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Neue jüdische Presse · 1918-07-05 · Heft 26 (5.7.1918) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 26 (5.7.1918)
Date
1918-07-05
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Sette 4. Frankfurter Israelitisches Famil'eltblatt, Nr. 26 Franbtnrtor Milch- Kuranstalt unter Kontrolle des Aerztlichen Vereins I Schwarzbnrgßtrasse 2—6, Hansa 1168, Bürozelt { morgens 8—12 Uhr. Keimarme Kur- und Kindermilch „Sie haben noch nicht die Brille abgelegt, Herr Prünger," meinte er mit.seinem vertraulich milden Lächeln. „Wie verstehen Sie das, Rebb Eisik?" „Sehen Sie, Herr Prckiger," sagte der alte Mann mit seinem unerschütterlichen Lächeln, „wären Sie der Heuchler und „Min", den Sie mir in den Mund legen, so hätten Sie nicht etwas unterlassen, als Sie in diese Sticke eingetreten sind." „Ich hätte etwas unterlassen?" ries der junge Prediger lebhaft. „Dort an der Dir," meinte Eisik, indem er seinen Finger ausstreckte, „hängt ejne Mesusah', wie sie in jedem guten Judenhause zu finden ist. Denn mit Gott soll man eintreten, und mit Gott soll man austreten. ■ Diese Mesusah' haben Sie unterlassen zu küssen."*) Eine brennende Röte überflog das sonst blasse Antlitz des jungen Mannes. Eisik bemerkte dieses Zeichen innerer Beschämung; in seinem milden Heyen keimte sogleich die Reue auf. „Weh tun habe ich Ihnen nicht wollen, Herr Prediger," sagte er, und drückte inniger auf dessen Arm, „Ich danke Ihnen, Rebb Eisik," rief der junge! Mann uick ergriff die Hand des Greises, „ich danke [ Ihnen für die Lehre, die Sie mir soeben gegeben haben, j Ich will sie nicht vergessen."! . Eisik wußte nicht, wie ihm geschah. Er schaute! dem jungen Manne eine lange Weile in das gerötete! Gesicht. Vielleicht war es Argwohn, der in diesem - . Augenblicke sein sonst so müdes Gemüt durchzuckte. Ein I junger Mensch in der Blüte und Fülle seiner Jahre stand — so vor ihm, und er hielt ihn doch für beleidigt! Dann aber rief er mit weicher Stimme: - „Um Gottes wülen reben Sie nicht weiter, Herr Prünger. Es ist nicht gut, wenn derjenige, der Gottes Wort zu verküicken hat, seine Fehler sogleich eingesteht. Es ist bas nicht gut. Was soll dann der gemeine Mann tun? Der muß am Gelehrten immer das sehen, was die Kinder Israels in Moses sahen, da er vom Berge Sinai heruntergestiegen ist." „Meinen Sie den helligen Zorn beim Anblick des goldenen Kalbes?" rief der junge Prediger in hoher Aufregung. „Nein, Herr Prediger," meinte der Alte müde, „ich meine den leuchtenden Schrift um seinen Kopf, den ihm j Gott geliehen hat, als er die steinernen Tafeln brachte." * „Rebb Eisik, was sind Sie für ein Mann!" rief der Prediger entzückt aus, erAriff aufs neue seine Hand und schaute ihm mü leuchtenden Blicken in das feine Antlitz. „Loben Sie mich nicht zu sehr," bat Eisik mit j liebenswürdiger Bescheidenheit, „ich verdien's gar nicht." i „Sagen Sie mir nur, Rebb Eisik," rief der Prediger - noch immer ergriffen, „sagen Sie mir nur, woher hat t sich dieser Schatz echter Lebensweisheit bei Ihnen gel sammelt? Sie sind nicht nur llug, Sie sind auch ein - großer Menschenkenner und prüfen Herz und Nieren. Sie j haben in meine Seele einen tiefen Blick geworfen. Wie! kamen Sie dazu? Denn aus Büchern werden Sie doch \ nicht viel gelernt haben!" Eisik schwieg eine geraume Welle; aber auf seinem l Antlitze malte sich deutlich die Freude, sein Lob aus den» Munde des jungen Mannes zu vernehmen, j „Nein, gelernt Hab' ich nicht viel, mein Herr Prej diger," meinte er lächelnd, „nicht einmal so viel, was > Sie nicht schon vor zwanzig Jahren vergessen hätten.! Aber ich Hab' mejne Brllle ball» abgelegt." j „Ich glaube Sie zu verstehen, Rebb Eisik," rief? der Prediger lebhaft. „Si.e sind wahrscheinlich früh- - zellig durch eine harte Schule des Lebens gegangen, und aus den derben Stößen und Püffen, die Sie da erhalten haben, lernten Sie das Leben selbst beurteilen und! dessen Erscheinungen auf ihr wahres Maß herabsetzcn. In dieser strengen Schule sich» Ihre Augen geschärft! worden, und das nennen Sie die Brille ablrgen." „Man sieht und hört es Ihnen an," sagte Eisik! schmunzelnd, „daß Sie eift Prediger sind. Sie können und verstehen Ihre Sache. Sollt' man nicht meinen. Sie 1 hätten jetzt gerade über eine Stelle it» der Bibel ge- I sprachen, über die ein andrer weggeschluppert wäre. *) Jenes Täfelchen an der Türpsoste, hinter »oelchem der Name Lottes zu lesen ist. während'Sie etwas-Schönes>und Erhabenes.darin ftirdrn! Aber glauben Sie nur nicht so etwas von mir/ Herr Prediger. Ich Hab' wirklich die Brille abgelegt." „Wie?" fragte der junge Mann mit einiger^ Drrwirrung, . „Oder besser gesagt," ergänzte sozjleich Eisik; „ich. Hab' eine wirkliche Brllle abgelegt." ' ~ Der Prediger starrte den: Sprecher mft einer Miene" an, als sei er überzeugt, dieser rede irre. „Sic wissen also wirklich noch nichts von meiner; Brille?" rief Eisik, der die Verwunderung des Predigers wohl bemerkt hafte. „Kein Wort," beteuerte der junge Mann. „So freut es mich wirklich in der Seele, daß' ich gerade Ihnen die ganze Geschichte von meiner Brille wiü>er erzählen kann. Hier in der „Gasse" kennt sie jedes kleine Kind. Sie sollen daraus ersehen, Herr Pre-- diger, daß ich Ihnen am wenigsten mit meiner Brille habe wehe tun wollen." „Rebb Eisik," rief der Prediger vorwurfsvoll. „Gut, gut," meinte der Alte, „entscheiden Sie selbst, wenn ich fertig bin. Werden Sie aber auch' genug Geduld haben, einen plauderhaften alten Mann, so lange anzuhören?" „Tagelang könnte ich Ihnen, zuhören!" rief der Prediger begeistert. Rebb Eisik lächelte fein und begann: „Ich bin das einzige Kind sehr reicher Eltern gewesen. Da Sie in unserer Gemeinde nicht, geboren sind, so können Sie auch, nicht wissen, Ivas. für ein Mami mein Vater war. Stellen Sie sich nur das eine: vor: Wenn man von Rebb Anschel Maier gesprochene hat, so hat man sich-darunter etwas wie jetzt, den. Baron Rothschild vorgestellt. In ganz Böhmen und Mähren, ja selbst in Wien hat man seinen 'Namen gekannt, und wenn einem ein Wechsel vorkam, auf den» die Unterschrift meines Vaters gestanden ist, so hat er gewiß gesagt: der ist so gut wie bar Geld. Damit. loill ich nur zeigen, was für ein Mann er gewesen ist. Meine Mutter war draußen „im Reich" geboren; der Vater hat sie auf der Frankfurter Messe kennen gelernt, wohin er zweinral im Jahre kam. Es war: eine merkwürdig feine und besondere Frau; sie hat deutsch und jüdisch geschrieben wie kaum ein Mann, was in der damaligen Zell viel geheißen hat Man. hat. ihr auch nachgesagt, daß sie französische Bücher lesen konnte und auf dem Klavier gespielt hat. Das ist in jener Zeit wie ein Wunder angesehen worden. Wie aber die Menschen sind! Die große Bildung ist Las. Unglück meiner Mutter gewesen. Sie ist deswegen ordenllich. beschrien worden, und keine Frau in der Gemeinde hat sich unterstanden; init ihr in. einen nähern Verkehr zu treten. Die Leute glaubten immer, sie müßten mit ihr französisch reden, und weil das keiner wußtehaben, sie zuletzt gar nicht mit ihr gesprochen. Dadurch ist meine Mutter nie heimisch geworden: in der „Gasse", sie hat sich immer als Fremdebettachtet! (Fortsetzung folgt.) Zwischen Vater und Mutter. Die Geschichte eines-Kindes Von H. D. Naumberg. (Aus dem Jüdischen.) (Schluß) m. Von der Küche her hört man, wie eine energische Hand die Tür öffnet. Mendel Sochers kraftvolle Stimme, dringt durch beide Stuben: - „Na, wo ist er denn? Schnell, schnell!" „Da, da", schreit Jizchak. und springt von seinem. Platze auf. Aber keiner beachtet ihn. Mündel Socher hat große Eile. Die Mutter ruft ihn auf die Seit: und redet leise in ihn hinein. Mendel begleitet.ihre Worte mit hastigem Nicken: „Ja, ja!", und bei jedem Nicken zittert sein schwarzer Bart mit. Genau so wie Vaters Bart, denkt Jizchak, aber in Vaters Bart gibt es eine Menge graue Haare. . . . Die Mutter reicht Mendel ein kleines Bündel Wäsche, Jizchak stopft sie zwei Lebkuchen in die Tasche und beugt sich über ihn, um ihn zu küssen. . . . Durch Jizchaks Körper geht ein Schauer. Es ist ihm, als drehte sich ihm das Herz ini Leibe. Er drückt die Arme fest an den Leib, als wollte er sich vor irgendetwas schützen. Die Mutter sieht ihn böse an. Etwas Feindseliges blitzt aus ihren Augen. . . . „Nun fahr' wohl und bleib' gesund!" Wieder ist es Jizchak, als zerrte etwas an seinem Heyen. Er stürzt sich auf Mutters Hände; macht die' Augen zu und küßt sie lange und mit ganzer Inbrunst: „Bleib' gesund, Mamischi!".^. . . ...... In der Türe, möchte er.sich noch einmal, umdrehen und einen Blick auf die Mutter werfen: Aber er hat zu große Angst. Da er den Wagenr vor der. Tür er-. blickt, seufzt er tief auf und. tut dann «inen Atemzug aus - voller Brust.... Während er noch dabei ist, aufzusitzen, treibt schon dev Fuhrmann das Pferd vorwärts. Und . die. Häuser beginnen, an ihm vorüberzuziehen: Jizchak,- der neben Meiüwl Socher sitzt, kehrt sich noch einmal, um. Er sieht, wie Chajim Schammes in ihr Haus geht, und stellt Vermutungen an, weswegen der kommen könnte. Bald endet die Gasse und die Chaussee beginnt. Die Felder mit den kurz abgeschnittenrn.Halmen eilen an ihnen vorüber. Jetzt nähern sie sich dem Friedhof. Jizchak sendet, suchend seine Blicke hinüber: Er möchte den Ort finden, wo sein' junges Brüderchen liegt, im weißen Hemdchen und zugedeckt mit Etde. Wie. er Brüderchens Grab sucht, steigen vor seinen. Augen ganze. . Reihen von Gräberft auf. Auf sein Herz legt sich einetiefe Trauer. Seine-Augen, schließen, sich, und in. seinem Geiste ersteht Stück-für Stück ein Bild: Auf einem weiten, breiten Felde liegen Menschen in Reihen nebeneinander, ruhig wie Soldaten. Sie haften die Hände an den Beinen, als wäre das Kommando : „Nicht gerührt!" Er aber; Jizchak, ist ein Offizier-und' kommandiert mit lauter, lauter Stimme. Alle Händeerheben sich: Weit und breit sieht man nichts als aus-> gestreckte Arme, die lange Linien bilden. . . . Dannkommt ein Weib mit. einer Sense, mäht alles ab un8l macht Bündel daraus. ... Wie er die Augen aufschlägt, blickt, er gleich auf seine Hände, urrd es macht ihm große Freude, sie immer wieder anzusehen. Der Friedhof liegt, schon weit, hinter, ihnen. Die Chaussee zieht sich noch immer einförmig. Rechts und links ragen die Bäume. Ueber den.-Himmel ziehen dichte Wolken;. Schatten laufen jeden- Augenblick über die Straße und laufen nochum ein. .Beträchtliches rascher als der Wagen, obwohl, der Fuhrmann sehr eilt und alles Angst hat, zu spät zu kommen. Um fünf Uhr fährt der Zug ab. Für Jizchak hat Mendel Socher ein halbes Billett genommen. Er hat ihm befohlen, dem Kondukteur,, wenn er . ihn fragen, sollte, zu sagen: „Acht Jahre"; mü» sich klein, zu machen. Zusammengekauert sitzt Jizchak in der Wagenecke und. hat große Angst. Es beginnt dunkel zu werden. Seine, halb geschlossenen Augen sehen nur den Rauch, der in -die- Luft steigt und dann hin und her flattert, nach rechts und- -links — fast so, als hätte er nicht Vater und Mutter gehabt ' Im Waggon klappert und rasselt es, und voiw . Gespräch hört Jizchak nur abgebrochene Worte. Irgend-- einer fragt: „Wer ist der Junge?" und deutet dabei: auf ihn. Er hat Angst, die Antwort zu hören,, und drückt sich fester an die Wand. ... Ein- Seufzer »vird laut, irgendeiner sagt mit weinerlicher- Stimme: „Bittere Zeiten!" . . . MaU spricht von. Bankerotten.. Jizchak versteht nicht, was das bedeutet Er. vermutet nur, daß es etwas sehr, sehr Schlechtes'sein muß: Etwas, . was nur in besonders traurigen- Zeiten vorkommt Wieder ein anderer sagt mit ebenso klagendem Ton. in der Stimme, daß die Tage des Messias nahe seinmüßten, es gäbe nichts zu verdienen, nicht zuverdienen: . . . Allerhand neue gesetzliche Beschränkungen kämen auf-Und Jizchak wird. weh ums. Hey. Er bildet sich ein, die: bitteren Zeiten würden, sehr: lange, dauern: Alle Geschäfte werden danirderliegen.: Alle Jungen weiden ohne Hut und alle Mädchen barfüßig gehen müssen. Und die Kinderwerden, schreien: „Es. hungert uns." Und die Mütter und die Väter weiden jammern: „Nicht möglich, etwas zu verdienen, Gott soll sich unser erbarmen!"-.... Er schlägt die: Augen, auf. und blickt um sich. Alle die Gesichter ringsum-sehen so vergrämt, aus.- Und er hat Mitleid mit allen, auch mid Mendel Socher: Er veyeiht ihm auch schon, dftß erfür ihnnurein halbes Fahrblllett genommen hat-und-für. sich selbst ein ganzes. Der Zug hält an, Leute, steigen-aus-und. ein, mail ttägt Gepäck ab und zu: Irgendeiner frägd mit-lauter^ Sttmme: - „Ah, wie geht's, Henech?" Scala - Lichtspiele Schäfergasse 29. SohSfergaase* 28P Modernes fbeater Vorführung stets neuer und hervorragender Filme nt. 26 „Sein. auf;-; „Hast „Nicht Jizcha! l Liebe harnt, e „Ihr gelobt I Aber t Der Z: » blickt um und |. Die 3 die S husche: gm: noch n und: dunkler , Dann r. Hilm Der Z Jizcha! n ihm, , weiß Er we „Reb- Aber! „Reb! mel. „Was! „Was Reb. A eine Ec „Geht sich sei! Reb 3 Um el ien kom ibetc ih er hohe Erst a ußt, da Herz w artung. »mal, n Jizcha >er dam Angen Beim! >e wart scharfei das S vernehr TÜr L Jetzt! Sie sti Jizcha! t, was. -e, groj rhl last eine D rideter 1 mt Ba ng enti enblick, :n, die eib' da Jizcha! en. Rii „Wer Tür. Eine f >igen Z „Oeffn Die 3 \t Bein n zur „Jizch „Berdc man Jizcha! Nochm :r antn f autiu

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