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Neue jüdische Presse · 1919-01-17 · Heft 3 (17.1.1919) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. W“ Zell 97. -Mk schwer zmn vollen 'Anschluß an die Bewegung zu bestimmen .sein bürste. Eine Propagandaarbeit im großen Stile werde in dieser Richtung das Ihrige tun. Direktor Fritz Svndhcimer gab der Versammlung bekannt, daß man den unlängst gebildeten nationaljühischen Aktionsausschuß infolge technischer Notwendigkit liquidieren und statt dessen Vertreter der einzelnen nationaljüdischcn Vereine Frantfurls in den Vorstand der Ortsgruppe kooptieren wolle. Hierdurch! hoffe man, die Arbeitsfähigkeit des Vorstandes bedeutend zu steigern und zugleich den Konnex zwischen den verschiedenen Vereinen enger zu gestalten. Um die Frage der Auflösung des Ausschusses und des Hineinwählens von neuen Mit-, gliedern in den Vorstand entspann sich eine lebhafte Debatte die im großen und ganzen das Einverständnis der Versammelten wiedergab. Bevor zur Iteuwahl geschritten wurde, erklärte der langjährige und um den Zionismus in Frankfurt hochverdiente 1. Vorsitzende, Herr I. L. Goitein, aus Gesundheitsrücksichten den Vorsitz niedcrlegcn und auf die Wiederwahl zum ersten Leiter der Ortsgruppe verzichten zu müssen. Herr Goitein, dem seitens brr Versammlung Beweise warmen Dankes und auirichtioer Betrübnis über seinen Rücktritt zuteil wurden, lehnte des weiteren den Vorschlag, ihn zum Ehrenvorsitzenden zu ernennen, bankend ab. Die Wahl zum ersten Vorsitzenden fiel auf.Bankier I. Wolfs, die des zweiten — die per Wllamation erfolgte, auf Dir. F. So nd heim er. Weiter -gingen in den Vorstand: I. L. G.v i t ei n, I. He im a n n, Ing. Dt. Grünstein, H. Wohlfarth, Josef L. Oppenheimer, M- Michael und S- Stiebcl. Zum Schluß legte der neugewählte Vorsitzende in großen Zügen seine Richtlinien für die künftige Arbeit dar. Nachaußen sei die Werbetätigkeit für den Zionismus zu verstärk« Und zn intensivieren: seien z. B. große Agitations-Versammlungen zu veranstalten. Das andere Hauptziel sei: Vertiefung der zionistischen Idee, der Kenntnis und Erkenntnis der zionistischen Ideologie. Diesen -Zweck werde die geplante Einrichtung von Volkshoch-, schul-Kursen, für die bereits die Herren Rabb. Dr. Nobel und Dr. Einstein ihre Unterstützung zugcsagt haben, verfolgen. Herr I. Wolfs gelobte, seine ganze Kraft und Energie' in den Dienst der zionistischen Sache stellen zu wollen. Aus Ser Misrachi-Beweguug. Berlin . MiSrachi-Äugeudqemeinschaft Berlin. Vor einigen Tagen wurde hier kurz nach der Neu- , Konstituierung der Msrachi-Ortsgruppe eine Alis rach i-Jugeudgemeinschast Berlin ins Leben gerufen, die bereits gegen 100 Mitglieder beiderlei Geschlechts umfaßt. Diese Gemeinschaft soll die ganze misrachistischc Jugend Berlins vereinen in dem Bestreben, sich in jeder Richtung auf Palästina vorzubereiten. Aus diesem Grunde hat die Misracki-Jngenbgrmeinschaft neben Heimabenden und Sprachkursen Arbeitsgemeinschaften gegründet, in denen sich je 6 - bis 10 gleichgesinnte und ungefähr gleichalterige Mitglicder. Jungen oder Mädchen, eng vereinigen. Diese Kimmen -an mehreren Wenden der Woche unter der Leitung eines selbst gewählten älteren Kmneraben zusammen. Um gemeinsam zu arbeiten, sowie Bibel und Talmud zn lernen. Tie Gründung eines eigenen Heimes steht in baldiger Aussicht. Neue Jüdische Presse. Nr. 3. Der Arbeitsplan für Januar sieht vor: Gemeinschaftsabende (Vorträge mit freier Aussprache, jeden Sonntag, 4% Uhr, Rvsenthalerstr. 16/17), hebräische Sprachkurse und Arbeitsgruppen (Soziale Fragen, Herzls Judenstaat, die Prophekn, Lernen. Für Mädchen: Mezillath Ruth, Geschichte des Zionismus, Pirki Owaus, Lescabciide). Interessenten wollen sich an Gabriel ft notier, Berlin NW., Charitöstr. 3, wenden. Frankfurt a W. Auch in Frankfurt hat sich wieder eine Misrachi-Ortsgruppe gebildet, nachdem eine Jugendgruppe schon seit längerer Zeit besteht. Am Sonntag, 26. Januar, wird in der Loge Adler eine Versammlung stattfinden, auf der I a c o b S. P o s e u, Tr. Rabin und Dr. Ansbach er sprechen werden. Mitgliedsanmeldungen an Dr. Rabin, Wittelsbacher Allee 132, und Dr. Ansbacher, Gagernstr. 36, erbeten. Budapest. Orgauisierung der orthodoxe« Jugend. Ter neugegrnnbete Verein Bachure-Misrachi, der bereits mehrere hundert Mitglieder zählt, tvill die großen Massen der konservativen Jugend auf jüdisch-nationaler Grundlage organisieren. . Personalien u. Uetoe Mitteilunge». Berlin Leopold Schottlaender, Begründer des bekannten Fachblattes „Der Konfektionär", ist verschieden. - . , München. Der Derwaltungsausschuß de.r ft u l t u s g e m e i n d e wählte Rechtsanlv. Dr. K a r l O e streich zum zweiten Vorstand und beschloß die Neuwahl des gesamten Verwaltungskörpers im April. Das neue Kol-. legivm solle bann über die Abänderung der Gcmeindeverfassung beraten. Die jüdische Oeffentlichkcit hätte erwartet, daß die Neuwahlen »ach dem Verhältniswahlrccht vorgenvmmcn würben. Wer die Herren hatten sich schon nur widerwillig und durch Zwang zu durchgreifenden Neuwahlen verstanden. Frankfurter Berichte. Aus Wahlversammlungen. In einer am Goethe-Denkmal vor einer sehr zahlreichen Menge stattgefunbencn Versammlung führte der Schriftsteller Karl W a ß m a n n, Kandidat der Sozial - Aristrokatischcn Partei, in einer Rebe Bolschewismus und Judenpogromc n. a. aus: Der von Rußland zu uns gekommene Bolschewismus habe nicht nur den Bürgerkrieg gebracht, sondern auch eine judcnskindliche Stimmung erzeugt, die beinahe schon pogromartige Form angenommen hat. Die Juden haben wahrend des Krieges genau so ihre Pflicht erfüllt wie die andern; Tausende von Juden sind gefallen oder zn Kriegskrüppeln geschossen. Wenn auch mal jemand seinen persönlichen Haß gegen einen Juden hege, weil er ihn während des Krieges übervorteilt hat, so könne man wohl das schon verstehen, aber nicht allgemein auf die Juden anwenden und sie als Wucherer beschimpfen; auch unter den Nichtjuden waren sehr viele Schleichhändler zu finden, die die Kriegskonjunktur ausnutzten. P. S p. Die vom Verein Moutefiore nach der Stadt- Halle mit dem Thema: „Die parteipolitischen Neubildungen Deutschlands und die Juden" einberufene Versammlung bot reich: Anregung. Es sprachen als Vertreter der Parteien: Dr. Fester (Deutsche liberale Volksp.), Oberlandcsgerichtsrat Linz (Zentrum), Bürgerm. Dr. Luppe (Dem.), Arbeitersekretär Thomas (Soz.-Dem.) und Frl. Kahn (Unabh. Soz.-Dem.). Sämtliche Redner erllärten sich für die endliche Durchführung der Gleichberechtigung der Juden. Thomas ging am weitesten; er sagte, wahre Gleichberechtigung fordere, daß man den Inden, der seinen Sabbat halte, nicht zwinge, auch noch den Sonntag zu halten. Bon den-offiziellen Rediiern gehörte nur Frl. Kahn dem Judentum. an; sie nahm die Wahrheit, das Recht und das sittliche Ethos des. Judentunis für' den Kampf ., ihrer Partei gegen Imperialismus und Militarismus in Anspruch. Den Reden schloß sich eine. fast zweistündige.. Debatte <m. vegrützuug heimgekehrter Feldgraue«. -Ter Verein Montesiore veranstaltet heute Freitag, abends 71/» Uhr, im Vereinslokal, Blcichstr. 70, einen Begrüßiingsabeiid für seine heiingekehrten Feldgrauen. Rabbiner Dr. Lazarus hat es über- - nommeii, die 'Ansprache zu halten. Reichhaltige Darbietungen' und Bewirtung werden den Abend gemütlich qrstalten. , ' . Alle Feldgrauen und ihre Angehörigen sowie die Freunde: des Vereins sind herzlichst eingeladen. Verein „Tifereth Bachurim." In seinem Referate „Der Casseler Delegierte n t a g" führte Wilbelm Rosen aus: Thorakeiintnis, Thoraerkenntnis, das war das große Programm des Delegiertentages des Agubas Jisroel, der zugleich eine nationale Basis suchte, eine nationale Einheit, das Bewußtsein unserer Volksgemeinschaft. In der Praxis war man sich einig, in der Theorie, in der Auslegung des Verhältnisses zu aiideren nationalen Parteien war man noch unklar. Ueber die jüdische Zukunft Palästinas wird demnächst entschieden werden. Die Agudas Jisroel. die laut ihrem Programm die Lösung der jeweiligen Gesaintheitsausgaben im Gcisk der Thora erstrebt, muß sich entscheiden. Sie steht vor der Alternative, auf dem Friedenskongreß offen und ehrlich die Nationalen Forderungen des Judentums sich zu eigen zu machen oder abseits zn stehen. Gerade weil Agudas Jisroel jeden unrcligiösen Nationalismus aiffs schärfste bekämpft, muß es, so wurde gesagt, dem religiösen Nationalismus den Boden der Verwirklichung schaffen. Palästina dürfe nicht der zionistischen Organisation,- es müsse drin jüdischen Volke gegeben werden. Darum forder-' ten viele Vertreter: 1. Bejahung der nationalen Forderung des jüdischen Volkes, zum Teil in gemeinsamer Aktion mit den, auf. dasselbe Ziel gerichteten Organisationen, — andere Vertreter —, immer unter Betonung der nationalen Unterschiede zwischen Agudas Jisroel und des Zionismus: 2 Nationale Äutonoinie für die Länder jüdischer Massensiebelung und 3. völlige bürgerliche Gleichberechtig-- ung für die Juden aller Länder. Das waren die Punkte für die Gesmntpolitik der Agudas Jisroel. Redner vertrat in Cassel den Standpunkt des Tise-' rcth Bachurim, der sämtliche gesctzestreuen Richtnngenj' umfaßt, daß der oberste Grundsatz „das Lernen um des Lernens willen" sein müsse.' Me, die von der Thora durchdrungen sind, gehören zu uns, gleich welcher politischen Richtung. Hier handelt es sich nicht um Zionisten ober Misrachisten, sonder» darum, daß eine Trennung, daß' ein Unterschieb gemacht wird, zwischen gesetzestreu und gesehestreu. Tie Thora muß die Einheit bilden. Hebräische' Sprache, jüdische Geschichte muß gelehrt werden! ~ . - Stimmen aus dem Leserkreise. Solidarität. Die ungeheure Katastrophe, welche über die von den letzten blutige» Pogromen so schwer betroffenen Juden: hercinbrach, überwiegt nicht nur die furchtbare Tragik dieses an sich schon grausanien Völkermordens mit seinenfür uns traurigsten Begleiterscheinungen, sondern illustriert, uns vielmehr die gewaltige Enttäuschung, - die immer und überall uns zuteil wird, nffb die auf uns natnrgeipäß am schmerzlichsten wirken muß! Tie Juden Galiziens haben nicht imr mitihrem Blute die Gefilde der europäischen und sonstigen Kriegsschauplätze getränkt, sie hüben unter Preisgabe von Hab Die Mitgift. -Novelle von S. L u ß - Mannheim. H JmlMnn i (Fortsetzung.) Mendel lief hinaus in die frische Luft, wenn sich das alljährliche Uebelbefinden geltend machte, das er sich jedes Jahr zuz g, well er, um sich aus das 24stündige Fasten vorzubereiten, so viel Speise hinunterwürgte, wie er sonst in 48 Stunden zu sich nahm, dann wieder hinein in die dunstige Synagoge, wo er mit verzweifelter Miene den Kopf stützend auf seinem Platze saß. Schlief er einmal einen Augenblick ein, so schnarchte er, und dann Ilvpfte der Parnes mit den Knöcheln seiner Faust so kräftig auf seinen Pult, daß Mendel wieder schnell zu seiner Wächterpflicht erwachte.' Morgens gegen drei Uhr lief Mendel wieder einmal hinaus aus die Straße und stand einige Augenblicke in dem engen stillen Gäßchen, als ein Mann, der schon einige DÜnntei. still nach den erleuchteten Fenstern der Synagoge aufgeschaut hatte, mit schnellen, aber leisen Schritten an ihn herantrat. Mendel und der Fremde flüsterten mit emaillier, und je langer sie flüsterten, desto erregter wurden beide. Meichel überlegte schließlich: Dem Parnes kann ich nichts mittcllcn, der würde jede Störung übelnehmen, die Schabbesgoje darf nichts merken, ich wecke den Herrn Lehrer. Kaum war er zu diesem Entschluß gekommen, als er Life austretenb, aber immer zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinaufellte. Auf dem obern Flur war links eine Tür, die zur Frauensynagoge führte, rechts zwei, von denen die erste zu den Schlafzimmern des Lehrers und seiner Kinder, die zweite in bas Schulzimmer fitfjrte. Der Raum zwischen dem Eingang zum Schlafzimmer und zur Frauensynagoge war durch die mit Leinwand dicht umhüllte Mazzemaschine der Gemeinde besetzt, und ein noch frei bleibendes Eckchen war durch eine spanische Wand abgeschlossen, hinter welcher Riekes Bettstand. Mendel trommelte mit beiden Fäusten an die Schlafzimmertür des Lehrers, und als ob er fürchte, gehört zu werben, rief er dabei mit unterdrückter Stimme: .Herr Lehrer! Herr Lehrer!"' „Es ist drei Uhr," antwortete es von innen, „man fängt erst um fünf Uhr an." „Es ist etwas anderes, machen Sic schnell auf." „Ist etwas passiert?"- fragte cs von innen immer noch ruhig. ') „Ich kann es nicht sagen, kommen Sie schnell heraus.-" „Herr Lehrer, unten steht . . ." „Wenn es ein Geheimnis ist," unterbrach der Lehrer und deutete mit der.Hand nach der spanischen Wand, „dort schläft die Ricke." „Ach die," bemerkte Mendel wegwerfend, „die ist ja so dumm, daß sie nichts versteht." „Stellen Sie nicht so schnell das Diplom der Dniiiinhell aus, auf das Diplom hin kann einer gar iöiel sündigen." „Herr Lehrer, Ricke kann uns nichts schaden und nichts helfen. Sie müssen raten, was niit dem Mann zu tun ist, es ist ein Zuchthäusler." Hinter der spanischen Wand raschelte es. „Was habe ich mit diesem Zuchthäusler zu tun?", fragte der Lehrer noch immer ruhig. ,Herr Lehrer,, es ist ein Jehudi," zischelte Mendel. „Lächerlich. In unserer Khille gibt es keine Zucht- Häusler." „Ein wirklicher Zuchthäusler ist es ja) nicht von hier. Herr Lehrer, ein wirklicher Zuchthäusler, der gestern abend, als er zu Kolnibre in die Synagoge geführt wurde/durchgebrannt ist. Er ist die ganze Nacht gewandert, um zu fliehen, er hat noch' seine Zuchthauslleider an." „Warum wecken Sie mich da? was geht mich das an?" „Ei, verstehen Sie denn nicht? Er verlangt, ich.soll ihn in die Synagoge lassen oder im Gemeindehaus verbergen! Den Parnes darf ich nicht stören, sonst wird er ärgerlich; — darum Hab ich Sie geweckt. Sie sollen ihn aufnehmen ober sollen raten, was zw tun ist." „Er soll gehen, wohin er wlll, in die Synagoge oder ins Gemeindehaus kommt er nicht, und ich gehe auch keinen Rat. Hat er Schlechtes getan, , so soll er nur ruhig wieder ins Zuchthaus gehen/' sagte fest und bestimmt der Lehrer. „Er sagt, er sei unschuldig wegen Brandstiftung bestraft, er hübe die Scheuer.gar nicht angesteckt." , ■ . Hinter der spanischen Wand hörte man Ricke ans dein Bette springen. > „Das habe ich nicht zu untersuchen und Sie auch nicht," sagte der Lehrer, „das soll er vom Gericht feststellcn lassen, aber nicht von der Khille, er kommt nicht ins Haus." Lerr Lehrer, - wenn es Tag wirb, wird man ihn gleich fangen, er hat noch die Zuchthauslleider an." . - „Lassen Sie mich in Ruhe! Ein Jude ist doppelt strasfällig, wenn er gegen die Gesetze handelt; er muß wissen, daß unter jedem Unrecht, das er tut, die ganze Jndenheit leiden muß. Die Khille darf Ihn nicht schützen, und ins Gemeindehaus, das meine Wohnung ist, kommt er nicht." ,/Warum nicht?" schrie Mendel erregter, „haben Sie nicht gestern abend selbst gepredigt, man soll jedem Sünder verzeihen und auf den rechten Weg helfen?" Ach was, bas verstehen Sie nicht, für uns Juden gilt in erster Linie der talmudische Grundsatz: Landesgesetz ist Religionsgesetz, ein Jehudi ist doppelt strafbar, wenn

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