Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1918-06-21 · Heft 24 (21.6.1918) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 24 (21.6.1918)
Date
1918-06-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2692297-2693075-2693099--10359-2705680
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr 24 Sch&fergasseSiO'. Sch&fergasse 29. Kodemot Theater Vorführung stets neuer und hervorragender Filme Die Aufrufe erscheine» in. so großer Zahl, daß, man keineswegs annehmen kann, daß nur einzelne, unverantwortliche! Elemente hinter.ihnen stunden. Man versteht dre ganze Erscheinung nur, wenn man sie, in Zusammenhang bringt mit der in letzter Zeit immer, rüder und krasser werdenden antisemitischen Richtung innerhalb bjer offiziellen polnischen Parteien und Gesellschaftskreise. Wir wissen nichtob diese Ausrufe unmittelbar aus größere polnische Parteien zurückgehen. Wenn sie nicht unmittelbar durch sie veranlag sind, so sind sie es mittelbar, denn ohne die ausgesprochene antisemitische Politik der polnischen Parteien und die judenseindliche Haltung der führenden Gesellschaftskreise in. Polen wäre eine, solche Erscheinung nicht denkbar. Den offiziellen Wortführer» der .polnischen Politik scheinen diese Exzesse der antisemitischen BüveKmg unter, den. Polen unangenehm zu sein. Der galizische PolenNub hat in einer Resolution gegen die Krakauer Ausschreituirgen Stellung' genommen und sie .auf die Unfähigkeit und Passivität der Krakauer Polizei zurückgeführt. Die erwähnte Resolution des Warschauer .Stadtrats gegen die .Verbreiter der Pogromaufrufe zeigt gleichfallsdaß man in offiziellen polnischen Kreisen darauf^ Wert legt, nicht als Pogromhetzer dazustehen. In Wahrheit aber tragen die Parteien die alleinige Schuld an den Exzessen. In jahrelanger Hetze haben sie die polnischen Massen vergiftet. und die Kluft zwischen der jüdischen und polnischen Bevölkerung immer tiefer, werden lassen. In jahrelanger Agitation haben sie für alle Fehler, die sie selbst gemacht haben, für alle Leiden, die, sie selbst verschuldet haben, die Juden als die Schuldigen hingestellt. Kein Wunder, daß jetzt, da die Ernährungsschwierigkeiten und die durch den Krieg allgemein bedingten Leihen die undisziplinierten Massen in Erregung bringen, diese ihre Wut gegen die Juden richten und regelrechte Pogrome zu veranstalten beginnen. Es zeigen sich jetzt eben die Früchte der polnischen Judenpolitik,' und sie zeigen,., daß diese Politik keine andere und keine bessere ist als diejenige der früheren russischen Reaktion: Die Polen haben immer das größte Gewicht darauf gelegtals tzie Borkämpftr.der Freiheit und Zivilisation von Europa dazustichsn. Mit außerordentlichem Geschick haben sie es: verstanden, ihrereaktionäre und antisemitische Judenpolitik zu verschleiern, die geeignet ist, jedem, der sie. wahrhaft 'kennt, zu zeigen, von welcher Art die wirkliche Gesinnung der polnischen Parteien ist. Die jetzige. Wendung, die der polnische- Antisemitismus zu. nehnlen. beginnt,. die Wendung .zu. offenkundigen Verfolgungen, und Pogromen macht dieser VerschleierunApolitik' ein Ende und. zeigt der ganzen Welt, wie die Polen, die nicht genug über -I;re eigene Unterdrückung durch andere Völker jammern - können, sich selbst zu den Minoritäten verhalten, denen gegenüber sie die Stärkeren sind. Die Pogromwelle' in Galizien, die Pogromaufrufe in Warschau und anderen-polnischen Städten werden dir Maskedie dir Polen in ihrer Judenpolitik bis heuteder Welp gegenüber getragen .hftben, abreißen. Für die führenden polnischen Parteien müssen diese Pogrome eine ernstr Mahnung sein. Sie zwinge», sie, in ihrer Judenpolitik' prinzi- - piell sich zu entscheiden, ob. sie die bisherige unwahrhaftige und brutale Haltung weiter einnehmen wollen oder bereit sind, eine wahrhaft liberale und anständige Politik zu treiben. Mag sein, daß manche der polnischen Parteien, d.ie die antisemitische Bewegung, mitgemacht haben, es weniger in--. bewuUer. Absicht: getan hckben, als. um,-, nicht an- „Nationalismus" hinter denanderen ausgesprochen antisemitischen nachzustehen. Me Ergeb- , nisse,. die diese Politik gezeitigt hat, und die jetzt . in, den unerhörten Vorkommnissen in Galizien und Polen vor allen Welt klar liegen^, zwingen sämtliche polnischen Parteien, sich zu .überlegen, ob sic diese- Politik weiter verfolgen wollen. Werden sie. es tun, jo werden sievor der gesamten Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Welt die Erbschaft teä1 russischen Zarismus über- } nehmen, untp den traurigen Ruhm haben, das Pogromvolk Europas zu werden. Besitzen sie noch : einen letzten Rest von wabrhaft politischer Klug- ' heit — von Anständigkeit und Gerechtigkeit der Ge- ' sinnung gar nicht zu reden — so müssen sie sich sagen, daß nichts geeigneter ist die Sympathien - der Welt ftir sie rascher und gründlicher zu untergraben, als eine solche Uebernabme der zaristischen Erbschaft. Und die günstige Konstellation, die der gegenwärtige Krieg für die Polen herbeigeführt hat, sollte sie doch nicht vergessen lassen, daß im letzten Grunde ihre Zukunft von den Sympathien der europäischen Völker abhängt. Die nächste Zukunst wird zeigen müssen, ob die gegenwärtigen Ereignisse Eindruck aus die Polen gemacht haben. Mit scheinheiligen Resolutionen, die bereits vollzogene Exzesse nachträglich abzuschütteln suchen, ist es nicht getan. Alle Welt weiß daß. mittelbar oder unmittelbar die offiziellen Wortführer der polnischen Politik die Schuldigen, au den Pogromen sind. In ihrer Hand liegt es, ob diese Bewegung weiter nm sich greifen wird, oder ob sie endlich die polnischen Massen dazu erziehen werden, sich gegenüber den nichtpolnischen Minoritäten gerecht und menschlich, zu verhalten. Die Pogrome in Galizien und die Ausrufe in Polen find aber Ereignisse von so großer Tragweite, daß sie nicht nur die Polen, sondern auch die daran unmittelbar interessierten Staaten auf das ernstlichste angehen, das heißt in diesem Falle . Oesterreich und Deutschland. Neben den polnischen Parteien Galiziens ist die österreichische Regierung für die Ereignisse in Krakau und den anderen galizischen Städten verantwortlich zu machen. Es ist erwiesen, daß das Verhalten der Polizei in Krakau und den anderen Städten mit schuld trägt au den Exzessen. Wenn Oesterreich daran gelegen ist, in der Welt nicht als ein Pogromstaat dazusteheu, dann muß die österreichische Regierung sich endlich daraus besinnen, welche- Pflichten sie in diesem Falle hat. Wir tvollen Höffen, daß es noch in Oesterreich eine zentrale Staatsgewalt gibt, die in der Lage ist, das unerhörte Verhalten der Polizei in Krakau und den anderen Städten gründlich zu ändern. Das österreichische Ministerium des Innern hat vor einiger Zeit einer jüdischen Deputation zugesagt, die energischsten Maßregeln zur Vermeidung weiterer Pogrome zu ergreifen. Noch hat man von solchen energischen .Maßregeln bisher nichts merken können. Begreifen die österreichischen Staatsmänner nicht, daß .das höchste Interesse des Ansehens und der Ehre des österreichischen Staates verlangt, Laß den unerhörten Vorgängen in Galizien so schnell wie möglich ein Ende bereitet wird, und Oesterreich vor dem Rufe bewahrt wird, ein Staat zu sein, in dem Pogrome auf der Tagesordnung, sind? Für uns Juden aber sind diese Ereignisse von höchster Bedeutung. Sie zeigen, wiedie Zukunft der polnischen Judenheit sich, gestalten muß, wenn nicht ihre Rechte und ihre Existenzgesichert werden. Sie zeigen, wie außerordentlich notwendig eine Zusammenfassung aller jüdischen Kräfte in der polnischen Judenfrage ist zur Durchführung einer energischen Politik. -Me Pogromhetze inPolen muß eine Mahnung an die polnischen Juden sein, sich in dieser Zeit der Not und ^des Kampfes zusammenzuschließen und energisch und selbstbewußt ihre Rechte zu verteidigen, darüber hinaus eine Mahnung für die gesamte Jndenheit, den Brüdern in Polen in diesem Kampfe um ihre Existenzgrundlage mit allen Mitteln zur Seite zu stehen. Das Primat de- Judentums. Bon C. Z. Klötzel. Es ist unstreitig ein Verdienst des neutralen Jugendverbandes, daß er die Verhandlungen zum Zwecke der Bildung einer Berständigungsgemeinschaft vom 5. März in Berlin durch seine „Mitteilungen" in wörtlicher Ueber- Kaffee Kaisergarte n am Opernplats- _ Erstklfissige» Familien>Saff«© Jeden Nachmittag von. 4 bis 7. Uhr und Abend von . . v 8V* Ute ab. . HLimstlor-iB.onzert. Seiir 3 S^ Kafffee RuManfl 5g Kaiaerstraaae; 56- Kaisesstiasse 56« Täglich erstklassige 0SF“ Unterhaltungsmusik Gesangs -Einlagen. . ,-j. tragung der Oeffentlichkeit vorlegte. Zwar, der Verband wird jeden Dank von unserer Seite dafür ablehnen, erklärte Dr. Apfel doch, für diese Wiedergabe sei gesorgt, „damit einmal dokumentarisch festgelegt ist, wie manche Führer der jüdischen Jugend Deutschlands den Einigunzsgedanken verzerrt und zu welchen Zwecken sie diesen, von der überwältigenden Mehrheit der deutschen Juden heiß ersehnten Abend mißbraucht haben." Dennoch kann ihm für das vorliegende Protokoll niemand dankbarer sein als wir. Denn bei näherem Zusehen erweist sich diese Tagung als so bedeutungsvoll, daß man ihre Einwirkung noch merklich spüren wird, wenn die Erregung über den „Trümmerhaufen^ und das „Begräbnis erster Klasse" längst vergesse» ist. . Was von vornherein die Versammlung auszeichnete, war der Wille zur unbedingten Ehrlichkeit. Man mag Frl. Dr. Berliners. Eröffinmgsreferat beurteilen, wie man will, man sollte ihr aber nicht vorwersen, sie Hube „Parteireden provoziert." Frl. Dr. Berliner hat von Anfang an die Debatte ans das Niveau der sachlichen Ehrlichkeit gestellt, und die anderen Redner sink ihr ausnahmslos auf diesem Wege gefolgt. Sichüber Temperamentsunterschiebe und rednerische Entgleisungen aufhalten, heißt an dem Kern der Sache vorübergehen. Wer aufmerksam das Protokoll durchlieft, muß zu der Ueberzeuguug kommen: hier hat jeder gesprochen, wie er sprechen m n ß t e und von „Verzerrung des Berständigungsgedankens" kann weder aus der einen noch ans der anderen Seite die. Rede sein. Ein Gedanke der Verständigung war gar nicht vorhanden, sondern nur der Wunsch, — die gedankliche Ermöglichung zu schaffen, war Aufgabe der Versammlung. Daß diese Aufgabe ungelöst blieb, ist bedauerlich-, — aber man kann dafür doch nicht die rückhaltlose Ehrlichkeit der Redner verantwortlich machen! Die Berständigungsgemeinschaft war gescheitert in dem Augenblick, in dem Frl. Dr. Berliner für sich undandere ein Primat des Deutschtums gegenüber dem Judentmn in Anspruch nahm. Es sei bereitwilligst zugegeben, daß Frl. Dr. Berliner in diesem Primat. keine unerläßliche Vorbedingung zu einer Verständigung erblickt und insbesondere auch dem Jüdischnationalen jenes Minimum an „brenneildem, ursprünglichen Interesse am Leben Deutschlands" zuerkennt, das ihr als unerläßliche „deutsche Gesinnung" für den Kampf wider den Antisemitismus notwendig scheint. Aber mit diesem ehrlichen, sehr respektable» Bekenntnis war das Schicksal der Versammlung entschieden: sie konnte nun zu keinem anderen Resultat kommen, als die Kluft zwischen den Verfechtern des jüd i s ch e ir Primats- und den andern zw zeigen, worum der Kampf innerhalb, der jüdischen Jugend, eigentlich sich dreht! Dr. L ö w e n st e i n, den man wegen seiner „Parteirede" außerordentlich gescholten hat, hat nichts weiter getan, als daß er sich mit Frl. Dr. Berliner ans den gleichen Boden unbedingter Ehrlichkeit gestellt hat. Er hat nur seine Pflicht getan Wie weit der Ton die Musik seiner Worte für die Anwesenden unangenehm machte, kann nachträglich nicht beurteilt werben Die. Musik selbst war gut. Gut vor allem der dicke Strich zwischen der sprachlichen Angleichung an die nationale Phraseologie und der nationalen!leberzeugung. „Das Entscheidende ist der jüdische Wille, ist die Einstellung, zu den jüdischen Dingen, baß man sich als ein Glied in der Kette der jüdischen Gesamtheit fühlt und daß man für diese jüdische Gesamtheit ein -nationales Ganzes sucht und erstrebt." Dieses jüdische Wollen oder Nichtwolleu, — das ist es, was die Geister scheidet und was sich in Berlin als unüberbrückbar gezeigt hat. Mit wunderbarer Klarheit hat hier wieder Martin Buber den Kern der Sache auf die einfachste Formel gebracht, als er sagte: „Das Minimum der ideologischen Fundierung, das für uns alle, wie mir scheint, selbstverständliche Älxiom ist bas Primat des Judentums. Wir sind nicht einheitliche Menschen und können es nicht sein. . . . Aber bas Primat des Judentums, daß das Judentum für uns über allen anderen Gemeinschaften steht, und das nicht bloß in unserer Einsicht und uuseremi Gefühl, sondern in unserer tätigen Liebe, in unserem Werk, in unserem Leben, — das glaube ich,"ist uns allen selbstverständliche Voraussetzung. . . . Wer anders empfindet, der . . . soll zu der anderen Gemeinschaft gehen und in ihr tätig sein. ... Eine positive, gesunde, ' schöpferische Jugendbewegung kann es nicht anders geben als auf der Grundlage dieses Primats."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.