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Neue jüdische Presse · 1918-07-19 · Heft 28 (19.7.1918) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 28 (19.7.1918)
Date
1918-07-19
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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.28 \ lüstern Nr. 28. iT.uidjt ichen." inmcu, ch ein t,. um Dich kt der chten? ie er? lir so Nase? Vater: lß er, s. sei» ihcute >t vor iittern , zum lenken stand, : mir Füße sicheln sichdin roßen ttitigt hat. läßt, und daß ich 'ins Kriminal 'komme, wer ist daran: | anders schuld als du-und deine Brille?" Mit einem Schrei, den ich noch jetzt höre, bin ich ausgetvacht; mein Körper war-eiskalt, ein., solch Lutschen hatte-mich erfaßt. Die Stimme des Batcrs habe ich so deutlich vernommen, daß ich selbst, als ich aufgcivacht rnÄ zur Besinnung gekommen war, nicht glauben gellte, daß ich geträumt hätte. Aber es >var nur meine eigene Stimme gewesen, die Stimme meiner eigenen '•sh,' die während meines Schlafes mit sich selbst gesprochen hatte. ■ -Ich konnte nicht mehr einschlafen. Die Worte meines Katers, die eigentlich meine eigenen wären, tonten mir immer wieder in den Ohren. Ich mit meiner Brille l-ar also wirklich schuld! Das ist mir jetzt nach und nach immer klarer und Heller geworden. Und je deutlicher sich mir die ganze Narretei mit der Brille vorstelltc, desto »ehr ist meine Verzweiflung'-gewachsen. Wenn ich in icser Nacht nicht grau und weiß geworden bin, so ist l dem Has ein Wunder. Aber um zwanzig Jahre wenigstens bin ch älter geworden in dieser Nacht. 1 In der Stille dieser Verzweiflung, die kein Auge eschen hat, als der heilige Gott im Himnicl, bin ich u einem neuen Leben erwacht. Ich Hab' cs gespürt, wie ine eigens Kraft durch meinen ganzen Kopf geflossen, st, wie es stoßweise vom Herzen zum Kopfe hinaufrbeitete, Dann bin ich ruhiger geworden. Etwas Merkmrdiges war mit mir vorgcgangcn. Eine-Demut war der mich gekommen, wie ich sic niemals gekannt hatte, iuc( Bidschof hatte recht, wenn er mich so behandelte.. Zas mußte ich, der junge unerfahrene Atensch, mit sicher Frechheit zu ihm kommen? Mit der Brille auf er Nase ihn bereden, baß er sich mit meinem Vater usgleichen sollte? Aller Stolz und Narretei war von mstler lir gewichen; jede erlittene Kränkung hat in mir ge- Dort hlvi'cgen. Joel Bidschof hat an dir nur getan, wie rgrilb ' cs verdient hast, schrie ich immerfort. Und nicht jmerz war der Beleidigte und Gekränkte, sondern er! Da : wie egte ich mich:- Was ist jetzt zu tun? und wie eine und? ottesstimme ertönte es in mir: Tu. Buße und geh' habe °c£ Bidschof uni Verzeihung bitten! lr ge- ^Ja, abbitten! Wie der Gedanke eittmal in mir so.zu chlgemeldet hatte, da ließ er auch nicht mehr von'mir. s die as einzige, was mir schien, das ich noch tun könnte, tunde ■ ar, daß ich zu Joel Vidchof ging und ihn, als den c gerlcidigtcn, um Verzeihung bat. So weit war cs mit ihnen ir gekommen! -Und Ivie ein Ertrinkender nach einem das- Irohhalm, so habe ich näch diesem einzigen Mittel :engt. griffen, um mir Recht zu verschaffen. Dabei hat mich men; >ie Freude ergriffen, als sollte -ich an etwas besonders l bin »genehmes gehen. Ich habe den Morgen kaum er- , den men können; denn.es stand fest in mir, Joel. Bidschof igcnzubitten. sogar Wie neu erwacht, habe ich mich in aller Frühe, als eilen. Tag geworden war, an Gott gewendet. Sv wie z bis mals habe ich dann niemals mehr im Leben gebetet, nur. ldes Wort unserer heiligen Sprache ist mir besonders chtig und .für meine Lage berechnet vorgekommen, vrfen zwischen war cs Heller Tag geworden. Jetzt habe »eben «die Tür nicht mehr anfgerissen; ich habe mich ja und Hk mehr rächen wollen. Langsam und gefaßt ivie ein habe -der Mensch bin ich durch die Gassen gegangen. Die' itter- ' ille hatte ich zu Hause gelassen! lesen,.? „Jst^ Herr Joel Bidschof zu Hause?", habe ich weiß :der gefragt. Er war eben aus „Schul" zurückgennes limenj und man zeigte mir die Tür zu seiner Stube, licht: ' ist er wieder wie gestern, mit dem Rücken mir Wille-- , lewendet, an seinem Schreibtische gesessen und hat ichen lt? k''!. . „Guten Morgen, Rebb Joel," sag' ich säst nnbar.- Er dreht sich' nicht einmal um und schreit nur. seiner Fistelstimme: ' „Äen guten Morgen zurück.". - Was ich jetzt weiter reden sollte, war mir in sem Augenblicke ganz unbewußt. -Ich weiß nur, daß Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ich dage-standen bin und feilt Wort aus der Kehle herausgebrächt habe; sie war mir wie zugeschnürt. Nach einer guten-Weile ruft Joel, ohne sich umzttwendcn: „Wer bist du, und was willst du?" „Ich biu's, Rebb Joel," sage ich, und ein Träuenguß stürzt mir aus den Augen. Da dreht sich Joel Bidschof um und schreit: ' „Bist du uicht Anschel Maiers Sohn?" Ich konnte vor heftigem Weinen nicht antworten; er aber springt ans, gerade so wie gestern, .und springt ' auf. micl/'zii, als wollte er mir ein Leides antun. „Was willst du wieder?" schreit er, „habe ich dir gestern nicht die- Tür. gewiesen?" Aber ihm selbst vergeht jetzt jedes Wort . . . auf einmal hält er ein, ivie wenn ihm die Stimme versagt hätte, und sieht mich wieder mit sciucu stechenden Augen au. Da schlägt er die Hände übereinander und ruft ganz erschrocken: „Jüugcl, bist du wirklich Anschel Maiers Sohn? lim Gottes willen, wie siehst du aus? Bist du über Nacht im Grab gelegen?" - Gott allein iueiß, >vas in diesem Augenblicke mit Joel Bidschof vorgcgangcn ist; er war .aber wie verändert. Ich konnte nur schluchzen; wenn ich reden wollte,' erstickte mich fast der Krampf. „Bist du krank, Jüngel?" ruft er dann und faßt mich bei der Hand. Da endlich bricht's aus mir mit großer Anstrengung heraus: „Verzeihen Sie mir, Rebb Ivel!" und kaum habe ich das Wort gesprochen, springt Ivel Bidschof von mir zurück und starrt mich mit seinen Augen an. Die aber waren jetzt nicht mehr so funkelnd; etwas besonderes Mildes hat daraus geblickt. „Bist du Ivirklich Anschel MaicrS Sohn, der gestern bei mir gewesen ist? Ich erkenn' dich ja gar nicht mehr! Und die Brill' hast du auch abgelegt!" Joel Bidschof selbst konnte kaum reden, er mußte sich von mir abwcndcn. Nach einer guten Weile dreht er sich wieder zu mir um, und ein ganz anderer Mensch ist vor wir gestanden. Joel Bidschof hat Tränen im Auge gehabt. Da nimmt er mich ivicdcr bei der Hand: „Jüngel," sagt' er weich, „du sollst sehen, daß ich nicht der hartherzige Mensch bin, für den du mich wahrscheinlich gehalten und verflucht hast. Ich sch' dir's an, mit dir ist eine große Veränderung vorgegangcu. Gestern, als du bei mir cingctreten bist mit deiner kecken Miene und mit der Brill' ans der Nas', da war ich ergrimmt gegen dich, und wärest du vom Himmel gekommen, du hättest bei mir nichts ausgerichtct? Heute aber erkenne ich dich, nicht mehr; du bist demütig geworden, mein lieb Jüngel, und hast deine Brille ausgezogen! dafür sollst du sehen, was Joel Bidschof vermag! Nicht nur, daß ich von deinem Vater jeden Vergleich annchme, den er mir vorschlägt, sag ihm auch, Joel Bidschof stellt ihm sein ganzes Vermögen zur Verfügung, damit er sich wieder aufhelse, und wenn er dich fragt: Wieso hat Joel Bidschof sich so schnell geändert, so sag ihm: weil du die Brill' ausgezogen hast! ..." Was soll ich weiter erzählen? Wie ich wach Hanse gekommen bin? WaS mein Bater dazn gesagt hat? So etwas läßt sich nur erleben. Genug, Joel Bidschof hat treu und redlich sein Wort gehalten, der Vater hat sich iuicbct anfgeholfen, und ich bin ein tüchtiger Geschäftsmann geworden. Sie kennen mein gutes Weib,, Gott soll mir sie noch lange erhalten. Sie ist das Mädchen, das mir das erstemal die Tür zic Rebb Joels Stube gezeigt hat. Sic ist Rebb Joel Bidschofs Tochter, mit dem der Friede sei! Das alles ist geschehen, weil ich meine Brille aüsgezogen habe. Die Brille Hab' ich noch; aber gebraucht Hab' ich sie seit'jener fürchterlichen Nacht nicht mehr. "Von da an schreibt sich mein'Spruch her. Sie weisen ihn jetzt verstanden haben, Herr Predig«! , Seife 5- Tiejbcwegt drückte der junge Mann meinem alten Eisik die- Hand. „Ich gebe Ihnen mein Wort, Rebb Eisik," jagte er seiertich, „ich werde sie mir merken, diese Geschichte . . . von Ihrer Brille." Carmen Sylva über das Indent««. Königin Elisabeth von Rumänien, bekannt unter ihrem Pseudonym Carmen Sylva, veröffentlichte vor etwa zehn Jahren in der von Paul Lindcnberg redigierten Beilage der Zeitjchrift. „Mode von heute" ihre Memoiren. In diesen kam sie auch, nachdcnr sie dcnr Gelehrten Bernays, dem vertrautesten Freund ihres. Vaterhauses zu Wied, ein Gedcnkblatt gewidmet hatte, auf Juden und Judentum mit folgenden Worten zu sprechen: „Die Juden haben ihre Religion reiner erhalten als die Christen, das ist eine beschämende Tatsache, aber sie haben sich auch nie den vorhandenen Religionen angepaßt, um die ihrige einznführen, sie haben jahrhundertelange Verfolgungen ausgehalten und sind nicht abgewichen und haben ihren Glauben nicht aufgedrängt oder einzuführen gesucht. Die Judenverfolgung ist darum auch nicht Sache der Religion, sondern der Rasse, die Völker ivollen sich's nicht gefallen lassen, ein anders Volk in ihrer Mitte stärker lverden zu sehen, als sie sich selbst fühlen. Es ist sehr einfach. In Rumänien ist es noch einfacher. Das Land ist schwach bevölkert, die Handwerke sind absolut in den Händen der Fremden, und da kamen nun die Hnngerjahre, deren Folgen sich erst jetzt fühlbar machen. Es wird nicht mehr gekauft, noch gebaut,.noch besfellt, und da sind nicht nur die Inden, sondern auch Protestanten und Katholiken scharenweise ausgcwandert, einfach weil sie leinen Lebensunterhalt mehr faiiden. Sie haben keinerlei Verfolgungen erfahren, denn das Land leidet unter ihrem Abgang: "ber, als die Bauern hungerten, Hatz die ganze Welt zugesehen, mit der größten Gleichgültigkeit; nun da es die Gewerbetreibenden betrifft, ist die ganze Welt in Bewegung. In den letzten Monaten haben 36 protestantische Familien Bukarest verlassen, weil sie keinen Verdienst mehr fanden. Die Not war eben so groß, und es wird noch ein paar Jahre dauern, bevor die beiden Hungerjahre vergessen und überwunden sind. Wenn kein Halm mehr steht, die Felder aussehen wie Tennen, das Vieh mit Erde im Magen zu Tausenden stirbt, dann gibt es auch Sein Gewerbe mehr, dann steht eben alles still. — Die Christen haben ihren Judenhaß und ihre etvige Verfolgung, die sie dieses bewunderungswürdige Volk haben erdulden lassen, mit der Kreuzigung Christi entschuldigt. Seien wir ganz ehrlich gegen uns selbst. Was würden wohl die heutigen Christen tun, wenn Christus wiedercrschiene? Ich fürchte, sie wurden nicht einmal Hosiannah schreien, sondern ihn für einen gefährlichen Sozialisten erklären und wenigstens in ein Irrenhaus sperreik. Tolstoi hat dem Christentum streng nachlebcn wollen und es irr der Tat verwirklicht, und er ist moralisch so gut wie gekreuzigt worden, zumal, als' er die Schächer aus dern Ternpel zu jagen anfing und sie Otterngezüchte nannte, als er so viel Wahr: und Heuchelei aufdcckte, mit dem das Christenruin umhängt worden. Die Juden sind das einzige Volk, das keinen Verfall erlebt. Sie bleiben fest, stark, und einig, in sich geschlossen, einander hilfreich, gesund und kinderreich imd mächtig. Und das alles verdanken sie einem Manne, dem größten Herrscher, den die Welt gesehen, dem König der Könige, dem weisesten tzlrzte, dem größten Psychologen und Physiologen, den es je gegeben: Moses. Wer könnte auf dem Throne leben, ohne vor Moses in Anbetung niederzuknien. Er ist ein Herrscher, der sein Volk erst gemacht hat, und der es so gebaut hat, daß es allen Stürmen trotzen konnte. Hätte die Welt die mosaischen Gesetze angenommen, sie würde vor Tuberkulose und Krebs, Diphtheritis und wie alle die verheerenden Seuchen der Reihe nach geheißen haben, bewahrt geblieben sein." Carmen Sylva rühmt dann die Bibel als das wunder-, barste Buch, von dem wir leben und zehren, daß wir ganz - leicht alle Bücher außer dieser Lebensquelle entbehren könnten. ... y „Es ist sonderbar, wir leben und zehren alle von der Bibel und gestatten uns, das Volk zu verachten, welches das Buch der Bücher' hervorgebracht. Wir verachten es auch wohl nicht, sondern wir fürchten cs eher, weil wir seine Kraft ahnen und inrmer uns wehren, in der Furcht, ganz hon demselben überflutet und unsererseits unterdrückt zir werde». Aber warum lernen die Christen nicht von ihm»? Wir sind ja aus dem Judentum hervorgegangen, warum wenden wir uns ab und verleugnen unsere Herkunft? Wenigstens unsere geistige Herkunft ist dort und nirgends anders. Jawohl, Indien, aber in direkter Linie Judäa! — Sagen wir, daß Dante, Shakespeare, Sophokles, Michel Angeld, Goethe keinem Volke angehört haben, und Christus erst recht nicht, so müsse» wir doch gestehen, daß es nicht ohne Bedeutung ist, in welchem Volke der Menschheit höchste Geister erscheinen, und daß man sich frage» sollte, warum hier und nicht dort, warum in diesem Gewände und keinem andern? Christus konnte nur in einem leidensvokken,'unterdrückten, traurigen Volke des Leidens Apotheose errichten, zu den Armen sprechen, und die Reichen mit Schande überhäufen. Die Juden konnten ihn nicht verstehen, da sie den Messias erwarteten, der sie äußerlich wieder zu Macht und Glanz und Herrlichkeit bringen sollte und im Leiden keine Macht und keinen Glanz erkannten. Das Christentum selbst blieb nut so lange rein, als es verfolgt war. In der Stunde, da es zu Macht und Ehren gelangt war, hörte es vollkommen aus, Christentum zu sein. Kehrte Christus jetzt wieder, so würde-er erstaunt sein, zu sehen, wer sich. Christ nennt! — Die Juden haben feine solche Entzweiungen in ihrer Mitte wie die Christen, die Juden wären nie in

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