Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1918-10-18 · Heft 40 (18.10.1918) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 40 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2692297-2693075-2693115--10484-2705821
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

..H Sette 4. * Frankfurter Berichte. ' D«S ziouMsche Heim. Dir Frankfurter zionistischen Vereine haben einen gvoßssn Schritt nach vorwärts getan; nach langjährigen Bemühungen ist es endlich gelungen, für sie ein eigenes Heim zu schaffen. An der feierlichen Einweihung. hatte sich eine große Anzahl Mitglieder der Ortsgruppe, der Jugendgruppe und des Blauweiß beteiligt. .Die Feier wurde mit einem Orgelspiel des Organisten Siegfried Würzburger eingeleitet- AWdann hielt Direktor Fritz SondHeime,rj als Vorsitzender der Heimverwaltung die einleitende Ansprache, in welcher er auf«die hohen Ziele der zionistischen Betonung hinwies, die posttischen Verhältnisse in Palästina klar umriß und das neu'erstandene Heim der Förderung aller interessierten Kreise auf das Wärmste empfahl. Der Vorsitzende der Ortsgruppe I. B- Gotein hielt dann in einer warmen Ansprache einen Rückblick auf den Frankfurter Zionismus, in dem jer all die Schwierigkeiten und die Widerstände zeichnet, die gerade ihm ja so sehr bekannt sind, der von den ersten Tagen an, sich der zionistischen Bewegung und^deren unvergeßlichen Führer Dr. -Theodor. Herzl angeschlossen hatte. .Er rief namentlich die Jugend ans zu einer intensiven Arbeit im Heim und erklärte dann dasselbe' als eröffnet. Die Weiherede hielt dann zunächst auf hebräisch und dann in deutscher Sprache Dr. Rab in, welcher in meisterhafter Weise zeigte wie dieses Heim zunächst eine gesicherte Heimstätte für den Zionismus in allen seinen Schate tierungen für Frankfurt a. M. werden müsse. Er wendet sich dann in einer überaus herzlichen Weise an die stark vertretene Jugend der Jugendgruppe und des Blauweiß sie begeistert auffordernd, nie die hohen Ziele des Zionismus aus dem Auge zu lassen. Diese Weihrede war von Gesängen des Oberkantors Naumow-Fkeischmann in wirkungsvoller Weise umrahmt. . Stud. Erich Fromm sprach dann im Namen der Jugendgrüppe und ein Student im Namen des V- I- St. die herzlichsten Glückwünsche für ihre Vereinigungen aus- Der Blauweiß, der in sehr großer Anzahl vertreten war, sang alsdann zwei Wanderlieder in hebräischer und deutscher Sprache mit vick Rhytmus und Begeisterung; die Gesänge wurden von der Versammlung Leifälligst ausgenommen. . Alsdann ergriff BankierJacob Wvlffdas Wort zu einer kurzen SchluhkAnsprache, in welcher er zunächst allen denen, die ihm -bei der Schaffung des »Heims durch Rat und Tat behilflich gewesen sind, den Dank der Heimverwaltung aussprach und 'empfahl das Heim, das nicht nur eine Stätte der Erholung und des gemütlichen Beisammcnseines aller Gleichgesinnten sein soll, sondern in erster Linie eine Stätte der Arbeit und der Vertiefung für die zionistischen Ziüe, der stärksten Inanspruchnahme. Mit der von der ganzen Versammlung stehend gesungenen und von der Orgä begleitenden Hativoah schloß die außerordentlich eindrucksvolle Feier. ' Die Geldzeichnungen für die Erhaltung und Einrichtung des Heims haben bereits eine Höhe angenommen, die das Heim für mehrere Jahre sicherstellt. Das Heim selbst — U n t e rli n d a u 21 — ist täglich von abends 7—11 Uhr geöffnet mit Ausnahme des Freitags; dagegen wird das Heim Samstags Nachmittag von 2 Uhr bereits geöffnet sein. ~ Jüdischer Turnverein. ' Am 6. Oktober fand in Berlin aus Anlaß, des National-jüdischen Jugendtages ein Turn» u n d S p or tfest, veranstaltet vom Deutschen Kreis der Jüdischen Turnerschast, statt. Dasselbe war von 10, der Turner- schaff angeschlossenen Vereine aus allen Teilen Deutschlands beschickt. Der Frankfurter Jüdische Turnverein war 'durch 20 Mitglieder vertreten und führte je eine Atuster- . riege der Herren und Dmnen vor. Ferner beteiligte er sich au den sportlichen Ausschreibungen, bei den Wettkämpfen für weibliche Mitglieder (Dreikampf) errang Frl. R o s e l Ro se üb erg (I. T. B. Frankfurt a. M.) den ersten Preis im Hochsprung, offen für männliche Mitglieder, errang Max Hahn (I. T. V. Frankfurt a, M.) den ersten Preis, während derselbe im Dreikampf den dritten Platz besetzen konnte. Diese Erfolge lassen die Tätigkeit des Frankfurter Jüdischen Turnvereins (Adresse Frl. Lotte Baer, Unterweg 24) imjhellsten Licht erscheinen. , Personalien. Es war eine erhebende Feier, zu der sich Sonntag Nachmittag in der Wohnung des Herrn Josef Grünblatt die Werwaltungsmitglieder des Mekvr Chajim, sowie eine Reihe von Bereinsmitgliedern, Freunden und Bekannten des Jubilars zusammenfanden, um seine 25jährige Tätigkeit als Beamter des M. CH. zu feiern. < In einer schönen Absprache schilderte das Verwaltungsmitglied G.a b v r P l a n t die Tugenden des Jubilars sowie dessen Verdienste für den Verein unter Ueberreichung einer Adresse sowie einer Ehrengabe. .Für die Dozenten des Vereins überbrachte Redakteur S ch a ch n o w i tz die besten Wünsche. Als ehemaliger Präses des Vereins sprach Markus Hirsch herzliche Worte der Anerkennung. Mit Schir-hmnalaus Gesang nahm die Feier ihren Abschluß. Alle Redner betonten insbesondere die großx Bescheidenheit und außerordentliche Pflichttreue des Jubilars, dem es pergönnt sein möge, noch viele Jahre mit der gleichen Kraft sein Amt auszuführen. Kleine Notizen. Zu unserer vorwöchentlichen Mitteilung von der Berüsung Dr. Jsaac Heinemann's an das Breslauer Rabbinerseminar erfahren wir, daß Dr. H. seine neus Stüle keinesfalls vor dem 1. April an treten wird. Durch seinen Weggang wird die bekannte Heinemapnsche Israelit. Höhere Töchterschule übrigens nicht Frankfurter Israelitisches Famil'eublatt. « ' ' ' . . .; i' . ' '!— unmittelbar berührt. Es schwebe» bereits Berhändlung-n - wegen eines neuen Direktors, ffit hoffen, bereits in nächster Zeit hierüber Näheres mitteilcn zu könnend Der Kodas-H atauro h»Ver ei n gibt bekannt, - daß er von diesem Samstag an seine allwöchentlichen um 3 Uhr in seinem' Bereinslokale, Börnestr. 52, stattfindendcii Gottesdienste wieder beginnt. Miiißfoii. Fravzefutz. Erzählung au§ der böhmischen Jubengasse von L. Kompcrt. (Fortsetzung.) Nun haben wir bereits gesagt, daß Ascher keineswegs zu de» gesprächigsten Menschen gehörte; wie jeder Spieler aus langer Gewohnheit hatte er sich fast das Reden abgewöhnt, denn «s soll bas Glück „verschreien"; aber diesinal brach der lange zurückgedämmte Redestrom gewaltig hervor. Erst „schüttelte" er sich, wie man sagt, einige Minuten vor Lachen aus, das ihn fast zu ersticken drohte, Hann rief er mit einer Stimme, aus der Jubel und Spott, Freude und Hohn zugleich heraustönten: „Tu willst mit mir spjelen, Bärele? Du willst mir eineu Franzefuß abgewiimc»? Was sagst du zu dem Jüngel, Hindel?" ,Mas wett'st Lu mit mir, Vater?" wiederholte noch einmal Bärele: „Soll ich leben und gesund sein", schrie Ascher, „das Kind meint es im Ernst! Afft mir also, mit Ascher Spitz willst du spielen, dem selbst deine Mutter Hindel, die sich doch gut darauf versteht, nicht beikommen kann? Bärele, was fälll dir nur ein? Hast du dir's auch gut überlegt, in was du dich einlassen willst? Ich sag'-dir, es ist kein>Spaß, mit Ascher Spitz einen Franzefuß zu spielen. Größere Leut' wie du niöchten sich früher den Fingeraus die Stirn legen und sich fragen: Soll ich oder soll ich nicht?" „Ich ftage dich ja, Vater", meinte Pärcle mit einem Tone,. den ein gewisses' Gekränktsein durchklang, „ob du mit mir wetten willst?" Nun warf Rebb Ascher einen merkwürdigen Blick voll Staunens aufdas Kind. Das Lachen, Las breit und ungeschlacht schon zu den Lippen herausquoll, erstarb darauf; er war vollständig verblüfft. ^Hindel, was sagst du zu dem Jüngel?" rief er endlich nach langer Pause zu seiner Frau hinüber. Hindel mochte in ihrem fteudigen Muttergefühl nicht - sogleich die Worte finden, die groß und bedeutend genug waren, um ihre BÄvunderung über des Kindes Kühnheit auszudrücken, aber sie macht ihrem Manne über den Kopf Bäreles hinweg jein Zeichen, das dieser sehr gut verstanden haben mußte. „Bärele", sagte dr mit einem Ernste, dem nur wenig zitzn Erhabenen fehlte, „hast du dir's wirklich überlegt, was du unternehmen wlllst? Ich sag' dir's noch einmal: du spielst mit Ascher Spitz, dem selbst deine Atutter Hindel, die doch ein eiserner Kopf ist,-nicht beikommen kann. Hast du dir's überlegt?" ' „Ja, Vater", sagte Bärele mit großer Entschiedenheit. „Nun", meinte Ascher mit der feierlichsten Stimme, die ihm zu Gebote stand, „ich will sehen, was du vermagst. Das sag' ich dir aber, Bärele, wenn du mir den ersten Franzefuß .abgewinnst, dann —, es gibt gar nichts so Schönes in der ganzen Gasse, was du von mir nicht be«. kommen kannst." >. Bärele schwieg, wahrscheinlich im Gefühle jener Ueberlegenheit, die es nicht gerne bei Worten bewenden läßt, sondern lieber die Tat sprechen lassen will'. , . „Und jetzt nimm das „Pasch" Karten", sagte Ascher kurz, „und gib - aus. Misch aber gut. Hast du Sfreibe?" „Ja, Vater", sagte der Knabe und setzte sich in den breiten -Lehnstuhl,' der sonst seiner Mutter zun: Spiclsitze diente. Schon die Art und Weise, wie Bärele das „Pasch" Karten üinbog, damit die einzelnen Plätter gerade und abgesondert beim „Mischen" hervorginge», erregte Aschers Erstaunen: kein „alter" Spieler hätte das besser zuwege gebracht. Bremleüd lagen seine Augen auf der kleiustcii Gebärde des Kindes, und was das Schönste war, Bärele tat das alles mit einem Ernste und einer Würde, wie sie ebenfalls nur ein alter Spieler, etwa ein Ascher Spitz, nach vielen Kämpfen und Erfahrungen gleichsam als Siegesbeute vom Schlachtfeld heimzutragcn pflegt. Das „Mischen' der Karten selbst war freilich, weil die Finger damals noch nicht-den „Bären" verrieten, mit eine- - Nr. 40. ger Unbehilflichkeit verbünden, aber,er brachte es „ganz wohl" zusammen. Es, fiel keine Karte daneben, und /oer du bedenkt, daß Uärehe zum ersten Male auf einem Schlachtselbe stand, und daß sein Gegner Ascher Spitz ljieß^ wird das wohl zu würdigen wissen. Es ist) manchem Soldaten, der es später bis zufn Geiuwal gebracht hat, Acrgxrnis widerfahren, wenn er zum ersten Male das unheimliche Geknatter der Flintenkugeln um sich vernahm. Jetzt begann das Spiel. Es ist eine Tatsache, daß das Glück sogleich dem Knaben ein aufmnnterndes Lächeln zuwarf, indem es ihm die besten Karten aus-dem geheimnisvoll waltenden Schoße des Zufalls erteilte. Aber was wollte das im Grunde sagen? Haben wir es nicht erlebt, daß mancher Feldherr, um bei unscrm Gleichnisse zu bleiben, trotz der . besten „Position" und mit den besten Streitkräfteu den Kürzeren gezogen hat? Zudem, was nütze» die günstige» Karten, da es hier ein Anfänger mit einem geübten Spieler zu tun hatte? . - Hindel hatte-sich als neutrale Macht zwischen die beiden streitenden- Parteien gestellt, nicht um zu vermitteln, sondern bloß um zu sehen, wie der sonderbare Kampf, der mit so ungleichen'Waffen geführt wurde, endigen würde, Man kann übrigens annehme», daß sich ihre Wünsche und Neigungen mehr der schwächeren Partei, ihrem Kinde zuneigten, schon des Spaßes wegen, den auf sein Franzefüßspiel „eingebildeten" Mäuileinmal und dazu von Bärele gedemütigt zu sehen. - Aber ihre zuwartende Stellung löste sich in starres Staunen, endlich in leidenschaftliche Teilnahme ait. dein Geschicke Bäreles' auf. Das Spiel des Knaben hatte, wie' man anderswo sagen würde, ihr ,,Interesse" rege gemacht; - Unwillkürlich, nicht als wenn cs ihr eigenes Kind, sondern ei» ganz Fremder wäre, war sie auf seine Seite getreten. Wer Bärele spielte -auch, — es war wie ein Wunder,' bas vor den Angen Aschers leibhaftig sich zutrug! Im Beginne flimmerte so eine Art spöttischen Lächelns um seinen Mund, doch dieses' verschwand allmählich, je .kühner' und - bewußter Bärele in die Windungen des Spieles hiiiringcrict, um einer gewissen stummen Verbissenheit Platz zu machen.. Bärele verstand sich wirklich auf den Franzefuß. Wo-, her? und wie ihm das' gekommen, das zu erforschen siel weder Ascher noch Hindel in dem Augenblicke ein; sic sahen ' beide in dem Müde einen Spieler, für und gegen den sie Partei genommen hatten. Nur «innml ereignete es sich, daß Bärelc, - der - bis dahin mit eisiger Kälte den immer hitziger.werdenden Angriffen sich entgegriistellte, in einer Karte fehlging, worauf Hindel, die den Fehler mit geübtem Blicke sogleich erkannt hatte, einen Schrei ausstieß, als ob Bärele hart an einem gähnenden 'Abgrund gestanden und in Gefahr gewesen wäre, in die schwindelnde Tiefe zu stürzen. Dadurch wurde Bärele aufmerksam gemacht und verbesserte schnell seinen Fehler. Ta hätte man aber den Zorn Aschers sehen sollen! Er wurde purpurrot im Gesicht, und mit der Faust schlug, er auf den Tisch, daß er davon erdröhnte. Dann schrie er: ,Mas sagst du ihm, Hindel, was er spielen soll? Erspielt ja besser als ich!" „Ascher", meinte Hindel beschwichtigend, „was er- - eiferst du dich? Vergiß doch nicht, mit wem du cs zu tun hast:" . Das kühlte den alten „Spieler" ein wenig ab; er mochte es fühlen, daß sein väterliches Ansehen unter -allen - Umständen aufrecht erhalten werden mutzte. Sei es nun,' daß der Aerger ihn verwirrte, oder daß Bäreles plötzlich offenkundiges Genie wirllich gesiegt hatte — der erste „Franzefuß" ging-unwiderruflich für Ascher verloren; er mußte die Waffen strecke». Er tat es aber widerstrebend, und in seiner Seele wogten zugleich zwei feindliche Gewalten: Beschämung und Freude. „Soll cffier sagen", rief er, „daß jetzt nicht eine andere Welt ist! Die Kinder sind jetzt gescheiter, als sie zu meiner Zeit wären, und kommen gleich jmit einem ganz andern 'Verstand auf die Welt! Bärele, ich halt', was ich versprochen habe, und wenn du ein Schloß geschenkt haben . willst, foK kauf' ich dir's auch." ' Allerdings müssen wir annehmen, daß die Freigebigkeit Äschers, als es zur Tat kam, sich etwas weniger königlich bewies; aber wenn cs auch kein Schloß war mit Park und Hirschen darin, so war es doch ein ,^>rapfarbener Spenser" mit gelben Knöpfen daran, die wie Gold aussahen, den Bärele als Spielbente davontrug, \ . Noch größer war über der moralische Erfolg-des Sieges. . Bärele hatte "sich mit einem Male in dem Herzen seines ' Vaters ein großes Tor aufgetan, durch das -Liebe und Bewunderung, Stolz und Hoffnung ein- und ausgingen. Von nun.an war Bärele eine dem „alten" Spieler ebenbürtige Macht geworden, die Anspruch auf eine gewisse Achtung hatte und demgemäß auch behandelt wurde. '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.