Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1918)
- Date
- 1918-05-24
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4. . gMBoratH>88e 56' gMBoratH>88e 58 ^üaecBtosBa; 56 ' TIgUch erstklassige ffT ViiiMialtupnilk iQesaags-Einlagen. ■ -.vt ’ Auf Veranlassung der Zron. Jugendgrnppe wird Schriftsteller und Lehrer S. H. Goldman n in Kürze eine» Vortragszyklus über das Wesen des Judentums beginne«. Der Zweck dieses Zyklus ist, in populärer Farm ^neu Einblick iu die bedeutsamsten Probleme des Judentums tzu gewähren und die besondere Eigenart.der jüdischen ILÄligion plastisch hervvrzuhebe«. Schriftliche Anmeldung twn Damen -md Herren jeden Wters bei Frl. Jrmel Weinberg, Muhausstr. 1, Frl. Rosa Grüublatt, Uhlandsrr. 46 oder Franks. Jsr. Fmnilienblatt. FmiMm. Die Priuzeffi». Wne Neschnhte aus der Mitte des 1V. Jahrhunderts von Leopold Ko «per t. (Fortschung.) S.« mächtig wirkte diese lange Rede auf die Einbildungskraft der Bäuerin, daß sie eine geraume Zeit sprachlos nur ihren eigenen Empfindungen zu horchen schien. Alle ihre Geister waren in Aufruhr geraten, will» klangen sie durcheinander. Sie, die sonst Klarbewußte, hatte in diesem Augenblicke keinen einzigen Beweisgrund vorzubringen, der es siegreich mtt ihres MannesRede aufnehmen konnte.' Einerseits fühlte sie sich gehoben von dem Stolze, den der Bauer in seine. Stellung als solche setzte, anderseits tat ihr selbst die Einliegende Möglichkeit, daß er in seiner Hoffnung recht behalten könnte, unendlich wohl. „Es wär' zu schön! zu schön!" sprach sie freudig, „wenn ich Rosel hier behalten könnte und Josef nicht unter die Soldaten müßte." „Der geht dir unter die Soldaten so wenig, wie es mir gefallen könnte, noch ein Feldwebel zu werden," meinte Feiwel. „Du kennst ihn nicht, welchen Kopf er aufhat!" eiferte die Bäuerin und fügte dann, well sie fürchten .-»achte, dem Sohne zu nahe getreten zu sein, noch eiligst hinzu: „Und weißt du denn, ob es beider Wille ist, sich einander anzugehören? Vielleicht will keines von Leiden!" „Einen Blinde» muß man führen und einem Lahmen «neu Stock in die Hand geben," sagte der Alle lustig. „Meinst du denn, ich bin blind und lahm, daß ich nicht sehe itnb begreife, was zwischen den beiden vorgeht? Da Ivette ich meinen Kopf darum, daß das Jüngel von hem Prinzefsele ganz anders denkt, als du dir einredest. Du warst nicht dabei, wenn Rosel znwellen aufs Feld hinausgekommen ist, du hast die beiden nicht angesehen, wie sie nttteinander geredet haben. Ich aber habe die Angen well offen gehabt, und mir ist nichts entgangen. Ach sage dir, Gitel, sie werden ein Wort mü sich reden lasten." Damit war der Bauer wieder auf den Boden seiner gewöhnlichen Stimmung niedergestiegen. Trotz aller Bitten Gitels, er möge doch erzählen, was er gesehen, blieb er ständhaft dabei, er dürfe nichts verraten. Im ÜSntnbe jedoch übermanntc ihn der Schlaf. „Gut' Nacht, Gitel," sagte er mll einem Male, „nick» lösch das Licht aus. Ich meine, du hast jetzt genug gescheu, und morgen ist auch ein Tag!" Als die Bäuerin in den nächsten Minuten wieder eine Frage an ihn richtete, erfolgte keine Antwort mehr; er schlief bereits. Gllcl blieb aber zwischen Nacht und Morgen wachend in einem Seelenzustand zurück, der sich nur schwer Be» schrmben laßt. Das Ungewöhnliche, das aus der Mitteilung ihres Mannes sie so sehr überwälttgt hatte, trat jetzt vor der Karen Unmöglichkell des Gelingens Kuüick. Im diesem Augenblicke war Hannele Ehrenfeld die Mutter einer wirüichen Prinzessin, sie selbst aber eine arme unerzogene, verlassene Bäuerin! XL Auf dem Stege des Mühlbaches. Der Sonntag nach diesem bewegten Sabbat verlief still, ohne daß irgendwie im Hause jene Unruhe hervor-' ■trat, unter der doch vier Menschen mit einem Male wul" unter einem Banne standen. Der alte Bauer tat Frankfurter Israelitisches Familietüllair. gleichgültig, als waltete nichtzwischen ihm und Gitel das Geheimnis der Nacht ob. Nur als gegen Mittag Rosel wieder im Kreise ihrer Hühnerwelt stand, kam er Über den Hof und stellte sich neben sie. Es war offenbar nicht darum, um zu sehen, wie den- Hühnern dgs von Rosel» Haiw ausgestreute Futter.mundete, es war ihm darum zu tun, mll dem Mädchen zu sprechen, so oft es anging. Dem Bauer war dies zu einem Bedürfnis geworden. Als er lange zugeschaut, wie die Bögel fraßen, sagte er plötzlich, inbem er mit dem Finger auf eine weiße Henne deutete, die sich zunächst in Rosels nächster Nähe gefiel: „Du, Rosel, die weiße Henne wirst du auch nicht mehr lange haben." „Warum nicht?" „Am Dienstag kommt der Rebb Wolf, der Schächter, der wird die weiße Henne nehmen und sie —" „Das darf nicht sein, Rebb Feiwel!" rief das Mädchen lebhaft. „Weswegen nicht?" „Die Henne ist mein Liebling, und ich habe sie aufgezogen." „Narrele," meinte der Bauer lachend, „glaubst du denn, ich werde dir etwas wegnehmen lassen, was "dir lieb und teuer ist? Meinetivegen kann die weiße Henne ein Alter erreichen wie meine Urbaba, die in ihrem hundertundzehnten Jahre gestorben ist." Ganz anders benahm sich Gitel an diesem Tage gegen Rosel. Sic wich ihr aus, wo sie nur konnte, und sie, die Frau mit dem reinen Gewissen, senkte betroficn ihr Auge, wenn sie zufällig mll dem Mädchen zusammentraf. Denn aus aller Pein und Aufregung Der verflossenen Nacht hatte sich in ihr ein sonderbarer Gedanke festgesetzt und der lautete am frühen Morgen: „Wenn Hannele Ehrcnfeld von der Sache hören wird, ist's ein Wunder, wenn ich dann wie eine Diehin vor ihr stehen werde? Sie gibt mir ihre Tochter aufzuheben und denft an nichts Schlechtes, — und jetzt, da die Zeit der Rückgabe gekommen ist, wlll ich mir sie behalten, . . . weil sie mir gefällt. Wird sie mir nicht mit Recht ins Gesicht hineinsagen können, ich hätte das mit ,Fleiß' angestellt, hätte die Tochter nur darum ins Haus genommen, well ich einen großen Sohn habe,!unb\ . . weil mir die reiche Mitgift gefällt?" Seit sie die Absichten ihres Mannes erfahren hatte, kam sie sich gleichsam als dessen Mitschuldige vor, als Tellnehmerin an einer Verabredung, die nicht so gegen das „Prinzefsele", als gegen ihren eigenen Sohn gerichtet war. Wie sollte sie ihm unter die Augen treten, wenn die Stunde der Lösung gekommen war? Es war gut, daß Joses an diesem Tage von dem alten Bauer in ein benachbartes Dorf geschickt worden war, um dort eine „Kalbin" zu beschauen. Erst spät am Abend kam er unverrichteter Sache zurück. Es sei nichts damit, meinte er kurz, fast unwirsch. — Dann sagte er allen eine Gute Nacht und ging auf sein Stübchen, er müsse sich ausschlafen für den morgigen Wochenmark, fügte er wie zur Entschuldigung dazu. In aller Frühe fuhr Josef mll einer Ladung neuer Frucht auf den Wochenmarkt. Die Nacht rang noch mit dem erwachenden Tage, graues Zwielicht lag über dem Dorfe. Einer von den Knechten hatte das Hoftör aufgetan, und Josef war eben im Begriffe sich auf den Wagen zu schwingen, als es hinter sich eine .feine Mädchenstimme vernahm, die aus Rosels Stübchen kam, denn dieses lag nach dem Hofe. Er blickte nach dem Fenster hin, da sah er das Prinzefsele völlig angrlleidet vor sich. „Guten Morgen, Josef!" rief sie ihm zu. „So zeillich .steht eine Prinzessin auf?" konnte Josef sich nicht enthalten scherzhaft ihr zuzurufen, indem er sich auf den Wagen schwang. „Ich bin schon lange keine Prinzessin mehr," meinte Rosa, und es war gut, daß sie im Zwielicht stand; sie errötete nämlich, indem sie dieses sprach. „Warum sind Sie denn aber so zeitlich aufgestanden, Fräulein Rosel?" sagte Josef, ohne nach dem Fenster hinzusehen. „Ich habe nicht schlafen gekonnt," sagte Rosa. Wir müssen hier gelegentlich erwähnen, daß Josef noch immer nicht anders als „per Fräulein" Rosa Ehrenfeld ansprach. „Warum nicht?" fragte Josef so von obenhin. ,Lm Stall hat die schwarze Kuh mit dem weißen Stern vorn ans der Sttrne die ganze Nacht so geschrien, daß ich kein Auge schließen konnte. Ist sie denn krankt . . „Nein," sagte Josef, „aber am Freitag war ein Fleischhauer im Stall urü> hat sich ihr Kalb angesehen. Nr. 21 Mas mag ihr idenn jetzt nicht aus dem Kopfe geAn, irnd sie fürchtet sich vielleicht, man könnte es ihr^tveg- . üehmen. Sie ist-seittiein auchwirklich unxuhigi"! < „Meinen Sie nnrklich darum?" „So ein Tier," sagtet Josef, „hat seinen Äummetr; wie ein Mensch. ... Nur hat es dafür einen einzigen Ton, während die Menschen auf verschiedene Art datz> was sie drückt, aussprechen können. Ganz gewiß weiß die Kuh, daß der Fleischhauer zum zweiten Male kommep. wird, dann wird ... er das Junge an den Strick nehmen, und unter dem Gebells seines Hundes wird er es von der Mutter fortsühren. Drum ist sie so traurig." ,Hch danke Ihnen, Josef," sagte »ach einer kurzen Welle das Mädchen. „Wofür?" meinte Josef nick blickte erstaunt nach dem Fenster hin. . „Daß Sie mich etwas so Schönes gelehrt haben," meinte Rosel rasch. - ,zJch bin kein Lehrer," sagte der einstige Soldat fast rauh. „Nämlich, daß die Tiere es auch wissen, wenn ihnen ein Leid zugefügt wird. Was soll erst ein Mensch, z. B. eine Mutter dazu sagen, wenn ihr .ein .Kind geraubt wird?" „Wer raubt denn einer Mutter ihr Kind?" „Das Kind kann ja auch von selbst fortgehen, gegen den Willen der Mutter," meinte Rosel scharf betont. ' „Adies, Fräulein Rosel," sagte Josef und ergriff die Zügel. „Ich komme sonst zu spät auf den Wochenmark. Adies!" Rosel vergaß für dieses Lebewohl zu danken. Nochmals wandte sich Josef gegen das Fenster zuwährend er die schon unruhig gewordenen Pferde mit kräftiger Hand straff anhielt. „Ich hätte bald etwas vergessen," sagte er. „Was soll ich sagen, wenn ich Leute aus Ihrer Gemeinde auf hem Wochenmark treffe und man mich nach Ihnen fragt?" Rosel zögerte einen Augenblick mit der Antwort; dann rief sie rasch : „Daß ich gesund bin und bald zurückkommen werde." „Es ist gut," sagte Josef, und nur das Scharren der ungeduldigen Pferde ließ überhören, daß seine Stimme dabei unsicher geklungen hatte. Dann ließ er den bekannten Zuruf, an seine Tiere ergehen, das Gefährte zog kräftig an, und ehe noch Rosel ein Wort der Gegenrede finden konnte, war er zum Hostor hinaus. Schön ist ein grüner Wald, wenn man zum ersten Male nach langem Siechtum hineintritt in seine Blättrrpracht; schön ist alles dort bis auf das kleinste Würmchen, das sich wohlgemut an einen Stamm hinaufbemÄht; schön ist überhaupt das Erwachen alles Lebenden im Reiche der Natur, — aber schöner, sprechender und ergreifender ist doch der Blick in ein Mäd'chenherz, das zwischen Dräng und Schüchternheit auf und nieder wogt, das den Lippen gebieten möchte zu reden, und es doch nicht bezwingen kann, daß sie sich öffnen. Nichts offenbart sich so lieblich geheimnisvoll! Der Wald ringt sich nur langsam von der ersten Knospe zur vollen Blättcrpracht hindurch; mancher Sturm fährt durch ihn mit brausender Gewalt, der den erwachten Frühling wieder zurückdrängen möchte in die kaum abgeworfenen Winterfesseln, und manches Reis, das voreilig die Aeuglein aufgeschlagen, muß sie wieder schließen. Aber in einer liebenden Mädchenseele ist Knospe, Blüte und Frucht vereint: wenn es einmal seine Augen aufgetan hat, dann sind alle Gewalten der Erbe nicht mächtig genug, um sie wieder zu schließen. Wen wird es befremden, wenn er am späten Abend Rosa Ehrenfeld aus dem Hause herauskommen sieht, der Straße zu, woher heute Josef vom Marke kommen soll? Die Nacht war sommerwarm, und der Mond stand in voller Pracht am Himmel, als Rosel an den Steg, der über den Mühlbach führte, kam. Wie war das doch ganz anvers geworden, seitdem sie zum ersten Male gerade auf diesem Stege — Josef begegnete! Damals hatte sie sich gefürchtet, war im kindischen Trotz vom Wagen entsprungen und. hatte ihren Eintritt in den Bauernhof durch ihr lächerliches Benehmen bezeichnet. In der Erinnerung brannte ihr die Scham auf den Wangen. Bloß davon? ... Noch andere lichtere Bilder und Erinnerungen zogen durch ihre, Seele. Allmählich waren die meisten Bauern, die gleichfalls zum Wochenmarkte gefahren,- heimgekehrt. Die Straße ward stille und leer, weithin glänzte sie in der ihr während des Sommers so eigentümlichen Farbe weißen Staubes. Ueber diese weiße ,Fläche kam. in langsamer Bewegung ein dunKer Punkt einher; der immer