Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 24 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 gen vereinigen uns. M gab -eAe -Zeit, La 8er Jude von sich behaupten konnte: Meine nmratürliche, veränderte Gestalt ist eine rein äußerliche, innerlich bin ich unverändert, bin ich der, der ich war. Ist dieses heute iwch der Fall? Inwiefern ist der Jude von heute innerlich Jude? Wohl doch insofern er noch an der angestammten Religion, an den Satzungen der Lehre, an dem überlieferten Gesetz .festhält. Aber wie ist es denn äs facto um die Religiosität bestellt? Seit dem Beginn der Emanzipationsbestiebungen in den mittel- und westeuropäischen Staaten nahm der Abfall vom Glauben ungeahnte Dimensionen an. Jndiffereutismus, Irreligiosität, Mischehen und Taufeie sind zu täglichen Erscheinungen geworden. Fromme jüdische Gemeinden gehöreil säst zu den. Ausnahmefälleu. Mit den westeuropäischen Juden hat man sich bereits abgefunden, die sind dem Auflösungsprozeß anheimgefallen und sind fürs Judentuu: unrettbar verloren, doch setzt man große Hoffnungen auf die großen Massen ,im Osten, die glaubenstreu geblieben sind. Mein, wer es weiß, daß die relative Gleichstellung mit den übrigen Staatsangehörigen in'Westeuropa die Ursache der Abtrünnigkeit und ihre Ausnahmestellung im Open sie daran festhalten ließ, wird seit Musbruch der russischen Revolution und der Proklamation der Anerkennung der dortigen Juden als gleichberechtigter Bürger nicht so optimistisch über die Religiosität der Ostjuden denken. JU Ungarn und in Deutschland Hecken sich die dem Judentum treu gebliebenen Elemente zu strammen, lebenskräftigen, orthodoxen Vereinigungen, die als Bollwerk gegen jegliche religionsfeiudliche Strömung dienen sollen, zusammengetan. Diese Organisationen sind fürs Judentum von der größten Bedeutung, und wir machen uns keine Vorstellung davon, wie es um die Juden dieser Länder ohne dieselben bestellt sein würde. Die Frage ist nur: sind diese Organisationen imstande, auch nur die Nachkommen ihrer bereits angehörigen Mitglieder gegen verderbliche Einflüsse von außen zu schützen? Wir dürfen nicht vergessen, daß die idealen Vorzüge des ftommeu Juden seine materiellen Nachtcile sind. Wenn die 'jüdische Religion im allgemeinen große Opfer von ihren Bekennern verlangt, so sind diese Opfer hier in Europa bedeutend gesteigert. Wenn in früheren Zeiten das unablässige Torastudium als das charakteristische Merkmal der besonderen Frömmigkeit und die Beobachtung der Sabbatruhe als selbstverständliche Voraussetzung eines jeden jüdischen Volksgenossen galt, so gilt heute die Ruhe am Sabbat als Maßstab der Frömmigkeit. Und mit Recht, denn jSabbathalten bedeutet in den Landern, wo Sonntagsruhe eingeführt ist, das Jahreseinkommen um ein Sechstel zu verringern, Berzichtleisten auch auf die dem Juden freistehmden Berufe und Einschränkung der.Existenz- Erwerbsmöglichkeiten. Daß der Sabbat nicht das einzige Opfer ist, braucht kaum gesagt zu werden. Wenn daher beben im allgemeinen kämpfen heißt; so bereutet das jüdische Leben einen Kampf im verftärkten Maße, einen Heldenkampf. Nicht jeder ist aber und kann Held 'sein, am allerwenigsten eine ganze Nation. Wer garantiert uns aber, daß unsere Nachkommen unseren Heldenmut anfbringen werden? Woher sollten sie die Kraft dazu schöpfen? -Der gegenwärtige Krieg bietet wohl Beispiele - des Heldenmutes ganzer Nationen. Doch darf nicht übersehen welchen, daß hierfür besonders zwei Faktoren bestimmend sind: Erziehung und Disziplin. Was nun die Erziehung der Jügend betrifft, so wissen wir, daß jeder daat sich seine künftigen Bürger seinen Bedürfnissen entsprechend erzieht, daß die verschiedenen Disziplinen und der Geist, in welchem sie dem Schüler dargereicht werden, seinen Tendenzen angemessen sind. Ueber derartige Erziehungsinstrumente verfügt das Judentum der Diaspora nicht. Tie Möglichkeit einer jüdischen Erziehung bietet nur das Elternhaus. Doch vermag dieses allein unmöglich die Schule ersetzen. Das -Milieu hinwiederum, waches bei der Erziehung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, ist nur insolange von Bedeutung, als man sich innerhalb desselben be- . finbet und nicht in die Welt hinausgetreten ist. Sieht man von dem ein Viertel Dutzend jüdischer Schulen in ganz Deutschland, die in splendid isolation, als rühmliche Ausnahmen auftreten, ab, so Frankfurter Israelitisches Familienblatt. kamrwon einem jüdischen Schulwesen «der jüdischen Erziehungssystem kann: die Rede sein. Hinsichtlich der Disziplin wäre zu bemerken, daß dieselbe auf .Autorität beruht. In ftüheren Zeiten, da die Juden keinem Staatsverbande angehörten und gewissermaßen einen eigenen Staat mit eigener Verfassung bildeten, gab es noch eine jüdische Autorität; es war dies düs jüdische Gesetz oder die Träger desselben. Das Uebertreten eines Gesetzes galt nicht bloß als eine Versündigung gegen Gott, sondern auch als Verbrechen gegen den Staat, als Verletzung der Verfassung. Seitdem.ivir aber Bürgerrechte im weltlichen, nichtjüdischen Staate genießen und den uns von demselben aisserlegten Pflichten gerne Nachkommen, haben wir das Gefühl 'der Zugehörigkeit zu einem jüdischen Staate vollständig eingebüßt. Wir kennen nur einen Staat, den weltlichen. Das Judentum ist bloß eine Religion, Religion aber ist Privatsache und niemandem sind ivir darüber Rechenschaft schuldig, luie wir uns in unserem Privatleben betragen. Ter fromme Jude wird gewiß mit Recht diese Ansicht bestreiten. Solange jedoch der alles vermögende -Staat sie als Privatsache gelten läßt, ist es. um die Religion schlimm bestellt. Aus -diesen Darlegungen ergibt sich von selbst, daß die ganze Struktur des gesellschaftlichen, staatlichen und wirtschaftlichen Lebens, wenn auch nicht direkt, so doch indirekt gegen das Judentum gerichtet ist. * Wir müssen 'danach streben, unser Leben auf neuer Grundlage aufzubauen. Dieses'kann aber nur im heftigen Lande geschehen. Denn, um auf das erwähnte Bild zurückzukommen, wie die in der Fremde verkümmerte Pflanze ihr natürlichesWachstum, ihre ursprüngliche Gestalt und ihre innere Beschaffenheit und ihre volle Entfaltung am besten in ihrer Heimat erlangen kann, so auch das von seinem Lande vertriebene Volk. In Palästina und -zwar schon in dem von heute, ist der Jude nicht genötigt. sich.seiner Umgebung anzuschmiegen und die Sitten und Bräuche derselben anznnehmen. Er braucht seine geistigen Schätze nicht zu verschließen und seinen Bedarf fremden Speichern zu entlehnen. Dorr ist ihm die Möglichkeit gegeben, stolz und erhobenen Hauptes als Jude aufzutreten und zwar nicht in der Synagoge allein, sondern auch auf der Straße im beruflichen Leben, in seinem ganzen Gehaben und Gebühren, ja in seiner Sprache, in der hl. Sprache seiner Väter. ' Schon in der kurzen Zeit seines Bestandes des neuen Jischub verstanden es die dortigen Juden, obgleich sie eine verschwindende Minorität der Bevölkerung bilden, dem ganzen Lande ihr Gepräge aufzudrücken. Jüdischer Einfluß machte sich im im ganzen Lande.geltend. Araber und europäische Christen lernten hebräisch, um mit ihnen in ihrer eigenen'Sprache verkehren zu können. Wie groß würde erst der Einfluß bei einer größeren Einwanderung sein! In einem Zeiträume von etwa 46 Jahren gelcmg es einem Häuflein arbeitskräftiger Jüden,' über 30 blühende Dörfer inmitten einer Wüste ins Leben zu rufen und größere städtische Gemeinwesen zu begründen. Wieviel fimuie erst Lei vermehrter Arbeitskraft..geleistet werden? -Schon diese bescheidenen Anfänge einer Kulturarbeit boten viele Existenzmöglichkeit als Kaufmann, Landwirt, Agronom. Arzt, Lehrer und Verwaltungsbeamter. Welche Per-' spektiven würden sich bei Ausdehnung des kanderwcrbserst eröffnen? Nicht minder verheißungsvoll ist Palästina hinsichtlich der Entwicklungsmöglichkeit und der Pflege der geistig-religiösen Kultur. Kein Land begünstigt die Erfüllung der Gesetzesvorschristen. wie Erez-Jsrael. Die Ruhe am Sabbat ist mit keinerlei Schwierigkeit und keinerlei'Opfer verbunden. Darum wird" auch der Sabbat von Frommen und Freisinnigen in gleicher Weise respektiert. Keiner wagt es, die Speisegesetze zu verletzen. -Das Studium der biblischen und talmudischen Literatur wird durch Sprachkenntnis -und Landeskunde erleichtert. Dieses Studium gibt uns die ,Möglichkeit in die Hand, unser Volkstum und dessen nationale Eigenart Lnnen-M, lernen, und befähigt . uns neue Kulturwerte.zu-schaffen. .Auch in-dieser Hinsicht hat Palästina bereits.wichtige Leistungen zu verzeichnen. In verhältnismäßigkurzerZeit ent- ..wickelte sich eine rege.geistiges,Tätigkeit. -Wertvolle künstlerisch-literarische Schönungen, -hervorragende wissenschaftliche Mhandlungen und Werke verdanken Nr. 24 dem itexen Jischub ihre Entstehung. Daneben und darüber hinaus'bietet das hl. Land die Beste Gelegenheit' einer echten jüdischen Erziehung. Die häusliche Erziehung wird dort nicht mit der Schule und dein Milieu in Konflikt geraten, sie werden int Gegenteil in harmonischer Eintracht sich gegenseitig ergänzend zusammenwirken. Das praktisch-religiöse Leben im Elternhause erhält in der Schule seine theoretische Beleuchtung. Die abstrakten Begriffe, die in der Schule erworben werden, iverden durch das Leben und durch die Bekanntschaft mit deni Laude und dessen Geschichte verständlich. Die Begriffe, die der palästinensische Jüngling von seinem Judentum erhält, weichen erheblich von denen, die sich im Geiste der Golusjugend herausgebildet haben, ab. Das Judentum ist bei ihm keine religiöse Sekte oder Glaubensgenossenschaft. Ein Cäsar oder ein Napoleon bilden für ihn nicht den Inbegriff des Heldentums, die er abgöttisch verehrt. In seinem Himmel leuchten als Sterne ganz andere Helden, ganz andere Gestalten erfüllen seine Phantasie, -Leben und Lehre bilden keinen Gegensatz, Religion und Nationalität keinen Widerspruch. Dieser Art von Erziehung muß eine! Kraft innewohnen, die die Bildung des Charakters hinsichtlich seiner Widerstandsfähigkeit stark beeinflußt; die so erzogene junge Generation wurzelt fest in ihrem Volkstum und in ihrer Religion und ist mit dein bl. Lande verwachsen. Ihr gehört die Zukunft. Nach dem Kriege dürste die Arbeit im -hl. Lande intensiver betrieben werden. Da wird es. die Aufgabe des gesetzestreuen Juden sein an dieser Arbeit regen Anteil zu nehmen, um das geistige Leben dort selbst beeinflussen, insbesondere Schulen ins Leben zu rufen, die" auf der eben gekennzeichneten Grundlage aufgebaut sind. Der Misrachi ist die Organisation innerhalb des Zionismus, die sich die Erfüllung dieser Aufgabe zur Richtschnur gesetzt hat. Mit der Tach. kemomsschule zeigte er den Weg, den die -Erziehung -nehmen soll. Wer für die Wiederbelebung des hl. ' Landes wirkt, hilft dem Gesamtjüdentum. Das Licht, das in Zion erstrahlen wird, wird auch für'die in der Zerstreuung wohnenden Jüden leuchten. Der misrachistische Geist und die seiner wartenden intensive- Arbeit werden die Richtung, die der Zionismus nach dem Kriege nehmen wird, mitbestimmen. Darum schließe sich jeder gesinnungs- und gesetzestreue Jude dem Misrachi an. Schon rührt es sich in vielen Ländern, Amerika, Rußland, Polen, Hollmrd, Schweiz und andere haben einen Zuwachs zum Misrachi erhalten, der viel versprechend ist. Helfen wir dazu, der gesetzestreuen Richtung im^Zionismus endlich den Einfluß zu gewinnen, der ihm ob seiner hohen Ziele wegen znkommt. Schließen wir uns zum festen Bünde zusammen, und treten ein für die drei unzertrennlichen Begriffe: Tora, Zion, Israel! Psl«ische Pogromhetze. Es gewinnt immer mehr den Anschein, als ob die jüngst erfolgten , pogromarttgen.Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung, in Krakau seitens des polnischen Pöbels.nicht eine verein- ‘ zelte Erscheinung blecken sollen. Von verschiedenen Orten Galiziens ^werden Ähnliche. Exzesse .gemeldet, und nunmehr scheint diese Bewegung auch nach . dem eigentlichen Kongress-Polen hinüberzugreifen. Schon seit einiger Zeit konnte man an den Häusern und Plakatsäulen in Warschau Aufrufe lesen,-die ,gu regelrechten Pogromen-g^M hie Juden iauffor- - dein. .Vor einigen Wochen nahm inese..Hetze,einen derartig bedrohlichen Charakter .an, . daß jich? sogar der WarschauerStadUat veranlaßt sah,. .sn einer Resolution -gegen die anonym - auftretenden .Urheber dieser Aufrufe.Stellung, zu .nehmen und-die Massen vor dieser. Hetze, zu-warnen. Die.Msolution hat scheinbar nicht! viel genützt,-denn gerade in den letzten?Tagen wird uns! Warschau gerichtet, >dftss die Verteilung-dieser Aufriffe und^Prollamationen : einen besonders-grossen -Umfang angenommenphabe. .Mit den bekannten . demaKglscheuiMitteln,, die .aus . den antisemitischen.HGan;rWr Länder, vor-allem aus. den russischen Pogromen bekannt sind, iverden .in. diesen Mfrufen die, Juden als.die.an allen Mriegsleiden Schuldigen. hingestellt. und das.-Volk znm Kamps .'gegen ..diese „Unterdrücker" aissge- > fordert. .