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Neue jüdische Presse · 1918-07-26 · Heft 29 (26.7.1918) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 29 (26.7.1918)
Date
1918-07-26
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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©eut ^rtumiiuiLT ^5f tacLiiiinjcö ^yaiituiemuaic. Kranksurter Berichte. Bundestag -er «. I. I. L. Die Agudas Jisroel-Jugendgruppc veranstaltete eine locbesprcchung zu dem vom 29. Juli bis 1. August in Arzbürg stattfindenden Bundestag der Agudas Jisroel- Hgendorglknisativn. Die Versammlung, bei der auch das Prov.-Komitee der -»das Jisroel sowie gesinnnngsverwarldte Bereine vereten waren, wurde mit Gedcnkworteu für die heimgcmgcue» Freunde der Gruppe, Siegfried Beifus und- Dr. i. Sondheimer, welch letzterer sich als Leiter eines Gemorö^ irses für Schüler in selbstlosester Weise betätigt hatte, össnet. Alsdann erstattete Professor Md. Wey l daS Hanpt- >crat, schilderte zunächst' die geschichtliche Entwicklung r Agudas Jisrvel und der Jugendorganisation sowie reu,, bisherige-Wirksamkeit und die Tätigkeit der Frankrter Jugcndgruppc. Redner begrüßte und begründete begeisterten Worten die bevorstehende Würzburger ligendtaguug und schloß seine geistvollen Ausführungen mit »cm warmen Appell zum. Besuch des Bundestages seitens ■r hiesigen gcsetztreuen Jugend. Hieran' schlossen sich zustimmende und werbende Anrachen aus Mitgliederkreisen und die Bekanntgabe der sür t Tagung getroffenen Vorarbeiten. Mt der Delegiertenihl fand die Bersainmluug ihren Abschluß. Kleine Notizen. Bei T r i t t l r r, Inhaber Paul Schlitz, sind zur Zeit idiernngcn verschiedener Künstler, Frankfurter Motive, adierüngen, und Lithographien darunter auch die neusten s Berliner Radierers Hermann Struck ausgestellt. .Personalien.' Willy Wo lp ert ist nicht mehr! Wie ein, Schlag af es alle seine Freunde. Die Kunde war so unglaublich, unfaßbar, daß solch ein herrliches blühendes Leben so inetl und unerwartet zu Ende gehen sollte. Nachdem er ehrere Sommeschlachteu, Flandernoffcnsiven, die Schlacht-) i Cambrai und die letzte Offensive mitgemacht halte, eilte ihn. numqchr sein Schicksal. Bis zuletzt dachte er cht im. entfermesten an den Tod, obwohl er in der ngen beit seines Frontlebens unzählige Male sein.Leben!fs Spiel gesetzt hatte. Me hatte er seine stoische Ruhe verren. Jnimer nur hatte er den einen Gedanken: .,Sein identnm". - ' Das Judentum mar ihm heiliger als alles. Ihm hatte sein ganzes Leben geweiht. Die Beschäftigung mit lsereni heiligen Schrifttum und allem, was nur das identum anging, hatte ihn früh reif tverden lassen. Wenn m sich seinen gefestigten Charakter, seine überzeugungsmc Anschauung, seine geistige Reife vor Augen hielt, im mußte man ihn für bedeutend älter halten. Und wie stark und gerade verfolgte er sein Ziel, die ickkehr nach unserer alten Heimat? Alles hätte er darum rgegeben! Wie stark war sein Wollen, wenn es sich rum handelte? Ein doppeltes Gebilde, lvie sein Name k auch sein aanze» Wesen „Binjnmin Seetw" hieß es. » stark tvie ein Wolf verfolgte er sein Ziel, dem er sein den gctreiht hatte. Und so fein und zart, wie der kleine njamiu in der Thora geschildert wird, war sein.Charakter. > fein, daß nur wenige ihn kannte», so bescheiden, daß nizA daun aufficl, wenn man ihn genauer ansah. Aber im merkte man, daß es kein alltägliches Wesen war, das nent da cntgegeutrat. Zn den schönsten Hoffnungen hätte berechtigt. Leider hat der grause Krieg diese herrliche ufbahn nur zu früh unterbrochen. Biele trauern um ihn. e Frankfurter Jugend hat wieder Einen ihrer Besten zu lagen. -• Willy Meyer. Feuilleton. Rotzhaar/ Bon Leopold Ko in per t. Mein Vetter Schmul ist „auch einer von den Alten", ist nun gerade so alt, daß der "Lehnstuhl, worauf mit Ausnahme der Nacht und des Morgengebet.es! ganzen Tag verbringt,, nur um einige Jahre etwas raus hat, was übrigens nicht zum Nachteil jenes len, alten, roßhaargepolsterten Sitzmöbels gedeutet rdcn darf. Dic Mutter meines Vetters Schmul, die ine Großmutter ivar, erinnerte sich „als wen» es!!e geschehen war", daß dort, auf dem'guten Lehnhl nämlich, schon ihr Vater saß, wenn er am Freitagud, aus der Synagoge heimgekommen, die Kinder sich , rief, um sie zu segnen! Weitere biographische lizeu sind' nicht vorhanden über diesen Familienr israt, der bei uns zu Hause ehrwürdig und achtungietend ist, wie sonst etwas in der Welt, ja fast »sosehr als der langjährige Inhaber desselben — >u Vetter Schmul? Dennoch kann ist es nicht verbergen, daß ich jenem cn alten Lehnstuhl etwas sehr Schlechtes nachzureden e, was mir schon-lange auf -dem Herzen liegt! Es war nämlich immer für eine ausgemachte Sache alten'worden, daß die Füllung-des Lehnstuhls (von der es doch unleugbar abhängt, ob man gut sitzt) vollständiges, auf einem Pferde gewachsenes „Roßhaar" sei, und ich sehe noch immer das spöttische Lächeln um oie Mundwinkel meines Vetters Schmul, mit dem er einst ein neues Sofa betrachtete, daß sich sein Sohn, der soeben geheiratet hatte, zur „Ausstattung" angeschafft hatte. : „Nicht wert, daß sich eine' Katz' drauf setzt," meinte der Vetter damals in seiner merkwürdig kurzen Ausdrucksweise. „Kuhhaar und nicht Roßhaar" setzte er dann mit einer Verachtung in Ton und Gebärde hinzu, dic mir unvergeßlich bleiben wird. Später wurde dieses Sofa ein förmlicher Gegenstand seines Hasses, und, wenn er es zum Gegenstände seiner Betrachtung erhob, was geschah, wenn sich irgend ein Besuch, namcittlich am Sabbat und an Feiertagen darauf breit machte, so konnte er sogar gesprächig werden wie ein altes Uhrwerk, das nach langer Zeit toieder einmal aufgezogen wird. So meinte er einmal in einer Anwandlung langverhaltenen Grimms auf das unglückselige Sofa: „Alles verändert sich, und dic Welt wird alle Tage schlechter und schlechter. Was heut' Kupfer ist, .war in „meiner Zeit" Gold, und toas heut' Roßhaar, das! hat man in „meiner Zeit" Kuhhaar geheißen. Aus meiner Urbabe (Urgroßnmtter) ihrer goldenen Haube habe ich'Anno neun, wie die schwarzen BankoZcttel^auf der Welt warm, neun Dukaten schweres Geld herciüsbekommen, und aus dem Hochzeitskleid meiner Mutter Hab' ich erst vor zehn Jahren ein Mäntelchen für die „Thora" machen lassen, und cs sieht noch immer wie „neu" ans. . . . Nicht wert, daß sich eine Katz' drauf setzt," schloß er dann mit einem plötzlichen Ucbergang auf das unglückliche Sofa, „Kuhhaar, nichts als Kuhhaar! Wenn in dem ganzen „Gestell" nur ein halb Lot Roßhaar ist, will ich gar nicht Schmul heißen." Eine dunkle Sage, die sich geheimnisvoll wie ein echtes Märchen in unsrer Familie erhalten hat, will wissen, man habe den Vetter Schmul eines Abends, als die Lichter in der Stube noch nicht angezündet waren, so also in der Dämmerung, mit einem blinkend scharfen Messer vor dem Sofa stehen gesehen. Es sei ein fürchterlicher Anblick gewesen, wie der Vetter dagestandcu sei in der ungewissen Helle des Abends und mit dem Messer hin und her gefahren habe, nicht anders, als wollte er cs mitten in ein rotes Leben hineinstoßen. . . und wie seine „Schnur" (Schwiegertochter), die gerade ihr Kind säugte, einen so schrillen Schrei ausstieß, daß ihr fast der Säugling entsunken sei. Drauf habe der Vetter Schmul freilich das Messer wcggelegt; durch die geschlossenen Lippen, habe man aber deutlich die Worte durchgrollen gehört: „Kuhhaar, nichts als Kuhhaar! Nicht ein halb Lot Roßhaar dabei." Guter Vetter Schmul! Du liebgewordene Erinnerungssäule aus dem Schutte längst verklungener und begrabener Tage! Warum mußte ich eines Tages nach neugieriger Kinder Art missen wollen, was den Inhalt deines hundertjährigen Freundes, des guten alten Lehnstuhls ausmachte? Welcher böse Geist leitete den kleinsten meiner Finger, daß er sich durch die durchscheinend schivachc Lederbedeckung mit merkwürdiger Kühnheit bohrte, bis er auf den Grund der Sache und ein kleines Büschel der roßhaarenen Füllung triumphierend zum .Vorschein kam? „Vetter!" rief, ich, „sieht Roßhaar so aus?" Und ich sehe ihn . noch, den Vetter Schmul, wie er mir hastig das Büschel „Roßhaar" aus der Hand reißt, es hinter sich wirft als sei cs brennender Schwefel und mit einer Stimme, die mir noch in den Ohren klingt, zornig ruft: „Marsch, marsch fort von mir, und untersteh dich nicht, den Stuhl da nur anzurühren. Du bist dann keine Stunde deines Lebens sicher vor mir." Alich nun erschrocken und zerschmettert von der Wucht seiner, zum ersten Male hart gewordenen Worte. bebend und' mit niedergeschlagenen Augen vor ihm stand, wendete er sich von mir ab, und ich hörte ihn deutlich, als wenn es heute geschehen wäre, durch dic Lippen murmeln: „Das bisscle Kuhhaar!. Gott weiß, wie das nur hineingekommcn ist. Es ist doch lauter Roßhaar!" Aber noch am selben Tage mußte „Hirsch Schneider", da 'cs keinen Tapezierer im Unikreise von acht Meilen gab, einen großen ledernen „Fleck" (er gab dem Stuhle eine merkwürdige Aehnlichkeit mir dem Pflaster auf dem Gesichte eines Invaliden) auf die durchbohrte StellS nähen, und nie sah man den Vetter Schmul seit jenem Tage anders, als mit dem Rücken die freilich geheilte Wunde seines Lieblings bedecken.-- Das Sofa hatte nun freilich von da an „Ruhe" vor den üblen Nachreden und Verleumdungen des Vetters Schmul; es war nun kein Gegenstand seiner stillen Verachtung mehr, und ich glaube sogar, er hätte die schwarze Katze nicht fortgejagt, wenn sie darauf sich niedergelassen hätte, — aber ob der geoffenbarte Inhalt feines Sitzes nich^ einen merkwürdigen Abschnitt in seinem Leben bildet, ob ihm von da an nicht mancher andere Inhalt „seinerzeit" als „Kuhhaar" erschien? Es hat fast den Anschein, als ob diese Wendung' eingetreten wäre; bestimmt kann ich es nicht versichern, denn mir stehen nur schwache Vermutungen zu Gebote. Das ist aber auch alles, was ich dem guten alten Lehnstuhl meines Vetters Schmul Schlechtes nachzureden habe, und. es ist mir fast, als hätte ich nicht nur etivas Schlechtes „nachgesagt", was sonst nicht in meiner Natur liegt, sondern auch getan. Ich habe das Geheimnis jenes großen ledernen „Flecks" verdaten, und die ganze lebende Welt weiß es nun, daß der Vetter Schmul auf — Kuhhaar statt auf Roßhaar sitzt! Sonst liebe und verehre ich den alten Lehnstuhl, wie ich ihn immer geliebt und geehrt habe, und bei den Geistern meiner Jugend! könnte der Vetter sich nur einen Tag lang entschließen, seinen Sitz auf dem still verachteten Sofa zu nehmen, — der „Inhalt" seines Lehnstuhles sollte dann eine Wahrheit tverden, die er während seiner hundertjährigen Existenz nicht hatte, — nämlich Roßhaar! Der lederne Fleck! Ich weiß es nun, tvarum ich da,' statt von meinem Vetter Schmul zu reden, vom Hundertsten ins Tausendste hineingeraten bin. Der lederne Fleck! Er steht vor meiner Erinnerung »och so frisch ledern da, wie ihn Hirsch Schneider in unglückseliger Stunde damals auf die Wunde des Lieblings nähte; er gleißt mich so verlockend an, daß ich aus seinem Banne schier nicht herauszukommen vermeine! O! du kleinster meiner Finger! welch schweres Unheil hast du angerichtet! Ich nannte meinen Vetter Schmul auch „einen von den Alten". Das ist er denn auch und so recht aus voller Seele, wenn auch vielleicht nicht ganz in der Bedeutung, wie sie den meisten vorschweben mag. i, Ihr stellt euch einen schwachen, gebrechlichen Greis vor, der sich nur mühsam auf den alten Knochen aufrecht erhält; — aber fragt euch selbst unparteiisch und gewissenhaft, ob ihr jemals es dahin bringen werdet, eine ganze Stunde lang im Gebete der „achtzehn Segnungen" auf euern Füßen zu stehen? Ihr meinte mürrisch sei sein Antlitz, trocken und dürre sein Wort, strenge sein Auge — aber ihr habt ihn nie mit seinen Enkeln spielen gesehen! Und ihr habt es nie gehört, wie er am Abend, wenn das Kind vor lauter Schlaf sein Nachtgebet „überschluppert", ihm leise mü> fast unmerklich das Buch aus der Hand zieht und mitleidig sagt: „Geh lieber in dein Bett, Schimmele." Ihr habt es nicht vernommen, was er zu mir selbst sagte, als ich'ein achtjähriger Knabe vor lauter Fasten und Hunger schon in aller Frühe es nicht „aushalten" konnte, daß er mir nämlich in die-Ohren raunte:

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