Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 25 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sriif 4 thnnffiirter Israelitisches Faiiiil'enblatt. 'Jii. 25 F kturter Milch - Kuranstalt r Kontrolle des Aerztücben Vereins Scbirarzbnrgstrasae 2—6, Hsnsa 1168, Bfirozeit morgens 8—12 mir. Keimarme Kur- und Kindermilch Gemüt zugibt. Daniel Kremsier kam regelmäßig, sobald das Abendgebet vorüber war, und berichtete Rebb Eisik, der nur wenig aus dem Hause kam, alles, was sich in der Gemeinde zuttug: von der Kindbetterin an, die am nächsten Sabbat ihren ersten „Schulgang" machen sollte, bis zur lleinsten „Partie" in der Gasse, die von irgend einem „Schadchen" unter dem Schleier des tiefsten Geheimnisses vorbereitet wurde. Daniel Kremsier war ein lebendiges Zeitungsblatt, nur mit dem Unterschiede, daß Zeitungsblätter öfters lügen, der Gemeindesänger aber nie. Denn dafür hatte er, wie bereits gesagt, eine zu durstige ,Seele, und eine solche spricht bekanntlich nur Wahrheit. Durch diesen Daniel Kremsier sind nun eine Menge von Aeußerungen und Urteilen, wie sie Rebb Eisik in den vertrauten Unterredungen mit seinem Zeitungsblatte zum besten gab, bekannt geworden. Sie laufen zumeist auf die „Brille" hinaus, und man wird sogleich sehen, wie sich die ganze Lebenssumme von Erfahrungen, die gesamte Ladung möchte ich sagen, die mein alter Eisik aus den Stürmen und Fluten seines Daseins ans Land gerettet hatte, in diesen wenigen Worten gesammelt hatte. Daniel Kremsier brachte einmal, nachdem er die Kehle sattsam angefeuchtet hatte, die Meldung, es sei von einer „Partte" in der Gasse die Rede, die nach seiner Meinung nichts zu wünschen übrig lasse. Der Bränttgam „habe" nichts und die Braut habe noch weniger. Aber sie wären sich beide merkwürdig zugetan, und wenn man dem Bränttgam eine blanke Million auf den Tisch aufzählen würde, so ließe er auch von dem Mädchen nicht ab. „Und das meint Ihr im Ernst, Daniel?" sagte Rebb Eisik mit einem gewissen schelmischen Lächeln, das dem alten Manne sehr wohl anstand. „Was denn, Rebb Eisik?" beteuerte der Gemeindesänger. „Ist das nicht eine Partte, wie es keine bessere gibt, wenn der eine nichts hat und der andere auch nicht?" „Daniel Kremsier, mir scheint, Ihr habt erst ein Glas getrunken," sagte Eisik mit vollem Ernste; „schenkt Euch ein und trinkt ein zweit' Glas, damit es ein bissele heller wird in Eurem Kopf. Denn Ihr habt eben eine große Narretei von Euch gegeben." „Wie so, Rebb Eisik"?" fragte der Gemeindesänger, sich verwundert stellend, ließ sich aber die Mahnung seines Potentaten nicht zweimal wiederholen. „Wie so?" äffte ihm Eisik nach. „Das heißt: jetzt hat der Bränttgam noch die Brill' auf und sieht alles doppelt. Die Nase seiner Braut erscheint ihm doppelt so-schön, als sie vielleicht , in der Wirklichkett ist, und wenn sie etwas redet, meint rr vielleicht, Gott selbst in seinem siebenten^ Himmel kann nicht so fein reden. Laßt aber ein Jahr oder zwei vergehen, Daniel! laß sie Mann und Weib sein, Kinder um flie herumschrcien und dergleichen, dann seht zu, Daniel Kremsier, ob er noch die Brille auf hat." Der Gemeindesänger war als Zeitungsblatt viel zu diplomattsch, als daß er durch Widerspruch seine Existenz in Gefahr gebracht hätte. Er begnügte sich also, durch ein lautes Gelächter der Meinung Rebb Eisiks seinen Beifall zu schenken und bei dieser Gelegenheit sein Glas zum dritten Male zu füllen. Kluge Leute mögen aber entscheiden, ob mein alter Rebb Eisik mit seiner Brille recht hatte oder unrecht. Die Geschichte jener „Gasse", in der sich jener Bräutigam befand, will nämlich wissen, daß er schon nach Jahr und Tag mit allen zehn Fingern nach der Million gegriffen hätte, die er damals verschmähte, — wenn sie ihm nur jemand auf den Tisch gezählt hätte. Kurze Zeit darauf starb der aüte, nahe neunzigjährige Rabbiner der Gemeinde. Sola.ngc er am Leben war, hatte man sich, aus Ehrfurcht vor dem Greise, der die meisten in der „Gasse"- als Kinder gekannt hatte, gehütet, irgend welche Verbesserungen oder, wie es hochdeutsch heißt, -„Reformen" in Gottesdienst und Schule anzübringen. Der Tod des alten Rabbi war das Zeichen zu einem erbitterten Kampfe der Parteien; unentschieden wogte dieser lange hin und her, bis am Ende dlw Sieg den jüngeren Gemeindemitgliedern zufiel. Die Jüngeren hatten einen „Prediger" Lurchgesetzt und mit diesem einen „geregelten" Gottesdienst. Am meisten von diesen tiefeinschneidenden Veränderungen war Da.niel Kremsier, der Gemeindesänger, bettoffen, denn sie gingen ihm fast ans Leben. Er sollte nicht mehr die schöne Kunst seiner gesungenen Schnörkel üben, nicht mehr die wild 'aufschreienden Melodien einer uralten Zeit vor den Ohren der Leute, die feiner geworden waren, änbringen! Eine andre Zett war gekommen und mit ihr ein musikalischer „Kantor", der im Chore des trefflichen Sulzer in Wien gebildet worden war. Daniel Kremsier ward mit vollem „Gehalte" vera,bschiü>et; rr war das Opfer eines Kampfes gewogen, den man in unsrer wortreichen Zeit „Uebergangsphase" zu nennen Pflegt. Dieses schreckliche Wesen fuhr wie ein schweres Wagenrad über den Leib des armen Gemeindesängers; Traurig und tiefbekümmert lojn eines Abends Daniel Kremsier zu seinem alten Freunde. „Was ist mit Euch vorgegangen, Daniel?" rief ihm dieser erschrocken entgegen. „Ihr seht ja aus, als hättet Ihr achtundvierzig Stunden hintereinander gefastet?" „Sieht man mir's also an?" meinte der Gemeindrsänger wehmütig und beschaute mit einer Art von Lust seinen ohnehin spindeldürren Leib. „Ist es denn ein Wunder, wenn ich so aussehe? Ich frag' Sie- Rebb Eisik: muß es einem nicht das Herz abstoßen, wenn man dreißig Jahre vor Gott und den Menschen gesungen hch, und jetzt kommt so ein Hergelaufener, der nicht einmal „Hebräisch" recht lesen kann, und schnappt einem das Brot weg?" „Weggeschnappt hat er es Euch nicht, Daniel," bemerkte Rebb Eisik ruhig, „und ich denke, die Gemeinde läßt es Euch an nichts fehlem Euer Brot habt Ihr doch, Daniel/' „Was Hab' ich vom Brot," rief der abgesetzte Gemeindesänger mit kläglicher Sttmme, „wenn ich nicht mehr singen darf? Soll mir das also nicht das Herz abstoßen, wenn so edier mit seinem Chor in derselben Schul' singt, die mich mehr als dreißig Jahre kennt?" „Das ist's, was Euch so mager macht, Daniel?" meint: Rebb Eisik wieder mit seinem ruhigen Lächeln. „Daniel Kremsier, seid kein Narr auf Eure alten Tage, und zieht auch Ihr die Brill' einmal aus." „Wieso, Rebb Eisik?" fragte der pensionierte Gemeindesänger ganz verblüfft. „Schenkt Euch erst ein, Daniel," meinte Eisik kaltblütig, „ich will Euch dann sagen, was das heißt." Trotz seines Kummers ließ das klägliche Opfer einer Uebergangszeit diese Mahnung nicht zweimal wiederholen. Mit auffallender Hast griff , er nach dem Glase, mw sei» vom Kummer abgezehrtes Antlitz begMn eine leise Röte anzunehmeu. „Daniel Kremsier," sagte hierauf Rebb Eisik, der mit Wohlgefallen die Veränderung bemerkt hatte, die mit seinem Gesellschafter vorgegangeu war; „Daniel, Ihr wißt, "ich bin keiner von denen, die sich das „Judsein" auf die leichte Achsel laden. Ich kenn Euch, Daniel, seit dreißig Jahren, und immer hat sich mein Herz an Eurem Gesänge und Euren „Stückeln" ergötzt. Wenn ich Euch am Jom Kipur mit nüchternem Magen habe so gewaltig schreien hören, daß die ganze Schul' gezittert hat, da ist mir das Herz vor Freude aufgegangen. Ich Hab' cs immer gespürt: Der weiß, was er von Gott will. Was wollt Ihr aber, Daniel, wenn die Zeit andre Ohren bekommen hat? Für mich schrett und singt Ihr gut genug. Was könnt Ihr tun, wenn sich die junge Welt die Brille aufgesetzt hat?" „Wieder Ihre Brille, Rebb Eisik!" meine der Gemeindesänger mit einem Anflug von Verdrießlichkeit im Tone. „Helft Euch, Daniel, anders," sagte der Alte ungerührt. „Ich kann Euch nur den einen Rat geben: Nehmt auch Ihr Eure Brille herunter, und Ihr werdet einsehn, daß Ihr für die jetzige Welt nicht mehr - Paßt." Daniel Kremsier neigte wehmüttg sein Haupt; er mußte dem Rate des Alten beistimmen, wie schwer dies immer dem Opfer der neuen Zeit fiel. Und in der Tat, der abgesetzte Gemeindesänger zehrt noch heutzutage "am Gnadenbrote der Gemeinde und hat die Brllle heruittergenommen, ganz wie Rebb Eisik es ihm angcraten hat. So, wie dem Gemeindesänger Daniel Kremsier, erging es noch vielen andern, denen Rebb Eisik mit seiner Brille kam. Nicht jeder lachte darüber, manchem fuhr sie wie ein spitzer Pfell in die Soele. Selbst der neue Prediger entging ihr nicht. Der junge Mann hatte im ersten Eifer seiner Stellung an gar manches in dex Gasse die Axt gelegt, was gar nicht abgestorben war, sondern bei einiger Nachsicht sogar ein schöneres Nachleben versprach, „Gebt gut acht, Daniel," sagte einmal Rebb Eisik zu seinem abgesetzten Gemeindesänger, „gebt gut acht: Der Prediger wird auch bald seine Brllle ablegen!" „Leider Gottes aber," klagte Daniel, in dessen Gemüte trotz allen Weines noch ein bitterer Tropfen lag, „leider Gottes! er hat sie aber noch auf. Soll mau warten, bis kein Judenkind mehr in der „Gasse" sein wird? Dann wird er sie gewiß herunternehmen." (Fortsetzung folgt.) Zwischen Vater und Mutter. Die Geschichte eines Kiudes Von tz. D. Naumberg. (Aus dem Jüdischen.) I. Als Jizchak heute seine Lektion aus dein Talmud sagte, blieb er so oft stecken, daß es ihm schier wie ei» Wunder vorkam, daß der Rebbe nicht böse wurde, ja,: daß er ihm sogar immer noch nächhalf. Und dabei war des Lehrers Stimme, wenn er Jizchak anredete, mild und weich, gar nicht wie sonst. Noch mehr aber verwunderte er sich über die sonst zänkische Frau des Lehrers, die heute jedesmal, wenn sie durch die Stube ging, einen Augenblick anhielt und mit einem Blick auf ihn seufzend sagte: „Er ist schon müd', der Arme". Endlich sagte der Rebbe zu Jizchak: „Schau, daß du deinen Abschnitt ordentlich kannst. Du fährst heute nach Warschau. Dein Vater wird dich prüfen." Beim Klang des Wortes -„Barer" begann das Herz des Jungen mächtig zu llopfen. Seit Mutter und Vater den Scheidebrief gewechselt hatten, war das Wort „Vater" nie über seine Lippen gekommen. Aber die andern Worte: „Fährst heute nach Warschau", machten ihn gleich wieder fröhlich. Er fühlte sich angetan mit ciueiu neuen Sabbatgewand, rein und frisch. Er sah den Fuhrmann, Felder und WäH>er, dann die Eisenbahn: Es pfeift, und man fährt, ... Indessen hat er längst vergessen, wo er mit seiner Lektion hält. Der Rebbe tröstet: „Sei nicht verzagt! In Warschau gibt es gute Lehrer, sehr gute Lehrer. Und der Vater wird schon auf dich acht geben. — Nun. fahr' fort!" . . . Aber der Knabe kann nicht fortsetzcn. Die Worte wollen nicht heraus. Sein Herz klopft so merkwürdig. Der Schein der Sonne, der sich breit über die Hälfte des Folianten hinlegt, lockt hinaus in die Gasse. Die Uhr zeigt, ein Viertel nach neun. Zum Frühstück geht man erst nach zehn, und die Zeiger schleppen sich entsetzlich träge. „Die Mutter hat mir befohlen, heute früher heimzukommen", — stammelnd bringt der Kleine die Lüge heraus, Die Mutter hat ihm eigenttich gar nichts gesagt. Des Morgens, als er aufstand und mit einem raschen Blick entdeckte, daß eine alte Jüdin in der Küche einen Fisch zerhacke, war ihm das außerordentlich verwunderlich. Doch als er fragte, was das bedeuten, solle, hatteihn die Aushelferin nur mit einem ganz merkwürdigen Blick gemustert. Dann hatte sie einige Worte mit der Mutter gewechselt, auf Polnisch, damit der Kleine sie nicht verstünde. Bald darauf schickte die Mutter die Dicnstmagd zu Mendel Socher, dem Fuhrmann, sie solle fragen, wann er heute fahre. Und als das Mädchen mit der Antwort zurückkam, daß er zur „Fünfer-Bahn" fahren weide, hatte die Mutter zu Jizchak gesagt: „Es ist noch Zeit, geh zum Cheder." Sehr, sehr traurig war er fortgegangen. Er bildete sich ein, die Mutter müsse Hochzeit machen. Aber bestimmt wußte er es doch nicht. Noch mehr erregt: es seine Verwunderung, daß die Mutter gesagt hatte: „Es ist noch Zeit." ... Unruhig und aufgeregt sitzt er im Cheder, und die Zeit dehnt sich. ihm ohne Ende. Der Lehrer glaubt ihm, als er sagt, er müsse früher heim. Er heißt ihm, nur noch bis zum Ende des Abschnittes weiterzulesen. Jizchak nimmt seine ganze Willenskraft zusammen. Er strengt seinen Kopf an, und es gelingt. Er verliert und vergißt' sich im Talmud. Doch plötzlich unterbricht ihn der Lehrer: „Jizchak, sollst deiner Mutter sagen, daß sie mir noch für diesen Monat bezahlen soll. Wieviel Tage haben wir noch? Chane, zeig mir einmal den Kalender!" Chane tritt näher zum Tisch, rückt ihr Kopftuch zurück und beginnt zu schelten: „Siehst du! Chaweh, wer kennt sie nicht? Laufen wird sie, dich zu bezahlen! Natürlich, plag' dich noch umsonst mit den Jungens. Ohne Lohn braucht man mit den Rangen zu lernen! Ein neues, seidenes Kleid muß sie zur Hochzeit haben! Laufen wird sie, dich zu bezahlen!" ... Ä 3i w no oo INI r. te P> 3' de ste uti lic ve ko hö zu di' >> er ja ai in A w 3 I S w IH ie 3 di 2 p' T 9t >v A A >(j P 2 I a: u ei w n K fr sc 91 u a st kl 3 5