Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 27 (12.7.1918)
- Date
- 1918-07-12
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Fran^iuMter mieh>Knj^uuitalt ■ " unter Eontrolle des AerztUchen ."Vereins Schwaribnrgstrasse 2—6, Hansa 1168, Bfirozeit morgens 8—12 Uhr. fieimarme finrand Kinderjmllch EiM BrUle. Bchr Leopold Kompert. Wöttschm»».) Stur gegen meinen Vater und mich war sie nicht freust); und hat sie gezeigt, wie sie war, und was in ihr verborgen lag. Als das einzige Kind war ich ihr Augapfel. Gott weiß, woher so eine Mutter all die Liebe und Zärtlichkeit für ihr Kind bekommt. Worauf gar kein andrer denkt, darauf denkt eine Mutter; was keinem eine Sorge macht, -das bekümmert sie und macht ihr das Herz schwer. Ich will wetten, nicht Amrum, der Vater Mosches Ps-gewesen, der den guten Gedanken mit der Prinzessin hätte, sondern seine Mutter. Wir sollte ein Mann auf so etwas verfallen! Man hätte auch von der meim'gen sagen können: Gott Habe sie eigens zu einer Mutter bestimmt urst) mich zu ihrem Söhn! Fremd, wie sie in der Gasse war, hatte sie auch, als ich schon zehn bis zwölf Jahre alt geworden war, Lin Verlangen, ihr Haus auch nur aus eine Stunde zu verlassen. Nur in der Frühe und am Abend, wenn ich in „Schul" gehen mußte, kam ich von ihr fort) sonst bin ich keine Minute ans ihren Augen entschwmüinl. Der Later war beinahe immer auf Geschäftsreisen; der konnte sich wenig um mich bekümmern. Kein Mensch wunderte sich auch, daß mir die Mutter den ersten Unterricht erteilte; von ihr lernte ich lesen, schreiben mü> rechnen, ja selbst die Bilde! habe ich von keinem gelernt als von -ihr. Als wenn es heute geschehen wäre, erinnere ich mich noch jetzt, wie der Vater einmal von der Leipziger Messe etwas milbrachte, das in ein graues Papier eingewickelt war. Ich wollte danach greifen und es ausmachen, da schrie aber mein Vater auf, als hätte ich meine Hand in glühendes Eisen getaucht. . „Wozu hast du mir es also mitgebracht, Vater," rief ich weinend, „wenn ich es nicht anrühren varf?" „Wart' bis auf die Nacht," sagte mein Vater unruhig urst» versteckte das graue Paket an einem sichern Orte, Ich weinte und jammerte, die Mutter aber tröstete mich. Als die Nacht gekommen war, holte der Vater das Paket aus dem Verstecke herbei, nachdem er sich vorher überzeugt hatte, daß alle Türen und Fenster fest verschlossen waren. Der graue Umschlag ward hinweggenommen; es waren fünf Bücher, die mir der Vater hmlegte. „Das ist ja ein „Chumesch" (die fünf Bücher Mosis), ries ich, beinahe enttäuscht. „Schweig, wenn du nicht nullst, daß ich dir die Bücher wegnehmen soll," schreit mein Vater ganz ängstlich, und ich habe das auch auf Zureden der Mutter versprechen müssen. Aus diesem Chumesch hat sie mich unterrichtet. Erst lange Jahre darauf habe ich die Vorsicht und Angst Meines Vaters begriffen. Wenn man jenes Chumesch bei uns angetroffen hätte, wer weiß, was uns damals geschehen wäre! Es war mit der deutschen Uebersetzung von Moses Mendelssohn aus Dessau! Wie ich mein dreizehntes Jahr erreicht hatte, sollt' ich in die Fremde, um da ein Geschäft zu lernen. Das war damals so der Brauch; nach der ^,,Bar Mizwah" mußte ein Jüngel fort. Jetzt soll man es anders damit halten; die heutige Well möchte für dreizehnjährige Kinder noch gerne eine Amme im Hause haben. Die gute Mutter hat lange nicht gewollt, endlich aber hat es der Frankfurter Israelitisches FamilienAatt. Vater durchgesetzt. Ich bin nach Prag zu dem großen Geschästsmanne Noa Liebermann gekommen, der zu jener Zeit ein Spezereigeschäst in der Meiselgasse neben der Schul' gehabt hat. Bei dem bin ich volle vier Jahre in der Lehre gewesen und bin während dieser 'Zeit niemals zu meinen Eltern auf Besuch gekommen. „Ich sollt' mich entwöhnen," sagte mein Vater. Gut! ich Hab' mich entwöhnt; habe gelernt, was zu lernen war; aber wie die vier Jahre um waren und ich einmal einen Brief erhalte, daß ich nach Hause kommen sollt', da Hab' ich mich doch außerordentlich gefteut. Denn mit mir war indessen eine große Veränderung vorgegangen. Als ein keiner „Krupp" hatte ich die- Heimat verlassen, in die" Höhe geschossen wie eine Hopfenstange kehtte ich zurück. „Was werden die Leute in der „Gasse" "zu dir -sagen?" fiel mir jeden Augenblick ein. Nun weiß ich .nicht,, wie es gekommen ist. Einen Tag , vor meiner Abreise, gehe ich durch die Zeltnergasse;. ich wollte mir -die Stadt noch einmal ansehen. Da bleibe ich, ohne daß ich eigentlich an etwas Bestimmtes dachte, vor dem Gewölbe eines Brillenmachers stehen. Wie ich mir so eine Weile die verschiedenen Dinge in dem Auslagskasten betrachte, kommt mir plötzlich der Gedanke: „Sie wär's, wenn ich mit einer Brille auf den Augen vor meine Eltern hintreten möcht'! Mit so einer Brille sieht man wenigstens um etliche Jahre älter aus. Die Leute werden . dich dann gar nicht erkennen." Ohne weitere Ueberlegung trete ich also in den Laden ein, und kaufe mir die erste beste Brille! Solange als ich noch in Prag mich befand, habe ich sie nicht aufzusetzen gewagt; da haben mich die Leute ja gekannt. Aber kaum bin ich im Wag?n, habe ich sie in einem sott versucht. Die Ungewohntheit, so etwas auf meiner Nase und vor meinen Augen zu tragen, hat gemacht, daß sch die Brille in den ersten Stunden gern hundertmal auf die Straße hinausgeworfen hätte. Immer hat mich aber der Gedanke zuruckgehalten: die Leute zu Hause werden dich nicht erkennen, und du siehst damit viel älter aus! Und immer Hab' ich aufs neue die Brille aus dem Futterale ehrausgenommen und aufgesetzt. Merkwürdig, was der Mensch vermag, wenn er nur will-! Wie ich noch zwei Stunden von meiner Heimat war, da habe ich die Brille gar nicht mehr gespürt, sie war mir auf der Nase wie angewachsen. Das hat mich mehr gefteut, als wenn ich eine Mülion mit nach Hause gebracht hätte. Wie ich an dem „guten Ott" vorüberfahre, der, wie Sie wissen, an der Prager Straße liegt, wer kommt mir da entgegen? Naphtali Kremsier, der Vater unsers früher» Gemeindesängers Daniel, der mit Hasenhäuichcn hausieren gegangen ist. Der sieht in den Wagen hinein, in welchem ich langsam an ihm vorüberfahre und ruft gleich: ,,S' Gott's willkumm, Eisik! Bist du auch schon zurück!" Ich glaube, im ersten Augenblick trifft mich schon vor Schrecken der blasse Tod! Gleich der erste Mensch, der mir begegnet, erkennt mich! Ein anderer hätte nun die Bttlle von der Nase gerissen und sie in tausend Stücke zerbrochen. Ich aber, — ich habe sie behalten! „Sie sollen» mich doch -nicht erkennen," Hab' ich in meinem Jngttmm gerufen. Niemals werde ich nun vergessen, wie ichvon meiner guten Mutter ausgenommen wurde. Noch jetzt fühle ich die heißen Tränen, wie sie über meine Wangen herunterttöpfeltcn, indem sie mich minutenla.ng gar nicht aus den Armen lassen wollte! Ich alter Junge spür's noch, es geht mir wie ein Messerstich durch das Herz, wenn ich an diese Stunde denke. Denn wissen Sie, was für ein Gedanke mir unter den Tränen meiner Mutter, unter ihrem Lachen urst» Weinen gekommen ist? Es hat mich geärgert, daß mich meine .Eltern so gar leichk erkannt hatten, daß sie kein Wott über mein Aussehen, kurz über meine Brille sagten! Ist das Nr. 27 nicht etwas, um poch jetzt darüber sich ruhig an die Brust zu schlagen? Erst als ich eine Viettelstunde später meinen Eltern gegenüber saß, immerfort die Augen meiner Mutter auf mir, die sich an ihrem-^Sohn gar nicht satt sehen konnten, sagte mein viel ruhigerer Vater: „Weißt du, Jeüel, ich finde unser Eisik hat sich etwas verändert; er hat etwas Fremdes in seinem Gesichte, ich könnt' aber nicht sagen, wottn es besteht." Ich werde rot wie ein Mädchen, zu dem man auf die Beschau kommt. Also endlich doch! Meine gute Mutter stand auf, beinahe erschreckt von diesen Worten meines Vaters und blickte mir lange ins Gesicht. „Ich sich»' ihn nicht verändert," meint sie hierauf, „er hat noch ganz sein altes Aussehen.", Da blickt auch der Vater schärfer nach mir hin, und auf einmal bricht er in ein Gelächter aus, daß davon das ganze Haus cizittert. „Zettel," ruft er keuchend, „hättest du denken können, daß sich das Jüngel so etwas von Prag wird mitbringen?" „Was denn?" ruft sie erblassend. „Siehst du denn nicht die zwei Laternen, die unser Eisik vor den- Augen hat?" Da schreit die Mutter auf und stürzt auf mich zu? „Ist dir etwas an den Augen geschehen?" spricht sie und zittett dabei, als wäre ich wirllich halbblind nach Hause gekommen. Ich konnte nicht reden, das Wort Äieb mir in der Kehle; ich habe nur den Kopf geschüttelt. Was soll ich länger'erzählen? Der Vater hat in einem fort gelacht, die Mutter aber ist von Minute zu Minute besorgter geworden, denn je mehr ich mit dem Kopfe schüttelte, desto mehr glaubte sie, mir fehle etwas an den Augen. Da brauche ich endlich vor lauter Zureden und Beschämung die schändliche Lüge: der berühmte Dollar Jonas Jeitteles in Prag hätte mir einmal in die Augen gesehen und gesagt: ich müßt' eine Bttlle tragen! So bin ich nach vier Jahren in der Fremde mit einer Lüge vor die guten Eltern getreten! Von diesem Augenblicke an hat freilich der Vater mit' seinem Gelächter eingchalten, die Mutter aber, merkwürdig fttn, wie die Weiber sind, hat mir nicht geglaubt. Sie hat es aber nicht merken lassen, und erst wie.wir allein waren, hat sie mir es gesagt r/nd durch vieles Zurren und Schmttcheln die ganze Wahrheit aus mir heransgebracht. Es hat michaber einen Kampf gekosttt. Die gute Mutter! Statt nun darauf zu dringen, daß ich die Brille ablege, schon deshalb, wttl ich gelogen hatte, hat sie zugegeben, daß ich sie behalte. Sie hat mir die Beschämung und das Gelächter meines Vaters ersparen wollen! Ich Hab' die Brille auch behalten; ich habe geglaubt, ich hätte erst jetzt ein Recht darauf. Und wie ich am anderen Tag durch die „Gasse" gegangen bin, und manche Leute haben mich wirllich nicht sogleich erkannt, und haben mir verwundert nachgesehen, da habe ich in meiner Seele eine Freude empfunden, nicht anders, als ob mich der Kaiser von Wien zum Oberstburggrafen gemacht hätte. Viele Leute haben, mich ausgelacht, denn in der damaligen Zeit war es nichts Gewöhnliches, daß ein achtzehnjähriges Jüngel mit einer Brille gesehen wurde, und was gar nicht in meiner Natur gelegen ist: ich bin dadurch keck und übermütig -geworden. Und gerade unter die Leute, von denen ich gewußt habe, sie können meine Brille nicht ausstehen (leiden), gerade unter die bin ich am liebsten gegangen. Zuletzt Hab ich's dazu gebracht, daß sich die Leute mttne Brille gefallen ließen. Denn wer in der Welt am längsten aushält, der hat ja gewonnen. Das Schönste an der Sache war, daß bei dieser Narretei mit der Brille mein Kopf für das Geschäft ganz unbrauchbar geworden war. Ich zeigte kein rechtes Geschick dafür, und erst später habe ich eingesehen, daß Nr. eigenst klagte in Pr Brille er do 3 oft hll Trotzd man 1 gut Ol ich ka 3 reife r dies a tief ei ttner geah'm antwo Schrei wir bi Mutte kan,! 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