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Neue jüdische Presse · 1918-09-13 · Heft 36 (13.9.1918) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 36 (13.9.1918)
Date
1918-09-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Str. 36 <5 eite 4. Frankfurter Israelitisches Familienbtatt. -S IMteäbiislnirse. S ■- Ems Mark 35.—. — Privatstunden* — MTeUy Bamtoerger. Anmeldungen Dienstags nnd Freitags von 3—4 Uhr. Eschenheimer Tor 3. Telephon Hansa-3232. Der M«. Bo» Leopold Komp.ert.- Fortsetzung.) Ter Randar sprach darauf kein Wort; aber dafür kam hinter den buschigen» Augenbrauen ein Blick hervor, so prüfend und zersetzend, daß ein anderer zehnmal in einem Atemzuge die Zlugen würde niedergeschlagen haben. . Aber Kobi Hielt ihn aus, trotzdem ihn dabei eine grimmige Eiskälte durchrieselte. ,Menn das deine Maxim' auch ist, Jüngel, so kann von einem Geschäft schon die Rede sein", sagte der Randar nach diesem Blicke, der nicht zu Kobis Ungunsten ausgefallen sein Mochte; denn die Stimme klang jetzt bei weitem nicht mehr so grauenhaft; sie schien wie geöft. Kobi wollte auch bemerkt haben, daß eine Art Lächeln dabei über die Härten Züge flog; alles das gab ihm höheren Mut, er fühlte, wie>es ihm wieder warm wurde in den Adern. „Spann aus!" rief Kobi dem Kutscher zu, der, dieses Befehles gewärtig, währenddem die Hälfte dieser Arbeit > bereits vollführt Hatte. ,Mas soll's?" meinte der Randar, aber durchaus nicht unfreundlich. „Sind wir denn mit dem Geschäft nicht bald fertig? Es wird nicht soviel dran sein?" „Das können sie nicht wissen, Rebb Josel", sagte Kobi) „einer, der sichergkhien will, muß stzh zu einem Geschäft Zeit nehmen. Ich lass' daher -ausspannen; die Pferde sind ohnehin heut' schon sechs Wellen gelaufen." .Wieder fiel ein Blick lunter_den Augenbrauen des Raudars auf Kobis ganzes Wesen; es mochte, dem bärenhaft starken Manne sonderbar Vorkommen, wie so ein „Jüngel" den Mut haben konnte, in dieser Weise mit ihm zu sprechen. „Meinetwegen", sagte er darauf, „aber jetzt mach, daß du hereinkonrMst." -Das war für Kobi ein Zeichen voll guter Bedeutung; wenigstens legte er es sich so aus. Dennoch folgte er nicht sogleich der Einladung des Randars, wie ein anderer wohl elligst getan hätte. Er blieb stehen. „Nun, warum kommst du nicht?" rief der Randar plötzlich, als er dies merkte, barsch und grob. „Soll man dir das zweimal sagen?" * „Ich gch' nicht, Rebb Josel", sagte Kobi mit. großer Festigkeit, „und wenn ich Tausende an Ihnen zu verdienen hatte. Ich bin in dem Hause hier nicht ausgenommen wmden, wie ein Jud' den andern aufnehmeu soll." ,Mie meinst du das, Jüngel?" rief der Randar mll der ganzen Fülle seiner schreckhaften Stimme. „Bin ich etwa kein Jud'?" > „Verzechen Sie mir, Rebb Josel/ und nehmen Sie uür's nicht übel", meinte Kobi, ohne im mindesten Erschrocken auszuschen, „ich bin's voM Hause aus gewohnt: Wenn ich in ein Jüdenhaus komme, , so gibt man mir einen „ScholeM Wechssm" (Friedensgruß)." Ta dvrng aus der breiten Brust des Randars etwas herauf, was Man ferne grollendem Donner hätte verglichen, können; es dauerte eine geraume Welle, bis es den Weg aus den tiefsten Tiefen des gewaltigen Körpers herausgefunden und als Lachen zum Munde hervorguoll. „Münst du das?" rief er überMächüg, „ich hübe nicht geglaubt, Jüngel, daß du auch darauf etwas hälft. Meinetwegen also! D» Hast du Meinen „Scholem Alechem".' . -- Er trat bannt Kobi entg^tzn und strechte chm die übergroße HlMd entgegen. „Alechem Schalem", sagte Kobi freudig und schlug in die dargeveichte Hand ein. Das war ein Händedruck! Manche Leute hatten zwar X . gesagt, so könne nur ein grober „Sfirostak" btSfcat; für Kobi war er aber in diesem Augenblicke unb^ahlbar. Der Händedruck, so Mußte er sich's innerlich sägen, den hatte er sich verdient! Er hätte dafür viÄes nicht gegeben, baß er geMbe so und nicht andersausgefallen war. „UNd jetzt komm und setz ab", sagte der Randar und ging ihm voraus ins Haus. Das ließ sich jetzt Kobi frellich nicht zweimal sagen. Er folgte dem riesigen Männe, der ihn durch ein großes Vorhans führte, das' von oben bis unten mit Getreidesäiken vollgestopft war, bis sie^an die eigenllichen Wohnzimmer kamen. Ehe sie eintraten, hatte Kobi schon die Stelle erspäht, wo an der Türpfoste, mit einem gläsernen Fensterchen versehen, die „Mesusah" glänzte, nnd sie mit der-Hand berührt, die er dann andächtig zum' Munde führte. Wieder fiel der Blick des Randars ans chm; er fühlte die drohenden Augen auf sich ruhen, aber der Blick brannte nicht mehr, jagte ihm auch keine Eiskälte ein; er war fast milde. Die erste Stube, durch die er mit dem Randar kam, war die „Schenkstube". Neben trinkenden Bauern fand er allerlei hergewandcxtes „Schnorrervolk", wie es jeder Abend aus allen vier Weltenden in den Randarhvf zusammenwehte, Männer, Weiber und Kinder. Es waren bas grauenhafte, vom Schmutze des Elends und des Weges verwitterte Gestalten, die da zur Nachtherberge versammelt waren. Dennoch nahm Kobi keinen Anstand, trat auf jeden der Männer zu, sie mit einem herzlichen „Scholem Alechem" begrüßend, und bas alles mit jener'gewinnenden Freundlichkeit, die it dem „Schnorren" nur den ärmeren Mitbruder sah. Rebb Josel sah diesem Tun mit einer Art Erstaunen zu; ' es mochte chm noch nicht vorgekommen sein, daß sich ein „feines Jüngel" )o mit dem Schnorrervolke „herstelle".. Die stark gehämmerten > Züge seines Antlitzes irahmen dabei einen eigentümlich beobachtenden Ausdruck an. In der eigentlichen Pohnstube angekvmmen, sagte der Randar: „Jetzt setz dich, Jüngel und laß uns von deinem Geschäft reden. Ist etwas daran zu verdienen?" „Je ychchdem . . ." sagte Kobi, „wenir's nicht für beide von Vorteil sein könnte, wär's dann ein Geschäft?" Das sprach Kobi übrigens nicht mit dem bisher behaupteten Mute. Daß der Randar wirllich bas Geschäft verhandeln wollte, erschien ihm keineswegs als ein gutes Zeichen. „Ta hast du wieder recht", lachte der Randar. „Zn einem guten Geschäfte gehören zwei: einer, der gewinnt und der andre, der gewinnen läßt." ,/Die aber, wenn alle zwei gewinnen?" entgegnete Kobi wieder beherzter. „Das versteh' ich nicht,! das ist nrir zu hoch", sagte der Randar grob. „Mit mir, Jüngel, mußt du deutsch reden." ,/8erzeihen Sie, Rebb Josel", meinte Kobi bescheiden, „wenn ich Ihnen heute darüber keine Auskunft geben kann; morgen'aber, wenn bas Geschäft vorüber, will idji es Ihnen gleich sagen." Dem Randar schien diese Ausflucht einzuleuchtenj; er brach von dem berührten Gegenstände ab. „Es wird heut' zu spät sein, vom Geschäft zu reden", meinte er sodann. „Wenn du willst, kannst du hier bleiben über Nacht, Jüngel, es soll dir und dein Kutscher an nichts fehlen. Das Pferd werd' ich in den Stall führen lassen." „Ich nehm's mit Tank an"> sagte Kobi bestimmt, „ich glaub' selbst, es ist besser, wir lassen das Geschäft bis morgen ruhen; über Nacht kanN man vieles ansschlafen." ,Sein Herz schlug nach diesen Worten wieder freier; er Hütte nun das Recht, die Erlaubnis, hier zu bleiben. Ohne daß ihm der Feind den geringsten Widerstand entgegen-- setzte, hatte er sich mitten im Lande festgesetzt. „Wird er dich von hier vertreiben können?" ftagte er sich. „Hast du Hunger, Jüngel" ftagte ihn hierauf der Randar. „Ich komm' heute schon weit her, nnd in die „Garküchen", wo ich durchgekommen bin, Hab' ich nicht gehen wollen", meinte Kobi, der in diesem Augenblick wohl wüßte, warum er dieses sägte. „Warum nicht, Jüi^el?" rief der Randar wieder mit' seiner schreckhaften Stimme, aber zugleich mit einem gewissen lauernden Blick hinter den Augenbrauen. „Warum nicht? Kochen dir die Garküchen vielleicht nicht gut genug? Bist du vielleicht an „auswärtige" Kost gewöhnt?" Kobi verstand den Randar recht gut, was dieser unter „auswärtiger" Kost meinte. ' ' „Ich will die Kost und jene nicht", sagte er mit dem wahrsten Ausdrucke in Stimme -und Gebärde, „mir ist am liebsten, wenn ich zu Hause mein Essen haben kann.- Darüber geht nichts, und' dann kostet es <mch nicht so viel." - Dem Randar mochte diese Antwort nicht mißfallen haben; seine Stimme stieg wieder von den tiefen Tönen dm Grobheit zu den etwas höhern seiner gewöhnlichen Barschheit hinauf. e - ,Lu essen sollst du bekommen, Jüngel'/, sagte er, „daß du genug hast, und schmecken soll's dir auch, wie ich hoffen will> denn es ist alles von Meiner Tochter gekocht." So sehr Kobi bis zn diesem Augenblick all Meister des Schlachtfeldes sich behauptet hatte, so-verlor er beinahe durch die einzige Nennung der Tochter allebisher errungenen. Vorteile, ein Umstand, der, wie dies die Kriegsgeschichte aller Zeiten dartut, auch bei den größten Feldherren aller Jahrhunderte sich findet. „Ihre Tochter, Rebb Josel, kocht?" ries er unüberlegt Heftig, in einem Tone, der zu dem bisher eingeha w.wu in zu lautem Gegensätze stand, als daß er nicht hätte-ausfallen sollen. , - , , ,Mas hast du, Jüngel?" fragte der Randar, „kommt dir das so sonderbar vor, daß ein Mädchen kocht?" Kobi halte wieder die alte Fassung errungen; er hatte sich nur in einem unbewachten Augenblick weiter fortreißen lassen in das Schlachtgewühl, all es die Klugheit erlaubte. „Sonderbar kommt es 'mir nicht vor", meinte Kobi ruhig, „weil es sich von selbst versteht; aber doch ist cs mir wie ein Wunder. Wissen Sie, Rebb Josel, wie es unsere Mädchen in den Gemeinden jetzt anfangen mit dem Kochen?' Mer Wochen vor der Hochzeit lacht man aus Prag sich ei» dickes Kochbuch bringen, und nun werden sie von der Mutter in die Küche hinausgenvmmen, — und dann werden sie für ausgelernte Köchinmn ausgegeben. Wenn dann der Krau» tigam zufällig/kommt, so findet er sie mit dem Kochlöffel in der Hand ober das Gesicht eingerußt. Haben da unsere Weisen nicht recht, daß sie einem Manne erlauben, sich von seinem Weibe zu scheiden, wenn sie ihm eine „angebrinzeltc" Suppe auf den Tisch setzt?" „Sagen das wirklich unsere Weisen?" rief der Ranbar und lachte dabei so überlaut, daß der Lehnstuhl unter ihm Zuckungen bekam. „Es steht im Talmud", beteuerte Kobi. 'Der Randar lachte noch unbändiger; - „Ta sieht man", rief er, „welche Köpfe sie vor alten Zeiten aus sich gehabt haben. Sie haben schon damals nicht gern eine „angebrinzelte" Suppe gegessen; darum 'haben sie - das angeordnet. Nun, Jüngel, meine Tochter wird dir nichts Ängebrinzeltes auf den Tisch setzen,.da braus kannst, du dich verlassen." ~ „Mir?" klang es fragend --in Kobis Innern. „Was meint er damit?" Aber er hatte nicht Zeit, diesen Gedankenfaden weiter fortznspinnen. „Du sollst das gleich sehen", sagte der Randar. „Mirl", rief er mit Donnerstimme, „komm 'n bissel herein, Mirl!" Gleich darauf öffnete sich eine Tür, und auf der Schwelle erschien ein Mädchen, schön nnd groß, -von der Glut des Feuers lieblich gerötet, wie Kobi nie eines gesehen hatte. Alles Blut sprang ihm vom Herzen zupi Kopfe, sein Gesicht mußte selbst in die tiefste Röte getaucht sein; die Augen brannten rhm. Einen solchen Anblick hatte er nicht erwartet! „Mirl", sagte der Randar, „koch uns etwas, wir wolle» bald essen. Das Jüngel da ist unser Gast, und bleibt auch über Nacht da. Aber laß dich nicht beschämen; bas Jüngel da komjnt aus einer Gemeinde, wo die Mädchen, wenn sie kochen wollen, ein Kochbuch ans Prag müssen holen lassen. Ta nimm dich also in acht, denn er wird's besser gewöhnt sein, all wir Bauern." ' „Ja, Vater", sagte Mirl mit wohlklingender Stimme, die wunderbar an Kobis Herz griff; „bas- Essen ist auch bald fertig, du weißt, ich koch' immer etwas mehr für etwaige Gäste?' Damit wandte sie sich ab; im Fortgehen glitt ein flüchtiger Blick über Kobi. Erriet sie, wer er war? Was er wollte? ... All das Mädchen sich entfernt hatte, entstand eine gefährliche Stille zwischen den beiden Männern. Kobi - wäre es unmöglich gewesen, in diesem Augenblicke einen Laut hervorzubringen, so ungestüm pochte sein Herz, so unbänbig wogte der Strom seines Blutes. Alle Geister der Jugend waren über ihn gekommen, jene starken, bezwingenden Mächte, die zwischen vier Menschenaugen ihr luftiges .Reich aufgeschlagen haben; die, was sie einmal ergriffen, -entweder himmelhoch tragen oder in bodenlose Tiefen schleudern, die kein Senkblei noch ergründet hat. ,Mie gefällt dir mein Mädel? Was' sagst du zn ihr?" ftagte plötzlich der Randar. Diese Frage verwirrte Kobi noch mehr; mühsam rang er nach Fassung, aber die tiefe Röte, in der sein Gesicht brannte, von dort verbannen, vermocht er doch nicht. ,Mas soll ich sagenj 'Herr Randar?" meinte er stotternd. ,Menn ich sagen möchte; sie ishdas schönste nnd lieblichste Mädchen, was sich in meinem Leben zu sehen bekommen habe, möchten Sie mir es glauben? Oder schickt es sich, daß ich es sage?" „Sag's nur geradezu heraus", rief der Randar stark, „ich weiß am besten, was an meiner Tochter ist." „So sag' ich", rief Kobi mit vor Innigkeit bebendem Tone, unter dem sein ganzes' Wesen erzitterte, „daß Gott es mit dem sehr gut meinen muß, dem! er sie,, all Weib beschert." . ' 1 (Fortsetzung folgt.) , ' e e 3 r 3 i i i t f s i i i < i I f l I s 1 l i t l l 1 t t i i t t i l e t 1 f S t e t t t i ( i 1 » \ l i e > (

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