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Neue jüdische Presse · 1919-01-17 · Heft 3 (17.1.1919) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
17 (1919)
Issue
Heft 3 (17.1.1919)
Date
1919-01-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Frankfurter Israelitisches Familienvlatt Redaktion und Expedition: Frankfurt a. M., Langestraße 2 Fernsprecher Amt Hansa 2903 Herausgeber: Sach Geis;nnnnmiiniiiiiiiiiiiimiiiiiniiTiiiiinmiimmiiiiiiniimiiiiinn: - Erscheint wöchentlich am Freitag. Aezugspreis pro Viertel. : :jabr:Zn Frankfurt a.M. Mk.4.80 stei ins Haus. Bei der Post : jabonniert Mk.4.80,stei ins Haus 4 pfg. pro Monat mehr. / Lei : : Zusendung durch Streifband für Deutschland uiwüsterrekch-llngarn ■ : Mk.2.25,fur alle übrigen Lände? Mk. 2.L0. Einzelnummer 45pfg. : '»»»»»»...... .iiiiriiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiinnTnunnTHTTiiiiiiiiiiiHiiiiinimnniiiniJ I Fnfertionspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 40 pfg., für : : die Reklamezeile Mk. 4.50. Lei Wiederholungen entsprechender : : Rabatt. / Platz- und Datum-Vorschrifi ohne Verbindlichkeit. /; j Annoncen-Annahme bei der Exped.und in a.Annoncen-Lureaus. ■ : Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a.M. unter Rr.4864. : 17. Jahrgang. Freitag, den 16. Scliwat 5679 (17. Januar 1919) Nr 3. Wir Inden «nd die politische» Parteien. Daß' wir Juden der politischen Wahlen gewisse .Richtlinien in unserer Eigenschaft als Juden zu beobachten haben, ist unbestreitbar. Allein schon die Frage, wie eine Partei zur Durchführung unserer wirklichen bürgerlichen Gleichberechtigung steht, ist für jeden Juden, so er nicht gerade des Charakters bar ist, bestimmunggebend. Hinsichtlich der persönlichen, Neigungen des einzelnen gibt es bei unH Juden nicht nur Anhänger der linken, sondern auch der rechten Parteien. In England z. B., wo die Konservative Partei nicht antisemitisch ich gehört dieser Kartei 'ein erheblicher Prozentsatz der Juden an, — während bei uns in Deutschland eine Zugehörigkeit zu dieser Partei um unserer Würde willen ausgeschlossen ist. Aber auch die frühere Nationalliber ale Part ei und nunmehrige Deutsche (Liberale) .Volkspartei, an deren Wiege einst der Jude ..Eduard Lasker stand, verhielt sich nicht ein- -heitlich in der Anerkennung unserer Gleichberech- , tigung. Unbestreitbar befinden sich unter ihren .führenden Persönlichkeiten .auch warme Verfechter der Gleichberechtigung ihrer jüdischen Mitbürger. Aber es war ein hervorragender nationalliberater, wie auch ein hervorragender Zentrumsabgevrdneter, die für die Judenzählung beim deutschen Heere cingetreten sind, und gerade unter der Masse der Partei zeigen zahlreiche Elemente unverblümte antisemitische Gesinnung. So sprach mit Hinblick auf ' diese Partei auf einer vom Verein Montefiore, Frankfurt a. M., einberufenen Versammlung Redakteur Cahn von einer Studentenversammlung am letzten Samstag Abend, auf der „der Bildungspöbel an der Universität in gemeinster Weise die Juden angegriffen" habe. > - Bei. der Z e n t r u m s p a r t ei sind es in' letzter Zeit gerade führende Blätter, die bei ihrer Bekämpfung der sozialistischen Richtung cs für gut finden, entgegen dem Programm ihr-r Partei, das religiöse Duldung und Gleichberechtigung forddert, Judenhetzc^ zu treiben. ' Doch da in den grundlegenden Satzungen sowohl der Nationalliberalen wie des Zentrums nichts vorhanden ist, was die jüdische Ehre berührt, so wäre nichts dagegen einzuwenden, wenn .Juden, die sich ihrer Weltanschauung gemäß! zu der einen oder der anderen dieser Karteien hingezogen fühlen, ' dies durch ihren Beitritt bekunden. Sich aktiv beteiligenden jüdischen Persönlichkeiten wäre die Möglichkeit gegeben, antisemitischen Unterströmnngen wirksam entgegenzutreten. . . Ganz frei von dem antisemitischen Bazillus ist übrigens keine politische Partei. Selbst bei den Demokraten und den Sozialdemokraten - gibt es Beispiele für das Vorhandensein dieses Bazillus. Wir erinnern nur daran, daß nntunter selbst in demokratischen Stadtverwaltungen jüdische Bewerber als Juden Anstellungsschwierigkeiten hatten, Nnd manch'^foziäldeinokraitschcs Provinzblatt hat .sich schon einmal eine antisemitische - Extratour erlaubt. / Waran sind wir Juden nicht gftit§ ■ schuldlos. Wir haben unsere Gleichberechtigung rmnier nur als /Menschen, ' nicht aber aW.Juden; gefordert. Tr. Löffler,, der Vorsitzende des Vereins Montefiore, sprach in der schon erwähnten Versammlung von unserer Eigenart, unseren besonderen jüdischen Werten. Ter größte Teil der deutschen Judenheit ist sich aber dieser Eigenart, seiner besonderen jüdischen Werte nicht bewnßt, will sich seiner nicht bewußt sein und fordert sein Recht nur als Bürger des Staates, nicht aber als Jude. Dadurch nmßte in dem Verhältnis der Nichtjuden zu uns Juden sich die normale Grundlage* verschieben. Wenn unser Judesein nicht etwas offen und stolz zur Schau Getragenes ist, dann hat es den Anschein, als sei an ihm etwas auszusetzen, — und diese Auffassung überträgt sich leicht auch auf sonst freisinnig und gerecht denkende Nichtjuden. Von den Parteien Deutschlands waren es stets Demokratie und Sozialdemokratie, die am nachdrücklichsten siir die Gleichberechtigung ihrer jüdischen Mitbürger eingetretcn sind. An uns wird es liegen, daß sie wie auch die anderen Parteien die richtige Stellung zu uns gewinnen. Wir Juden lieben das Land unserer Geburt und sind mit aller Kraft — jeder nach seiner.Einsicht — bemüht, diesem Lande unser Bestes zu geben, — wir geben ihm jedoch nur dann wirklich unser Bestes, wenn wir das von unseren Vätern und Urvätern ererbte besondere Wesen zur freien Entfaltung bringen und nicht verkümmern lassen. Das verlangt bewußte Verbindung mit der überlieferten jüdischen Tradition, bewußten Zusammenhang mit der großen jüdischen Gesamtheit, mit dem jüdischen Volksganzen. Sind wir wir selber, dann wrrd man uns auch als uns selber, als Juden, werten und uns jene Gleichberechtigung gewähren, bei der wir uns ungehindert frei ausleben können, — und das allein ist die wahre Gleichberechtigung. Die Demokratisierung der jüdische» Gemeinden. Die Demokratisierung der jüdischen Gemeinden i n D e u t f ch l a n d ist keine neue Forderung. Schon vor dem Kriege haben alle jungen und demokratischen Elemente innerhalb der deutschen Judenheit diese Demokratisierung verlangt ans der Ueberzeugnng heraus, daß der Mangel an lebendigem Leben in den jüdischen Gemeinden siir die Dauer unhaltbar sei. Tie 'Hauptschuld daran trägt die undemokratische Gestaltung der Gemeinde, die es zu Wege brachte, daß ein kleiner Kreis von Personen selbständig und willkürlich die Gemeindeangelegenheiten regelte, ohne daß die breite jüdische Oefsentlichkeit daran beteiligt und interessiert ist. Dieser Zustand war schon vor dem Kriege unzulänglich, doch jetzt ist er geradezu unmöglich geworden. Die deutsche Judenheit steht vor Ausgaben von einer Fülle und einer Bedeutung, wie sie sie vor dem Kriege noch nicht kannte, — und die Mobilmachung aller ihrer Energien für die jüdischen Aufgaben ist das große Gebot der nächsten Jahre, will sie innerhalb des gesamten jüdischen Volkes ihre Stellung bewahren, will sie nicht ausgeschaltet werden aus dem Aufbau der «Men jüdischen Zukunft. Voraussetzung für eine solche Aktivität ist die-Umgestaltung und .Neuentwicklung der jüdischen Gemeinde. Die Gemeind« muß der Brennpunkt alles jüdischen Lebens werden, muß alle großen jüdischen Ausgaben in sich widerspiegeln und muß die Verbindung Herstellen zwischen den einzelnen Juden und der jüdischen' Volksgesamtheit. Unumgängliche Bedingung dafür aber ist ihre völlige Demokratisierung. Jeder einzelne Jude und jede Jüdin muß herangezvgen werden zur aktiven Teilnahme an den Gcmeindeangelegenheiten, die nicht Mehr nur Angelegenheiten rein kultureller und lokaler Natur, sondern Ausschnitte aus den großen Gesamtangelegenheiten des jüdischen Volkes sein sollen. Deswegen ist die Forderung nach demokratischem Wahlrecht und Anwendung der Verhältniswahl, durch die die Minderheiten erst volle Möglichkeiten zur Betätigung bekommen können, das dringendste Gebot der Stunde. Man hätte erwarten dürfen, daß nach der Revolution, nach der ungeheuren Welle per Demokratisierung des gesamten öffentlichen Lebens in Deutschland auch die bisherigen Machthaber der jüdischen Gemeinde ihren Widerstand ausgeüen und sich znm Zugeständnis des demokratischen Wahlrechts bereit erklären würden. Vor allem, als der Erlaß der preußischen Regierung betreffs Einjührung des gleichen, geheimen, direkten Wahlrechtes für alle Männer und Frauen über 20 Jahre für die Wahlen zu allen öffentlich-rechtlichen Körperschaften erschien, mußte man selbstverständlich .annehmen, daß dieser Erlaß sich auch auf die jüdische Gemeinde beziehe, womit die Forderung der Demokratisierung gesetzlich erfüllt schien. Seltsamerweise erfährt man nun, daß auf eine Anfrage der Berliner Jüdischen Gemeinde das Ministerium des Innern ■ den Bescheid erteilt habe, daß, dieser Erlaß sich nicht auf die jüdische Gemeinde bezieht, und oiese Antwort scheint die Neigung der bisherigen Gemeindemachthaber zur Einführung des demokratischen Wahlrechts wieder beseitigt zu. haben. Die jüdische Oefsentlichkeit kann es aber nicht geschehen lassen, daß, nachdem sänitliche Wahlen in Deutschland demokratisiert worden sind, die jüüische Gemeinde als eines der wenigen letzten Bollwerke des undemokratischen, plutokratischen und reaktionären Wahlrechts bestehen bleibt. Es stväre dies eine Schande für die deutsche Judenheit, es wäre dies ein dauernder Schaden für das jüdische Leben in Deutschland, — und alles, was jung und fortschrittlich, was jüdisch-aktiv und lebendig, ist, wird diesen Zustand nicht hinnehmen, sondern wird mit allen Mitteln auf seine schnellste Beseitigung hinwirken. Es muß vor allem in breitester Oefsentlichkeit Anklage erhoben werden gegen das preußische Ministerium, das den seltsamen Bescheid erteilt hat, wonach der Erlaß für die Demokratisierung der Wahlen nicht für die jüdische Gemeinde gelte. Wir begreifen es einfach nicht, wie ein ans Sozialisten bestehendes Ministerium eine solche Antwort erteilen konnte. Die Herren Minister scheinen der Ansicht zu sein, daß es sich bei der jüdischen Gemeinde um irgend einen Kültusvcrband handelt ohne starkes inneres.Leben, dessen Wahlrecht.mithin von nebensächlicher Bedeutung sei. Sie scheinen nicht zu wissen, daß die deutsche Judenheit eine politische Gemeinschaft mit pulsierendem 'und starkem Eigenleben darstellt, mit bedeutsamen Interessen und Aufgaben politischer, sozialer und kultureller

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