Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 25 (28.6.1918)
- Date
- 1918-06-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Die gesamte revolutionäre Bewegung in Rußland und Westeuropa wird in der Denkschrift als Verschwörung des ,^allw eltlich-organisierten antichristliches und antimvnarchistrschen Judentums", des „internationalen jüdischen Kapitals" geschildert; die russische Revolution werde von der Alliance Jsraelite, * die über „kolossale Geldmittel" verfüge und von den Rothschilds unterstützt und geleitet. In dem Bilde * der großen jüdischen Verschwörung, die vor den schreckhaften' Augen des Zaren entrollt wird, fehlen selbst nicht die unvermeidlichen Freimaurerlogen, die sich ganz in jüdischen Händen befänden und deren in „den 18. Grad" rmporgerückten jüdische und nichtjüdische Mitglieder durch diesen Akt selbst Mitglieder der Alliance (!) werden. Kurz, dem Zaren wurde als ernster auf Tatsachen gestützter politischer Bericht eine alte kindische Mär aufgetischt, um die innere und auswärtige russische Politik in die alten Bahnen zurückzulenken. Der Zar vermerkte auf dem Dotument eigenhändig: „Man muß ohne Verzug in die Verhandlungen treten; ich teile ganz die hier geäußerten Meinungen". Damit hatte der Zar nicht nur die von Lamsdorf. enrpfohlenen Verhandlungen mit der deutschen Regierung und dem Papst wegen eines gemeinsamen Kampfes mit der „sozialrevolutionären Partei", d. h. uiit den Juden sanktioniert, sondern zugleich auch den koutrerevolutionärcn antisemitischen Kurs, den die innere Politik Rußlands wieder eiuschlug. Ukraine. Der Mische Nationalrat. Der vorläufige jüdische Nationalrat in Kiew faßte folgende Beschlüsse: 1. Es ist in einem Aufruf an die jüdische Bevölkerung auf die Gefahr hiuzuweisen, in der die jüdische Autonomie in der Ukraine schwebt. 2. Der provisorische Nationalrat wird wie folgt organisiert: 24 Zionisten, 6 Agudas Jisrvel-Anhänger, 5 Volksparteiler, 10 Bundisten, 9 sozialistische Arbeiterparteiler und 6 Poalei-Zivnisten. 3. Der Nationalrat protestiert gegen die Verhaftung seiner Mitglieder Bornstein, Lotarjcw und Chefez. Der Krieg tttti) die Jude«. Berlin. Leutnant Holz, Inhaber der Eisernen Kren z 1. u. 2. Kl., Sohn des Geh. San.-Rats Dr. Benno Holz, ist gefallen. Frankfurt a 9t. Zion Wetzler, Friedbergerlandstr. 81, erhielt die Hess. Tapferkeitsmedaille und das Eiserne Kreuz. Nürnberg. Oberstabsarzt Dr. Baruch Latte und Leutnant Julius Graf erhielten das Eis. Kreuz 1. Klasse. Wangen. Oberarzt »r. Wolf erhielt das Eiserne Kreuz 1. Kl. Le«g». Die Zigarrenfabrikanten Hugo und Hilmar Kabaker übergaben der Stadt einen bedeutenden Betrag zur Errichtung von vorläufig 20 Familienwohnungen für heimkehrende Krieger. Wien. Bloch'S Oesterr. Wochenschrift verzeichnet in ihrer letztwöchentlichen Nummer . folgende Auszeichnungen an Juden: 2 Ritterkreuze des Franz Josef- Ordens, 6 Militärverdienstkreuze 3. Kl., 14 silberne Signum laubis, 28 bronzene Signum laudis, 31 golden« Berdienstkreuze mit der Krone, ,9 goldene Verdienstkreuze, 13 silberne Berdienstkreuze mit der Krone. Perssnatte« «. kleine Mitteilungen. München. Oberrabbiner' Professor Dr Sogmann Werner ist nicht mehr. — Diese Trauernachricht wird in der gesamten deutschen Judenheit ohne Unterschied ihrer jüdischen Anschauung mit lebhaftem Bedauern anfgenommen werden, denn Dr. Werner war nicht nur ein begnadeter Redner, ein tüchtiger Gelehrter, sondern auch ein Mann, der aufrichtig das Judentum, das Judentum der Tradition, liebte und sich danach sehnte, für seine Interessen zu wirken. Würzbnrg. Weinhändler Mich. Straus- Würzburg und Bankdirektor Wolfsthal-Aschaffenburg erhielten den Titel Kommerzienrat. Lnblinitz. Rabbiner Dr. Friedmann begeht am 1. Juli sein vierzigjähriges Amtsjubiläum. — Infolge einer Spende von 120000 Mk. des Fabrikbesitzers Richard Liebrecht, konnte die Stadt Lieg- . »tifc den Grundstein für eine Lungenheilstätte legen. II Wien. Max Zio n, ein um das Armenwesen und die Jugendfürsorge sehr verdientes Mitglied des Kultusvorstandes, ist verschieden. — In Gmunden verschied Hans Claar, Direktor des Linzer Stadttheaters eine auch in Wiener Künstlerkreisen geschätzte Persönlichkeit. Budapest. Die ungarische orthodoxe Judenheit hat vergangene Woche zwei Rabbiner durch den Tod verloren: Rabb. Ehajim Mordochai Ad.ler-.Ferror — 55 Jahre alt — Rpbb. Jakob Prager- Ara, ein Schvie- Frankfurter Israelitisches Fainilienblait. .. I .1 . •■'l1 ■ gerfohn des Moharam Schick, —77 Jahre alt —. Beide waren hervorragende Dalmudgelehrte. Limnich iRheinland). Lehrer A. Sassen und Frau . feierten unter Teilnahme der gesamten Bevölkerung die Goldene Hochzeit. Bern. Der Friedhof sah heute eine Trauergemeinde seltener Art. Theodor Steinherz wurde begraben, ein österreichischer Journalist, der an die 30 Jahre in Paris seinem Berufe gelebt, hatte, bis der Krieg ihn auf die Straße-warf und zur Wanderschaft nötigte. Steinherz stand in der Hauptstadt Frankreichs an der Spitze des ..„Shndicat de la Presse etrangdre", er besaß die Freund- . schaftz, seiner Kollegen und das Vertrauen regierender Kreise .von, Paris, das er stets benützte, um Gutes zu stiften. Alle seine Beziehungen schützten ihn nicht vor einem harten Kriegsschicksal. Sein gesamter Besitz in Paris wurde 'beschlagnahmt und bis Ms das letzte Buch verkauft. Auch in Bern hatte sich Steinherz viele Freunde gewonnen, die nun trauernd an seinem Grabe standen. Fast die gesamte diplomatische Vertretung Oesterreich-Ungarns, an der Spitze der k. u. k. Gesandte Baron Musselin, seine sämtlichen Mitarbeiter, der k. u. k. Militärattache Oberst Freiherr von Berlepsch mit den Herren seiner Abteilung, ferner, die zahlreichen Beamten üsw. nahmen an der Beerdigung teil. KonftantinoHel Kaiser Karl von Oesterreich verlieh bei seiner Anwesenheit in hiesiger Stadt dem Oberrabbiner Ehajim Nah um das Groß kreuz des Franz Jösef-Ordens. Frankfurter Berichte. Kleine Notizen. Die Suppenanstalt für Israel. Arme, hier, die durch ihre hervorragenden Leistungen während des Krieges und die entstandene Teuerung in großes Defizit geraten ist, hat trotzdem in ihrer General-Versammlung beschlossen, vertrauend auf den Wohltätigkeitssiim unserer Stadt, ihre fast unentbehrliche Tätigkeit nicht einzuschränken. Personalien. Am Sonntag starb hier im Alter von 71 Jahren Markus Simon, geboren in Gedern. Mit ihm ist ein wirklich überzeugungsvoller Jude dahingegangen. Sein ganzes Leben war ausgefüllt in dem ^streben, treu dem Gesetze und seiner Familie zu leben. Er war es, der im Feldzuge 1870/71 vor Metz, bei der Belagerung, als alle jüdischen Soldaten ant Jom-Kischna sich nach einem Gottesdienste sehnte, hervortrat und in einer bereitgestellten Scheune den andächtigen Soldaten vorbetete. Mit ihm ist ein wirklich treuer Jude dahingegangen. Sein Leben war, nachdem er in den letzten Jahren von schmerzvollen Leiden heimgesncht wurde, ein wahrhaft Gott ergebenes. I. S. Hermann W r o n k e r, Inhaber des Warenhauses W r v n k e r, eine sehr geschätzte Persönlichkeit der jüdischen Gemeinde, rettete im Bodensee mit eigener Lebensgefahr eine Frau vor dem Ertrinken. Simon David, Schuhmachermeister, Börnestr. 50, feiert am 1. Juli sein 50jähriges Handwerkerjubiläum. Mfefam. Gifiks «rille. Bon Leopold Kompert. Warum läßt Gott die alten Leute aussterben und mit ihrem schönen weißen Haar in die Erde legen? Warum schont er nicht ihrer, wie er des Baumes schont, den er grünen, blühen-und duften läßt, selbst wenn das tzrimmige Feuer des Himmels an dem knorrigen Stamme gezehrt hat? Es mag sein, daß er das Höhere und Feinere eher zu sich beruft, eben weil es so ist, — aber kurzsichtig, wie wir sind, mit Gemütern, die zwischen dem Heute und Morgen auf- und niederschwankrn, begreifen wir nicht, warum das Naturgesetz unfern „alten Leuten" ein so kurzes Ziel gesteckt hat. Nachgleitend, wie ein dunkler Schatten um die Zeit des Abends, folgt ihnen der Spruch des unsichtbar in den Höhen und Tiefen waltenden Richters: „Siebzig Jahre! und wenn's hoch kommt, achtzig!" Und ihr „Stolz" ist nicht immer „Trübsal und Mühsal!" Mitten in der Gewalt eines vollsäftigen Daseins werden sie gefällt; kein Baum im Walde ist so knorrig als oft mancher alte Mensch, so lebengetränkt, vom Scheitel bis zur Fußspitze. Warum läßt Gott die alten Menschen aussterben? An uns ergangenen Wünschen entsprechend, - haben wir es ermöglicht, wieder wie in früheren Jahren nnsere Zeitung Donnerstags zur Versendung gelangen zn lassen. Schluss für redaktionelle Mitteilungen Dienstag abend und für Inserate Mittwoch früh acht Uhr. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Kaffee Bnbftand Kai8eratrasse 56 Kaiaeratraaae 56 Täglich erstklassige PM" Unterhaltungsmusik MA ..: Gesangs -Einlagen. Ich möchte das gerne wissen, lieber fast als tausend andere unnütze Dinge, an denen ich im Grunde keine Freude habe. Aber an euch hatte ich Freude, ihr alten Leute aus meiner Kindheit! um euretwillen hätte ich das gerne gewußt. Ihr wäret von jeher meine Lieblinge, nick» wenn einer von euch gegen mich „dort oben" zeugen sollte, so zeuge er, ob ich jemals vergaß, vor seinem grauen Haupte aufzustehn Besonders Rebb Eisik Maier (dem der Friede der Gerechten sei) möge sagen, wie ich ihn geliebt habe, . . . und um dieser Liebe willen mir es auch in „seiner andern Welt" verzeihen, wenn ich in dieser von ihm zu erzählen wage. Noch jetzt kann ich mir keine Rechenschaft ablegen, warum ich gerade Eisik Maier so sehr in mein Kinderlieb eingeschlossen hatte. Ihm vor allen hing ich an, wiewohl ich Großvater und Großmutter nicht mißte; an seinem ehrwürdigen Antlitze hafteten meine Blicke, wenn er im Bethause betete; und traf es sich einmal, daß ich mit ihm zugleich in die Hallen des Hauses eintrrten konnte, so gab es gewiß kein seligeres Gemüt als das meine. Ich liebte ihn mit jener Unbewußtheit, die stets das Merkmal echter Liebe ist, weil nur sie uneigennützig ist. Ich könnte mich auch nicht erinnern, ob ich jemals von Rebb Eisik ein anderes Zeichen der Gunst erfahren habe, als daß er mir am Vorabend des „Freudenfestes der Thora" ein buntes Fähnchen schenkte, das er mir eigens ins väterliche Haus mit den Worten geschickt hatte: es komme von Eisik Maier! Aber dieses Fähnchen hielt ich auch hoch und teuer . . . kein Fähnrich in blutiger Schlacht hätte sich mutiger gewehrt, wenn einer von meinen Feinden gewagt hätte, es mir zu entreißen. Es kam von Rebb Eisik, — und so ward es auch nicht zum Trödel geworfen, nachdem es am „Freudenfest seine Schuldigkeit getan hatte, auch nicht zerrissen, sondern heilig und unverletzlich aufbewahrt, wie der Glaube an ein Märchen, und gleich diesem ging es auch im Laufe der Zeiten verloren! Rebb Eisik wohnte in dem schönsten Hause der ganzen „Gasse"; er galt allgemein als ein sehr reicher Mann. Spiegelhell glänzten die Fenster dieses Hauses» aber eben so reinlich erschien der alte Mann in seinem Anzuge und sonstigem Benehmen Er trug stets ein weißes Halstuch, das schon aus der Ferne festtäglich glänzte, sonst trug er sich ganz nach der herrschenden Mode. Er war überhaupt von keiner hervorstechenden Eigentümlichkeit; sein mildes Wesen bewahrte ihn davor. Bei keiner Gelegenheit drängte er sich vor, weder in der Gemeinde, noch im geselligen Verkehre. Mit der Sttlle eines gefaßten Gemütes ging er seinen Weg; nur selten, daß er davon abwich. Das geschah nur, wenn jer Streitigkeiten in der Gemeinde zu schlichten hatte, wie sie selten lange ausblieben. Dann konnte er wohl, wenn er auf Widerstand und Widerspruchsgeist stieß, in einige Heftigkeit geraten; seine Stimme begann dann unsicher zu werden und seine Wangen sich höher zu färben. „Will denn keiner beizeiten die Brill' herunternehmen?" rief er dann gewöhnlich mit überlauter Stimme. Es war merkwürdig, welche Kraft diesen wenigen Worten innewohnte; es war als hätte ein Zauberer seine Formel über eine sturmbewegte Flut ausgesprochen. Sobald die Leute das „von der Brille" hörten, lächelten sie still vor sich hin, und die Streitigkeit nahm dann gewöhnlich ein gutes Ende. Es hat gar mancher gelachelt, wenn Rebb Eisik das Wort „von der Brille" sprach, und es lächelt noch jetzt mancher, wenn es sich ihm unwillkürlich auf die Lippen drängt. Denn Eisik ging damit nicht haushälterisch um und brauchte es bei jeder Gelegenheit, wo er es schicklich anbringen konnte; jedesmal traf es aber mit einer Sicherheit, wie etwa ein Nagel in die Holzwand fährt. Nie ging die volle Wirkung um eines Härchens Breite verloren Rebb Eisik hatte einen guten Freund, den Gemeindesänger Daniel Kremsier, der zu ihm in dem Verhältnisse eines Haus- und Hosministers zu seinem Potentaten stand. Daniel Kremsier hatte die bei Sängern und Musikantenvolk nicht selten anzutreffende Schwäche, eine nicht geringe Leidenschaft für ein gutes Glas Wein zu besitzen Den fand er nun jedesmal bei Rebb Eisik, so gut und so schlecht er ihn selber ttank, uns» es war daher wahrhaftig kein Wunder, wenn sich die durstige Kehle des Gemeindesängers als täglicher Gast bei dem reichen Manne einstellte. Dafür zeigte er sich aber mich in seiner Art dankbar, so weil dies ein so durstiges