Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 27 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Trotzdem bekam ich meine Brille immer lieber, denn man kann sich in ein Ding, das kein Leben hat, ebenso gut verlieben, als in eines mit Fleisch und Bein, und" ich kann sagen: ich war verliebt. Da kam mein Vater einmal von'einer Geschäftsreise mitten in der Woche zurück; denn gewöhnlich geschah dies am Freitag. Sein Gesicht war blaß und die Augen tief eingesunken. Die Mutter schrie laut auf, als sie feiner ansichtig wurde; es hat ihr gleich nichts Gutes geahnt. Doch auf alle Fragen, die sie an ihn richtete, antwortete der Vater nicht, er sperrte sich in seine Schreibstube ein, und durch das Schlüsselloch konnten wir bemerken, daß er schreibe. Gegen Abend rief er die Mutter zu sich; nach einer schrecklich langen Stunde. kaut sie. heraus, mit verweinten Augen, itodblaß im Gesicht. Auch sie wollte mir nicht sagen, was vorgehe, und nach allem zu schließen, mußte etwas Schreckliches vorgegangen sein. In derselben Nacht fuhr der Vater wieder fort; er sagte nicht wohin. Aber sein Aussehen war dasselbe traurige wie das erstemal, und wie ihn die Mutter fragte, was er ausgerichtet, schüttelte er mit dem Kopfe. ^?ir verlebten einen Sabbat, wie ihn mein größter Feind nicht erleben soll! Und bei allem dem habe ich nicht gewußt, was denn vorging. Sabbat zu Nacht nach dem Nachtmahl, sagte mein Later mit einem Male zu. mir: . „Eisik, ich Hab' mit dir etwas zu reden, komm auf meine Stube." x Zitternd und bange folgte ich ihm. „Eisik", sagte, mein Vater zu mir, als wir allein in seiner Stube waren. „Du hast vielleicht bis jetzt gemeint, ich bin ein reicher Mann." „Bist du's nicht?" sagte ich auf den Tod erschrocken. „Nein", sagte der Vater mit gebrochener Stimme, „ich bin mehr als arm geworden. Ich kann nicht einmal zahlen." Ich. vermochte kein Wort hervorzubringen. Mein Later hatte Mitleid mit mir. „Was kannst du dafür," sagte er, „daß du keinen Kopf fürs' Geschäft hast?" Das Wort hat mir erst recht durchs Herz geschnitten; ich fing an laut zu weinen. Nun erzählte mir der Vater, daß er schon seit einigen Jahren einen Rückgang im Geschäfte verspüre, der Mutter und mir habe er es lange verschwiegen, denn ihm scheine, mir wäre meine Brille lieber als das Geschäft, und weil er das bemerkt, habe er die ganze Sache in sich hineingegessen. Abex das Unglück wachse ihm über den Kopf, länger könne es nicht verschwiegen werden. Das alles aus dem Munde eines Vaters zu hören und sich dabei sagen müssen: Es geht dich an! Ich Hab' damals meine Sünden abgebüßt, aber eingesehen habe ich sie noch nicht. „Meine Brill' soll also schuld sein am Unglück!" fragte ich ein über das andere Mal. „Fa", sagte der Vater, „denn daß du mich nicht verstehst, daran ist eben deine Brille schuld." Da 'habe ich geschwiegen, denn wenn das Herz von Unrecht sich gekränkt meint, verschließt es sich. Der Later aber erzählte nun weiter, wie es mit ihm stehe. Ter „Bankerott" war so gut wie fertig. In den zehn Tagen, die er verreist war, hatte der Vater halb Böhmen durchzogen und überall die Gläubiger ausgesucht, um sich mit ihnen zu vergleichen. Die meisten hatten sich mit ihm verglichen, nur ein einziger, und dem wir das meiste schuldig waren, Joel Bidschof in Kollin hatten es rund abgeschlagen. Der hat den Vater wie einen Dieb behandelt, als er ihm mit dem Vergleich kam, und hat gedroht, wenn er nicht seift ganzes Geld bis aus einen Groschen bekäme, wollt' er ihn ins „Kriminal" bringen. So etwas hat man meinem Vater sagen sollen! „Und ist gar keine Hilfe?" srug ich ihn zuletzt. „Gar keine," antwortete er traurig, „Joel Bidschof ist zu hart, der hat ein Herz wie ein Stück leisen." „Vielleicht schickst du mich zu ihm!" sag' ich plötzlich, als wäre mir eine Eingebung von Gott gekommen.; „Dich", ruft mein Vater und lacht spötttsch, „dich mit der Brille!" Ich weiß nicht, was mir in diesem Augenblicke die Kraft gegeben hat, diesen Spott zu überhören. Ich sage wieder: „Schick mich nur, Vater, schick mich." Er aber hat immer wieder mit der Brille angefangen, Gott weiß, wie ich das ertragen habe. Endlich nachdem ich wieder darauf zurückkomme, daß er mich schicken solle, sagt er: „Meinetwegen, geh, Eisik! Ausrichten wirst du so nichts. Das sag' ich dir aber: Zieh nur vor allem deine Brille aus." Am andern Morgen in aller Frühe bin ich mit einer besonderen „Gelegenheit" fort nach Kollin. Die Mutter weinte, als ich von ihr Abschick nahm, der Väter über, halb traurig, halb lachend, meint doch zu guter Letzt: ' „Es ist nur gut, daß wir schön Wetter haben, damit du dich doch ein Bissele wenigstens unterhältst. Denn ausrichten wirst du ja doch nichts. Ich Hab' nichts ausgerichtet, willst du's?" Die Brille Hab' ich natürlich aufbehalten; es muß, wenn ich darüber nachdenke, doch aus Trotz gewesen sein wegen der vom Vater erlittenen Kränkung. In solcher Gemütsverfassung bin ich fort. (Schluß folgt.) Das Märche» vou den sieben Krauter«. Aus den Memoiren der Mücke! von Hameln*) - Es war einmal ein König, an dessen Hofe ein Arzt lebte. Der war ein gar großer Gelehrter und stand bei seinem Herrn in hohem Ansehen. 4lber einmal handelte der Arzt wider den Willen des Königs, und da erzürnte dieser so heftig, daß er den Befehl gab, den Arzt zu züchtigen, an Hals und Füßen zu fesseln, ihm an Stelle seiner guten Kleider ein grobes, stechendes Gewand zu geben und keine andere Speise als ein Stück Gerstenbrot und ein Mätzchen Wassers zum Tranke zu reichen. Den Knechten, die der König über bas Gefängnis gesetzt hatte, erteilte er den Befehl, wohl darauf zu horchen, was der Arzt reden würde, und daß sie ngch etlichen Tagen wieder im Königlichen Paläste erscheinen, und ihm dem Könige, berichten - sollen, was sie aus des Arztes Munde vernommen hätten. Als nun die Wächter vor den Thron traten, sagten sie: „2ßin konnten nichts vou dem Arzte hören, denn er hat keine Silbe gesprochen. Doch allezeit fühlten wir es sehr, daß er ein großer Weiser sein müsse." Wie nun geraume Zeit seit der Einkerkerung des Arztes verstrichen war, ließ der König den Verwandten des Arztes sagen, sie mögen vor ihm erscheinen. Diese begaben sich nun mit Sorge und Bangen zu dem Könige, denn sie fürchteten gar sehr, er werde ihnkn den Tob ihres Verwandten ankündigen. Nachdem sie nun bei dem Könige erschienen waren, befahl er ihnen, zu dem Arzte in das Gefängnis zu gehen, ihn zu besuchen und mit ihm zu sprechen, vielleicht werden ihre Reden ihm genehm sein, so daß er ihnen ein williges Ohr schenken würde. Me ' Verwandten begaben sich zu dem Arzte in das Gefängnis und begannen also zu reden: „Unser lieber Herr und Freund! Es tut uns sehr leid daß wir es sehen müssen, wie Euer Körper in großen Schmerzen sich quält und in der Gefangenschaft schmachtet. Denn man züchtigt Euch und peinigt Euch mit Fesseln an Hals und Füßen, und statt daß Ihr wie sonst allerlei gute Speisen esset, bildet jetzt ein Stückchen Gerstenbrot Eure Nahrung, und statt daß Ihr die besten Weine trinkt, reicht man Euch nur ein Mätzchen Wassers. Unser Herr und Freund, Ihr pflegtet Huch doch in Samt und Seide zu fleiden, nun aber sehen wir wohl, daß Ihr nichts anderes als grobe, wollene und rauhe Gewänder anhabt. Doch eines wundert uns ‘ sehr, daß trotz alledem Euer Gesicht keine Spur von Veränderung aufweist. Euer Körper ist *) Die Memoiren der Glückel von Hameln, das einzige Memoirenbuch in der jüdischen Literatur, stammen aus dem Ende des 17. und dem Beginne des 18. Jahrhunderts. Sie sind in jüdisch-deutscher Sprache abgefaßt. Die Autorin verfolgte zunächst den Zweck, ihren Kindern moralische Lehren zu geben, ging aber darüber hinaus, so daß dieses Büch nicht nur eine wichtige Geschichtsquelle wurde, sondern auH zugleich eine interessante urch MterWtende Lektüre. Seite 5. nicht magerer geworden. Eure Kräfte sind ungeschmälert. Genau so, wie Ihr, unser Herr und Freund, in Euren guten Zeiten wäret, so ficken wir Euch jetzt. Darum bitten wir Euch, uns doch zu sagen, wie Ihr in gegenwärtigem Zustacke und 'bei (Euren Leiden alles ertragen könnt, ohne daß man Euch etwas anmerkt." Als der Arzt diese Worte vernommen hat, antwortete er seinen Verwandten und sprach: „Meine lieben Freunde! Ms ich in das Gefängnis kam, nahm ich sieben verschiedene Kräuter, mischte sie, nachdem ich sie forgfälttg zerrieben hatte, untereinander und bereitete mir daraus einen Trank. Bon diesem Tranke nehme ich täglich ein wenig zu mir, uck er verhilft mir dazu, daß mein Gesicht unverändert bleibt, mein Körper nicht abmagert uck meine Kräfte nicht schwinden. So vermag ich alle Leiden zu crttageu und bin ganz zufrieden." Darauf sprachen die Ungehörigen des Arztes zu ihm: „Unser Herr und Freuck! Wir bitten Euch gar sehr, uns zu sagen, was das für Kräuter fick, die Ihr. in Euren Trank getan. Vielleicht trifft es sich, daß einer von uns solche Schmerzen uck Kränkungen wie die Eure« auszustehen hat. Dann könnten wir uns ja auch einen solchen Trank 'bereiten uck davon genießen in der Hoffnung, an den Leiden und'Schmerzen nicht sterbeih zu müssen." Der Arzt erwiderte: „Meine lieben Freuckel Ich will es euch sagen. Das erste Kraut ist mein Glaube an den Heiligen, gelobt sei er, meinen Vater im Himmel, der mich gegen alle meine Schmerzen uck Kümmernisse, mögen sie noch so schrecklich sein, uck auch vor des Königs Hand. schützen kann. Denn das Herz des Königs ist iw Gottes Hack, uck was Gott will, muß der König tun. Das zweit« Kraut fick die Hoffnung und die guten Ratschläge, die ich mir selbst gebe, ickem ich' alles von der guten Seite betrachte, uck meine Leiden in Demut hinnehme. Dies ist mir ein guter Rat, um mich im schmerze nicht verloren zu geben. ^Das dritte Kraut besteht darin, daß ich mirdessen wohl bewußt bin, gesückigt zu haben Wegen meinen Verfehlungen kam ich ins Gefängnis und mußte alle die Schrüerzen und Kümmernisse erdulden. Du aber dies. alles wegen meiner Sünden geschah, so trage ich selbst die Schuld. Wie dürfte ich da ungeduldig werden oder gar mich empören? Denn es heißt in der Schrift: „Eure Sünden haben zwischen euch und eurem Gotte geschieden." In diesem Sinn« haben unsere Weisen (Segen, ihrem Angedenken) gesagt: Es kommen keine Leiden über den Menschen, es sei denn, daß er gesündigt hat. — Das vierte Kraut ist dies. Wenn ich ungeduldig würde und es nicht ertragen wollte, wenn ich mich gegen meine Schmerzen uck» Kümmernisse empötte, was sollte oder könnte ich tun? Könnte ich es ändern? M hätte ärger kommen können. Wenn der Kömg gebieten wollte, mich zu töten, dann hätte ich ja'sterben müssen, bevor meine Zeit um wäre. Uck dann wäre alles verloren. Ja, wie sagt doch König Salomo: Tow kelew chaj meari mes, das heißt: Besser ein lebender Huck als ein toter Löwe. — Das fünfte Kraut besteht darin, daß ich weiß, baß Gott mich nur zum Guten mit so schweren Strafen hekmsuchte in der Erwartung, daß ich mich von meinen Sünden schon in dieser Welt reinigen uck meinen Antefl an dem ewigen Leben gewinnen werde. Denn es heißt: Wohl dem Menschen, den Gott mit Schmerzen heimsucht. Darum freue ich mich meiner Leiden, uck mir dieser Freude erweise ich der Wett eine große Wohltat, wie es heißt: Jeder, der sich seiner Qualen freut, bringt die Erlösung über die Welt. — Das sechste Kraut besteht, darin, daß ich mit meinem Tefle zufrieden bin uck Gott dafür danke.'Denn ich könnte mit noch stärkeren Fesseln gepeinigt werden, man könnte mich schlagen, mit Prügeln bearbeiten, rädern oder anderen Qualen cmssetzen, die bitterer als der Tod sick. Jetzt esse ich Gerstenbrot, uck wenn es des Königs Wille wäre, würde man mir überhaupt nichts zu essen geben — weder Gerstenbrot noch Weizenbrot. Jetzt läßt mir der Kömg Wasser reichen, doch wenn er wollte, so würde man mir gar nichts zum Trinken geben. Jetzt trage ich grobe, stechende Wolllleider, wenn aber der Kömg wollte, müßte ich Sommer uck Winter nackt herumlaufen. Und man könnte mir solche Qualen zufügen, daß ich wünschte, wenn der Morgen kommt, es wäre Nacht,, uck wenn die Nacht hereinbricht, es wäre Tag. Darum ziehe ich meine Leiden vor. — Das siebecke Kraut ist der Gedanke, daß die Hllfe jeden Augenblick kommen kann. Denn Gott ist barmherzig uck langmütig, er wägt das Böse, das er einem Menschen schickt, wohl ab, er kann ihn seinen Leiden entreißen, ihn von seinem Kummer uck Weh hellen. Dies, meine lieben Freunde, sick die sieben Kräuter, die ich sack nck anwendete. Sie haben mein Gesicht frisch erhalten nck meine Kräfte gewahrt. Darum wird jeder Mensch, den die Gottesfurcht beseelt, die Sttafen Gottes willig uck freudig hinnehmen. Denn sie sind eine Erlösung für seinen Körper und sichern ihm den Antell an jener Welt,. die ewig währt. Der Fromme verttaut auf seinen Schöpfer, daß er alles zu seinem Guten weyden wirb." „Eine Kouvertttiu." Bon einem der merkwürdigsten Schicksale wurde die Gräfin Anna Konstanze von Cosel (sie selbst schrieb sich von Eossell), die Geliebte des Königs August des Starken, betroffen: sie saß fünfzig Jahre ans der lleinen sächsischen Festung Stolpen gefangen. Bon schleswig-holsteinischem Adel, hatte sie sich im Jahre 1699 mit dem Freiherrn von Hoymb vermählt, der sie aber auf seinem Schlosse verborgen hiett, aus Furcht, ihre glänzende' Schönheit könne bei Hoff Unhell anrichten oder erfahren; doch bei einem Trinkgelage ließ sich der Gckte zu einer Wette hinreißen, . seine Gattin übertreffe alle Damen des Hofes an Schönheit und Anmut. Der König war Schiedsrichter in dieser Wette, lind damit war auch das Geschick der schönen Dame mit der hohen schlanken Gestalt, den wunderbar glänzenden schwarzen Augen entschieden. Bon ihrem Gatten getrennt, wurde sie