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Neue jüdische Presse · 1918-11-01 · Heft 42 (1.11.1918) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 42 (1.11.1918)
Date
1918-11-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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/ Seite 4. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 42. „VICTORIA“ Erste Berliner Wäscherei und Glanz-Plätterei Hann Tel 2002. U EütiOlltStrSSSO II. Hama Tel. 2002. Spezialität: Kragen, Manschetten und Hemden. Mffeton Franzefuß. Erzählung aus der böhmischen Jubengasse von L. Kompert. Fortsetzung.) Windel!" meinte-Ascher in einem Tone, der wie der stärkste Borwurf klingen sollte. „Meinst du, ich spaß'?" rief sic gereizt. „Die Karte hat ihn zu dem gemacht, als was ich ihn heute erkannt habe. Ich schäm' mir meine heraus! Mit einem armen Waisenkind so umzugehen, wie er umgegangen ist! Anspeien werden uns die Leut' auf der Gasse, wenn man die Geschichte hören wird. Ich darf mich gar nicht mehr sehen lassen, denn so etwas ist noch nie erhört worden." Ascher fragte nicht um den Grund dieser zum ersten Male so heftig hervorbrechenden Klagen; er gehörte^ zu jenen glücklichen Naturen, die da meinen, Zuhören und Schweigen vertreibe am besten solche häusliche Gewitter. Uebrigens tat ihm nur eins leid; er sah, daß er heute um seinen „Franzefuß" gekommen war. Indes hatte Bärele das kleine Winkelgätzchen erreicht, in welchem Lisis Wohnung stand. In der Gasse war es still;, kein Laut tönte durch die stille Nacht- Die Fensterläden des kleinen Häuschens waren dicht geschlossen, aber durch einige weitklaffende Spalten konnte er Licht in der Stube, ja sogar die Umrisse eines Schattens gewahren, der niemand anderem lals „ihr" gehören konnte. Da reckte wieder „Reb Aschers Sohn"', der Sohn des reichen Hausherrn, sein stolzes Haupt empor. ,/Die 'Schnorrerin!" rief es fürchterlich in ihm, „da sitzt sic wieder und näht Hemden für Leute und sieht sich die Augen noch blind heraus! Von mir aber hat sie den erbärmlichen Hauszins nicht angenommen, der ihr doch gut gekommen wäre! Wart nur, ich will dir schon beweisen, was ein Spieler, wie du mich geheißen hast, alles vermag."! Ein Geräusch in der Stube verjagte Bärele von seinem, gefährlichen Standpunkte; er duckte /sich schnell an die Mauer. Da trat durch die Tür aus dem dunklen Dorhause eins Mädchengestalt, in der Bärele alsbald die Nähterin erkannte. Im fahlen Lichte der etwas erhellten Nacht bemerkte er, daß Lisi einen Wasserkrug in der Hand trug, womit sie wahrscheinlich zu dem nahen Röhrbrunnen gehen wollte. Lisi gewahrte ihn nicht; sie war schon einige Schritte voraus, da sprang Bärele wie sein echter Namensbruder in einem Sprunge an das Mädchen hin und legte ihr die schwere Tatze, will sagen die Hand, .auf die Schulter. Lisi stieß einen schrillen Schrei aus. ,Mtt! wer ist das?" ries sie zu Tode erschrocken. „Ich bin's . . . der Spieler!" sagte Bärele fast grimmig, ganz nahe am Ohre seines Schlachtopfers. „Sie. . . Herr Spitz?" rief das Mädchen. .Warum heißt du mich . . . Herr Spitz?" fragte Bärele, in welchem mit /einem Male eine vollständige Wand- ' lang vorgegangen schien. „Weißt du denn nicht, wie ich sonst heiße?" „Ich weiß keinen . . . anderen Namen", sagte Lisi nach einer Weile. Bäreles Hand lag noch immer auf ihrer Schulter. Vielleicht darum zitterte sie so. , „Ich heiße Bär", meinte Hindels Sohn, und die Hand auf der Schulter des Mädchens war etwas leichter. ,Wie komme ich aber dazu. Sie anders zu nennen . . . Herr Spitz?" erwiderte die Nähterin in fast unhörbarem Geflüster. „Aber dazu bist du gekommen", sagte Bärele wieder rauh, und die Hand drückte wieder mit Zentnerlast auf Lisis Schulter, „dazu bist du gekommen, mich einen Spieler zu nennen und mir djas Geld vor die Füße zu werfeiH. War das recht?" verzeihen Sie mir . . . Herr Spitz, ich hab's nicht so gemeint. . . und seitdem Hab' ich schon tausendmal Reue empfunden." .Willst du's - aber jetzt zurück? fragte Bärele rasch. ,W"s?" rief das Mädchen. „Nun, deinen Zins!" meinte Bärele. „Rein . - ." sagte die Nähterin mit großer Entschiedenheit und trat von Bärele hinweg. Aber mit einem raschen Griffe hatte er sie wieder herumgedreht, und nun .suchte er in der Dunkelheit dem Ausdrucke ihres Gesichtes zu biegen. Er konnte aber nur die leuchtenden Augen wahrnehmen, vor derem Glanze er zurückbebte. »Warum nein?" rief er rauh. ,Hab' ich's Ihnen nicht /schon gesagt . . . Herr Spitz?" meinte Lisi langsam, und jedes ihrer Worte, nach Ton und Ausdruck zu schließen, offenbarte wieder dem Sohne Nebb Aschers, daß die „Prinzessin" vor ihm stehe. „Hab' ich's Ihnen denn nicht schon gesagt. . . Herr Spitz? Warum soll ich es denn zweimal sagen?" „Ich möchte es noch einmal hören", rief Bärele ingrimmig. Lisi schwieg eine Weile; dann aber richtete sie sich auf, wie sie sich schon am Morgen vor ihm aufgerichtet hatte. «Ich nehm' von einem Spieler kein Geld", sagte sie rasch in tiefster Bewegung. Merkwürdig ruhig, als hätte der Schimpf diesmal für ihn keinen Stachel, meinte Bärele: „Bin ich denn einer?" ,/Oie Welt sagt's, meinte Lisi etwas' langsamer. „Die Welt? Wer ist das? Du Zielleicht?" fragte! Bärele in demselben trocken-ruhigen Tone. „Tie Welt sind alle Leute", entgegnete die Nähterin leise. , „Und was sagt die Welt?" fragte Bärele noch einmal. „Geht's mich an?" meinte Lisi, der dieses Verhör höchst peinlich vorkam, ausweichend., „Siehst du, wie du bist", rief Bärele, in dem wieder aller Grimm ertoacht war. „Jetzt, weil ich in dich dringe, willst du es nicht sagen." „Tie Welt sagt, daß Sie ein Spieler sind", rief jetzt mit einem Male Lisi wieder laut, heftig sogar. „Sie sagt, daß Sie den 'ganzen Dag nichts anderes tun, als mit Ihrem Vater Franzefuß spielen. Andere junge Leute in diesem Aller . . . sagt die Welt, haben da schon ihre Geschäfte, gehen nach Reichenberg, nach Prag oder Brünn, ja sogar bis nach Leipzig, andere noch weiter bis gegen Men, Sie aber, Herr Spitz . . . sitzen zu Hause bei Ihrem Vater .ii, und spielen Franzefuß." Als Lisi so gesprochen, wandte sie sich' rasch ab, als pb sie trotz der Finsternis, die sie umgab, die drohenden! Zvrnesaugen Bäreles gefürchtet hätte. Aber Bärele tat, als 0b er die sanfteste Musik gehört hätte, wie fürchterlich es' in ihm auch toben mochte. „Und was meinst du?" sagte er nach dieser Erttärung, „Bist du auch die Welt?" „Ja", sagte Lisi. „Tu nimmst es also nicht zurück, daß ich ein Spieler bin?" fragte er. „Nein", sagte das Mädchen mit Ueberlegung. „Ein Tunichtgut und ein Müßiggänger?" fuhr Bärele in seinem eigentümlichen Verhöre fort. „Nein't, sagte Lisi nach einer noch längeren Weile, diesmal aber mit unter der Wucht dieses Geständnisses zitternder Stimme. „Gut", ries nun Bärele im vollen Ausbruch seiner gewaltigen .Sprache, „ich habe geglaubt, daß du die einzige bist, die nicht zu der Welt gehört, ich seh' aber, ich (habe mich in dir gefoppt. Dafür werd' ich dir bald zeigen, was ein „Spieler" alles kann. Du wirst nicht lange darauf zu warten haben." So sprach Bärele und glaubte eine Rede gehalten zu haben, wie sie nicht feuriger und einschneidender in allen Parlamenten der Welt gehört wurde. Mit seinen größten Schritten hatte er sich dann eiligst entfernt, ohne die Nähterin weiter eines Blickes zu würdigen. Als er aus dem Schulgäßchen verschwunden war, ging Lisi kopfschüttelnd wieder nach Hause; zum Röhrbrunnen zu gehen, um Wässer zu holen, hatte sie in diesem merkwürdigen Augenblicke wahrscheinlich vergessen.' Wen wird das wundern? Bärele aber kam in voller Hast zu Hause an. Seine Wangen brannten in lichter Glut, und trotz des Kerzenlichtes konnte die scharfsichtige Hindel sogleich gewahren, in wülch ungewohnter Aufregung sich ihr Sohn befand. „Bist schon zurück?" fragte sie ihn mit prüfendem Blicke. „Nun, hat dir Hännele und ihre Tochter nicht tausendmal ihren Segen gegeben?" „Ja, Mutter", meinte Bärele mit unterdrückter Stimme und scheu auf die Seite gerichteten Augen, „wie man es eben nimmt." „Jüngel, mit dir steht's nicht, wie cs stehen soll", sagte Hindel, und eine Wolke von Sorge ziog über ihr sonst so behagliches Antlitz. „Wirst du reden, was dir ist?" Da blickte Bärele zur Mutter auf, wahrscheinlich voll Verwunderung, daß sie ihn so gut verstanden. „Ja, Mutter", sagte er, „wenn du nichts dagegen hast, so geh' ich morgen nach Prag und kaust da ein, was . ich sehe." ,W«s? Du? Und nach Prag?" rief Hindel, in der ein gerade vor ihr niederfallender Donnerschlag keineswegs diesen Schrecken, wie sie ihn jetzt empfand, hervorgebracht hätte. Erschöpft, niedergeschmettert von der ganzen Bedeutung dieser Mitteilung, mußte sie sich auf einen Stuhl niederlasscn. „Ja, Mutter", begann Bärele wieder, „wenn du und der Vater nichts dagegen habt, so fahr' ich morgen in aller Frühe mit dem Stellwagen nach Prag. Du gibtst -mir Geld, so viel du gerad' in deinem Kasten hast : . . und ich geh'". „Und was willst du mit dem Geld anfangen?" fragte Hindel nach einer minutenlangen Unterbrechung, während welcher der Atem der beleibten Frau gestockt zu haben schien. „Einkäufen, Mutter", sagte Bärele trocken. „Bärele, der Gedanke ist nicht in deinem Garten gewachsen!" rief Hindel und stand in großer Bewegung aiff. „In welchem denn?" frragte Bärele beinahe höhnisch. . „Und was liegt daran, 'ob er in deinem oder in einen! anderen Kopfe gewachsen ist?" sagte Hindel in einem Tone, der höchst freudig llang. „Ich sag' dir, etwas Schöneres und Besseres hättest du mir gar nicht verkündigen können. Schon seit lange ist's mir im Hirne heruingekrochen, ob wir denn recht getan haben, dich so aufwachsen zu lassen, ohne Arbeit, ohne Geschäft . . . und jetzt kommst du selbst und sagst: Mutter, gib Geld her, ich will einkaufen gehen." ~~ - „Gibst du mir's also?" fragte Bärele langsam. „Gewiß, Bärele, so viel du willst. Tausende liegen für dich bepeit. Wozu haben wir's denn?" rief Hindel, der sonst immer gleichmäßige Ruhe ßigen war, in überströmender- Wällung. „Kauf nur ein, was dir in die Augen fällt, üb' dich, und wenn auch das erstemal kein Vorteil dabei heraussehen wird, so liegt daran gar nichts. Die Hauptfach' ist, daß du ein Mensch wirst und siehst, wie man Geld verdient. Dann wird dir nicht zustoßen, was dir heute früh zugestoßen ist, daß du nämlich auf die paar Groschen einer armen Waise wartest und sie auszankst, wenn sie um fünf Minuten später den Zins bringt." Mau sieht, Hindel hatte keineswegs den Auftritt vom Morgen vergessen. Sie gehörte keineswegs zu jenen Müttern, die den Untugenden ihrer Söhne gegenüber ewig den grauen Star haben, während sie an Fremden zu Adlern und Falken werden. Sie hatte bis dahin ihr. Bärele gleichsam in großem Respekt gehabt, hatte nie viel über ihn gedacht, weil die anregende Gelegenheit dazu gefehlt hatte. Nun glaubte sie mit einem Male llar zu sehen und seinen Charakter /erkannt zu haben. Seine. vermeintliche Roheit, sein ausgesprochener Geiz gegen das arme Mädchen hatte ihr Herz mit Kränkung erfüllt. Mit schnellem Blicke hatte sie die Fehler überschaut, die in Bäreles Erziehung gemacht worden waren. Darum ging sie so freudig aus den kaum enthüllten Antrag ihres.Sohnes ein; ihr war es genug, daß .Bärele die Wirkungen des heutigen. Tages in so selbständiger Weise in sich verarbeitet hatte. Daß aber selbst die scharfsichtigste Mutter zuweilen nichts sieht, wo eigentlich vieles zu sehen ist, weiß so mancher, der über die zwanzig Jahre hinausgekommen ist. Von da an gibt es Geheimnisse, für die das menschliche Auge nicht mehr ausreicht — und ein Engel mit ausge-' spannten Fittichen war Hindel nicht! ' . . In der Freude ihres Herzens ging sie sogleich an den Kasten. Aus einer verborgenen Schublade nahm sie, allzu hastig vielleicht für ein so ernstes Geschäft, mehrere Bündel Banknoten, die da in Reih und Glied lagen. „Da", sagte sie zu ihm, „da nimm, Bärele, ich hab's nicht einmal gezählt. Wenn du wieder brauchst, ich Hab' noch. Ich sag' dir noch einmal: es liegt mir nichts daran, wenn du zum ersten Male mit deinen Einkäufen auch Spott und Schand' haben wirst. Es liegt nichts daran. Wenn einer ein „Barjin" werden soll, so geht es nicht, wie man/ die Hand umdreht. Das wird man erst in langer, langer Zeit, und mancher hat schon graue Haare und große Kinder, und ist doch noch kein „Barjin" geworden." Bärele steckte die Banknöten gleichgültig ein, nicht so die Worte der Mutter. Er meinte, sie werde schon sehen, daß er ein Mensch werden wird, der sich um die Welt und Um das, was diese Welt sage, nicht kümmere. Hindel brachte diese Wirte auf Rechnung des heutigen Tages; er sei gekränkt, nahm sie an, und in dieser Kränkung habe er den Entschluß gefaßt, ein tätiger Mensch zu werden. Doch sei es besser so als anders. Während dann Bärele auf seine Kammer.ging, um sich zur Reise vorzubereiten, sagte Hindel zu ihrem Manne, der bis dahin, wie es schien, teilnahmlos dicke Rauchwolken vor sich hingeblasen hatte: „Du wirst sehend Ascher! aus dem Jüngel wird erst jetzt etwas werden." „Meinst du, Hindel?" gab er tonlos zur Antwort. n ie iu in „Ja", sagte sie mit großer Bestimmtheit. „Aus dem Jüngel wird erst jetzt ein Mensch." Nach einer Wile, während sich die Rauchwolken aus Rebb Aschers Meerschaumpfeifie immer.dichter Und qualmiger ballten, mitten aus diesem Vulkane fragte er Neinlaut: „Wollen wir heut', Hindel?" . ' S fo

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