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Neue jüdische Presse · 1918-10-18 · Heft 40 (18.10.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 40 (18.10.1918)
Date
1918-10-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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V. 8, I Erscheint wöchenllich am Freitag. KeMsprriq pro Vierteljahr: Zn Frankfurt cu M. 3Jlt 1.50 frei ins Haus. Bei der- Post abonniert. Mk. 1.35, frei ins Haus 4 Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch I . Streifband für Deutschland und,Oesterreich-Ungarn Mk.2.— für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel * Nummern kosten 15 Pfg. 4 ■' *' NedaKtvm und Erpeditisn: Frankfurt a. M. :: Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. Herausgeber: Saks Heis. Jnsertionspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 40 Pfg.. für dieRellamezeile Mk. 1.50. Bei Wiederholungen entfprechmder Rabatt. Platz» und Datum-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina.Annoucen-Bureaüs. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4884. U. Jirhrsa«s. Freitag, de» 12. 6d686L^an 5679 (18. Oktober 1918) » Nr. 4V. Das Gebot der Stuvde» Die Zeit verlangt rücksichtslose Klarheit von uns in unserer Pflichterfüllung als Juden. Cs genügt nicht, daß wir für unsere Person treu die. Bahnen der Väter zu wandeln bestrebt sino, sondern auch unsere Beziehungen zum jüdischen Bolksganzen. unsere Pflichten dem jüdischen Bolrsganzen gegenüber stellen heute gleich große und ernste Anforderungen, und deshalb müssen -wir über diese Beziehungen und ihre Forderungen zur Klarheit gelangen. Die Frage, ob wir Juden nur Bekenner eines besonderen Glaubens sind, oder ob wir noch außerdem über die Grenzen unserer Wohnländer hinweg einer eigenen, Nation, angehören, ist es, die heute von, entscheidender Bedeutung ist. Die Frage war früher, keine Frage, denn, ein Band der Zusammengehörigkeit umschlang die. Judenheit der ganzen Welt, bis seit der französischen Revolution in Westeuropa die Konsessionalisierung des Judentums begann. Doch wären wir wirtlich nur Anhänger einer Konfession, dann müßte jetzt die Zertrümmerung unseres Zentrums im Osten durch. das Auseinändersallen ces russischen Staa-> tes zur Katastrophe für das gesamte Judentum werden. Tenn' damit würde auch im Osten der fortwährende Durchsiebungsprozeß einsetzen, der seit langem in den Ländern des. Westens fortgesetzt alle diejenigen allmählich vom Judentum absalleu läßt,, die nicht religiös veranlagt sind oder deren Eltern ' ihnen keine religiöse Erziehung gaben., Diese' Entwickelung wird sicherlich inr Osten nicht zur Wirklichkeit werden, weil dort noch der bewußte Zusammenhang mit dem gesamten jüdischen Volke selbst bei den Antireligiösesten besteht. „Ich bin ein Jude", ist dort eine so schlicht einfache, natürliche. Selbstverständlichkeit, daß es -darüber keinen Zweifel gibt, und daß bei niemandem der Gedanke auffoiitriten kann, sich seines Judeseinszu schämen: Im Westen ist selbst in traöitionstreuen Kreisen dieses Bewußtsein im Schwinden, und nur die Teile, die von. Iber zionistischen Bewegung angezogen worden sind, befinden sich wieder auf dem Wege W ihm. Der Konsessionalisierung der westeuropäischen Judenheit ist es denn auch zuzüschreibeu, daß sie in einer lAhnuugs- und Sorglosigkeit hinsichtlich der Zukunft des Judentums befangen ist, als wäre alles zum Besten bestellt und das in einer Zeit, in der Welten umgekehrt werden. Das seelische IVerhältnis zum Judentum ist ein .so' vbersläch-- Iliches geworden, daß selbst die tiesgehenosten Ereignisse der jüdischen Welt fast. wirkungslos vorlübergehen. So wirkt z. B. . die Nachricht von leinem furchtbaren Pogrom in Rußland aus oen IDurchschnittsjuden Westeuropas nicht mehr, als Ilvcnn er etwa liest, daß in Amerika . wieder, ieinmal Neger gelyncht worden sind. Was Wunder lalso, daß man sich keine Gedanken darüber macht, Iwie das Judentum in zehn oder zwauzig Jahiren äussehen wird. I Anders ist. es nur bei den durch den Ziouisimüs, wieder zu dem altennationalen Gefühl l Zugewandten. Besser ist es freilich auch noch Ibei den traditionstreuen Kreisen,, die der ziopistiijchen Beweguiig ablehnend gegenüber flehen, ' denn »die' Traditionstreue hat wenigstens noch teilweise Ibas "nationale Gefühl erhalten. I Deshalb hatte...man aüch in unserer tradi- Itivnsrreuen Judenheit schon längst. eine Llhstung von der Lage der Tinge, und so entstand die Agudas Jisroel-Organisation. Man wollte sich aber nie zu einer klaren Erkenntnis der wahren Sachlage durchringen. Die klare Erkenntnis der Lage der Gesamtjndenheit ist heute jedoch ein Gebot der Stunde geworden, Doch es scheint, als wollte dieses Verstand-, nis auch hier sich Geltung verschaffen. Heinrich, Eis e m a n n. den seine Militärpflicht zwei Jahre hindurch bei der jüdischen Abteilung der Verwaltung Ober-Ost festhielt, und der so das jüvische Leben ' des Ostens kennen j lernte, hat in einem Bortrage in der Frankfurter Agudas-Jisroel-Ortsgrnppe das erste Wort gesprochen, das da lautet, daß die traditionstreue Judenheit Deutschlands, wenn sie ihrer Pflicht genügen will, sichihrcs nationalen Zusammenhangs mit dem jüdischen Volksganzen wieder klar bewußt werden muß. ErternnngderhebräischenSprache als Schrift- und Umgangssprache und umfassende Beherrschung der jüdischen G e s ch i ch t e seien deshalb Forderungen, die die Agudas Jisroel-Organisation neben ihrem Palästina-Programm zielbewüßt vertreten muß. Schwere und große Aufgaben harren des traditionstreuen Judentums DeutschlanM im Osten. Nur eia klar bewußtes und inniges Zusammengehörigkeitsgefühl mit den Brüdern im Osten kann ienem Idealismus Leben geben, der erforderlich ist, damit das geschehe, was geschehen kann und muß. Durch den Krieg ist im Osten die Jugend dem traditionstreuen Judentum -verloren gegangen, und es bedarf zur Errichtung höherer jiiCtfcEjer Schulen großer Mittel und traditronstreuer ideal gesinnter Lehrpersönlichkeiten aus dem Westen, um die Jugend des Ostens zu.belehren, daß allgemeines Wissen und Treue zum traditionellen Judentum nicht nur leine Gegensätze sind, sondern erst wahrhaft harmonische jüdische Menschen heranbilden. Heinrich Eisemann zeigte an ehicnt Beispiele, was erreicht 'werden kann. Tie deutschen Oberlehrer Dr. Joseph Carleb ach und Dr. Leo Deutschlander haben mit materieller Unterstützung aus traditionstreuen Kreisen Deutschlands in Kowno ein jüdisches Realgymnasium gegründet,' das. in nur achtzehn Monaten in neun Klassen 500 Schüler: und Schülerinnen zählt. 30 Lehrer, darunter sechs Dajonim, unterrichten und täglich sind lVr -2 Stunden obligatorische jüdische Fächer neben fakultativen. Die Kraft des Zusammengehörigkeitsgefühls! beleuchtete Eisemann an der Unterstützung, die die Ostjuden Amerikas ihren Brüdern im Osten Europas während des Krieges, gewährten, denn nicht weniger als 3? Millionen Mark betrug die Summe dieser Unterstützung trotz mehrfacher Unterbrechung in der Zusendung. Trotzdeni lehnt er eine Verbindung der traditionstreuen Judenheit mit der jüdischnationalen Bewegung ab. Er sieht bei der zu erwartenden realen Verwirklichung der zionistischen Ziele in Palästina sich dort schwere religiöse Kämpfe abspielen, und er will keine Verantwortung, an all der Verletzung der jüdischen Religion, des Thoragesetzes tragen, die er dorten voraussieht. Nehmen wir an, er habe recht, — gerade dann, meinen wir, sollten wir Traditionstreuen uns erst recht nicht sern- Halten, sollten energisch und mutig für die Verwirklichung all dessen kämpfen, was uns heilig ist, — doch dann wäre eben die Agudas'Jisroel- Organisation überflüssig, denn sie würde sich dann mit dem Misrachi decken, welche traditionstreue Organisation das Gebot der Stunde wirklich klar begriffen hat. Agudas Jisroel and die Oftjuden. \ / In der Frankfurter Agudas Jisroel Orts- und Fugend- \ \ /gruppe sprach Heinrich Eisemann über das Thema „Agudas Jisroel und die Ostjuden". Aus den sehr bemerkenswerten Ausführungen sei hier folgendes wiedergegeben: Tie litauischen Juden fühlen sich alle vom frommen jüdischen Schriftgelehrten, dem Talmidchochem bis zuin Führer des „sozialistischen Bundes", als Glieder des Mischen Volkes. Tas Bewußtsein, Wied und Zelle einer nationalen Gemeinschaft zu sein, ist dem Ostjuden im Gegensatz zum Westjnden niemals verloren gegangen. Tas jüdische Leben, in seiner verschiedenartigen und vielfältigen Gestaltung kann man in der Jeschiwoh, auf Festlichkeiten, im Theater und auf Versammlungen wahrnehmen. Man stößt anfangs auf Mißtrauen, und es gelingt nicht leicht, in den engeren jüdischen Kreis einzudringen: sobald man sich aber den Weg in das jüdische Haus gebahnt hat, erkennt man mit Demut, welche herrlichen Schätze da verborgen liegen. Wir merken mit Be-' schämung, wie wenig wir diesen Menschen gerecht wurden, die wir da glaubten, mit einigen Wmosen unsere Pflicht ihnen gegenüber getan zu haben. Tie traurige wirtschaftliche und soziale Lage-der Juden in Litauen ist während des Krieges von jüdischen und nichtjüdischen Schriftstellern geschildert worden. Tas jüdische Solidaritätsgefühl offenbarte sich zur Linderung des Elends in seiner vollen Herrlichkeit. Es gereicht besonders den amerikanischen Juden zur Ehre, daß sie während der Kriegszeit nicht weniger als .37 Millionen Mark ihren Brüdern und Schwestern im Osten znkommen ließen. Turch eine Verordnung des früherenVerwaltungschess Ob-Ost, daß 13°-» der Unterstützungsgelder für interkonfessionelle Zwecke verwendet werden, die zur Kenntnis der amerikanischen Juden gelangte und sie stutzig machte, wurde für einige Monate: die Ueberweisung der Gelder eingestellt. Es wurde jedoch dann der Musweg gefunden, daß die Gelder durch ein holländisches Komitee zur.Verteilung gelangen. Nachdem das Komitee etwa sieben Monate funktionierte, -kam es wieder zum Stocken. Es ist aber anzunehmen, daß es bald wieder gelingen wird, die Unterstützungsgelder hereinzubekomnren. Aus der Tatsache, daß Wilna aUein M. 200,000 monatlich zugewiesen bekommt,?kann man ermessen, was der Ausfall dieser Unterstützungsgelder bedeutet. , Was die religiösen Zustände in Litauen betrifft, so gab eS einmal eine Zeit, wo die litauische Judenheit eine Einheit des Bekenntnisses darstellte; dann kam die Haskala als erste Stufe der regiösen Zersetzung, die Redolutionsepvche von 1805 war die zweite Stufe. Tem Weltkrieg blieb es jedoch Vorbehalten, ganze Arbeit zu..leisten. Die Wunden, die er dem religiösen Leben der litauischen Judenheit geschlagen hat, sind so schwer und gewaltig, daß es überhaupt unmöglich ist, sie in ihrer vollen Tragik zu erkennen. Kleine Städte haben noch standgehalten. Die Jugend aber, besonders die weibliche, in den Großstädten ist in dieser Hinsicht als verloren zu betrachten. ' Eine besonders interessante und ideale Erscheinung ist der litauische - Raw, auf dessen Gesicht ein göttlicher! Glanz' strahlt, und dessen Bescheidenheit keine Grenzen kennt. Seine Tagesordnung ist lernen, Gott dienen- und die-Fürsorge für seine Gemeinde. Sprechstunden kennen dib dortigen Rabbiner nicht. Sie haben während der Kriegszeib Erstaunliches und Unglaubliches geleistet, sie haben Trümmerhäuser in neue Lehranstalten umgewandelt und ihre alten zersprengten sowie neue Jünger um sich gesammelt. Die Tätigkeit des „jüdischen Referats" bei der Regierung Ob-Ost, dem Redner angehört, erstreckt sich aus sämtliche Gebiete des öffentlichen jüdischen Lebens. Das jüdische Referat hat stets seine Aufgabe darin gesehen, den Wünschen der jüdischen Bevölkerung 'nach Möglichkeit Rechnung zu tragen und sich zum Dolmetscher der jüdischen Volksmassen bei der deutschen Verwaltung zu machen. Es hat daher von Anfang an in der Frage der nationalen Kurien das Recht der jüdischen Minderheit bei jeder Gelegenheit betont und vertreten. Niemand kann von den Juden in Litauen verlangen, daß sie plötzlich in ihren Schulen die litauische Unterrichtssprache einführen sollen: sämtliche Nationen in Litauen werden sich schon damit abfinden müssen, daß auch den.Juden ihr Recht wird. An der Lösung der Arbeiterfrage nahm das Referat ebenfalls tätigen Anteil. Die deutsche Verwaltung hatte nämlich anfangs Aushebungen veranstalret und sogenannte Zwangsarbeiterkolonien gegründet. Hier setzte das Referat durch, daß besondere Mische Arbeiter-

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