Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 46 (29.11.1918)
- Date
- 1918-11-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 46 Scala - Lichtspiele SchäfergaBse 29. . Schäfergaase 29. Modernes Theater Vorführung stets neuer und hervorragender Filme für unsere Hilfstätigkeit geboten. Tie Verhältnisse gebieten, baß wir uns' in Kürze mit einem neuen Aufruf für unsere Hilfsbedürftigen an die jüdischen Gemeinden und ihre wohltätigen Mitglieder wenden müssen. Die „Lehrerspenden" (Lehrerkriegsbeiträge) erbrachten in den Kriegsjahren rund 16,600 Mark, im letzten Jahre allein 4312 Mark. Tie Gesamteinnahme für unser Hilfswerk betrugen in den Kriegsjahren 1914/17 rund 60,000 Mark, die Gesamtausgaben in dieser Zeit rund 23,000 Mark. Im letzten Jahre allein wurden 47 Familien mit 10,357 Mark aus unserem Hilfsfonds unterstützt. Berücksichtigt werden konnten vorläufig nur die schlimmsten Fälle. Eine besondere .Sorge ,für uns bildeten in dieser schweren Zeit unsere Wtpensionäre, soweit sie durch rechtzeitigen Anschluß an unsere jüdischen Lehrerpensionskassen sich ein besonderes. Anrecht auf unser Fürsorgeinteresse erworben haben. Es ist zu bedauern, daß unsere Gemeinden nicht selbst daraus dringen, daß jeder jüdische-Lehrer und .Kultusbeamte sich einer unserer Lehrerpensionskassen anschließt. Ter Beitrag ist ganz gerinfügig und der Bersorgungszuschuß neben der gesetzlichen Ängestelltenversicherung unbedingt erforderlich. .Eine besondere wohltätige Wirksamkeit vernrögen wir noch durch den uns unterstellten „Direktor Adlerschen Darlehnsfonbs" auszuüben. Diese Kasse kommt vornehmlich für Fälle in Frage, bei denen keine „Unterstützung", sondern nur eine kollegiale Aushilfe gewünscht wird ober wo es sich um größere Beträge zu besonderem Zweck handelt, die nicht" schenkwcise vergeben werden können. Aus dem Direktor Wlerschen Darlehnsfonds sind bisher 20,000 Mark an Darlehen ausgegeben worben, im letzten Jahre rund 4000 Mark, darunter-ein Darlehen im Betrage von 2000 Mark zur Nachzahlung an die staatlichd^llterszulagenkasse beim Uebertritt in den öffentlichen Schuldienst. Tie Kasse hat einschließlich noch ausstehender Darlehen von 11,944 Mark ei» Vermögen von 31,670 Mark. Dem Darlehensfonds wurden im-vergangenen Jahre 1100 Mark an Spen-" den neu zugewendet. ' Die geldliche Hilfe bleibt bei der durch die Zeitverhältnisse noch verschärften Not in weiten Lehrer- und Kantdrenkreisen die nächste Aufgabe, die wir uns stellen müssen. Daneben aber suchen wir auch durch pflegliche, persönliche Hilst manchen Notstand zu lindern und, wem: möglich, ganz zu beseitigen. Ms neue Einrichtung zu solchein Zwecke ist der von der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen i» Berlin" geleitete Familienbeirat für die hilfsbedürftigen jüdischen Lehrer und Kantoren geschasst» worben, an den sich alle „Rat"suchenden fortan bei wirtschaftlichen Fragen, in Versicherungsangelegenhcitcn, für Gesundheitspflege und für Kinderausbildung zu wenden haben. Pose«. Eine Erklärung der thoratreuen Vereine. Folgendes Rundschreiben ist zur Versendung gelangt: „Der „Zentrakverein deutscher Staatsbürger jütischen Glaubens, Ortsgruppe P o s e n" empfiehlt in einem Rundschreiben vom 19. d. Mts., .sich von öffentlichen Versammlungen und Kundgebungen der nationaljüdischen Bewegung in Posen im Interesse der Geschlossenheit des Judentums ftrnzuhalten. Gegen diese Boykotterklärung, die sich gegen einen Teil der jüdischen Gemeinschaft richtet, muß Verwahrung eingelegt werden. Der Boykott ist eine verwerfliche Waffe, die, besonders auf geistigem Gebiete angewandt, bestehende Gegensätze ve,schär>t und Gehassigkeil Hervorrufen muß, . Das Interesse der Geschlossenheit des Judentums, die durch das Rundschreiben angeblich gewahrt werden soll, und die uns in dieser ernsten Zeit so bitter not tut, wird durch die gehässige Boykotterklärung aufs Gröblichste verletzt. . Gegen die Behauptung des Rundschreibens, „daß wir eine Glaubensgemeinschaft, nicht aber e i »jüdisches Volk sind und sein wollen" erklären wir, daß wir Juden, das alte Volk der Bibel, das älteste Volk der Weltgeschichte waren, sind und bleiben werden, das den J-chitausenden ge rotzt hat und durch Gottes Gnade nach göttlicher Verheißung nicht untergehen wird; ern Volk, bas durch seinen Nationalbesitz, die Thora, charakterisiert und geadelt wird; ein Volk, das sich seit Urbeginn als Gottes- : Volk gefühlt und bekannt hat; ein Volk, bei dem sowohl die Bezeichnung als bloße Glaubensgemeinschaft, wie auch als bloße Nationalität . als Torso empfunden wird; - ein Volk, dessen Religionsgesetz es gebietet, daß alle seine Boüsangehörigen gute Staatsbürger in . allen Ländern ihres Aufenthalts seien. Dies ist der Standpunkt der ganzen thoratreuen Judenheit. Die Arbeitsgemeinschaft der thoratreuen Vereine der Stabt Posen." Oesterreich. Wien. Ein jüdischer Soldatenrat. Unter Führung der Abgeordneten Reizes und Strauch er wurde in einer Versammlung von 5000 jüdischen Soldaten und Offizieren ein jüdischer Soldatent«t. gebildet; Dieser besetzte die Leopoldstlwt und übernahm auf Veranlassung des Platzkommandos die Be¬ Frankfurter Israelitisches Familienblart. Serie 3 wachung des Nordbahnhoss und verschiedener Staatsmagazine. Der jüdische Nationalrat hat das Büro der jüdischen Kultusgemeinde übernommen. Personalien «. kleine Mitteilungen. Berlin. In der Revräsentantensitzung der Jüd. Gemeinde berichtete Benas Levy über die Nachtragsrechnungsausstellung für 1918. Es ist mit einer Steigerung von mindestens 2ö°!a zu rechnen, so daß der Mehrbedarf an laufenden.Ausgaben rund 700,000 M. über den Voranschlag hinaus betragen wird. Es sind somit die für 1918 für unvorhergesehene Ausgaben eingestellten 700,000 M. um weitere 7Ö0.000 M. zu erhöhen. Hierzu kommt noch der Mehraufwand, der infolge der im Laufe des Rechnungsjahres 1918 bewilligten Ausgaben erforderlich wird. München Bei der am 24. November seitens, der verstärkten Kultusverwaltung vorgenommenen Wähl eines Rabbiners an Stelle des verstorbenen Dr. Werner wurde der bisherige RabbinatssubstitutDr. Leo Bärwald zum Rabbiner gewählt. Die Wähl erfolgte einstimmig, nachdem einigen von' orthodoxer Seite gestellten Bedingungen entsprochen wurde. Dr. B. entstammt dem Breslauer Seminar und erfreut sich hier allgemeiner Beliebtheit. Danzig. Hier ist meisterhafte Ordnung; allerdings »ruß jeder einzelne des Vollzugsausschusses des A. u. S- Rates über seine Kräfte arbeiten; ich helfe einem solchen Herrn, der die Kommandantur unter sich hat. Kantor M e i s e l schickt mir alle russisch-jüdischen Zivilinternierteir und Kriegsgefangenen zu. Jeder will für sich allein fahren, weil die Juden von den, anderen russischen Kriegsgefangenen erschlagen oder aus dem Transportzug heravsgrschu'ostn werden. Soeben schickt die Kriegsgesangenen- Jaspekrion die Erlaubnis, einen rein jüdischen Transport von Kriegsgefangeilen und Zivi li n tcr n it: tc it znsammenz n stcller,. Bosen In der Stadtverordnetenversamnllung wandte sich Oberbürgermeister Tr. Wilms gegen den Stadtv. Lewandowski, der in einer Wahlversammlung gegen die Juden Posens folgende verlogenen Ausführungen gemacht habe: „Dieses Häufleirr regiert die ganze Stadt, Deutsche und Polen sind machtlos. Die Juden bearbeiten die ganze Stadt wie der Hund einen Knochen, lleberall haben sie sich hineingedrängt, überall haben sie das Uebergewicht. Alle Lieferungen, Kriegsgewinne sind in ihre Hände gefallen; sie wirtschaften zum ungeheuren Nachteil der Stadt usw." Ter Oberbürgermeister bemerkte, daß Posen seinen Juden im Gegenteil ein gut Stück seines Aufschwunges verdanke und Stadtv. Jaffe stellte fest, daß Lewandowski „auch nicht die Spirr eines Beweises für seine unerhörten Behauptungen beigebracht hat und es sich somit um elende Verleumdungen handelt." Wien. Dr. Alfred Stern, der mnchtgewaltige, energische 87jährige Präsident der Israel. Kultus gemeinde, der ünter der Wucht der neuen Verhältnisse^abgedankt hat, hatte die Präsidentschaft fünfzehn Jahre inne. Stern's Pflichteifer und Tüchtigkeit schufen wohl einen tadellos funktionierenden Verwaltungsapparat und manch' hervorragende soziale Institution, — doch ein eigentliches jüdisches Wirken blieb ihm versagt, da ihm, wie leider heute den meisten Führern der jüdischen Großgemeinden, Kenntnis des Judentums, Fühlung mit der jüdischen Mqsse und Versländrüs für die Interessen der großen jüdischen Gesanitheit fehlten. In Falken au bei Eger wurden jüdische Läden, und Privatwohnungen geplündert. Mährtsch-Lstra«. Der Landesverband der isr Kultusgemeinden f. Schlesien faßte — gleich dem mährischen Landesverband — hinsichtlich des Friedenskongresses einstimmig die Entschließung der Anerkennung der Juden als Nation und der Errichtung einer nationalen Heimstätte in Palästina. An der Tagung hatten auch die Rabb. Dr. Friedmann-Troppau, Dr. Steiner-Bielitz und Dr. Obstlev-Freistadt bcigewohilt. Amsterdam. Die auf Initiative des Holländischen Zionistenbundes auf dem Kongreßtag der holländischen Judenheit beschlossene Regierungseingabe, in der die Forderungen des jüdischen Volkes formuliert sind, trägt bereits. 47,000 Unterschriften. Das „Allgemeene Hanbelsblad" teilt mit, daß der jüdische Dichter und Zionist Jacob I s r a e l d e H a a n als Berichterstatter der Zeitung nach Palästina übersiedeln wird. London. Hierirat einTetegramausPalästina ein, welches.über die schreckliche Notlage der jüdischen Bevölkerung in Damaskus, Beirut und Sid o n berichtet. Die zionistische Kommission in Palästina organisiert die Hilfs-Aktion. Große Fonds für Nahrung und Kleidung sind nötig. Kinder sterben Hungers in den Straßen von Beirut. Frankfurter Berichte. Dse innere Wandlung unserer jüdische» Feldgrane». Zu einem Abend fast festlicher Weihe gestaltete sich der Vortrag, den im Zion. Heim, Unterlindau 21, Rabb. Dr. Salzberger, Frankfurt a..M., über das Thema: „Tie innere Wandlung unserer^ jüdischen Feldgrauen" vor überfüllten Räumen gehalten hat. Redner führte folgendes aus: Kaffee Kaisergarte n am Opernplatz Erstklassiges FamI 1 ien-Kaffe e Jeden Nachmittag von 4 bis 7 Uhr und Abend von 8>/t Uhr ab ■Vc - Konzert. 7 Kaffee Knfiland 3 Kaiserstrasse 56 Kaiserstrasse 56 Täglich erstklassige IV* Unterhaltungsmusik | 1 Gesangs -Einlagen. Am Anfang des Krieges stand die große Hoffnungf Ter Burgfriede war verkündet, die Parteien hatten sich zu» sammengeschlossen, es gab nur noch Deutsche. Juden wurden Offizire; neben den christlichen Feldgeistlichen übten « jüdische die Seelsorge aus. Der Hoffnung folgte sehr bald die Enttäuschung. s Jüdische Soldaten wurden nicht in dem Maße, in dem sie e5 verdienten, befördert und ausgezeichnet, ja, sie wurden vielfach gekränkt und beschimpft. Offen und versteckt lebte ) in wachsendem Maße der totgeglaubte Judenhaß wieder £ mrf, bei Mann und Offizier, bei Arzt wie Geistlichen. selbst bei hohen militärischen Kommandostellen. Me Judenzählung, die nicht die einzige blieb, beleuchtet blitzartig die Situation. » . Die Enttäuschung hatte eine tiefe i n ii e.r e Wandlang des jüdischen Soldaten zur Folge. Vor die Gleichgültigen, die Verschämten, die Oberflächlichen wurde mit einem Male bas jüdische Problem hingestellt; sie mußten ' - persönlich sich entscheiden. Woher die instinktive Abneigung gegen die Juden bei einem Volke von so hoher Kultur wie das deutsche? Lag die Schuld wirklich an jüdischen Drückebergern und Flaumachern, am jüdischen Wucher? Aber sie waren bei den nichtjüdischen Deutschen mindestens ebenso oft zu finden. Der pflichttreue, tapfere jüdische ' - Soldat erkannte nur einen zureichenden Grund für den ihm " begegnenden . Haß: Man empfand den Juden als einen anders gearteten Menschen, dessen Anderssein, da er einer Minorität angehört allein schon aufreizend wirkt. Sind wir Juden nun nicht wirklich anders als unsere Umgebung? Haben wir nicht neben der 's\- deutschen unsere besondere jüdische Kultur? Jüdische Deutsche ober deutsche Juden? das war die Frage fiir den Feldgrauen, der nur ein Entweder Oder kannte, obwohl die Frage nach dem Primat des einen oder anderen keine notwendige ist. Es liegt auf der Hand, daß die mächtig anschwellende Bewegung des Zionismus, für viele die Frage in seinem Sinne entschied. i Der Redner betonte, daß er selbst kein Zionist sei. V lediglich referieren wolle, was er im Felde, erfahren, daß er aber auch selbst in mancher Hinsicht umgelernt habe. ' * Am Schlüsse forderte er das Zusammengehen aller Juden: diejenigen, die an ein Zion hier auf Erden nicht glauben und diejenigen, die nach Zion als einer Heimstatt für das jüdische Volk wandern wollen, sie alle hätten die Verpflichtung, in dieser für das jüdische Volk überaus ' ernsten Zeit zusammenzuhalten und zusammenzustehen für die gemeinsamen Ziele, denen die Juden alle nachzustreben hätten. "4 Ei» Arbeitsausschuß der Frankfurter uatioualjüüische» Vereinigungen. Eil« Mitgliederversammlung der Frankfurter Ziolr. Vereinigung befaßte sich mit der Frage der Errichtung eines Arbeitsausschusses der Franks, nationaljüd. Bereinigungen, der aus propagandistischen Gründen als zweckmäßig erscheint. Rach einer Aussprache, die die Fragen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus betrachtete, und in der ' Bankier Jakob Wolfs, Direktor Fritz Sondheimer, Alfons Sondhermer, I. L. Goitein, Dr. Ansbacher, Max Blatt und Georg Freude nst ein sprachen, erllärte sich die Versammlung damit einverstanden, daß ein solcher Arbeitsausschuß gegründet werde. Die Bedeutung der Form im Judentum. Frl. Dr. mcb. Bender befaßte sich in einem Bortrage, den sie in der Franks. Zion. Vereinigung hielt, mit der Bedeutung der Form im Judentum. Rednerin untersuchte in ihren Ltnsführungen die Frage, ob das praktische Leben die Formen des religiösen Judentums entbehren kann und verneinte diese Frage. Die Gesichtspunkte der Rednerin waren die des Arztes, und als solcher pries sie den Sabbat, die Beschneidung, das Zehntengebot, daS bei richtiger Durchführung die sittlich so segensreiche Früh- «ehe in zahlreichen Fällen ermöglicht, die Speisegesetze und die^Stellung der Frau im Judentum, deren sexuelle Passivität gegenüber der sexuellen Motivität des Mannes, die gebührende Berücksichtigung findet- Das Judentum sieht deshalb eine Teilung der Arbeit vor, wobei es der Frau den größten Teil der sozialen Arbeit zuweist. In der Anssprache wurde betont, daß eine geoffenbarte Religion nicht von den veränderlichen Ergebnissen der Wissenschaft abhängig sein dürfe. In einem zukünftigen jüdischen Gemeinwesen in Palästina werde es Juden geben» die an die Göttlichkeit des Thorajudentums glauben und solche, die nicht daran glauben. Da aber nur ein jüdisches Palästina eine Zukunft habe und die Traditionen des jüdischen Volkes aufs innigste mit seiner Religion verwachsen seien, so werbe sich die Entwicklung der jüdischen Dinge in Palästina schon allmählich harmonisch regeln. An der Aussprache betelligten sich Geis, Klibanskn». Dr. Jsserlin, Levigarb, Goitein und Jakob Wolfs. Berel« Tifereth Bachnrim. Bor einem bis fast auf den letzten Platz besetzten Saale konnte Rabb. Dr. Jak. Horovitz seinen Bor;-: trag über das Thema ,^Die Kritik der Brbekk r i t i l" halten. Redner versuchte, an Hand seiner Aus-, führungen in den „Jeschurunheften" die verschiedene». Arten einer modernen Bibelkritik darzulegen. Er ging aus von dem Verkauf Josephs durch die Midjanfter und ' berührte dabei die verschiedenen Widersprüche im Text j,und bei den modernen Erklärern.. Mn Schluß wies er noch aus die scheinbaren Gegensätze bei der Potiphargeschichte hi» , und bemerkte dann, wie dringend notwendig es für.die "