Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 40 (18.10.1918)
- Date
- 1918-10-18
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 4°; , . .. /. / ' /Bördle wurde zum Spielgsirossen seines Vaters erhoben; allmählich, löste er' seine Mutter vollständig von ihrem bis dahin innegehabten Wachtposten ab, denn Ascher wollte mit'keinem andern „Franzefus-" spielen als mit ihm. Man'wird-nun leicht begreifen, daß ein solches Verhältnis bedeutigche Folgen haben mußte. Wie soll ein Vater, der ich' mit seinem Söhnlein in einer Stunde wegen eines chlechten „Königs" oder eines fälschlich angegebenen „Fußes" herumzankt, demselben Bärele eine Stunde darauf Vorwürfe machen können, daß sich der Lehrer über ihn beklagt, und daß in seinen Kopf nichts hineingehe, weder Bibel, noch Rechnen, noch Rechtschreibung und Sprachlehre? Wie soll der Vater auf der „Höhe" persönlichen Ansehens teheu können, wenn ihm ein Bärele vorwerfen darf,. nicht „er", sondern „er" habe sichtz>in der Karte geirrt, und die Additionsfehler im Zusaminenzählen der „Füße" seien vom/Vater'und nicht von ihm gemacht worden? Tie Folgen einer so weisen Erziehung konnten natürlich nicht lausbleiben. Bärele mochte tun, was er wollte oder auch nicht wollte, es kümmerte dies den genügsamen Vater nur wenig. JedS Hindeuten auf die Zukunft, daß es doch etwas anderes noch gäbe als die Kunst, einen „Franzeüß" zu spielen, wurde von dem sonderbaren Manne gewöhnlich mit wenigen Worten abgefertigt. ,/Laßt mir nur mein Bärele, wie ihn Gott geschaffen hat, ich will ihn gar nicht anders. Warum? Ist Franzesußspielen keine Kunst? Und soll nicht jeder Mensch eine Kunst können? Mein Bärele hat-dafür Genie, und er wird's damit.weiter bringen als mancher, der in seinem Leben keine Karten angerührt hat. Tenn wenn sich einer auf Franzefuß versteht, hat er zu allem übrigen auch Verstand. Schabet es mir, daß ich es spiele? Schadet es meiner Hindel? Es geht uns beiden ganz wohl, und jedes Judentiild könnt' sich wünschen, wenn cs so aussehen könnte wie ich und meine Hindel." Hindel selbst wurde nach einem-so feinen Komplimente noch einmal so „breit" und blähte sich auf wie ein Psauenrad; denn sie war an dem wundesten Flecke ihrer Seele angenehm berührt worden. , „Ja, laßt mir nur mein Bärele, wie es ist", sagte sie dann gewöhnlich und nahm dabei eine hochtrabende Miene an. ,Mas wollt ihr von ihm? Geld wird das Jüngel immer haben, und einer, der sich seine Stub' mit Zwanzigern pflastern kann, wenn er will) wird sich doch nicht genieren, einen Franzefuß, so ein unschuldiges Spiel zu spielen?" . Was Bärele selbst betraf, so sagte er zu solchen Acußerungen gar nichts; man will nur bemerkt haben, daß er gerade an solchen Tagen sich nichts abgcwinnen ließ, und daß Rebb Ascher sehr aufmerksam sein mußte, wenn er ihm beikommeu wollte. - Es war merkwürdig, aber eigentlich kann es niemand wundern, wieso Bärele bei einer solchen Erziehunggroß und stark werden konnte. Bärele war vierundzivnnzig Jahre alt geworden, aber er sah wenigstens /um sechs Jahre jünger aus, so gut war ihm die süße Gewdhnheit seines Daseins bekommen. Es gab in der ganzen Gasse keinen so starken und hoch aufgeschossenen Jungen, als ihn. Tabei ließ sich ihm nichts Böses nachsagen; er war sehr gutmütig, beleidigte niemanden vorsätzlich, und da er selten unter die Leute kam, war'er auch scheu wie ein junges Mädchen. Erkonnte auch merklvürbigerweise keinem jungen- Mädchen in die Tlugen sehen ... Das änderte sich freilich alles eines Tages wie mit der Schnelligkeit des Blitzes. Tief, in dein versteckten Winkel, der zwischen, der „Schul" und dem Gemeindehaus eingekeilt ist, stand ein altes Häuschen, das Rebb Ascher gehörte. Halb aus Barmherzigkeit ließ er dort eine arme Witwe mit ihrer Tochter zur Miete wohnen. Hannele, so hieß die Witwe, war ei» „frommes Weib"; sie ging zu den Sterbenden beten, wusch die Toten, und wenn jemand zur „Jahrzeit" auf den „guten Ort" ging, .begleitete sie ihn und verdiente auf diese Weise „ihr Leben". Ihre Tochter Lisi nähte für Leute. Aber an jedem Cholhamo'ed, wenn Ascher noch beim Frühstück saß und noch nicht einmjal die erste Nkcerschaumpfeise gestopft hattekamdie Nähterin, und brachte pünktlich, in ei» reines Papier gehüllt, die acht Gulden für die Miete, die mühsam zusammengerafsten und ersparten Groschen einer armen Witwe und deren noch ärmeren Tochter! Es war ein schönes Mädchen, groß, schlank und lieblich, mit etwas, wild blickenden Augen und trotzigen Lippen; dabei doch voll demütigen Sinnes und bescheidenen Auftretens, wie es die Leute von Menschen lieben, die zu ihnen in einer Art djenstbaren Verhältnisses stehen. Sollen wirschon >das Geheimnis verraten? Bärele freute sich von einem Mietszinse zum ändern, d. h. von einem Cholharnoed zum ländern; er wußte es 'aber selbst nicht, wie sehr er sich »freute. Aber wenn der Tag gekommen war, ja schon den frankfurter Israelitisches Fannlienbvcftt. Abend zuvor, mitten im Franzefuß fuhr er plötzlich auf und meinte: / - , „Ich bin doch neugierig, ob Lisi das Geld« ntorgen wieder pünktlich bringen wird. Metten möcht' ich drauf, diesmal ist sie nicht imstande gewesen, es zusammenzu- ( bringen." Hindel legte auf eine solche Bemerkung kein Gewicht; sie sagte gewöhnlich: - „Sie bringt's heilig und sicher. Hannele und ihre Tochter sparen sich's eher vom Munde ab, und besonders Lisi ist keines von den gewöhnlichen Mädchen, die man alle Tage auf der Gasse, herumlaufen sieht." ' ... Regelmäßig errötete dann Bärele nach diesem Lobe seiner Mutter, und diese Röte lag dann noch fast greifbar auf seinein Gesichte, wenn Lisi, die. „Nähterin", kurz darauf ebenso regelmäßig kam, und den in ein weißes Papier eingehüllten Metszins in die Hände Rebb Aschers oder Hindels, legte. Dieser Ziustag war wieder gekommen, und eine merkwürdige Unruhe beherrschte diesmal Bäreles Gemüt. Ter Gedanke, ob Lisi wohl mit dem Gelde kommen würde, hatte ihn seit dem frühesten Morgen beschäftigt. Aber wunderbar! er vermochte ihm diesmal keine Worte zu verleihen;- er brachte die gewöhnliche Frage nicht über die Lippen hinweg, und sein bewegtes Gemüt hatte diesmal sogar einigen Grunddes fälligen Zinses wegen sich zu ängstigen. 'Ascher hatte bereits die erste Mcerschaumpseife gestopft, und. das „Anbeißen" war schon vorüber. Lisi war noch nicht gekommen. Da meinte Bärele in der Angst seines Herzens, zur Btutter.gewendet, aber mit niedergeschlagenen Augen: ' „Du wirst sehen, diesmal bringt sie nichts." „Wer?" fragte sie erstaunt. „Weißt du denn nicht"', sagte er, „daß wir heute unseren Zins zu bekommen haben?" ,/2as meinst du?"' schrie Hindel enttäuscht. „Hanneles Tochter, die Nähterin, meinst du?" „Du wirst sehen", wiederholte Bärele mit einiger Gereiztheit, „diesmal wird sie nicht kommen." (Fortsetzung folgt.) Wehre dich, Deutscher! Wehre Dich, Deutscher, mahnt Hindenburg, Lasse die feindliche Werbung nicht durch. Verschließe Dein Auge, verschließe Dein Ohr, Wehre Dich, Deutscher, sei kein Tor! Wehre Dich, Deutscher, sei auf der Hut, ES geht 'um Dein Leben, es geht um Dein Gut, Bist Du ein Deutscher, zqig Dich es wert, Schütze die Heimat, schütze den Herb. Sei gleich den Kämpfern da draußen ein Held, Sie opfern ihr Blut, Du leihe Dein Geld, Wehre Dich, Deutscher, mit offener Hand, Tu gibst es dem deutschen Vaterland. Vergiß allen Hader, vergiß jeden Streit, Tein Land bleibe frei, der Feind bleibe .weit. Wehre Dich, Deutscher, Du kämpft für Dein Recht, Bleibe ein Freier, werde kein Knecht. Wehre Dich, Deutscher, sei fest bis ins Mark, Balledie Fäuste, sei hart, sei stark. Es 'gilt zu schützen Dein Weib und Dein Kind, Die Dir auf Erden das teuerste sind. Wehre Dich, Deutscher, benütze die Zeit, Oeffne die Truhen, öffne sie weit. Zeichne die „Reunte", zeichne noch heut, Säume nicht länger, daß cs nie Dich gereut. ' tl. K. Barmizwa-Gescheirke. Bon I. Herzberg, Bromberg. Es hat sich die an sich schöne Sitte herausgebildet, daß wir unsere Knahen am Tage ihrer Barinizwa durch allerlei Geschenke erfreuen. Wir wollen hierdurch diesen Tag, der einen bedeutsaemn Markstein in ihrem jugendlichen Leben bildet, besonders auszeichnen. Gar mannigfach sind die Tinge, die als solche Erinnerungszeichen gewählt werden, mannigfach in ihrer Art und ihrer Bestimmung. Einerseits sind es Gegenstände, die praktischen Zweien dienen sollen, andererseits Schmuckgegenstände, deren Anlegung erst jetzt-, bei den Beschenkten als angebracht erscheint- Aber auch Geist und Gemüt gehen bei dev Darreichung 4 Seite 5. von Geschenken nicht, leer'aus. Wir sind bemüht, gar ' köstliche geistige Leckerbissen in oft verschwenderisch ausgestatteter Hülle darzubieten, damit-nicht nur das Auge sich weide, sondern auch der Geist angeregt und genährt, das Gemüt gehoben und veredelt werde. Man sollte nun meinen, daß man gerade nach dieser Richtung hin zweckentsprechend vorgebt, und bei Auswahl voir Geschenken letztgenannter Art der Bedeutung ihres Anlasses gemäß verfährt. Man, sollte glauben, daß man hierbei vor allem in Erwägung zieht, daß wir alles aufznbieten haben, um unseren jungen Glaubensgenossen eine geistige Zehrung mit auf den nun zu beschreitenden Lebensweg zu geben. Weit gefehlt! Im Hanse, in der Schule, in der Synagoge sprechen wir von der hohen Bedeutung des Barmizwatages, weisen auf die schweren Pflichten hin, deren Erfüllung den Barmizwaknaben, fortan obliegt, — der Geschenktisch aber läßt von der hoheil Bedeutung und Wichtigkeit des Tages, der seine Herrichtüng veranlaßt hat, in gar spärlicher Weise erkennen, denn er weist gewöhnlich nur wenig Hilfsmittel auf, die bestimmt und geeignet sind, das jüdische Bewußtsein im Herzen unserer Jugend anzusachen, zu beleben und zu kräftigen, ihr unberührtes, zartbesaitetes Gemüt mit echt jüdische» Gedanken zu befruchten. Wohl fälllt da unser Blick auf prächtig ansgestattete Bücher --von hohem materiellem Werte, schlagen wir sie aber auf und prüfen wir ihren Inhalt, fo machen wir die Wahrnehmung, daß dieser in keinerlei Beziehung zu dem Wesen des Tages steht, den wir festlich begehen. Es sind zumeist deutsche Klassiker: Werke von Schiller, Goethe, Lessing, Körner, Shakespeare usw., oder Schriften historischen und naturwissenschaftlichen Inhaltes. So vortrefflich . der Inhalt solcher Werke Unstreitig auch ist, so angemessen ihres Bildungszweckes wegen solche Schriften auch als Geschenke fiir die Jugend erscheinen, dem.eigentliche» Zwecke eines Barmizwatages könne» sie nur wenig dienen. Bei Uebererichung von Geschenken dieser Art unterlassen wir es nicht, dem Beschenkten gegenüber den Wunsch.auszudrücken, daß der Inhalt des Buches ihn geistig jördern möge. Wie? Wäre es da nicht richtiger, wenn wir in diesem Falle ein Buch mit j ü d i s ch e in Inhalte wählen, um dann mit vollem Rechte sage» zu können, daß durch das Studium desselben der jüdisch-religiöse Sinn gefördert werden möge? Dieser Gesichtspunkt muß bei der Auswahl irgend eines Buchgeschenkes einzig und allein leiten. Legen wir aber den Schwerpunkt darauf, den: Barmizwaknaben möglichst profane Geistesschätze zuzuführen, so handeln wir dem Zwecke des Tages schnurstracks zuwider. Wir haben 'im Laufe des Jahres so oft Gelegenheit, unsere Kinder mit solchen Schätzen zu erfteuen; der Geburtstag, die allgemeinen Feste und andere ausgezeichnete Tage können eine solche Gelegenheit zur Darreichung von Geschenken bieten.. Für den Barmizwatag dürfen stets und überall nur Bücher mit jüdischem Inhalte gewählt werden. Wir würden berechtigt sein, anders zu verfahren, wenn wir uns nach Geistesprodukten, die sich als Lektüre für die reifere jüdische Jugend eignen, vergebens umschauen müßten. Aber wir verfügen über eine stattliche Zahl von Werken, die als passende Geschenke sowohl für Knaben als auch Mädchen bezeichnet werden können. Wir haben Bücher, die uns die Perlen jüdischer Poesie der verschiedensten Zeiten liefern. Es sei hingewiesen auf die prächtigen Zusammenstellungen von Karpeles, Sachs, Heller, Goldberg, Löwenberg u. v. a. Der Vermittelung der Kenntnis der Geschichte unseres Volkes dienen die gediegenen Werid. Abgesehen von einigen belletristischen Schriften, die wir der Jugend ohne Bedenken darbieten können, sei der zahlreichen Sammlungen talmudischer Sagen und Legenden gedacht. Und wer wollte als das Wichtigste, das heilige Buch der Bücher, die Bibel, sowie das Sabbat? und Festgebetbuch nicht als geeignetes Geschenk für die Barmizwa bezeichnen? Da uns also eine große Zahl von Büchern zur Wahl gestellt ist, so würden wir uns geradezu versündigen, wenn wir' Bücher mit profanem, nichtjüdischem Inhalte solchen der oben bezeichneteu Art vorziehen und unserer reiferen Jugend eine Lektüre vorenthalten würden, aus der sie Belehrung und Erbauung schöpfe» kann und uns unserer Pflicht entziehen, den Zweck des Tages fördern zu helfen. Aus -er Sommerfrische. Bericht über ein Ferienheim. Bon Lehrer A d o l f Rothschild (Achim-Bremen). Ich »änderte mit 35 Schülern, auS Berlin, Haneburg und Leipzig stammend, diesen Sommer nach der Holsteinischen Schweiz. In dem herrlich gelegenen, von Seen , und Bergen umgebenen Malente-Gremsmühlen hatten wir unser Heim aufgeschlagen. Die auf einer Anhöhe gelegene Billa, die wir bewohnten, gewährte einen wunderbaren