Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1918-10-18 · Heft 40 (18.10.1918) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 40 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2693075-2693115--10482-2705819
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2. Frankfurter JsraelrtisKes FamüteMaü. SchLkcrgassc W. Sctekergassv 29. Modernes Theater Vorführung stets neuer und hervorragender Filme. . — — . - - -i i..', i. kolonien gegründet tateben, in denen die religiösen Interessen berücksichtigt wurden, was .auch vom sozial-ökonomffcheü Standpunkte aus sehr günstige Folgen zeitigte, da der jüdische Arbeiter dadurch eine viel größere Leistungsfähigkeit als vorher an den Jag legte und dem nichtjüdischen, Arbeiter in keiner Weise nachstand. Leider wurden von den militärischen Stellen diese Arbeiterkolonien unter der, Begründung, daß, man den Juden gegenüber keine Ausnahme machen dürfe, wieder aufgelöst. ''. Tos Schwieqgste, was du Osten zu lösen gibt, ist das Schulproblem. Man hat dort Zustände vorgefunden, die kaum zu schildern sind. Tausende und Abertausende von Kindern liefen phne Unterricht herum. Tie deutsche Verwaltung ist da nicht ganz ohne Schuld. Es wurden nämlich anfangs die Chedorium geschlossen — angeblich aus hygienischen Gründen [— und an deren Stelle Volksschulen gegründet, in denen,piur vier Stunden wöchentlich jüdisch gelernt werden konntet -Was Wunder, wenn die Eltern ihre Kinder lieber ohne Unterricht auf der Straße herumlianfen ließen, als daß sie sie in diese Schule schickten. Es wurde daher in Kowno unter Leitung von Tr. Josef Carlebach ein Realgymnasium gegründet. Die Schule entwickelte sich in kaum IVr Jahren zu einem mustergültigenj neunstufigen Realgymnasium, das gegenwärtig von 550 Schülern und Schülerinnen besucht wird und in dem 30 Lehrer beschäftigt sind. Diese Schule steht dem deutschen Gymnasium in keiner Weise nach'; es wird dort dasselbe Pensum durchgearbeitet wie in anderen höheren Schulen, Und dabei werden die jüdischen.Fächer nicht vernachlässigt. Das Rabbinat gab demselben seine Zustimmung dazu, was bisher niemals der Fall war- Sechs Dajvnim sind dort ebenfalls tätig. Das System, das dort angewendet wurde, war für den erzielten Erfolg von großer Bedeutung. Man kann sagen, daK die Mädchen , dort eigentlich von Schiller und Goethe zur Bibel gelangt sind. Die-Aufgabe des Schulfonds muß es sein, das lshederwesen in einer Weise zu miodernisieoen, daß, den ge- , rechten Ansprüchen der Gegenwart Genüge getan wird, ohne dabei auf, der anderen Seite von dem abzuweichen, was sich als das erhaltende Moment im Judentum erwiesen hat. ' Tie Information und Bearbeitung der Presse gehört ebenfalls zu den Agenden des jüdischen Referats. Ter Redner wendete sich hierauf dem eigentlichen Thema seines fVortrages zu und führte folgendes aus: Der Brief Balfonrs an Lord Rothschild vom November 1317 hat unter der jüdischen Bevölkerung des Ostens, der das Bewußtsein der jüdischen Volksgemeinschaft von jeher ein natürliches Gstfühl, eine unableugbare' Tatsache und inneres Erlebnis ist, eine starke nationale Entflammung der Geister und Gemüter herbeigeführü Palästina ist aber auch bei uns im Westen,mehr denn je 'in ' den Vordergrund des gesamten jüdischen Interesses getreten. Die Diskussion, ob die Juden Nation oder blos Konfession sind, ist seit dem Briefe nicht zur Ruhe, gebammen. Das Ergebnis ist darin zusammenzufassen, daß auch das deutsche gesetzestreue Judentum — nicht zuletzt durch die vortreffliche Broschüre Dr- I. Breuers beeinflußt — zur Bejahung der jüdischen Nation gekommen ist. Die maßgebenden Kreise der A. I. dürfen sich der Tatsache nicht.verschließen, daß es jetzt mbhr denn je gilt, offen zu sagen, wie^sie sich zu diesen wichtigen jüdischen Fragen stellt. Ws Frankfurter begegnet man in Litauen überall Mißtrauen, sobald mau in jüdischen Dingen mitzureden sucht. 'Die Worte Frankfurter Trennungsorthodoxie schallen , einem auf Schritt und Tritt entgegen und lähmen jede Arbeitsfreude. .Es ist vielleicht-nur'ein Schlagwvrt, es ist aber ein sehr wirksames und äußert sich in jü>er Hinsicht und bei jeder Gelegenheit. Wir benötigen ein IIare§ Programm; all die theoretischen Erklärungen, die immer wieder gelegentlich abgegeben werden, haben keinen Wert! Die deutsche Orthodoxie und besonders die A. I. verfährt da gerade so wie der frühere Reichskanzler Hertlrng. Wenn Hertling seinerzeit nicht stückweise gehandelt hätte, sondern das ganze von der Mehrheit aufgestellte Programm angenommen hätte,' es wäre alles anders und viel besser' gekoyunem Es sind wahrend der Kriegszeit überall gesetzestreue Organisationen entstanden, die alle auf dem Boden der . Gesetzestreuen in Deutschland stehen. So z. B. „Degel Jeruschcckajem" in England, deren Begründer Rabbiner ' Kuck aus Jaffa ist, ferner „Nezech Jisrvel" in Rußland. Niemand aber hat daran gedacht, sich an die A. I. anzulehnen, wefl 'in den grundlegenden Programmen dieser neuen Organisationen das Bekenntnis zur jüdischen Nation den ersten Platz ^eiunimmt. Die '2L I. konnte sich zu diesem elementaren Bekenntnis bisher noch nicht entschließen und hat zu diesem Programm noch Line Stellung genommen. Es ist daher nur zu. begreiflich, daß die Ostjuden sie nicht als diejenige Organisation anerkennen können, die berechtigt wäre, die Judenheit der ganzen Welt zu umspannen und ihre Interessen zu vertreten. Die A, I. nchß daher sobald wie möglich die Schlüsse daraus ziehen/ wenn sie die jüdischen Massen im Osten gewinnen will.- Wenn die W I. nicht das zionistische Programm zu dem ihrigen macht und dies nicht mit der gewünschten Klarheit rmsspricht, so ist mit Sicherheit damit zu rechnen, daß, das Ostjudentum den Anschluß znm Misrachi suchen und finden wird. Der Misrachibewegung kann man überhaupt die denkbar. günstigste Mögnose für die Zukunft stellen. Sie wird nach dem Stiege eine, ungeahnte Entwicklung und Erstarkung erfahren. Die Jugend ist.durchweg national geworden. Selbst die deutsch-jüdische Jugend wird vom Felde ganz anders und vtzel jüdischer zurückkehren, als sie hinansging. Bei dem Gottesdienste im Felde, sowie bei jeder Gelegenheit überhaupt, wo jüdische Soldaten zusammenkamen, war stets der Geist der Tradition und' des Gesetzestreue vorherrschend. Besonders gilt dies von denjenigen Soldaten, die im Osten das lebendige Pulsieren her jüdischen Bvlksseele eztcbteiu Wer z. -B, in der Synagoga in Wilna einmpl das Beben, Rauschen und Zittern ' des jüdischen Herzens fühlte, kann eben so wenig wie einer, der in einer jüdischen Kolonie in Palästina lebte, das stolze Gefühl, Mitglied einer Mischen Volksgemeinschaft zu sein, verlieren. Mit dieser Tatsache soll und muß die A. I. rechnen, wann, sie das werden will, was sie anstrebt. j Auch das Studium der hebräischen Sprache muß die A. I. in ihr Programm jaufneljmeit. Die hebräische Sprache ist leime; tote Disziplin, wenigstens für den Ostjuden nicht, an der er-vielmehr mit Leib und Seele hängt Ws Rabbiner Hirsch seinerzeit die Musterschule in Frankfurt gründete, hat er blvs das Maximum des EÄeichbareu und Minsinum des Gewünschten zu realisieren gesucht. Eine Reform müßte daher auch in der Frankfurter gesetzestreuen Schule durchgeführt werden, und zwar müM auch hier dem Hebräischen der Platz eingeräumt werden, der ihm gebührt. Auch das Studium der jüdischen Geschichte müßte hier mehr gepflegt werden» als bisher. Das Studium der jüdischen Geschichte kann in einer jüdischen Schule wenigstens den Anspruch auf Gleichberechtigung mit dem Studium der deutschen.Geschichte erheben. Das würde auch der A. I. bei ihrer Propaganda im Osten vpn großem Nutzen sein und viel znr.IBerbreitung ihres Einflusses bei-, tragen.? Tie 'Arbeit der A. I. im.Osten müßte in erster Linie in der Gründung vpn Jeschiwohs bestehen. Je mehr Torälehranstalten von der Agudah dort errichtet werden, desto größer-wird dsirt ihr Einfluß werden. Ferner muß es die Aufgabe der A- I. sein, dort jüdffche Schulen zu gründen und tüchtige jüdische Lehrer ans Deutschland zu bewegen, nach dem Osten zu gehen. Damit würde sich die ßbgudah ein ewiges Verdienst um die Judenheit im Osten erwerben. Nur solle mjan blort keine Politik machen, wenigstens keine, die Anlaß zu Angriffen und Verdächtigungen gibt. . *. Auch auf dem Gebiete der Presse wäre im Osten vielles. zu leisten. Der sozialistische Bund und alle anderen radikalen. Elemente kündigen einen Kampf bis aufs Messer an zur Eroberung der Kehilah; sie wollen dieselbe lediglich zu einer bloßen wirtschaftlich-sozialen Institution degra-! Bieten, bic mit dem Religiösen ,urü> ßhituÄlen nichts, zu tun! haben soll. Die konservativen Kreist rüsten sich zur Ber-! teidignng. Was in einem solchen Kampfe die Presst bedeutet, kann man sich leicht Vorstellen. Dazu sind aber 'wiederum geschulte gesetzestreue Kräfte aus Deutschland' i nötig. - Eine zweifellos schöne Aufgabe der A- I. wäre es' ebenfalls, die Initiative zur Schaffung einer Organisation der litauischen Rabbiner zu ergreifen und solche aufs' tatkräftigste zu fördern. Der Segen, der aus einer solchen Organisation dem tzesamieü litauischen Judentum ersprießen würde, braucht nicht tojeiter anseinandergesetzt zu werden. Der Redner streifte noch in diesem Zusammenhänge kurz die verzweifelte . Läge und die traurigen Zjnkuustsaussichteii der Juden in Polen. Wenn die Ansprüche der Polen voll erfülft werden sollten, würden für die Juden in Polen sehr schwere Zeiten kommen. Der Pole hat sich in den letzten Jahren als der größte Antisemit erwiesen. Mit dem Wunsche, daß. das jüdische Zentrum in Palästina bald Wirllichkeit werde, und daß beim kommenden Friedensschlnß auch der ungerechten Behandlung unserer Brüder in vielen Ländern der Diaspora ein Ende, bereitet wird, schloß der Redner seinen zweistündigen I Vortrag. ' In der Diskussion trat Jacob Rosenheim, der von dem Referenten an dem Programm und der Tätigkeit der Agndas Jisrvel geübten Kritik entgegen und betonte, daß die W I. Organisation von dem ersten Tage . ihrer Gründung an auf dem Boden des' jüdischen Volkstums stand und steht! Die M. I. unterscheide sich in national-politischer Hinsicht von dem Zivnismus lediglich darin, daß.sie kein Allheilmittel für die gesamt«; Judenheit der Welt verschreibt. Die Judenfrage hat in «nein jeden Lande einen anderen besonderen Charakter, der durch die Struktur des betreffenden Landes bringt und nur in deren Rahmen und unter. Berücksichtigung dieser besonderen Eigentümlichkeiten zu lösen ist. Daß die während der Kriegszeit entstandenen neuen gesetzestreuen Organisationen sich nicht, der U. I. angesckstossen haben, ist nicht, wie ber Referent behauptete stuf den Mangck eines nationalen Bekenntnisses im Programme der.Agudah zurückzuführen. Dies erllärt sich vielmehr aus den eben durch den Krieg geschaffenen Verhältnisse, die es begreiflicherweise nicht gestatten, sich einer Organisation im feindlichen Ausland anznschließen. Was die Gründung von Jeschiwohs, Schulen und Preßvrganen im Osten anbetrifst, so gehört dies von Anfang an zu den HauptziAen der Ztzudah,, dazu sind jedoch größere Mittel tätig, die innerhalb der deutschen Orthodoxie allein unmöglich aufgetrieben werden können. Dies kann vielmehr nur im Wege her Selbsthilfe.und zwar eben durch die angestrebte Organisierung der Ostjudenheit nach dem Programme der ,'A. I. wit Erfolg durchgeführt werden-. M. B. - fgi Kaffee Rnhland 35; Kaiserstrasse 56 . Kaiserstrasse Täglich erstklassige BBF' Unterhaltungsmusik 56 Gesangs «Einlagen. - n ün Opernplats Erstklassiges JPamilleri-RajBfee Jeden Nachmittag ron 4 bis 7 vhr und Xvcnd von ' -. .. ■ 8V* Uhr ab . ■ K.-U3iatl er-g-omgert. "WS Die Audienz Des Wiener OHDrradbiütrs ' bei. Ka^eUSnrl.^>".^^ EÄ Oberrabbiner Dr. Chajes erschien beim Kaiser in AMenz. Der Kaiser erkundigte sich, über.die Lage.-.der jüdischen Flüchtlinge in Wien. Dr. Chajes erwiderte, . daß der größte Teil bereits in seine Heimat zürückgekehrt-'ist!und die Lage, derer, die wegen Zerstörung ihrer Heipiat bisher nicht zugückkehren tvnnteu, iiffofern,schlecht, fft,'. als sie vielfach der Not ansgesetzt sind. Der Kaiser^.demepkte dlarauf: „In Ihrem Volke hilft ja immer..einer^dem andereii." . - ■ *■ — . . v:? Die nächste Frage des Kaisers galt der-Lage.der.Ostjuden. Dr. Chajes antwortete, daß die Lage der- Ostjuden eine schlechte ist, besonders-mit Rücksicht auf das schlechte Verhältnis der Polen zu den Inden. Auf die -Frage des Kaisers, was nun zu geschehen hätte, erwiderte der .Oberrabbiner, daß die einzige Möglichkeit , einer Abhilfe in der Sicherung der Rechte der- Juden-als nationale Minderheit liege. Nun fragte Kaiser Karl: „Was halten Sie vom Judenstaat, den die Entente errichten will?" „Tie/zionistische Bewegung ist die Einzige-internationale Bewegung, die als solche den Krieg überdauert und als solche ihre strenge Neutralität bewahrt hat. Ihr ist es zu danken, daß die englische Regierung in ihrer Erklärung über Palästina nicht den 'Ausdruck„Judenstaat", sondern nationale Heimstätte" gebraucht hat. Eine Formel, die bereits 1897 , auf dem 1. zionisttschen Kongreß in Basel geprägt wurde, also zu einer Zeit, als die Wfhrer des Zionismus mit der Türkei Verhandlungen pflogen, welche die türkischen Souveränitätsrechte zur Voraussetzung hatten." . , - „Was bedeutet eigentlich Palästina für die Juden?"' „Das jüdische Volk ist in Tausende und Tausende Gruppe» zerschlagen, von denen jehe einzelne um ihre . Existenz kämpfen muß und nur durch ein Wunder sich bis -heute erhalten-konnte! Auchdie Juden in Abessinien, die seit 2000 Jahren von uns getonnt sind, haben ihr Judentum bewahrt. Doch kann ein.Volk seine Existenz nicht tauf Wunder aufbauen. Wir müssen einen uattvnalen und religiösen Mittelpunkt haben." > „Und das kann nur Palästina fein?"' „In Palästina hatten wir unseren Ursprung und an Palästina -hängen wir seit Jahrtausenden mit Liebe und Sehnsucht/^ - „Kamt denn Palästina alle Juden aufnehmen?" „Daran wird nicht gedacht; auch zur Zeit des zweiten jüdischen Staatswesens hat der größere Teil' der Juden in der Diaspora gelebt und jeder von ihnen hat dem Lande, dem er angehörto, als guter Bürger seine Tienstd geweiht."' Hierauf informierte sich der Kaiser noch Wer die Verbreitung der zionistischen Bewegung. - Als am Schluß der Unterredung, Dr. Chajes auf die auch im Auslande vorhandenen Sympathien für Oesterreich und seinen!vaiser hinwies', bemerkte Kaiser Karl: „Sie wissen — ich muß es ja nicht immer wiederholen —, daß ich den Frieden will, und zwar vom ersten Tage meiner Regierung an."' , Nochmals und dringender als je ergeht an alle Juden die Aufforderung, den Frtederrsscheck des Jüdische« Ratio«alfouds zu zeichnen. Denn der Nationalfonds, ist; an erster Stelle 'zur Verwirklichung der ungeheuren kolonisatorischen Äufgaben berufen, die in Polüstina sofort nach Friedensschluß, unter" allen Umständen gelöst werden-muffen. Seine finanziellen Mittel verlangen daher eine ganz, ..außerordentliche, die bisherigen bescheidenen Erfolge um das Hundert-, ja Tausendfache übertrcffende Steigerung: Nur so kann er die Initiative bewähren, - die der jetzige historische Augenblick von ihm fordert. Tie. nächsten Wochen schon können uns den Frieden bringen, noch heute also, noch in dieser Stunde^ gilt es, die unbedingt notwendigen Kapitalien bereitzustellen. Niemand darf sich .dieser dringendsten ^Pflicht entziehen, .von der in erster LnAe die ''Erfüllung unserer Hoffnungen abhängt! .? / Jeder zeichne den FriedeusscheB; Scheckformulare hält die Centrale des Nätionalsonds, Berlin W. 15, Sächfischestraße/ 8;, in gewünschten Mengen zur Verfügung.' . '

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.