. Ter Zivilgouverneur, an den sich eine jüdische Deputation . protestierend wandte, behauptete, nichts tun zu können, da cs eine militärische Angelegenheit sei. Ter Adjutant des Kommandanten, Oberst Sikorski, motivierte den Vorgang aus dem Haßgefühl der polnischen Soldaten gegen die Juden. Tic Lemberger Juden beschlossen, da ihre Kinder in den polnischen Schulen keine Aufnahme finden, eigene Schulen einzurichten. Am 1. Januar wurde -die erste jüdische Elementarschule eröffnet. Der polnische Kampf gegen die jüdische Presse. Dem Jüdischen Preßbüro Wien wird gemeldet: Dem jüdisch-polnischen. Tageblatt -,NowY dziennik" in Krakau ist auf Veranlassung des polnischen Armeoober- 'kommanbos für Galizien und Schlesien das Postdebit entzöge» .worden. Bereits seit einiger Zeit' liegen Nachrichten vor, nach welchen polnische Eisenbahnbeamle nsw. den Versand dieses Blattes bei jeder Gelegenheit, verhin- -dcrten und die Zcitungsballen verbrannten. Statt diesem Terror brr Bevölkerung Einhalt zu tun, sanktioniert die -polnische Regierung das Borgehen nunmehr offiziell. Ein Pogrom tu Bukarett. Tie in Budapest erscheinende zionistische Wochenschrift „Isidor Szemle" schreibt: „Tw Räumung Rumäniens hat mit Blutvergießen und unter Tränen begonnen. Kaum begann die Armee Mackensen aus Bukarest abzuziehen, überfiel auch schon der „siegestrunkene" Bukarester Pöbel die Juden und arrangierte einen Pogrom." - Tie radikale Zeitschrift „Politika" bringt folgende Einzelheiten -hierüber: „Der bewaffnete Pöbel griff am 11. Dezember das Judenviertel an und begann zu plündern. Die zur Verteidigung vorbereiteten Inden haben an der Kreuzung der Strada Sfinti Bineri und der Calea Vakaresti mehrere Maschinengewehre aufgestellt und sich auf diese Weise gegen - die Angreifer gewehrt. Bei diesem Zusammenstoß haben Neue Jüdische Presse. ungefähr 300 Pc rsö nen i hr Le de n v erlv re n. Die .-Zahl der Berwmcketen übersteigt - 10ü0.-Gegcw-Abend - gelang es der OTaffe, in . das Judenviertel einzudringe», wo sie furchtbare. Verheerungen anrichtete. In her Nacht des 11. stand das Ghetto in glommen. In derselben Nacht zog der Pöbel durch die Strade Lipskaui, wo sich die Geschäfte der reichsten Juden befinden uni plünderten in fürchterlicher - Weise alles aus. Das geschah, in der Morgendämmerung des 12. Dezember. Von diesem Zeitpunkt ab ist keinerlei Nachricht aus Rumänien eingetroffen." Die Gleichberechtigung der Juden. einen Brief des Zeiitralkonsistoriums der französischen Juden schrieb Antonescu, der rumänische Gesandte in Parjs, an Baron Rothschild, den Präsidenten des Konsistoriums: „Mit Recht erinnern Sie mich, daß .Herr. Bratianu in der Sitzung vom 10./2Z. Jnni 1917 der rumänischen konstituierenden .Versammlung die Dringlichkeit einer durchaus liberalen und vollständigen Lösung der jüdischen Frage anerkannt hat. Herr Bratianu, aufs ,wne Ministerpräsident geworben, hältsein Versprechen und vollendet den Mt der völligen, so lang erwarteten Emanzipation. Durch ein vom 23. Dezember 1918 datiertes Telegramm aus Bukarest teilt mir Herr Bratianu mit, daß ein Dekret, das allen in Rumänien geborenen Juden bas Bürgerrecht gewährt, in diesen Tagen Gesetzeskraft erlangt." Das „Jüd. Korrespondenzbüro Bern-Zürich" benierkt dazu: „Wir machen ausdrücklich darauf aufmerksam, daß die Bürgerrechte nur Juden, die ihre Geburt im Lande Nachweisen können, gewährt werden sollen. Kenner der Verhältnisse, die wissen, daß dieser Nachweis besonders bei der ältern Generation schwierig sein bürste, werden von diesem Gesetze keine große Veränderung in den tatsächlichen Verhältnissen ' der Juden erwarten/' Palästina. Sine Kolonie Chinesischer Inden in Palästina Tos Kopenhagen«! Zionistische Büroberichtet: Auf Veranlassung des Herrn E. S. Äadoorie haben chinesische Juden beschlossen, eine besondere chinesische Kolonie in Palästina zu errichten. Herr Kadoorie hat zu diesem Zweck dem Jewish Colonial Trust bereits 50000 Pfund überwiesen. r Zionistische Nachrichten. Berlin. Eine neue Zeitschrift. Eine Halbmonatsschrift „Die Arbeit", Organ der ziouisfischen volkssozialistischen Partei Hapoel-Kazair (Die Arbeiten der Jugend), ist hier gegründet worden. Die Zeitschrift wird der Entwickelung eines nationalen und ' idealistischen Sozialismus im jüdischen .Volksleben bienen. Sie wird sowohl die spezifisch jüdischen und zionistischen Fragen, die jetzt vor ihrer Beantwortung durch -die Geschichte stehen, behandeln, wie auch den Fragen sozialistrscher Theorie und Praxis eine Antwort vorbereiten helfen. Die Redaktion liegt in den Hände» von Ludwig Strauß, Victor Ch. Arlosoreff, Siegfried Lehmann, Israel Reichert und Ru d. Samuel. SokolotoS sechzigster Geburtstag. Nahum Sokolow, während des Krieges als Mitglied des Zionistischen Engeren Aktionskomitees zuerst in Kopenhagen, bann in London und gegenwärtig Leiter des von der Zionistischen Organisation arüäßlich der Friedens-Konferenz in Paris errichteten Büros, beging am 10. Januar seinen 60. Geburtstag. Sokolow dürfte mit Oberlichter Louis Brandeis-Washington auf Einladung der Entcnteregierungen, als Vertreter des jüdischen Volkes an der Friedenskonferenz teilnehmen. Sine zioutftische Soufereuz. v London - Die-geplante zionistische Konferenz in. London ist lür die Zeit vom 11.'b i s 13. Fe br na r aüberarrmt worden. Die .Regierung hat die Veranstalterin der Konferenz, die'zionistische Föderation Englands, ermächtigt, neben den zionistischen Organisationen der alliierten und neutralen Länder auch die der neugebildeten Staa ten des früheren Oe sperre ich-U n gar ns zur Beschickung der Konferenz einzuladen. Hierzu bemerkt das Jüd. Preßbüro, Stockholm: Aus diesen Mittelungen ersieht man, daß die erste Zusammenkunft zionistischer Vertreter verschiedener Länder seit dem Kriegsausbruch mit der Ausnahme eines einzigen Landes, Deutschlands, eine allgemeine sein wird. Die Zionisten des in eine Reihe von Staaten zerfallenden Oesterreich- Ungarns werden auf der in London, im Zentrumder; Alliierten, während der Friedensverhandluugen stattsindenden Konferenz vertreten sein. Es ist von höchster Wich-/ tigkeit für die Lebcnsinteressen des jüdischen Volkes, daß eine derartige Konferenz in diesem entscheidenden Moment zustande kommt. Daß die deutschen Zionisten nicht zugelassen werden, ist sehr zu beklagen, es ist jedoch auSgcschlossen, daß die Zusammenkunft,. falls sie sich -die Kompetenz einer allgemeinen zionistischen Konferenz beilegen wird, etwas beschließen wird, was den Interessen des jüdischen Volksteils in Deutschland ' znwiderlanfen könnte. ' Besonders' erfreulich ist es, daß den zionistischen Führern Galiziens,'die Gelegenheit geboten wird, der Londoner Konferenz beizuwohue». Die Vorsteher des vom tollgeworbenen polnischen Antisemitismus so grausam gepeinigten galizischen Judentums werden auf diese Weise die Möglichkeit haben, über ihre Erfahrungen der letzten Monate persönlich zu berichten und durch die zionistische Konferenz der gesitteten Welt ei» klares Bild der polnischen, Jndenfrage zu geben. ' i! Ans der Misrachi-Bewegrmg. Berlin Alle misrachistischcn Gruvvcn und Vertrauensleute werden gebeten, dem Unterzeichneten ihre genaue Adresse mitzuteilen. Zion. Föderation Misrachi, Zentralbüro, ' Hermann Struck, Berlin NW., Brückenallce 33. Zürich Versammlungen. _ Die Misrachi - Gruppen Zürich und Basel veranstalteten in der vergangenen Woche Pereinsabende, -.die. vor zahlreichem Publikicm -sehr anregend vcrliefeir. Misrachi-Konfereuz in Manchester. Das Misrachi - Korrespondenz - Büro Zürich meldet: Am 28. und 29. Dezember fand in Manchester die Misrachi-Konfcrenz Englands statt, lvoran etwa 60 Delegierte ans allen Teile» Großbritanniens teilnahmen. ' > In seiner Eröffnungsrede betonie der Vorsitzende 8er Konferenz, Rabbiner I. I. Uoffey, die Notwendigkeit einer großen Misrachi-Bewegung. Die nationale Heimstätte in Palästina, die jetzt errichtet werden soll, müsse auf der Grundlage der Thauroh stehen. Die Misrachi-Organisa-. tion sei dazu geschaffen worden, uin die Interessen der orthodoxen Judenheit zu wahren und die Thaurohtreueu dcm Zionismus zuzuführen- Nur innerhalb des Zionismus,, des anerkannten .Vertreters des jüdischen Volkes könnten, wir unsere Forderungen durchführen. Unter großer Begeisterung wurde eine Resolution einstimmig angenommen, die dahin lautete, alle MiSrachi-Gruppen Englands in , einer Landesorganisation mit- Vorsitz in Londoit zu. vereinigen. Als Mitglieder dieses Vorsitzes wurden gewählt:. Chief-Rabbi Dr. I. Hertz, Präsident; Rabbi Dr. B. Schonfeld, Rabbi I. I. Yoffey und Dr. F. 'S. Spiers als Vizepräsidenten. - Fmilleton. Die Mitgift. Novelle von S. Lu ß-Mannheim. (Fortsetzung.). Tem Lehrer wagte keiner eine Bemerkung zu machen, selbst die nicht, webche überzeugt waren, das; cs für die Gemeinde hätte gefährlich werden können, einen Flüchtling zu begünstigen, die also aus praktischen Gründen das gutheißen mußten, was der Lehrer aus religiösem Pjlicht- - ge fühl getan hatte. Dich Landesgesetz Rcligionsgesetz ist, das tvar den einfachen Leuten zu abstrakt und llang ihnen zu absolut. , Der heilige Tag verlief ohne die gewohnte Weihe. Vormittags verhinderte der? Gedanke an das aufregende ' Ereignis ber Nacht die Leute, wie sonst eifrig am Gebet teilzunehmen; mittags waren viele durch das Fasten ermattet und geschwächt; erst als der Lehrer die allen, bekannte Melodie des Schlußgebets anstimmte, wurden die -Geister zum Mtbeten angeregt, und die wünschenswerte Aübacht ergriff die Gemüter, als sie, tief in die Gebetmäntel gehüllt, sich im Schlußgebet an die eigene Brust .schlugen im Bekenntnis eigener Fehler. Das ergreifende Schlußgebet hatte auch diesmal den gewünschten Erfolg imb bannte selbst die aufgeregten Geister unter seine zwingende -Wacht. Sie versenkten sich alle ausschließlich in ihr Gebet und folgten dem Vvrbeter mit Andacht, bis der kurze Schoferlon verkündete, daß der heilige Tag beendet tvar. - ' Nun schwirrte es in der. Gemeinde; kaum hatte» sie nach dem Genuß des ersten Fastenbrechens sich von ihrer Schwäche erholt, als einer zum andern lief, um das seltsame Ereignis zu besprechen. Am unversöhnlichsten in seiner Meinung über den Lehrer war Jakob Lichtenstein, den es ärgerte, daß ein„ Angestellter, der keine Gemeindesteuer zählte, selbständig über Synagoge und Gemeindehaus verfügt hatte, ohne den Parnes ober doch ihn, den größten Steuerzahler, gefragt zu haben. Der Parnes hingegen lobte den Lehrer, daß er, kurz entschlossen, den religiösen Standpunkt eingenommen und in seiner Entscheidung sich nur von diesem hatte leiten lassen, 'besonders weil er damit auch die Gemeinde vor einer unangenehmen Stellungnahme behütet hatte, die bei einem falschen Mitleid die Gemeinde zu einer Verletzung der Landesgesetze hätte führen können. Tie meisten andern sprachen mehr von der gotteslästerlichen Rede, die sich Ricke hatte zu schulden kommen lassen, indem sie die Frau Lehrer und den lieben Herrgott in einem Atem genannt imd auf eine Stufe gestellt hatte. Viele legten den größeren Nachdruck daraus, daß Ricke den heiligen Tag entweiht hatte. Kürz: jeder besprach nach Charakter und Anlage die Sache in anderer Weise. In der Küche des Lehrers machte Ricke den Kafsee sersig, als ihre Herrin, die eben ihr loeißes Kleid abgelegt hatte, cintrat. Der Frau Lehrer war den ganzen Tag ber ihr von so vielen wiederholte und so lebhaft getadelte 'Ausdruck Rickes: „Die Frau Lehrer und der liebe Herrgott werden mich verstehen und mir verzeihen" im Kopfe herum gegangen. Ricke hatte in allen den Monaten, seitdem sie im Hause war, selbst am ersten Tage, als sie von ber Notwendigkeit des Manderns auf der Landstraße befreit worden war. kein Wort des Dankes ausgesprochen, sie hatte ihre Erkenntlichkeit nur durch unverwüstlichen Fleiß, widerspruchslosen ^Gehorsam, unbegrenzte Willigkeit und treue Erfüllung der aufgetragenen A:b:i!rn gezeigt. Und nun'sollte sie plötzlich ihren Tank in so begeisterten, der Frau Lehrer unliebsamen Ausdrücken geäußert haben? DaS war ihr unglaublich. Sie begann, in Riekcs oft so sonderbaren Reden einen Sinn zu suchen, der vielleicht mit ihrem manchmal träumerischen, in traurigen Gedanken persunkenen Wesen in Beziehung stehen mochte. Sie scheute sich geradezu, danach zu fragen; es beunruhigte aber ihr frommes Gemüt, daß sie scheinbar mit dem lieben Herrgott verglichen worden war. Sie begann deshalb, von den Vorgängen der Kolnidrenacht zu reden, ohne vorerst das zu erwähnen, waS sie am meisten beunruhigte. - ■ , Du hast heilte Nacht Dein tz>eld mitgenommen? Hast Du es dem Mann gegeben?" „Ja." ."Weißt Du nicht, daß Du dadurch den heiligen Jom Kippur entweiht hast?" „Ja."' „Warum hast Du mm so etwas getan?" Rieke hatte sich schon während der letzten Fragen ungeduldig von einem Fuße aus den andern bewegt, als aber jetzt auch nach dem-Grunde gefragt wurde, da brach die verhaltene Aufregung, die sie im Innern schon ,zur Eröffnung einer Aussprache gedrängt hatte, in wildem Sturm den Damm ihres verschlossenen, gegen alle Ausforschung umpanzerten Gemüts, sie faßte die Hand .ihrer Herrin,, beugte sich und drückte einen Kuß darauf, indem .sie schluchzend rief: „Frau Lehrer, es .war mein Vater.". Die Frau Lehrer trat erschreckt einen Schritt zurück und starrte Rieke mit großen Äugenan. Riekes Augen waren mit Tränen gefüllt, aber .sie, weinte nicht, das erste Aufschlüßen Hütte sie schon wieder unterdrückt, jie sah ihre Herrin gerade und entschlossen! an. „Nun werden Sie mich nicht mehr behalten, das wußte ich, baraum wollte ich nicht, sagen, wer mein Pater ist, aber/' .— hier legte sie wieder -die. Hand beteuernd.