Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 33 (23.8.1918)
- Date
- 1918-08-23
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 33 Frankfurter Israelitisches Faunliendtatc. Senk arbeitenden Berufe in Stadt und Land. (Ls soll versucht' werden, Erwerbs- und .Mederlassungsinöglichteiten aller Art für- Handwerker, .Kanfleute, Akademiker »sw., auf dem Laiche behufsSeßhckftmachung von Glanbensgenössen nachzuweisen, Mi -hierdurch der Landflucht kräftig entgegenzuwirken-.' Eswird - Aufgabe der Stelle sein, die Inden mehr als-bisher, dem Handwevk.und der Bodenkultur zuznnhre». ,.Eineneuartige Aufgabe erwächst durch die Rotweickigkejt, Kriegsbeschädigten bei einem Berufswechsel 'beratend zur Seite zu stehen. ' Nlit' der . Stelle - der Berufsberatung soll' eine solches ür Arbeitsna chweis verbunden sein. Die.Wichtigkeit-einer solchen braucht nicht besonders hervo.rgchoben zu/werden. Die von der Frankfurt-Loge vor mehr als 25 s Jahren geschaffene Stelle geht auf die Äescunt-Organisation übcr, und die bisherigen Btitarheitcr des Arbeitsnachweisbüros haben sich rn dankenswerter Weise bereit ertlärt, ihre in ersprießlicher Wirksamkeit gewonnene reiche ErsAjrimg in den Dienst des' neuen Unternehmens zu stellen. Perfovalie«. Am 1. September sind 25 Fahre verslossen, daß die Spnagoge Untcrlindau eingeweiht wurde. An dcinelbcn Tage begeht der in den weitesteil Kreiseir' unserer Gemeinde als.tüchtiger Lehrer geschätzte Herr Pincns Kli-bansky sein 25jähriges Amtsjubiläum als Kantor dieser Synagoge. Zur Beisetzung des dem Flicgeranfall zum Opfer gefallenen Leutnants Rechtsanwalt Dr. Albert Mcrzbo ch hatten sich Li. a. Generalleutnant v. Becker, Generalmajor vonStudnitz und Oberstleutnant Weise eingesunden. Rabbiner Dr. Horovitz hielt die Gedächtnisrede, in der er mit glühenden Worten ein ergreifendes und treffendes Charakterbild des Verstorbenen zeichnete. Er ließ vor seinen Zuhörern noch einmal im Geiste alt das' vorüberziehen, was mit all seinen seltenen Herzensqdben Dr. Merzbach seinen' Angehörigen, seinen Freunden, einen Berufskollegen und Bekannten lvar, und vergaß licht, ,iwch einmal besonders auf das hohe Pflichtgesühl des -Dahingegangenen als Offizier hinzuweisen, von dem . er bis zum letzten Augenblick durchdrungen gewesen sei. Diese Hohe Auffassung von scineli soldatischen Pflichten habe , ihn auch veranlaßt, seinen Weg an dem Unglücks- Morgen fortzusetzen, weil er nicht zu spät zum Dienst habe erscheinen wollen. Mit einem wehmütigen Abschiedswort an den von so vielen ob seiner Herzensgute verehrten' Freund schloß der Redner. Ihm folgte für den Anwalts- Verein Justiz rat Dr. Burg heim, der »och einmal die hohe Aleinnng pries, .die Dr. Mcrzbach von. seinem Berns jgetzabt Hube, seine Tüchtigkeit hcrvorhob und ganz besonders die tiefe Trauer gerade der Kollegenschaft betonte, die. einen wahrhaft treuen Freund verloren habe. Keäuzc legten , dann noch unter herzlichen Worten des Abschieds nieder eine studentische Abordnung der. Münchner „Thnringia" . und ein Berwaltnngsratsmitglied des Bolks-Ban- - und Sparvereins, das dem langjährigen treuen Berater den Dank äbstattetc. - - Eine feine, stille und gütige Frau ist mit dem Heimgang Vvn Frau Michael Moses Mainz s. A. uns schreckhaft rasch entrissen worden. Was sie adelte, war die stete milde Sanftheit ihres Wesens, die von Ueberhebnng reic natürliche Freundlichkeit, die sie in jedem Menschen Gottes Kind achten ließ, ihre ruhige und tiefwurzelnde Ehrfurcht vor dem Vater und Walter im Himmel. Ihrem Männe, dem unermüdlich und unermeßlich reich für das jüdische Gemeinwohl Wirkenden, dem allseitig Geschützten, war sie eine treue Helferin und Beraterin. Möge der Allgütige ihm Tröster sei,:. - M. Sp. Äleitfe SRotijen. Am Schluß der Schlauschim nach dem Heimgänge des Brisker-Raws s. A., Dienstag, den 27. August, veraiostalten A g ü d as - Ii s ro el - O r ts - und Jugendgruppe abends 8 Uhr pünktlich im Lokal Hananerlandstraße 17 eine Trauerkundgebung (Hespcd). Redakteur S. Schach n ow itz wird über den „Briskcr Raw, sein Wesen und Wirken" sprechen. Gäste — Damen und Herren •— willkommen. Der Mw. Bon Leopold Komp er t. ' . Gortsetzung.) Perl sagte kein Wort; sprachlos lauschend blickte sie auf den Sohn. ,Wer'vermöchte es zu deuten oder mit Gewißheit behaupten, was in dieser Atutter jetzt einen , schwereren stampf kämpfte, ob die' Neugierde des Weibes öder das schmerzliche Gefühl, daß ihr Kind mit einein Geheimnisse in .- der Brust so lange Zeit in dem Bereiche ihres Atems leben konnte? ' Kobi sah die Eltern gegenseitig mit einem Blicke an, aus demder ,Min" hexausblickte; dann, nachdem er sich sattsam geweidet.: an des einen! Eifer, , an der anderen lauschender-Erwartung, meinte er schelmisch : „An lven ich mein Herz gehängt habe'? Au lucn anders . als an Vater und Mutter?" Es ist unbeschreiblich, welche Wirkung diese geschickte 'Wendung Kobis auf die Eltern hatte. Gleich einem heftigen Windstoße hatte sie dp» ganzen Hinimel, sv dicht er liiit Gewölle umzogen schien, befreit; blau und klär trat er wieder hervor.' . ■ „Lllt sollst du werden, mein Jüngcl", rief Perl mit Tränen in den Augen. „Ist es aber recht, seine Eltern so zu foppen?" „Und ich sage dir, was ich iiiinicr sag'. Er ist zu still", meinte Wolf mit einem unentschiedenen Lächeln - illid um nicht waffenloser zu crsctninen, als er lvirklich war entfernte er sich lieber eiligst aus dem Hause. Als der Vater fort war, fragte P^rt den Sohn: „Jetzt hast du recht gehabt, mein lieb Kind! Frag dich aber selber, ob dein Vater nicht auch recht hat? Warum »lachst du ihm nicht die Freude und gehst auf irgend eine Beschau?" „Mutter", sagte Kobi nun mit wahrein Ernste, „kann' es dir recht sein, weil» ich ein Mädchen wie einen Sack Wolle anzusehen komme, den! inan für mich schon hergerichtet hat, zu,oberst die feine, unten aber versteckt und verdeckt die schmutzige und schlechte? Obenauf ein güldig „Glänzet", und unten,und inwendig alles voll Staub und Ekel? W>rS möchtest du da von deinem Sohne hakten? Wie oft hast du mir selbst erzählt, der Bater hätte dich ohne Beschau genommen äuk dein lieb Gesicht hi»? Lebt ihr darum nicht glücklich? Hat eins zu klagen über das andere?" Jetzt erst staunte. Perl. gewaltig: solche tiefe Weisheit hatte sie noch nie vernommen, seitdem sie das Jüngel ihr Kind nannte. Wie ein goldener Strom floß sie aus seinem Munde: sie hätte horchen und lauschen mögen stunden- und tagelang, so bezaubernd, so umstrickend klangen alle diese Worte. Wo das Jüngcl nur alle diese Weisheit her hatte? Wenn man ihn hörte, so war es ja nicht anders, als hörte sie den ersten Landcsrabbincr Vvn der Welt sprechen! „Ob wir glücklich lebe», ich und dein Vater?" rief sic in einer Art Begeisterung. „Jedem Judenkind „gesagt", was ich und der Bater für ein Lcbeir führen, es braucht sich's keine Fürstin besser zu wünschen . . . Und weißt du, Kobi, mein Sohn, das alles ist ohne Beschau geschehen! Tein Vater hat nicht gewußt: Hab' ich sechs Schnuvstüchrr in meinem Vermöge» oder gar keins? Tein Bater hat mich gesehen und ich ihn, alle» ohne Beschau! lind wie ich an einenr Sabbatabend von meiner hundertundzehnjährigen Urbabe Milte gekommen bin, die du nicht mehr gekannt hast und'die damals krank gelegen ist, da hat er mir hinter Süßtiiid Turnauers Keller aufgewartet." Wie ich damals erschrocken bin! „Erschreck nur nicht, Perl", hat er gesagt, „und mach keinen Lärm, was' brauchen die Leute zu wissen, was zwischen mir vorgeht und dir?" Ich will ja nur, daß du mir sagst, ob du mich willst?" — Und siehst du, Kobi, ich Hab' ihn gewollt, und wir sind, Gott im siebenten Himmel sei dafür gelobt und gepriesen, fertig miteinander geworden, alles ohne Beschau! Wie hat sich aber das heutzutage alles verändert! Recht hast du, mein Jüngel, geh du nur auf keine Beschau!" ,,Das Verschlvör' ich' nicht, Mutter". rief Kobi lachend, „daß ich auf gar keine Beschau gehen werde. Aber zu einem 'Sack Wolle laß'ich mich nicht schicken. Wenn ich cininal gehe, will ich das „Schadchingeld" (Lohn für den Brautwerber) selber an mir verdienen. Was brauche ich einen Fürsprecher?" Freudig überqncllcndcn Herzens stimmte Perl dieser .Ansicht bei. Gestand sie sich doch im Innern, daß ihr Verstand weit unter dem ihres Kindes stand. Welch ein neidloser Stolz, welches süße Befriedigtsein lag in diesem Geständnisse! Zinn Mittagessen kam heute Rebb Wolf zeitlicher nach Hause, als er sonst pflegte. Gleich bei seinem Eintritte bemerkten. Mutter und Sohn, daß' auf seinem Antlitze ein eigentümlicher Ausdruck spiele. Lange Gewohnheit und inniges Zusammenleben bewirkten, daß sie sich in dieser Sprache besser wie mancher in einem gedrucktem Buche zurechtfande». Aber sie drängten sich, mit keiner Frage auf, sie wußten aus Erfahrung, daß, diese Sprache schon ihre Töne finden! werde. Bei Tische saß Wolf lange in tiefem Sinnen; mit einem Male begann er: ' . . „Soll ich euch sagen woher ich komme?" „Wenn du willst, sag's", nteinte Perl. „Ich komm' von keinem andern als von unserem Vorsteher! Ihr werdet erstaunt sein, wenn ihr hört, was der von mir will", sagte Rebb Wolf. . „Wollen sie. dich vielleicht wieder zu etwas machen? Zu einem Stück Gabbe (Kassierer) oder so etwas?" rief Perl wirklich erschrocken. Wolf schüttelte sich vor Lachen. „Ach!" ries er lustig, „deswegen brauchst du nicht zu sorgen, ich nehm' es nicht au^-und wenn sie mich morgen zum Bürgermeister machen. Es ist wegen etwas ganz anderem, und ich will euch nicht lange warten lassen. Ich soll für seinen Sohn aus die Beschau gehen." „Du?" meinte Perl mit einem etwas ungläubigein Lächeln, „wie kommst du dazu?" Kobis Antlitz zeigte in diesem Mgenblicke eine merkwürdige Veränderung; es war lauschend, fast spitzig vor lauter Ausinerksamkeit geworden. „Hels dir!" . . . sagte Rebb Wölf achfelzuckend, „er will keinen anderen als mich."!ü»ii begann Wolf, der nicht zu den kürzesten Sprechern gehörte, zu erzählen, ivie er mit dem Vorsteher auf dem „Ring" zusckmmengetroffeir, dieser ihn unter den „Arm" gcnvncmcn uird er nicht gewußt habe, >vie er zu der Ehre komme, mit diesem stolzen Atcnschcn, dem man auf eine halbe Meile anhöre, wie das Geld in seiner Tasche klinge auf der Gasse heruinzuspaziereii. Rach und nach sei der Vorsteher mit der Sprache hrrausgekominen, und das habe ) ansangS aüsgesehen, als steck: ihm eine Fischgräte int Halse. So habe sich dieser geräuspert und gezuckt, bis er endlich 'ans das eigentliche Wesen gelangt sei. „Was soll ich dich lange im Finstern lassen, Wolf", habe der Vorsteher endlich gesagt- „ich such' für meinen Sohn eine „Partie", und du bist der Mann, der mir dazu verhelfen tcuin." „Du?" ries Perl auss neue, voll Staunen. Ebenso verwundert habe auch er gefragt, fuhr Wolf fort, aber das habe ihm. Ivenig genützt. Run sei der Vorsteher ireitergegangen und habe ihm als Geheimnis anvertraut — aber vor Weib und Kind habe er keiihGeheimniS'—, daß sich sechs Meilen von hier ein Mädchen befinde, d. h. eine „Partie", die sich für seinen Sohn wie nur etwas in der, Welt eigne; Geld sei dck, mähr als nötig, Schönheit und guter Ruf auch, aber was daS Hauptsächlichste sei, man „sehe bei ihr auf nicht viel Geld", man wolle mir einen tüchtigen Menschen. Ganz außer sich habe er gefragt, wo denn dieses Wunder Gottes versteckt sei? Erst nach langer Zeit habe er die gehörige Auskunft erhalten. Das Mädchen sei die Tochter von Josel Süß, von jenem reichen Randar*) dein man nachsage, er habe mehr in seinem Vermögen, als er selbst wisse. Der Reichtum liege daselbst aufgespeichert wie ein Hansen Getreide; wohin man blicke, erschaue das Auge, was es freut und ihm wöhltnt. Das seien noch Leute von altfränkischen! Schlage. Die Tochter sei ein einziges Kind, Söhne hätte man keine, und so würde die Tochter nach des Baters Tode eine Erbschaft antreten, wie sie jedes Judenkind sich wünschen könnte. In halb „Pehm" (Böhmen) könne man hernmreisen, bis man einen Josel finde und ein Mädchen, das seiner Tochter gleichkomme. „Und was braucht er dich dazu?" fragte Perl, deren Neugierde wie ein junges Füllen auf der Weide durchging. Das werde sie sogleich hören, gqb Wolf zur Antwort: er habe dieselbe Frage an den Vorsteher gerichtet und lange aus die Entaegenrede warten müssen. Endlich habe dieser, ihn, anvertraut; so wünschenswert und ein sv großes Glück es auch wäre, wenn die Partie zustande käme, so schwer sei es, an sic heranzukommen. Er kön.ne sich denken, von seiner Seite sei nichts im Wege, desto mehr von der „anderen Seite". Von dem Bater nämlich, dem Randar Josel gehe das Gerede, er hüte sein Kind wie ein Löwe und wolle eS nicht herausgeben; er sei überhaupt ein Mensch von der fürchterlichsten Art: so reich er sei, so wild und ungeschlacht sei er, ganz wie die Bauern auf denr Dorfe, mit denen er jahraus jahrein verkehre. Hunderte der schönsten und reichsten Jungen wären bei der Tochter schon auf der Beschau gewesen: keiner hätte etwas ausgerichtet. Wenn sie der Tochter schon gefallen, so hätten sie ihm mißfallen. DaS Schönste-an der Sache sei aber, wenn man die Leute schon abwiese, so täte man das ans denr Randarhofe nicht, wie cs in anderen gesitteten Häusern Manier sei, nämlich mit feinen und delikaten Worten, fonderir mit Spott und Schande würden sie aus dem Hause gejagt: man erzählte sich in dieser Hinsicht die merkwürdigsten Dinge. Manchem sei es gar übel schon ergangen; von einigen dieser jungen Leute, die nichts taten, als daß sie auf die Beschau kamen, gehe sogar die Sage, der Randar habe sie beim „Flügel" genommen und ihnen einen Weg zum Hause hinausgewiesen, auf denr sie schwerlich wieder zurückkonrmen würden. „Gott!" schrie Perl in wirklicher Angst, „ist das ein Mensch oder ein Wölf?" „Die Leut' halten ihn eher für einen Bären", meinte Wolf. „Ich versteh' aber noch innrer nicht, waS der Borsteher von dir will?" sagte Perl nach einer Weile. „Was kannst du ihm dabei helfen?" - Eben jetzt, hieß eS dann weiter, komme die eigentliche Sache. Der Borsteher habe nicht den Mut dazu, oder vief- *) Gutspächter.