Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 3. Er Kaffee Rnhland Kaiserstrasse 56 ' ' Kaiserstrasse 56 Täglich erstklassige W Unterhaltungsmusik °M> r —! Gesangs-Einlagen. und Gut ltiib den unsäglichen Miihsalen und Strapazen ein «Flüchtlingsleben gefristet, das jeder Beschreibung spottet-, . So fehlte nur noch der Pogrom, welchen diesmal die Polen unter verschiedenen einander widersprechenden, künstlich konstruierten Vorwänden inszeniert und dnrchgefnhrt haben. - Angesichts dieser jämmerlichen Enttäuschung, die uns am Kriegsende und am Anfang der Bölkerbefreiung zuteil wurde, müssen wir uns um so intensiver mit der Frage weiteren Existenz sowie mit derjenigen der bevor- Mhenden Wiederaufrichtnng und Erhaltung des jüdischen Gemeinwesens in ökonomischer und kultureller Beziehung befassen! Ganz Ostgalizicn und die Bukowina (das gleiche gilt von Polen) sind durch den Krieg fast völlig verwüstet. Tie in ihre Heimat zurückgekehrten Flüchtlinge kommen vom Regen. in die Traufe: sie finden iveder Nahrung noch Wohnung noch Schule vor. Sie selbst sind ob der furchtbaren Strapazen, denen sie die1 ganze Zeit erbarmungslos preisgegeben waren, seelisch und physisch gebrochen und nicht in der Lage, ohne kräftige Stütze von außen diese riesige Ausgabe der Neukonstituierung zu bewältigen. . Es ist daher die Pflicht und die Schuldigkeit eines jeden Juden g a l i z i s ch e r Herkunft, der von der furchtbaren Not des Krieges einigermaßen verschont geblieben, sein Solidaritätsgefühl gegen seine heimatlich: jüdische Gemeinschaft in der denkbarrealsten Weise zu bekunden. Wir galizische Landsmannschaften im Auslände müssen der Erkenntnis, daß unser Hiersein •. diesmal ein günstiger Zufall für uns war, das Bekenntnis folgen lassen: unsere Landsleute in der Not nicht zu verlassen! . Zu diesem Zwecke muß für uns Galizier in Europa eine .neue Organisation geschaffen werben, wie ) sie in den Vereinigten Staaten von- Amerika bereits exi- ' stiert: und zwar sollen sich unter vorhandener Voraussetzung sämtliche Angehörigen einer galizische» Stadt oder eines Bezirkes in sogenannte Landsmannschaften vereinigen, - um dann aus sich heraus einen allgemeinen galizischen Landsmannschaftsrat zu bilden. ' Die Bildung solcher Landsmannschaften dürfte umso leichter sein, als ja jedenfalls Landsleute aus einer Gegend schon immer ein stärkeres Zusammengehörigkeitsgefühl haben. MTas Vorhandensein solcher Organisations-Gebilde in Europa würde zweifellos im Verein mit den großen amerikanischen Organisationen ihren heimatlichen Gemeinschaften inwirtschaftlicher und moralischer Hinsicht nutzbringend sein und sich selbst in jeder Hinsicht mehr Ansehen in der Welt verschaffen. Berlin, SW. 68, S. Pab iv a. . Markgrafenstraße Z. Betrachtungen zu der politischen Versammlung des f Moutefiore In der Aussprache der großen Versammlung des Frankfurter Montefiore - Vereins am letzten Sonntag fand sich interessante Gelegenheit für den stillen Beobachter zu sehen, in welcher Weise die Einzelnen die Ideen der Parteien mit: den Gcdankengängen des Judentums in Einklang zubringen versuchten. Da wurde, von der einen Seite die materialistische Geschichtsauffassung des Sozialismus angeführt, die es den Juden unmöglich mache, Sozialist zn sein. Wieder andere erklären den Sozialismus als aus dem reinsten Prophetismus entstanden, die es dem für Frieden und Menschentun: kämpfenden Juden zur Pslicht machte, sozialistisch zu wählen. Auch Redner standen auf. er dkks Landesgesetz Übertritt, weil er damit auch ein Religionsgesetz bricht." „Sie wollen nicht," schrie Mendel, „ihr Rebbes wollt immer etwas Extras wissen, ich will keinen schönen Schmus hören,' helfen sollen Sie." „Ich kann, nicht helfen und will nicht helfen, Landesgesetz ist - Religionsgesetz." ,Mie können Sie so hartherzig sein?" - Hinter der spanischen Wand hörte man, wie Rieke ein Holzkästchen öffnete, in dem Geld klapperte, und wie sie das, Geld herausnahm. „Rieke," schrie der Lehrer, „cs ist Jom Kippur, wie können Sie Geld anfassen-"' „Ich weiß," antwortete, Rieke. Tie spanische Wand öffnete sich, Ricke trat heraus, ein Tuch um den Kopf geschlungen, sie knöpfte noch am Kleide -und hatte Kleider über den Arm gehängt. „Den Zuchthäusler übernehme ich, Herr Lehrer, der geht Sie und die Gemeinde nichts an." „Rieke,- Du bleibst!" \ „Herr Lehrer, ich gehe! Die Frau Lehrer und der liebe Herrgott werden mich verstehen und mir verzeihen, wenn ich den Jom Kippur-entweiht und eine neue Sünde getan habe." . . Mit diesen Worten eilte sie die Treppe hinunter. „Schema Jisroel, was für eine dumme Person," rief Mendel ganz entsetzt^ „die Frau Lehrer und der liebe Herrgott werden mich verstehen und mir verzeihen, — wie lann ein vernünftiger Mensch, so etwas sagen?" „Herr Lehrer, wenn ich nicht wiedcrkomme, sagen Sie der Frau Lehrer . . ." schrie Rieke -von unten herauf. Sie besann sich einen Augenblick, ob sie nicht, schon zuviel gesagt habe, brach den Satz ab, und man hörte die Hanstüre ins Schloß fallen. . ■ . , ' „Schema Jisroel, die ist verrückt," schrie Mendel. Neue Jüdische Kresse. . die in dem Zentrum die einzige Partei sehen, die wahrhaft religiöse und damit auch jüdische Interessen vertritt. Es hat sich gezeigt, daß Inden bei alle den Parteien sein werden, die für das Mindestziel der» bürgerlichen Gleichberechtigung eintreten. Man nmß den Einbernfern der Versammlung danken, daß sie einerseits den Vertretern der Parteien die Möglichkeit gegeben haben, ihren Standpunkt zu den Juden festzulegen und evtl, erfreulicherweise gegen sriiher zu ändern und andererseits der Frankfurter Judenhcit es möglich gemacht haben, sich über diese Dinge ausznsprechcn , und. sich zu einer Demonstration f n r i h r e Wünsche und gegen die Partei, die diese nicht vertritt, zusammenzufinden. Wir Juden waren immer zu einer optimistischen Weltausfassung geneigt; uns war immer die Zukunft das Richtunggebende in unserer Geschichte. Wir dürfen jetzt nicht mehr nach Vergangenheit, wir müssen nach der Zukunft fragen, und deshalb auch danach, wie die Parteien sich zu den zukünftigen Fragen des jüdischen Volkes stellen. Für uns Juden ist cs von ungeheurer Wichtigkeit, wie sich die neuen Parteien zu unseren nationalen Forderungen stellen: auch sie müssen erfüllt werden. Wir als deutsches Glied des jüdischen Bierzehn-Millionenvolkes haben das Recht und die Pflicht von den Parteien diesbezüglich klare Stellungnahme zu fordern. Die sozialistischen Parteien stehen unbedingt auf dem Boden unserer nationalen Forderungen, und es muß auch von den anderen Parteien erwartet werden, denen eS auf die Stimme auch nur eines Juden ankommt, daß sie zudiesen Zielen klar Stellung nehmen. ' Es ist uns nicht einerlei, wie sich die Parteien zum Eiirwanderungsverbot gegen die Ostjuden, zur Ausweisung ostjiidischer Arbeiter ans Deutschland stellen. Es ist ivichtig für unsere Stellungnahme zu den politischen Parteien, wie sic sich zu der vergangenen und kommenden Politik der deutschen Regierung zu den Inden im Olten stellen. Wie ist ihre Stellungnahme zn der Frage „Palästina", lvie ihre Stellung zu den Polen in Anbetracht der jüngsten Ereignisse in Lemberg, wie vertreten sie die national - kulturellen Forderungen der deutschen Juden? Leider lvurde es der überwiegenden Majorität der Versammlung unmöglich gemacht, über diese grundlegenden Forderungen des ganzen jüdischen Volkes und somit auch der deutschen Juden von den Vertretern der deutschen politischen Parteien bindende Erklärungen zu bekommen. Es >var von einer antijüdischnational gesinnten Minorität nicht gerade „demokratisch" gehandelt, daß sie es dem Vertreter dieses nationalen Gedankens der Mehrheit der Versammlung unmöglich gemacht hat, wirklich zur Sache zu sprechen und den. Gefühlen des großen Teiles der Versaiinnlung Ausdruck zu verleihen. Es wird uns hoffentlich Gelegenheit gegeben, in lvuchtiger Kundgebung unsere Stellung zu den Parteien in der Frage der Forderungen des jüdischen Volkes zu klären. P. '•>(;. Bunte Chronik. Anüachtstzimmung. In der llnrühe des äußeren Getriebes, in einer Zeit solch ungeheurer Erschütterungen, die Grundgesinnungen der Welt umlvälzen, ist es angebracht, sich religiösen Stimmungen hinzugeben. Mehr denn je blickt der Einzelne in sein eigenes Wesen, um der Erregungen Herr zu werden Eine andächtige Stiinme spricht inr Innern mir leisen Tönen, kaum vernehmbar, mahnt zum bessern. Heil denen, die diese Stimme noch hören, deren Seele durchdie Begebenheiten der Zeit nicht verhärtet und abgestunlpft wurde, um. noch in dem leisen Klingen mehr denn eine weichere Regung, deren Schwachheit man sich schämen muß, wahrzunehmcn. ' Ich schäme mich nichts Laßt mich auf mein Herze lausck'en und Euch das Belauschte erzählen. Wie der Hirsch sich sehnt nach den Wasserbächen, so lechzt meine Seele nach Dir, Gott. Was ist der Mensch? Ter Lehrer war auch verdutzt und öffnete die Türe zum Schlafzimmer, um seiner Frau zu berichten. „Ich komme gleich," rief die Frau, „haltet sie." „Herr Lehrer, was Hab' ich gesagt? die ist dumm, die ist verrückt, die Frau Lehrer und der lieb: Herrgott! ich laus' ihr nach, ich halt' sie." Er hatte schon zu viel Zeit verbraucht; als er auf die Straße kam, waren beide, der Zuchthäusler sowohl als Rieke, verschwunden, sie waren nicht zu sehen, und auch dem lauschenden Ohre machte nicht der leiseste Schritt sich benierkbar. Mendel lief jetzt noch unruhiger aus und ein. Es quälte ihn, daß er niemand hatte, dem er von den: merkwürdigen Ereignis erzählen konnte, daß er über die ihm unbegreifliche Mitleidslosigkeit des Lehrers und die verrückten Reden- Riekes gegen niemand sich anslassen konnte. Er schüttelt« immer den Kopf und rang die Hände, indem er brummte: „Tie Frau Lehrer und der liebe Herrgott." Dann wandte sich plötzlich seine ganze Wut gegen den Lehrer. „Ja," sagte er, „alle Rabbonim sind gleich, ob sic Rabbiner ober Lehrer sind, sie sind alle überspannt, außer wenn es ihr eigener Nutzen ist, dann sind sie alle vom Stamme Nimm." Endlich gegen fünf Uhr wurde Mendel von der Last des Schweigens, die ihn drückte, befreit. Allen, ivie sie einzeln kamen, erzählte er das Vorkommnis, und bei jeder neuen Wiederholung schmückte er die Erzählung mit neuen Lichtern und betonte immer mehr, wie beweglich er im Namen der jüdischen Brüderlichkeit auf Inschutznahme des armen, unschuldigen Glaubensgenossen gedrängt habe, und wie der Lehrer sich ganz allein das Recht angemaßt habe, über Synagoge und Gemeindehaus zu verfiigen, und wie Rieke, diese dumme, gotteslästerliche Landstreicherin, di: Frau Lehrer und den lieben Herrgott auf eine Stufe gestellt habe, und wie dieses schlechte Frauenzimmer de» heiligen Jom Kippur entweiht habe, indem sie Geld au- Seite 5.. „Staub frißt er und mit Lust wie seine Muhme die berühmte Schlange." Ein Erdenwcscn bin ich. Mle Fasern meines Seins hängen mit dein Irdischen zusammen. Ohne Luft kann ich nicht leben. Rehme ich keine Speise zu mir, empfinde ich Schmerzen gleich dem Tiere. Mer eine Gabe. Gott, basr Du mir gegeben, ein Werkzeug, das mich über die irdischen Wesen cmporyebt und mich znin Menschen adelt: „Deine Schichinah, einen Hauch Deines erhabenen Geistes!" Aber nur ein Hauch Deines Geistes, >mr ein soviel: daß wir am Schluß' erkenneil müssen, „daß wir am Ende gar nichts wissen." Je 'inehr ich von unserer endlichen Nichtigkeit überzeugt bin, je mehr richtet sich mein Gedankenkreis aus die Unendlichste der Unendlichkeiten, auf Gott. Er war. Er ist und Er wird sein in ewig gleicher Herrlichkeit. „Im Ebcnbilde Gottes wurde ich geschaffen!" Verschieben sind die 'Auffassungen über diesen Thoraausspruch. Wie darf ich Mensch cs ivagcn, mich mit der göttlichen Majestät zu vergleichen? Und doch, ein Ebenblld! Was ist der Sinn? Tie Form kann nicht gemeint sein, denn wie kann ich mir als endliches Wesen einen klaren Gedanken von einer Unendlichkeit machen, eine Vorstellung von etwas Unsichtbaren und doch Existierendem? Es kann nur das Himmelslicht sein, das inir gegeben, der Hauch des göttlichen Geistes. Die Willensfreiheit ist mir gegeben, die Fähigkeit, das Böse in mir zu bekämpfen und das Gute, und die Schönheit und die Göttlichkeit in mir zur Entfaltung zu bringe». Mit dieser Erkenntnis zieht Friede in mir ein. Mit dieser Erkenntnis fängt in mir ein Singe» an, es jubelt in mir ob meines Erwachens der in inir schluminernden Fähigkeiten. Ein Donnerschlag. Ich schrecke aus ineinen Träumen empor. Das Aeußere gewinnt wieder die Oberhand, Um mich Jammer und Elend, menschliche Ohnmacht. Doch was ich in Stunden der Innerlichkeit erkannt, die Macht meines freie» Willens, ich will es im äußeren Strome nicht untergehen lassen; ich will auch im äußeren handeln, meine innere Stimme sprechen lassen, dann werden meine Werke von einer Astdacht gekrönt werden. S. R. * Schule für galizische Flüchtlingskind«*.) Sie strömen ein, sie sitzen hier In ihren Bänken vier und vier Und wiegen die sittige» Wangen. Ihr guten Mädchen, wißt ihr nicht. In euer Haus der Räuber bricht! Wie werbet ihr heimgelangen? — Die braven Mädchen, es kümmert sie nicht.. Dem Lehrer lauschen sie, dein Herrn. Bo» ernster Kunst erzählt er gern. Von Lustigem gibt er zn lachen. Vergcßt ihr euer fernes Land? Die Mauer wankt, es steigt der Brand. . Die Dächer, die lieblichen, krachen. — Die frohen Mädchen, sie horchen gespannt. Groß wird die Karte ansgehängt. Ins Weiteste der Blick gelenkt lind bunte Erscheinungen schweben. Ihr Mädchenblumen, Mutter weint. Der sanfte Vater flucht dem Feind. Zum Bettler wurde er eben. — Die Mäbchenblumen, sie lauschen vereint. Nein, Blumen wären längst verdorrt. Gepflückt von ihrem Wnrzelort. , Ihr blüht in Kräften und heiter. Wennrings die Welt sich toll zerreißt: Bon einer höhern Macht gespeist. Lebt ihr und rüstet euch weiter. Ihr tapfer» Mädchen: ihr seid der Geist! gefaßt ruck» mitgenommen Habe. An der ganzen Sache fand er nur ein Gutes, daß er, der kluge vorsichtige Mendel, wenigstens es verhütet habe, daß die Schabbcsgoje etwas merkte. Jeder nahm Mendels aufgeregte Erzählung anders aus. Jakob Lichtenstein meinte protzig: „Was geht uns bas an, was eine Magd tut, jedoch über das Eigentum der Gemeinde hat der Lehrer nicht zn verfügen, das ist Sache des Parnes und der großen Steuerzahler, mich hätten Sie wecken müssen!" Sein Sohn Wolf sagte bewundernd: „Kurasch hat sie, sie fiirchtet sich nicht, in dunkler Nacht mit einem Zuchthäusler zn gehen!" Hannchen lachte über die Dummheit, daß man eine Madam, die nicht einen Pfennig Lohn zahle, mit dem lieben Herrgott vergleiche-, das müsse sckon ein: sehr schlechte Person sein, die am heiligen Jom Kippur niit einem fremden Manne durchgehe, um sich mit ihm auf der Landstraß: herumzutteiben. Hannchen wußte eben so wenig wie Mendel oder irgend ein anderer, daß Rieke schon seit einer halben Stunde wieder in ihrem Bette lag. Einen Erfolg batte Mendels Erzählung aus die ganze Gemeinde: die andächtige Stinlmung, die sonst an dieftm Tage herrschte, war gestört. Wenn zwei, die nur einen Augenblick die Synagoge verließen, sich draußen trafen, s» warb ans dem geplanten Augenblick eine halbe Stunde und mehr, imd es wurde nur von dem Ereignis der Nacht gesprochen. Sogar in der Synagoge flüsterten sie einander ihre Bemerkungen zu. Nur der Parnes. der alte Machoel und der alte Sußmann, die eigentlich hätten am ersten davon wissen können, wußten nichts von der Sache; sic blieb ihnen auch de» ganzen Tag unbekannt, sie siandcii, beit Kopf in den Gebetmantel gehüllt, da n»d erfuhren nichts vo» der 'Aufregung, welche in der Gemeinde herrschte. (Fortsetzung folgt.)