Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 25 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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25 Nr. 25 Frankfurter Israelitisches gonitUenblau. Seite 5 l mau sein 'almud jic ein de, ja,: ei war;f& und mderte die einen :ufzend kannst, cd dich S Herz Vater Vater" andern ii ihn einem Fuhrt: Es seiner > gute schvn Worte lürdig. Hülste se. Frühleppcn heil». Lüge gesagt, laschen einen »erlich, teihn i Blick Kutter t, vc» Oicnst. ragen, it der fahren §s ist bildete :r be-;t: es id die früher i Abganze i, und llmud. e inir haben lder!" zurück laufen noch n mit muß u be. Sie schilt und keift, ohue.innczuhalten und wirft dabei die Arme, als wollte sie alle'Flüche aus dem Aermel herausschütteln auf des armen- Jizchak Haupt. Jizchak aber, der nun -schon! ganz sicher weiß, daß die Mutier Hochzeit machen wird, ist noch erregter geworden. Ter Mutter Hochzeit, die Fahrt zum Vater, des Lehrers Weib mit ihren bösen Schcltworten haben in ihm einen Sturm von Gefühlen entfesselt. Um alles in Her Welt möchte er schon zur Tür hinaus sein. Er sitzt nur „och. mit' einem Bein auf seinem Sessel und schaut den Rebbe halb fragend, halb bittend im. Aber der will von seinem Weibe Ruh' bekommen und heißt den Jungen mit der Lektion fortfahren. Wieder quält sich Jizchak,. den Gedankengang des Talmud zu verstehen und in sich aufzunehnien. Aber der Kopf folgt nicht mehr, und sein Herz schlägt schneller. Plötzlich — muß er weinen. Djeandern Jungen schauen sich verwundert an. Zn der Stube wird's stille, man hört nur das Tick-Tack der Uhr, der Rebbezin ist ein Schimpfwort im Halse stecken geblieben. ' „Wein' nicht,hinein Kind," sagt der Lehrer, „tvein' nicht, in Warschau gibt's gute Lehrer, wirst dich vrdent. lich aufführen. . . . Na, geh' jetzt nach Haus und vergiß nicht, der Mutter zu sagen, daß mir noch Geld kommt für den Monat." ... Sein Weib brummt noch irgendetwas, aber Jizchak hört schon längst nichts mehr. Mit zwei Sätze» ist er zur Tür hinaus, und schon hat er sich mit dem Aermel die Tränen fortgewischt. Draußen ist ein wundervoller Sommermorgen. Wie von selbst heben sich die Füße, um zu laufen. Sein volles Herz möchte sich befreien, von der großen Sache, die es erfüllt. , Bon weitem sieht er Schmuelke, einen dreizehnjährigen Jungen. Er läuft ihm nach und schreit ihm auS voller Kraft zu: „Schmuelke, Schumelke, weißt du, meine Mutter macht Hochzeit!" Doch er erschrickt vor seinen eigenen Worten mid schämt sich vor sich selbst. Schmuelke fragt ihn, ob man auch Lebkuchen backen wird. Jizchak antwortet: „Ich weiß nicht." Aber Schmuelke sagt mit einem sichern Ausdruck in der Stimme: „Man bäckt, gewiß bäckt man, bring' mir, Jizchak! Wart' ich will dir auch wieder etwas geben." „Ich fahre nach Warschau," antwortet Jizchak mit Stolz. Er möchte gerne Schmuelke schon wieder los werden und stürmt davon, über Schmuelke läßt nicht von ihm. - ® . „Laß mich in Ruh'," schreit Jizchak, „er glaubt, jeder ist so diebisch wie er!" Schmuelke versetzt ihm einen Fußtritt und läuft fort. Hinkend kommt Jizchak heim. II. Die Küche ist erfüllt vom' Dufte der verschiedensten Sabbatgerichte. Auf dem Herde stehen große Töpfe. In der Fischpfanne bilden sich jeden Augenblick große Bsasen. Das Feuer prasselt. Die Mutter im wollenen Kleide, mit der Sabbatperücke und einer neuen, weißen Schürze, steht in der TÜr und spricht mit der Aushclferin wegen gerösteter Aepfel. Da erblickt sie Jizchak. „Was -kommst du so, früh?" Jizchak erinnert sich, daß er dem Lehrer eine Unwahrheit gesagt hat und weiß nichts zu antworten. Auf die Mutter zutreten, ihre Hand fassen und „Guten Morgen" sagen, kann er nicht. Die Aushelferin schaut ihn scharf , an und sagt dann der Mutter etwas auf Polnisch. Die Mutter antwortet. Beide blicken ihn an. Die Aushelferin verzieht ihr gerunzsltes. Gesicht, und Jizchak weiß nicht, ob sie lächeln oder etwas anderes ausdrücken min. Er steht immer noch auf seinem Platz und hat Angst, sich zu rühren. So ungefähr, als befände er sich bei seinem Vetter Jeruchem im großen Saale, wo alles so schön und reich ist. Und doch könnte er dort keinen Schritt tun, wenn ihn nicht seines Vetters Kinder führten. Das Frühstück,' ein ganz gewöhnliches Wochetagsfrühstück, nimmt er in der zweiten Stube und ist dabei sehr unruhig. Er läßt kein Auge von der Tür und hat Angst, die Mutter könnte hereintreten, gerade während er mitten im Essen hielte. Und er würde dann nicht antworten können. Darum macht er ganz kleine Bissen. Ganz merkwürdig: Es ist ihm, als wäre das Frühstück kein Frühstück, die Stube keine Stube, die Mutter keine Mutter. Die Mutter tritt ein. Jizchak stockt der Atem. Die Mutter tritt auf ihn zu und setzt sich neben ihn. Jizchak wird ganz erregt. Es schwindelt ihm vor den Augen. Das Weißbrot fällt ihm aus der Hand. Er hascht danach, doch er macht. dabei. eine so ungestüme Bewegung, daß sein Bänkchen, nmstürzt und auch er hinfällt, — halb unabsichtlich, halb willig,' weil erfühlt, daß es für ihn nicht, möglich sei, auf einem Orte stehen zu bleiben. Die Mutter schreit: „Der wilde Range! Weiß er. was mit ihm geschieht?" Jizchak hebt das Bänkchen auf und denkt bei sich: Die Mutter hat wirklich recht. ... Er weiß wahrhaftig nicht, was mit ihm geschieht. Doch daran ist nicht er schuld, sondern die Mutter selbst, wozu hat sie denn Hochzeit? v; In Wahrheit — philosophiert er, da er allein in der Stube zurückbleibt — wozu muß die Mutter Hochzeit machen und eine solche Verwirrung anrichten? Er erinnert sich, daß in letzter Zeit die Mutter einmal beim Vetter Jeruchem über das Geschäft geklagt hat: Daß der christliche Laden alle Kundschaft an sich zieht. Und der Vetter Jeruchem hat sehr schwer aufgescufzt jtnb gesagt: „Es sind bittere Zeiten, Gott soll sich unser erbarmen!" Und Jizchak meint jetzt, daß die Mutter Hochzeit mache, um zu Erwerb, zu kommen. Allerdings, er wundert sich, wie aus einer Hochzeit Geschäft und Erwerb herauskommen kann. Wieso dann die Zeiten nicht bitter sein werden? Aber wenn's nicht so wäre, würde doch die Mutter nicht Hochzeit machen? -Wozu denn? Die Mutter kommt wieder herein aus der Küche, eine Platte Fische auf den Händen tragend, mrd Jizchak fühlt etwas wie Mitleid mit ihr, der das christliche Gewölbe die ganze Kundschaft wcgnimint, die jo^bitlere Zeiten hat und Hochzeit machen muß. - Seine -Augen füllen sich mit Tränen. Die Mutter setzt sich und ruft ihm zu: „Jizchak!" Der Mutter Stimme ist, wie alles ringsum, gar nicht wie sonst. Sie klingt fremd in die Ohren des Kindes, wie ein Widerhall. Jizchak tut das erstemal, als hörte er nicht, lutD beschäftigt sich damit. Fliegen auf den Fensterscheiben zu haschen. „Jizchak!" Die Mutter ruft ihn und er steht! „Was ist das?" sagt die Mutter vorwurfsvoll. Jizchak geht auf sie zu und bleibt vor ihr stehen. Er weiß nicht, was er mit seinen Händen machen soll, wo man sie eigentlich zu halten hat. „Du weißt, wohin du fährst?" Jizchak antwortet nicht. „Ich frage doch! Warum antwortest du nicht? Weißt du, wohin du fährst?" Jizchak senkt die Augen noch tiefer. Die Mutter wird böse: „Hat man so was gesehen? Warum antwortest du nicht?" Jizchak fängt plötzlich, zu weinen an, die Mutter geht böse aus der Stube heraus mit einem zornigen: „Na wart!" Der Knabe bleibt allein zurück. Er hat nichts zu tun. Fliegen gibt es, wie ihm zum Trotze, keine mehr auf den Fensterscheiben, und in die Küche zu gehen, hat er Furcht. Die letzte Stube, wo die Betten stehen, ist versperrt. Und dann hat ihm ja die Mutter nicht befohlen, dorthin zu gehen. Er fühlt sich von allen Seiten eingeschlossen. . . . Wann wird endlich Mendel Socher kommen? Er nimmt seinen neuen Ucberrock aus der Truhe und tut ihn an, geht zum Spiegel, verzieht sein Gesicht, droht mit dem Finger in den Spiegel hinein: „Du wilder Range, du wilder Range! Er weiß nicht, was mit ihm geschieht. Ich werde dir bald zeigen! Mäh ,, . äh. , ," Die Dienstmagd, ein flinkes Machen, das sehr schöne Lieder singen kann, geht durch die Stube. Jizchak wollte sie bitten, sie möge ihm ein Lied singen, doch das Mädchen hat Eile. Beim Durchgehen aber sieht sie auf dem eben geputzten Spiegel Flecken, die von Jizchaks Fingern herrühren. Sie gibt ihm einen Puff: „Daß dich der Kuckuck hole!" schreit sie. „Wann wird man dich endlich los werden?" Jizchak wird böse und antwortet.: „Du schlechtes Ding du! S^e meint, ich weiß nicht, daß . . ." Aber er weiß wirklich nicht, was das Mädchen getan haben und weswegen er sie schelten könnte. Er blickt sie nur wütend an. Das Mädchen gibt ihm einen zweiten Puff. Jizchak läuft auf sie zu, erfaßt ihre Hände und beißt drauf los. Das Mädchen schreit laut auf. Sofort stürzt die Mutter herein, während die Anshelferin in der Türe stehen bleibt, eine halb geschabte Möhre in der Hand. Die Mutter sagt leise, aber mit zornbebender Stimme: „Bewahre uns vor solchen Kindern, Gott iiir Himmel!" Und der „Gott im Himmel" legt sich schwer auf das Herz des Kindes. Eine tiefe Trauer kommt über ihn. So setzt' er sich still zu Tische. ... (Schluß folgt.) Stille Heven. Von Verwalter H. S. „.’jjaiuia, komm doch, Liebling, konnn zu mir!" „Aber Mutti, ich bi» doch gleich fertig: gerade focht das Wasser, und dann gibt's Kaffee!" „Sei mir vorsichtig, Kind, daß nichts passiert." „I wo, Muttchen, daS mach' ich doch jede» Tag, bevor ich zur Schule gehe. — Siehst du, Mutti, hier ist der Kaffee, und nun trink mal gleich. Hoffentlich bringt Jaköble die Milch bald, damit ich sie noch denr Malchen geben kann." „Du lieber Himmel," denkt die Mutter, „wie wird das noch weiter gehen!" Draußen der Mann im Felde, sie selbst krank und drei kleine Kinder, von denen das neunjährige älteste so weit wie möglich nun den Haushalt besorgen muß und der siebenjährige Junge die Gänge, und dann war noch die Kleine von zwer Jahren da! Besorgt ruhte' ihr Auge mif der kleinen Gruppe, und als die beiden Aeltestcn sich verabschieden, um in die Schule zu gehen, da rannen heimliche Tränen aus ihren Augen. Wie so ganz anders"war es doch früher, wie glücklich fühlte sie sich an der Seite ihres Mannes! Sie hatten ihr gutes Auskommen und fühlten sich hingezogen zu altem Guten und Schönen. Das Glück der eigenen Häuslichkeit ging ihnen über alles, und so nahmen sie sich vor, die Kinder in jüdischem Sinne zu glaubensstarken Menschen zu erziehen. Ms der Krieg hereinbrach, sahen sie gefaßt dem Schweren entgegen. „Es trifft ja jeden," sagten sie sich, „da müssen wir die gemeinsame Schickung hinnehmen." Und dann zog der Mann ins Feld, und in seinem Sinne hielt sie bas Haus irr Ordnung, erzog sie die Kinder in Frömmigkeit. Mit der Länge des Krieges wuchsen indessen die Schwierigkeiten, denn daß das Verhängnis so lange dauern würde, konnte niemand ahnen. Das vorhandene Vermögen schnwlz immer mehr zusammen, und so war sie gezwungen, sich einzuschränken und schließlich auch ohne die bisherige Stütze die Häuslichkeit zu versehen,, bis — ja, bis sie selbst krank wurde. Und dann kamen einige schwere Wochen, während welcher sie sich ganz verlassen sah. Wenn sie Nun jetzt auch tagsüber sich einigermaßen betätigen konnte, des Morgens fühlte sie sich noch zu schwach, und so mußte die kleine Hanna die nötigsten Arbeiten verrichten, während Jaköble schon um 7 Uhr früh die zu» geteilte Milch holen ging. „Nun, meine Liebste, Sic sind ja heute so ganz in Gedanken," so begrüßte sie der eintretende Hausarzt. „Ach, wenn Sie wüßten, verehrter Herr Doktor, wie schwer mir's mnS Herz ist! Und doch muß ich durchhalten für Mann und Kinder." Wohlwollend ruhten die Augen des Arztes auf den sympathischen Zügen der Kranken. Wußte er doch, mit welch rührender Geduld diese F-ran trotz ihres Leidens sich in alles fügte. Und mit seiner sonoren Stimme sprach er herzliche Worte der Beruhigung zu ihr. „Sehen Sie, verehrter Herr Doktor, es gibt nun Verhältnisse, wo alle sozialen Einrichtungen versagen müssen, wenn man sich ihrer nicht bedienen kann. Mir war es nicht möglich, rechtzeitig ins Krankenhaus zu gehen und so durch entsprechende Pflege bald wieder auf dje Beine zu kommen. Ich kannte dies nicht meiner unversorgten Kinder wegen. — Wie vielen mag dies jetzt in der Kriegszeit so gehen!" „Und doch wäre es schließlich das Beste für Sie gewesen, sich für einige Zeit ins Krankenhaus zu begeben," erwiderte ihr der Arzt. „Mit den Kinder» wären wir schon fertig geworden," meinte er dann lachend. „Das "Beste? SoUte ich während dieser Zeit die Kinder ungeeigneten Einflüssen auSsetzen? Da liegt es mir nun sehr am Herzen, mit Ihnen, Herr Doktor, etwas zu besprechen, was ich dieser Tage las und das in mancherlei Hinsicht gerade bei den besonderen Schwierigkeiten jüdischer Verhältnisse wohltuende Hilfe leisten könnte." „Da bin ich aber gespannt, liebe Frau!" „In einer angesehenen Tageszeitung vertrat ein Arzt die Ansicht, man sollte in bestimmten Fällen davon absehen, Leute in ein Krankenhaus zu verbringen, wenn häusliche Verhältnisse das Verbleiben der Kranken im eigenen Heim ratsam erscheinen lassen. In längeren Ausführungen zeigte dann dieser Arzt die neu einzuschlagenden Wege, die im Grunde darauf hinausgehen, bezirksweise 5k r a n k e n st a t i o n e n einzurichten und, falls irgendwie durchführbar, Behandlung im eigenen Haus durch eine hierfür geschulte Schwesternschaft zu ermöglichen. Könnte man diese Gedanken auf die jüdischen Verhältnisse übertragen, wieviel Segen wäre dann damit zu erreichen." „Das ist wahr, da habe» Sie recht, Berehrteste, und wenn ich mir Ihr Heim hierbei denke, so wüßte ich nichts schöneres als diese Theorie bei Ihnen in die Praxis umgesetzt. Ich muß eher sagen, ich möchte noch bescheidener sein; — es genügen statt der Schwesternschaft ein paar warmherzige, ernstskrebende und sozial empfindende Menschenkinder. Nun schmunzeln Sie, nicht wahr? Und wenn so ein liebes Menschenkind mit seinen versteckten Engelsflüaeln ein Stündchen des Morgens zu Ihnen käme und statt der Hanna den Kaffee kochen würde, so daß auch das Jaköble länger schlafen könnte, und schließlich dem Malchen die Milch verabreiche» würde, dann wäre Ihnen und allen geholfen." Lächelnd erhob sich der Arzt, um sich zu verabschieden. „Schauen Sie, nun verlasse ich Sie heute doch ganz vergnügt, meine Liebe, und ich will gerne dazu beitragen, daß Ihre Anregung weiteren Kreisen bekannt wird."