Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 24 (21.6.1918)
- Date
- 1918-06-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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♦ 1 + N^akLiorr und Expedition: Frankfurt a. M. « Eangeftr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. -'Hg-fr. Hemurg-Ver: Saks H-i-. Erscheint wöchentlich am Freitag. Senwspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.5Ü frei tn8 Haus. Bei der Post abonniert Mk. 1.88, frei ins SA Pfg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch sband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk.2.— für alle übrigen Länder Mk. 2.50 Einzel - Nummern kosten 15 Pfg. , ■— 1 — Juserlianspreis für die fechsgespaltene Petitzeile 30 Pfg., für die Reklamezeile Mk. 1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz» und Datum-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme beider Exped.und inaLnnoncen-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. — - —.... . — — 16. Zkhrgaug. Freitag, de» 11. Prunus 5678 (21. J«»i 1918) Nr. 24; PalSsttna, das Land der Mische« Zukunft. (Von Dr. I. Engel aus Jaffa, Palästum.) Sind die geschichtlichen Ereignisse dem in der Physik herrschenden Gesetze der Kausalität unterworfen? Haben wir in dem Ringen und, Kämpfen um das Wohl und Wehe, um das Sein und Nichtsein. der Staaten und Nationen nichts als einen natürlichen Widerstands der aufeinanderstoßenden Kräfte und in den Entscheidungen derselben nichts als einen natürlichen Prozeß, zu erblicken, der sich aus der Art des Zusammensüßes entwickelt und daraus erklären läßt, oder liegen diesem nicht etwa andere nicht leicht definierbare Prinzipien zu Grunde? Diese und ähnliche Fragen, die den denkenden Verstand so vielfach beschäftigt haben, tauchen immer wieder von neuem auf, sobald wir historischen Begebenheiten gegerr.übergestellt sind, die unser Erstaunen Hervorrufen., Unter allen Zeiten aber, die sich dem Gedächtnisse der Menschheit eingcprägt haben, gibt es kaum, eine, die Jo reich an wunderbaren Taten, an Umwälzungen, und Er- . schütterungen aus den verschiedensten Gebieten des Staaten- und Völkerlebens ist als unsere . Gegenwart, Wer sich daher daran gewöhnt hat, - den Verlauf der. Geschichte unter dem Gesichtspunkte der Zweckmäßigkeit zu betrachten und, die einzelnen Erscheinungen derselben als Folgen der wirkenden Kräfte eines.höheren Willens, der das Geschick der Menschheit bestimmt, anzusehen, wird mehr wie sonst: in unserer Zeit eine Offenbarung des göttlichen Waltens. in der Geschichte erblicken. Diese Anschauung, und Betrachtungsweise dürste sich dem Juden mehr wie jedem anderen aufdrängen.. Wie anders sollte er den unerwarteten Zusammenbruch des aller Welt so mächtig erschienenen Zarenreiches denn als eine .furchtbare Strafe für all die Sünden und Laster, für alle dir Morde und Schandtaten, durch welche das Maß der Bosheit, der Verderbtheit und der Medertracht dieses Staates längst voll und übervoll lvar, ansehen? Wie anders sollte er die schreckliche Heimsuchung, die in Gestalt von Plünderung, Raub und Adord in' diesem Lande auftreten, denn als eine Vergeltung für all die . Leiden und Qualen, die'- die dortigen Mischen Einwohner in ähnlicher Form über sich' ergehen lassen müßten/ betrachten? - . -- Bon' weit größerem. Einfluß auf unser Denkvermögen dürste aber die Tatsache .sein, daß um dieselbe Zeit, da unser schlimmster Feind zu Boden gestreckt; wurde, in nahezu übereinstimmender Einmütigkeit von den beiden miteinander im Kampfe liegenden. Mächtegruppen dem jüdischen Volke hinsichtlich der Wiedererlangung Jeines vor mehr als 18 Jahrhunderten' verlorenen Landes die weitestgehenden Versprechungen gemacht wurden, Versprechungen, deren Bedeutung , und Tragweite wir erst dann ermessen und würdigen' können, wenn wir bedenken, daß. während unseres ganzen langen Volkslebens wir nur zwei ähnliche Fälle zu verzeichnen haben, daß unter der- Unmenge von Herrschern der verschiedenen Länder und Völker, denen die Juden untertan waren, sich nur ein Cyrus und Julian/fanden, die großmütig, genug waren, derartige Zusicherungen dem Volke zu geben. - ' . Sollten wir hierin.nicht eine göttliche Fügung erblicken, sollte dies nicht 'Veranlassung genugsein für ein ernstes Jnsichgehen? .Nein, ein solcher Moment soll und darf nicht spurlosan unserer Seele Vorbeigehen. Er.mutz vielmehr unser ganzes Wesen erfüllen, unser Herz und unseren Verstand zu einem Sinnen und Trachten Aber unser Tun und Lassen, Aber unser Mollen und Streben anrcgen, denn es gilt, ernste Entschlüsse zu fassen, die nicht allein für unser Denken, sondern auch für unser praktisches Handeln Ziel und Richtung gebend werden sollen. Und wenn unsere Vorfahren in dem wichtigen Augenblicke ihrer Volkswerdung sich dazu bestimmen ließen, alles, was. von ihnen gefordert wurde, zu tun und nach dem Sinne ihrer Handlung erst nachträglich zu forschen, so müssen wir uns wenigstens zu einem umgekehrten Verfahren austaffen.; Vorausgesetzt, daß unser Dasein uns wert; ist, daß unsere Existenz als Juden Sinn und Bedeutung sür uns selbst, für die Gesamtmenschheit Hat, daß unser jüdisches Bolkswesen und dessen geistige und moralische Anlagen lebens- und entwicklungsfähig sind, müssen wir uns die Frage vorlegen: Ist unsere Lage hier in der Diaspora derart beschaffen, daß sie Sicherhett genug für die Dauer unseres Bestandes bietet? Besitzen wir hier die Möglichkeit einer kulturellen Entwicklung, die unserer Sinnesart, unserer Geistesrichtung und unserer religiösen Anschauung entspricht? Wenn nicht hier, gibt es vielleicht einen anderen Platz unter der Sonne, der bessere Garantien für sie Erhaltung, unseres Bolksstammes, für die Entfaltung seiner geistig-intellektuellen Fähigkeiten : bietet? ' * . Der Versuch, diese Fragen zu beantworten, läßt unwillkürlich unseren Blick nach jener Himmelsrichtung schweifen, der wir unser Gesicht beim Beten zuwenden, denn das bekannte Wort „ex Oriente lux“ hat nicht allein in der Natur, sondern auch in der Geschichte seine Bestätigung gefunden, — und so dürste denn baä von dort ausgehende Licht ck>azu beitragen, auch diese zum Gebiete der geschichtlichen Betrachtung gehörenden Fragen zu beleuchten. Von Osten leuchtet uns die Sonne täglich entgegen, dort geht sie zuerst auf, die Bewohner des Morgenlandes genießen bereits das von ihr ausgehende Licht um die Zeit, da tiefe Finsternis bei uns herrscht. Langsam nähert sie sich aus uns. Allmählich beginnt es auch hier zu dämmern, allmählich weicht die Dämmerung dem im vollen Glanze erstrahlenden Lichte. Während sich aber das Licht im' Westen weithin verbrettet, verringert es sich im Osten, bis dessen Spuren völlig verschwunden find. Es tritt die Nacht an Stelle des Tages, der im Westen herrscht. Aber auch dort ist seine Herrschaft nicht von langer Dauer. .Ewig kreisepd, aus der gleichen Linie sich stets bewegend, erscheint die Sonne wieder ,im Osten Licht verbreitend, Dunkelheit Hinter sich zurücklassend. Dem Laufe der Sonne scheint auch die menschliche Kultur gefolgt zu .sein. Auch sie ging im Osten auf, dort entfaltete sich zuerst das menschliche Können, dort wurde sich der Mensch einer geistigen Fähigkeit bewußt. Dort nahm die natürliche Geselligkeit der Menschen und ihr Zusammenleben Formen von organisierten Gemeinwesen, von geordneten Staaten. Dieses , alles zu einer Zeit, da im Westen ein vollständiger Naturzustand, die tiefste Barbarei herrschte und die Kultur den größten Tiefstand außuweisen hatte. Schrittweise zog die Zivilisation aus dem ihr vom Sonnenlicht voxgezeichneten Weg in westlicher Richtung, während im Osten eine Berrohyng und deutung haben dürfte, die das 19. Jahrhundert derts langte sie bereits bis zum äußersten Zipfel des Westens an und schien von dort aus nach dem Osten dermaßen hinüberzugreifen, daß sich vielen die Vermutung ausdrängte, daß. das 20. Jahrhundert für die Entwicttnng Apens dieselbe Bedeutung haben dürfte, die das 19. Jahrhünddert für Europa hatte. Nach Ablauf der ersten zwei Dezenien läßt sich dies mit der größten Wahrscheinlichkeit voraussehen. Ja, der gegenwärtige, langwierige Weltkrieg, legt uns 'die Befürchtung nahe, daß ein Erwachen des Orients mit. einem gleichzeitigen Stillstand im Occipent eintrcten werde. Im Morgenlande stand auch die Wiege desjenigen Volkes, dem die gesittete Menschheit alles das verdankt, was man unter dem Begriffe der Tugend, der Moral und der Sittlichkeit versteht. „Wer ist es,“ fragt ein Prophet, „der im Morgenlande erstrahlte, dessen treuer Begletter die Tugend war? Kein anderer wohl, als der Stammvater des Volkes Israels" Im Morgenland oder richtiger in Palästina gedieh, wuchs und blühte das Judentum, dort glänzte sein Stern, dort weissagten ihm die Propheten göttliche Offenbarungen. Dort betätigte es seine Kräfte im Dienste der Gesamtheit. Ms freies Volk auf eigener Scholle zu einem selbständigen Staatskörper vereinigt, war es befähigt, allen Völkern voranzuleuchten. Aber auch diese der Menschheit ausgegangene Sonne in Gestalt vom Judentum sollte ihr. Licht nach dem Abendland wettertragen. Im Osten verblaßt und erlöscht, wanderte es westwärts. Allenthalben, wo es austrat, wirkte es als Träger und Verbreiter des Lichtes, wurde es ein Segen für seine Umgebung. Es förderte Handel und Verkehr, bereicherte die Wissenschaften, beftuchtete das Denken. Aus dem Born seiner Weisheit schöpften alle Völker der Erde, seinen Schätzen entlehnten sie die höchsten Ideen. Während aber die allgemein menschliche Kultur im Westen eben jo gut oder besser wie im Osten sich entwickeln konnte, erging, es dem Judentum ganz anders. Es leistete zwar für die Menschheit große Dienste und bot hierfür viel Geist und Verstandans, seine eigenen Interessen stellte e» jedoch hintenan. Die Zerstreuung unter den Völkern machte es nach talmudischer Auffassung „zum Hüter fremder, nicht eigener Gärten“, es sollte Felder bestellen, deren Früchte andere genießen. Um mit Rabbi Jehuda Halevy zu sprechen, ist das Judentum eine Pftanze, die nur unter einem bestimmten Himmelsstrich und zwar unter dem blauen Himmel, der sich .über das Land.der Väter wölbt, richtig gedeihen kann. Nach einem anderen Punkte der Erde verpflanzt, der ganz anderen Einflüssen ausgefetzt ist, hielt es sehr schwer, seine Eigenart aufrecht zu erhalten. Allenthalben mußte es den örtlichen Bedingungen Rechnung tragen, freiwillig oder gezwungen seinen Mitmenschen sich anpassen. Ilm nicht mit .seiner Umgebung in Widerspruch zu geraten, geriet es in Widerspruch mit sich .selbst. War es nun aber ursprünglich Zwang, so wurde dieser im Lause der Jahre zur Gewohnheit, zur Notwendigkeit. Wo gibt es heute echte Juden? Sind wir nicht Deutsche unter oen Deutschen und Franzosen unter den Franzosen? Worin unterscheiden wir uns von ihnen? In Wohnung und Kleidung, in Sprache und Süte Zeichen wir ihnen ganz. Ihre geistigen Schätze sind auch die unsrigen. Gemeinsame Interessen, gemeinsame Sor-