Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 17 (1919)
- Issue
- Heft 3 (17.1.1919)
- Date
- 1919-01-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 -Natur,, für die die Zsirrm 1>eZ WählrechK von erheblicher Bedeutung ist. Es ist daher Aufgabe, derjüdischen DeffentlichkHt, das! prellßifche Ministerium überdie wirÜichen Züstünde aufzuklärenein sozialistisches Ministerium tann seine Hand nicht dazu bieten, ein plutokratisches, durch und durch ungerechtes und veraltetes Wahlrecht zu stützen und künstlich am Leben zu erhalten. Ts muß ferner Anklage, erhoben werden gegen die bisherigen GemeindemachHaber, die nicht selbst so klug und so gerecht waren, in diesen Wochen nach der Revolution die alte, seit vielen Jahren bereits erhobene Forderung nach der Demokratisierung der jüdischen Gemeinden zu erfüllen, sodast cs notwendig war, durch die Mittel des öffentlichen Kampfes diese Umgestaltung zu erzwingen. Immerhin, so traurig die Tatsache ist, sie besteht. Deswegen ist es Pflicht des gesamten Mischen Oeffenilichkeit, sofern sie wirklich demokratisch fühlt und denkt, ist 'e§ die Pflicht aller, die eine Stärkung des jüdischen Lebens! in Deutschland wollen, unverzüglich und mit.allen Mitteln für die Demokratisierung der jüdischem Gemeinden einzutreten. . Die demokratische Umgestaltung der Frankfurter Gemeinde. Während in anderen jüdischen Gemeinden, das Verlangen nach der demokratischen Umgestaltung des GemeindeaufiauF, die die Hinzuziehung , der weitesten Kreise an den Interessen der Gemeinde im Auge Hat, sich anscheinend nur schwach regt, imö besonders die leitenden Kreise dieses Streben eher hindern als fördern,*) macht die Frankfurter Israelitische Gemeinde eine rühmliche Ausnahme. Nicht nur, daß sowohl der konservative wie auch der liberale Gemeindeverein die'baDige demokratische Umgestaltung der Gemeinde bewußt betreiben, auch der Ausschuß und selbst der Vorstand der Gemeinde bieten willfährige, von der gleichen Erkenntnis getragene Mitarbeit. Es zeigt sich da der in jüdisch-idealer Hinsicht tiefere Gehalt der Frankfurter Gemeinde anderen Großgemeinden gegenüber. Weil inan jüdischer fühlt, stärkere jüdische Interessen Hat, empfindet man auch mehr die Mische Not unserer Zeit und sucht ihr entgegenzucnb eiten. lind da ist das erste Erfordernis, alle Kräfte im Gemeindeganzen, die noch für jüdische Interessen zu erwecken sind, zu wecken und zu gemeinsamem Schaffen zu vereinigen. Deshalb sollte federn Juden und jeder Jüdin in Frankfurt, unabhängig von Beitragsleistung und unabhängig von Staatszugehörigkeit, also auchdem Ausländer, in der Israelitischen Gemeinde das aktive und - das passive Wahlrecht gewährt werden. Denn niemand, der sich an der Arbeit für die Gemeinde beteiligen will, darf mindere Rechte haben oder gar 'ausgeschlossen sein. Das Parlament der Gemeinde, der Ausschuß, muß eine möglichst große Körperschaft rverden, damit alle, die sich berufen fühlen, im öffentlichen Dienste der Gemeinde zu wirken, Betätigung finden. Die Gemeinde wiederum muß ihren Aufgabenlreis möglichst weit stecken. Vorstand und Ausschuß muss« aus einer verwaltung-technischen Körperschaft das lebendige Herz, der Pulsschlag des Gemeindelebens werden, — über die Gemeinde hinaus muffen die Angelegenheiten der deutschen Juden- . heit dort ihren Resonnanzboden finden. .Es wird dann nicht mehr die Stille des Friedhofs in der Gemeindestube herrschen, gar häufig werden die Geister aufeinander platzen. Aber dieses Leben in der Gemeindesrube wird auf die .ganze Gemeinde zurückwirken und das Interesse ' am Jitdentum in der Gemeinde stärken. Und daß davon gerade in einer Zeit, wie sie sich durch die Revolution in 'Deutschland vorbereitet, unendlich viel abhängt, — das haben glücklicher Weise alle führenden Kreise der Frankfurter Israelitischen Gemeinde begriffen. Sic haben die feste Absicht, in möglichst kurzer Zeit die Verfassung auf Grund des allgemeinen, gleichen Wahlrechts beider Geschlechter nach dem Modus der Verhältniswahl zu ändern und die Obhut für alle sozialen Aufgaben in den Bereich der Ge- *) Sv in Köln. Hier erreichte» die Machthaber, daß dir .Legierung" die Wahlen auf den 13.—16. Januar nach dem bisherigen „Tretklassenwahlshstem" ftstsetzte. Neue Jüdische Presse. Nr 3. meindeverwältung aufzunehmen. An der Festlegung der neuen Verfassung Und ihrer Durchführung hindert nur noch'die Unsicherheit, wie die Rechtsverhältnisse der jüdischen Gemeinde unter der . treuen innerpolitischen Gestaltung Deutschlands sein werden, — doch voraussichtlich dürsten schon die nächsten Monate hierüber Klarheit bringen. Mögen die Reorganisationsbestrebuttgeu der Frankfurter Israelitischen Gemeinde von weitschauenden, großzügigen Gesichtspunften geleitet zrerdcn. Frankfurt tvird dann als Beispiel auf die anderen Großgcmeinden wirket: und wird so aus die künftige Gestaltung der deutschen Judenheit von bedeutsamem Einflüsse sein! Misrachi und Agudas Jisroel- Von misrachistischer Seite wird uns geschrieben: Als ein 'erfreuliches Zeichen der Zeit sind die iwmer häufiger auftretenden Bemühungen zu begrüßet:, eine Einigung aller glaubrnstreuen Juden gegenüber den Anforderungen der Stunde herbeizuführen. . . Die beiden bedeutendsten Organisationen der glaubenstreuen Judenheit in den westlichen Ländern sind zurzeit die Agudas Jisroel und der Misrachi. Wie allgemein bekannt, hat der Misrachi das Streben nach Einigung des Gesamtjudentums von jeher betonend und auf Angriffe der Agudah von jeher verzichtend, stets die Anschauung vertreten, daß die Orthodoxie voll und ganz in die Reihen des Misrachi gehöre. Seinem unermüdlichen Werben ist es za danken, wenn die ideal veranlagte Jugend der Agudah jetz,t in ihrer überwiegenden Mehrheit das nationale Programm der Zionisten angenommen hat. Einer Annäherung an das nationale Programm entsprang wohü auch das durch die Presse bekannt gewordene Schreiben der Schweizer Agudah-Vertretung an das Zionistische Büro in Kopenhagen. Hierbei ist freilich zweierlei zu bedauern: Erstens nämlich, daß der Brief nicht von der Frankfurter Zentralleitung der Agudah ausgegangen ist, was ihm zweifelt mehr Nachdruck verliehen hätte, und zweitens, daß er nicht an die einzige dafür zuständige Stelle, das Zentralkomitee der Zionistischen Föderation Misrachi, gerichtet worden ist, was die Verhandlungen wesentlich erleichtert hätte. Nach der häufig leider sehr gegnerischen Haltung gegenüber dem Zionismus und besonders im Hinblick auf das Verhalten der Orthodoxie bei und nach den Konstantinopeler Verhandlungen, erscheint die Form der Koperchagener Antlvort*) durchaus begreiflich Es neust aber mit allem Nachdruck darauf hingewiesen werden, daß der Schluß dieses Antwortschreibens »die Möglichkeit praktischer Zusammenarbeit durchaus als gegeben .bezeichnet, von einer Ablehnung also keine Rede sein kann. Der Zionismus ist als eine Organisation zur Erreichung der in seinem .Programm klar und deutlich formulierten Ziele zu betrachten, deren Augenblicksforderungen durch das. Kopeuhägener Manifest noch besonders deutlich umschrieben worden sind. Sind diese Ziele erreicht, so ist damit eine Neuorientierung des jüdischen Volkes auf politischem Gebiete erfolgt, die der Orthodoxie Gelegenheit geben wird, . ihre besondere Auffassung des jüdischen Volkstums, die auch der Misrachi verkitt, in die Wirklichkeit umzusetzen. Wenn führende Kreise der Orthodoxie sich ohne Bedenken zur Erreichung bestimmter Ziele, die auch den religiösen Komplex berühren, . mit ihr ganz fernstehenden Vereinigungen, wie z. B. dem Zentralverein Deutscher Staatsbürger .jüdischen Glaubens, dem Verbände Deutscher Juden und dem Hilfsverein vereinigen, so ist die Gegnerschjast gegen den Misrachi durchaus unerfindlich. Leider ist diese Gegnerschaft in letzter Zeit auf dein Delegiertentage der Agudas Jisroel irr Cassel und auf ihrer am selben Tage in Berlin abgehaltenen großen öffentlichen Versammlung wieder in wenig erfteulicher Weise in die Erscheinung getreten. Dies ist umso weniger zu begreifen, als die Stellung des Misrachi gegenüber sall. den Problemen,, die auch die Agudas Jisroel bewegen, durch/eine Reihe misrachistischer Delegierter, wie Dr. Ra bin, Dr. Hermann Pick, Dr. Arnold-Barth, Dr. *) Irr fßr. 2 fccr „Neuen JÜd. Presse" unrer „Schweiz" abgedruckt. . . .... . Adolf Fr aenk el und Hermann Struck auf dem Delegiertentagc der deutschen Zivuisteii zu Berlin, meistens unter dem Beifall der ganzen Versammlung :n klaren und ünzweideütigen Worten vertreten worden ist. ' Die Agudah hat mcht die Möglichkeit, als Vertretung der Judenheit aufzulreten. Als politische Vertretung der Judenheit wird vielmehr in allen Ländern der Zionismus angesehen, und nur mit ihm zusammen 'können wir auf dem Friedenskongreß erscheinen. Der Zionismus wird vom Geiste des traditionellen Judentums getragen sein, wenn möglichst viel Vertreter dieses Geistes in seinen Reihen kämpfen. Solange die Agudah sich in Kampfstellung befindet und , Gegensätze zu konstruieren sucht, die nicht vorhanoen sind, kann der Misrachi in ihr einen Helfer in seinem Kämpfe nicht erblicken. Erst wenn die Agudah.sich darauf besonnen haben wird, „die Herausarbeitung des Gegensatzes zum Zionismus" aufzugebcn und das Einigende zu betonen, wird eine brüderliche Annäherung möglich sein. Die gemeinsame Arbeit mit der Agudah wird sich ergeben, wenn, wie sicher zu erhoffen ist, deren ganze Jugend, soweit sie politisch aufgellärt ist, in den Misrachi eingetrrten s c i n w i r d. . Agudas Jisroel-Jugeudorgauisatiou. Ter von etwa ICK) Delegierten als Vertreter von etwa 70 Gruppen, besuchte Telegiertcntag zu Cassel »tchm'.tzie nachstehenden, von einer Kommission des Telegiertentciges abgeänderten Berliner Hauptrichtlinien als vorläufiges Programm für die Außen- und Propagandaarbeit an: .4. Grundlegende: 1 1. „Talmud Thauro keueged lnkom". Forschen in Tcnach, Schaß und Possekim sowie die Vertiefung in die jüdische Geisteswelt ist Aufgabe der Gruppen. 2. Ihr Ziel ist die Erziehung zur Tat, dadurch, baß sie die jüdische Jugend mit Begeisterung und Freude an der Ausübung der überlieferten Mizwaus erfüllt. 3. Agudas Jisroel erklärt ausnahmslos alle Juden : als zum jüdischen Volke gehörig, erachtet dieses als existenzberechtigt aber nur bann, wenn es Lehre und Gesetz der Gottesvfsenbarung verwirklicht. Tie Mitgliedschaft bei' den Jugendgruppen verlangt daher Anerkennung der Juden-' heit als ThauroNation. 8. Ausfüih'renbe: - 4. Unter allen Mizwaus werbe besonders Verständnis^ und Erfüllung der Mizwaus Jischuw Erez Jisroel herbei-/ geführt durch a) Einrichtung von Schiurim in allen einschlägigen Vor«' schriften, : b) Vorträge über Land und Leute in Erez Jisroel durch landeskundige Gesinnungsgenossen, c) landwirtschaftliche Vorbereitung für Erez Jisroel, (1) Erlernen der hebräischen Sprache als Umgangssprache, e) Beschaffung finanzieller Mittel für die zur Besiedelung des Heiligen Landes und für das dortige Schulwerk errichteten Fonds der Agudas Jisroel, k) Mitarbeit am.Palästinabüro der Agudas Jisroel und. dem Verlag der Agudas Jisroel, 5. Betonung der prinzipiellen Verschiedenheit zwischen, dem religiösen Nationalismus der Agudas Jisroel und jedem anderen Nationalismus. 6. Hingebungsvolle Mitarbeit an allen 'Aufgaben! brr jüdischen Gesamtheit soll «»erzogen und dadurch der Mewus-Gedanke vertieft werden. - > 7. Gegensatz der im Geiste der Thauro gepflegten Und jeder' anderen Wissenschaft soll mit aller Deutlichkeit erkennbar gemacht werden." - Das' Frankfurter Programm (Dr. Jsaac Breuer) dagegen wurde durch einstimmigen Beschluß der Versammlung als richtunggebend für die Verinnerlichung der-Organisation und als Grundlage ihres endgiltigen Programms bezeichnet und soll der .Organisationsleitung sowohl: als auch - den einzelnen Gruppen geistiger Führer sür ihre Weiterarbeit sein. Es lautet: * ' „Agudas Jisroel erstrebt die Bereitstellung der jüdischen Nation und des jüdischen Landes für ihre Wiedervereinigung unter der Herrschaft Gottes und seines Rechtes nach prophetischer.Verheißung. Hieraus ergeben sichfür die Jugendgruppen folgende Forderungen!: * I. Individuelle. - - Die Mitglieder der Jugendgruppe haben die Arbeit zunächst an sich selbst zu beginnen. Bon jedem Angehörigen der Jugendgruppe ist zu erwarten: 1. baß er keine andere Wirklichkeit anerkennt als Gott unb sein Recht, und daß die vom Verstand begriffene Natur ihm nur die Summe der Mittel darstelle, das von der jüdischen Seele als göttlich erkannte Recht der Nation (Thauro) in Gotws Welt zu verwirklichen,- 2. baß ihn das Bewußtsein von dem Silluk Sche- . chinoh beherrsche, wie vr in der Ferne Gottes und in der Verbannung^ der Nation züm Ausbruch kommt, daß er alle Unzulänglichkeit der Erkenntnis und als wirtschaftliche Hemmnis der Verwirklichung des- Rechts Gottes auf de» SillukSchechinv MrüchfüW^ W Tag für Tgg durch Tveue zum'Rechte'GotteZ in LÄhrä und' Tat bestrebt sei, den Kirüw L.ch'e.chinvD herbetzuführen;