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Neue jüdische Presse · 1918-09-20 · Heft 37 (20.9.1918) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 37 (20.9.1918)
Date
1918-09-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. . „Mein Vater ist -schon so oft betrogen worden", nieimc Mirl verlegen, „daß ich glaub'!" „Daß ich ist» ainh betrügen werde? . . ." ergänzte Kobi, „du kannst das nicht glauben, Mädchen! ... So lieb mir mein Vater und weiim Mutter sind, du darfst das von wir nicht glauben. Ich weiß, was du deinem Vater bist: meinst du,'wenn ich nicht überzeugt iväre, wir zwei zujamnien könnten ihn noch glücklicher machen, ich würde ’ mich unterstehen, so mit dir zu reden?" Mirl richtete sich hoch auf nach diese» Worten: Tränen glänzren in ihren Augen, mit bebender Stimme sagte sic: „Kann man sich wirklich auf -ich verlassen?" „Ich schwör' nicht", sprach Kobi innig, „aber glaub mir." „So bleib!" sagte sie leise, fast ünvernehmbar. Unwillkürlich suchten nnd fanden sich zwei Hände nnd konnten fast nicht voneinander lassen. Kobi aber ließ zuerst ab . . . Als er wieder in die Wohnstube kam, fand er den Randar,- den Kopf in Die Hand gestützt, wie in tiefes Nachsinnen versenkt. Er fuhr auf: „Run, ist dein Kutscher versorgt?" fragte er. „Ganz gut, Rebb Joscl", entgegente Kobi, „dem Pferd schmeckt Ihr Hafer außerordentlich gut." „Das glaub' ich", meinte der Randar mit eineni gewisse» Stolze, „mein Hafer ist auch gut." ^ie Zeit bis zum Esse» verstrich unter mannigfaltigen ■ Gesprächen. Der Randar kam mit leinen, Worte aus das Geschäsl zu reden: dennoch handelte cs sich dabei um nichts anderes, als was Bezug hatte auf.Handel nnd Wandel. Es war eine Art Prüfung, die der Randar mit ihm anstcllte, und außerordentlich gelehrte Männer mit große» Bibliotheken im Kopfe, woraus sic auf ein Quentchen auszu« I rechnen wissen, wieviel Fleisch, Milch nnd Brot aus eine arme Menschenseele kommen, wenn ihr das Glück beschert ist, sich dieser Dinge erfreuen zu dürfen, hätten dabei Ge- . legenheii gehabt, die Fülle von Kenntnissen aus allen Zweigen der Landwirtschaft, der „Nationalökonomie", ja sogar der Statistik zu bewundern, die die beiden entivickcltcn. Vom eisernen Nagel, der unbeachtet auf der Gasse lag, bis hinauf zu dem Sack Wolle, der auf dem Schiff nach England hinüberschwamm, von, Hasenhäutchen an, das der Hausierer mühsam den 'Händen des Wrldhegers entrang, bis zum . Runlelrübenzucker, der in Tausenden von Fässern jn den Prager Fabriksniederlagen aufgespeichcrt lag, wußten die beiden Bescheid. Kobi zeigte sich als einen offenen Kopf» der mit Hellen Augen sich in der Welt umgesehcn, viel beobachtet und noch mehr in sich bewahrt hatte, wenn es auch nicht im Zusammenhänge mit seinem Geschäfte stand. Der Randar sprach kein Wort des Lobes, aber Kobi .hört: es ihm an, daß ihn seine.Antivorte» befriedigt habe» mußte». Tiefe Prüfung dauerte bis zum Essen. Mrl kam und deckte auf den Tisch ein schneeweißes Linnen, stellte darauf drei Teller und Eßgeräte und brachte zu guter Letzt noch einen mächtige» Krug Bier. Dabei folgte Kobi jeder ihrer ' Bewegungen; es lag in jeder ein besonderer Reiz, oder wie es unübersetzbar in der Sprache des Ghettos heißt: rin „Taw", wie er ihn noch nie sah. Das Essen war reichlich und gut, und Kobi, den Liebes- ■' quäl und Mühe hungrig gemacht hatten, ließ ihm auch alle Gerechtigkeit widerfahren. Er lobte die Speisen nicht, tveil dieses Lob vielleicht zu ausfallend geklungen hätte, aber er bewies es durch dis Tat, was er von Mirls Küche hielt. Er ließ sich auch nicht „zwingen", aß seine» Teller rein ab und sprach auch dem Biere zu. „Das ist schön von dir", sagte der Randar einmal, den Der frische Appetit seines Gastes offenbar freute, „daß du keinen „Derech Ercz"*', auf deinem Teller ziirücklaffest. Wenn der Mensch hungrigist, soll er sich nicht schämen und soll essen. Ein Mädchen ist etwas anderes; die wird von der ganzen Welt gemustert und muß darauf sehen, daß sie für Tcine Esserin gilt. Denn das könnt" ihr einmal schaden. Warum soll sich aber der Mann zieren?" Zufällig blickte Kobi auf Mirls Teller; di: Speise war beinahe unberührt, und das Mädchen errötete in diesem Augenblicke unbegreiflich stark. Als gespeist war, sagte der Randar zu Mirl: „Ruf jetzt einen von den „Schnorrern" herein." Kobi verstand, was dieser Ruf bedeutete. Der Randar wollte ihn einer neuen Prüfung unierwerfcn, wahrscheinlich - ihn mit dem „Benschen" (Tischsegen) beehre»; denn, da sic nur zwgs Männer waren, gehörte wenigstens noch ein dritter hinzu, um „Mesumen benschen", d. h. in Gejellschast laut - beten zu können! *) Seiitc, dir auf die „Beschau" komme», lassen gewöhnlich einen Teil der Speisen auf dem Teller zurück, um iricht den Schein großer Eßlust auf sich zu laden. Man nennt dies „Derech Erez" (Landessittc). Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. Kobi hatte das Rechte getroffen. Ach der' Schnorrer gekommen war, sagte der-Randar: „Jetzt bensch, Jüngel." Kobi schenkte erst dem Randar, dann dem Schnorrer nnd sich selbst das Glas mit Bier voll, und indem er eS auihob und sich dabei.leicht gegen den Randar verneigte, rief er mit lauter Stimme i» der heiligen Sprache Zions: „Mit Erlaubnis des verehrten Hausherrn: Gelobt sei, von dem hvir Speise erhalten!" Mir kräftigen! Tone wiederholten die zwei anderen das: Gelobt sei, von dem wir Speise erhalten, worauf Kobi mit lauter Stimme das Tischgebet so rund nnd geläufig hersagte, daß auch nicht eine Silbe „überschluppert" schien. Kein Landrabbiner hätte mit mehr Weihe und Kraft von Anfang bis tzum Ende das Gebet zustande gebracht. Zum Schlüsse erhob Kobi noch einmal das Glas, nnd indem ter die vorgefchricbenc Scgensformcl darüber sprach, nippte er davon und verbeugte sich daun nochmals gegen den Randar, dem er mit eineni: „Zur Kraft" dankte. Als Kobi 'hierauf nach Mirl blickte, fand er -ihr liebes Antlitz von Freude strahlend; er hatte also „gut" gebenscht? Nachdem Mirl wieder abgcräumt hatte, meinte der Randar, der sich in seinen, Lehnstuhle streckte, indem er mühsam das Gähnen unterdrückte: „Was niache» tvir jetzt bis zum Schlafengehen? Kannst du eiucn „Franzefuß" spielen, Jüngel? Tu verstehst dich ja auf alles." - " . ' Kobi besann sich eiucn Augenblick,. ob er auf diese kitzlige Frage mit Ja oder Nein 'antworten solle; aber ebenso rasch sagte er darauf: „Wenn man mich grade benötigt, lass' ich mich auch zu einem „Franzefuß" gebrauchen." „Gut, Jüngel", meinte der Randar, der sich zurechtsetzte, „wir wollen sehen, was du känust." . - Mrl brachte Karten und Kreide. Der Randar ergriff das „Pasch" Karten, blätterte sie mit kunstgeübter Hand durch und „gab" dann aus; ans Kobi tvaren merkwürdigerweise laiitcr schlechte Blätter gefalle». Ehe das Spiel nun begann, griff der Randar in seine Hosentasche und legte einen silbernen Zwanziger neben sich, Kobi griff ebenfalls nach Geld, brachte aber nur eine» kupfernen „Scheinkrcnzcr" heraus, den er gleichfalls in bescheidener Ferne aus den Tisch fallen ließ. „Was soll das?" rief der Randar mit dem ganzen Ungestüm seiner derben Natur, „meinst du, ich bin ein Schnorrer, daß ich mit dir um einen Kreuzer spieleir werde? Tu spielst mit Joscl Süß, Jüngel! Verstehst du das?" „Und ich spiel' »»t nicht höher", sagte Kobi entschicdeu. „Das können Sie tun, Rebb Josel, ich tu's nicht." „Ich spiel' aber nicht um einen lumpigen Kreuzer" schrie der Randar zornigs „Zwingt Sie denn einer, Rebb Joscl?" ,„einte Kobi lächelno. Der Randar murmelte etwas zivischcn den Zähnen, was Kobi entging, dann ergriff er die Kartenblätter und sagte in einem ruhigeren Tone: „Fang an, Jüngel. Ich will dir zu Gefallen deinen Kreuzer wie einen Zwanziger ansehen. Spiel ans!" Kobi verstand sich vom väterlichen Hause aus vortrefflich auf dieses in de» Gassen des Ghettos besonders beliebte Spiel, er konnte jetzt den Meister zeigen! Ohnehin waren ihm „schlechte" Karten zugefallen . . . wie leicht konnte er da seine Geschicklichkeit, ja seinen Verstand glänzen lassen! Wenn er aber gewann, beleidigte er damit nicht seinen Gastherrn? Gebot es nicht schon die Artigkeit, daß er den stsnndnr gewinne» ließ? Wer aber stand ihm dasiir, daß der Randar mit seinen scharfen Auge» ihn nichtdiirchblickcn würde, Heuchelei, Gesallsucht und dergleichen, dahinter sehen könnte? Dennoch entschloß sich Kobi für das letztere; er wollte den Randar gewinnen lassen. .Bon zweien, die miteinander spielen, kam er innerlich zum Schluß, will jeder gewinnen und freut sich, selbst wenn ihm nur ein kupferner Kreuzer zusällt. Sollte der Randar anders geartet sei»? Kobi wandte nun die Kriegslist a», daß er sich trotz der schlechten Karten anfangs als Meister des Spieles bewies; bald darauf ließ er die Flügel hängen, machte auffällige Fehler und zog sich eine Niederlage zu, die er wohl vermeiden konnte. Als er beim Umblättern der Karten zufällig nach Mrl sah, bemerkte er einen Zug sorgenvoller Traurigkeit auf ihrem Antlitze; u„merklich, aber nur ihm verständlich, glaubte er sie ihm zuwinkend gesehen haben. Was wollte sie? Um Gottes willen! Hatte er irgend einen Fehler begangen, vor dem sie ihn warnte? Welchen? Er sah schärfer nach ihr hin; die Traurigkeit war »och nicht versck wunden, sie winkte ihm aufs neue! Nun wußte er es deutlich und klar. Beim zweiten Spiel beschenkte ihn das Geschick mit besseren Karten; allem Anscheine nach konnte er nun so Nr. 37. -H —. - —.. - 1 leicht gewinnen, wie mau.die Hand umdrehte; dennoch be» ■ / schloß er bei der einmal augeupinlpenen Kriegslist zu ver-! harre», nämlich sich selbst zu schlagen. Der Randar sollte, nicht meinen, sein Herz tlanimere sich an einen Zwanziger. Diesmal beging er noch ausfälligere Fehler; der Randar war auch! kein Kind im Spiele und benützte jede.Blöße Kob,s mit geübtem Scharfblicke. Wieder sah Kobi nach geendigtem Spiele nach Mirls Angesicht. Jener Zug der Traurigkeit lag stoch immer darauf, es kam ihm sogar vor, als ab sie ihn mitleidig aublickte. . . Sie winkte nicht wehr.- Was hatte er begangen? Er war sich doch keines Fehlers bcivußt! Verwirrt, mit Schwindel im Kopse, dunkel vor den Augen, begann er das dritte Spiel. Kohi spielte wieder schlecht; mitten'darin sah er zu Mirl hinan; nun bemerkte er gar Tränen in ihren Augen. Zugleich fühlte er, ivie unter dem Tische sein rechter Fuß leise, fast -zu leite berührt lvar. Er sah noch einmal nach ihr hin: tiefes Erröten zog blitzschnell überdas holde Gesicht, um gleich darauf dem traurigen Zuge wieder Raum zu gönnen. Nun trat Tadesschweiß auf Kobis Stirne, das Blut rann ihm in den dldern. Was ivollte sie? Wovor warnte sie rhu? Tenn das enrpsaud er im Tiessten seiner Seele, — sie ivarute ihn! Etiva, daß er dcit Pater gewinnen ließ? Konnte das ein solches Vergehen in ihren Auge»' sein? Zinn ersten Male im Leben ratlos bemächtigte sich seiner ein verzweifelndes Gefühl, immer düsterer zog es vor seinen Augen ans. Nacht umgab ihn, aus der nur Mirls holde Schönheit wie ein Stern glänzte. Aber ohne es zu wolle», hatte er während dieses Zustandes einige Meisterwürfe getan; erstaunt bemerkte er, daß das Spiel zu-seinen Gunsten sich nmgestattet hatte. Als er jetzt wieder nach Mirl sah, >var jener Zug verschwunden, ei» mildfreudigcs Lächeln strahlte über ihr ganzes Wesen. Meinte sie es so? jubelte es stürmisch in der aiigstbefreiten Brust Kobis. Nun sollte sic mit ihm zufrieden sei», der Randar inne werden, daß er einen wirklichen Meister vor sich hatte. Kobi fühlte sich neugestärkt. Jn den daranfsolgenden Spielen zeigte sich die neue Kricgsweisc Kobis in ihrer ganzen Macht und Bedeutung; - mit den besten Karten konnte der Randar nicht gegen ihn anfkomme». Zivanzigcr auf Zivanziger lagerten sich zur. Seite Kobis 'hin, wie Sicgcsbeutc aus blutiger Schlacht davongetragen, aber Kobi hütete sich -sehr, durch irgend eine freudige Miene die Regungen seines Inneren zu verraten. Sein Leitstern blieb Mirls' Angesicht, cs leuchtete noch immer der lächelnde Zug darüber; mit jedem neuen SiTge verschönerte es sich, und kein Wunder wäre es gewesen, wenn Kobi in banger Verwirrung in neue Fehler gefallen wäre. \ .. Endlich »ach dem siebenten Spiele warf der Randar v mit einer hastigen Beivegnng die Karten zusammen und sagte mit breitem Gähnen: „Jetzt ist gentlg gespielt; du hast mich ohnehin schon zum Bettler gemacht, Jüngel. Gehen wir schlafen." Kobi schob das gewonnene Geld znsammen und stand auf; er bemerkte wohl, daß ihn der Randar dabei fixierte. Aber er tat das Geld' nicht in dis Tasche, er behielt es in der Hand 'und ging damit gradezu aus die Tür, die in die Scheu kstnbe führte. „Wohin willst du?" rief ihm der Randar nach. Kobi öffnete, ohne zu antworten, die Tür und rief mit. lauter Stimme in die Schenkstube hinein: „Ist einer von den Gästen noch aus? Der komme her." Alsbald kamen aus de» Winkeln der finstere» Stube, ivo sie ihr Nachtlager aufgeschlagx» hatten, allerlei nächtige Gestalten herbeigeschlichen, furchtbar anzusehcn in ihrem nicht weniger als schönen Trachten, und stellten sich au der Tür ans. „Was wollen Tie, gnädigster, bester Herr?" weinte einer in kläglich-schläfrigem Tone.. „Ta", sagte Kobi, indem er cinetii das Geld gab, „ver-, teilt das unter euch, aber friedlich und ehrlich. Hört Ihr?" Da hätte man das Heulen und Kreischen der so reich Beschentten hören sollen! Es war, als ob hungrige Wölfe mitten im Winter auf Beute gestoßen wären, die sie nun in Gemeinschaft verzehrten. (Fortsetzung folgt.) Die Juden von Aork. (Aus D’Israeli, Curiosities of Ljterature.) Als Richard I., auch Löwenherz genannt, im Jahre 118V, den Thron bestieg, brachten ihm die Juden, um sich seine Geneigtheit zu erwerben, Geschenke dar. Juden aus alle» Teilen des Reiches waren zu diesem Zwecke in Westminster eingetrofsen. Ihre Gegenwart fiel auf, und es verbreitete sich das Gerücht, sie wollten dem König -behexen. Tie Folge war ein .Erlaß, der ihnen verbot/ der Krönung beiznwohnen. Einige Juden jedoch, deren Ren»' st. IC [ei i.!>! tri ci ti i> tcl t" Srt ir <t! [111 fr uj eil iil üi| HC \ n ni ib i\i [fl rc V1 re ist ft ei i Iti!« CI n l 3f li I IC ii dl -t rj r r n e i 'e r e ii b ii s r i n t

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