Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 20 (16.5.1918)
- Date
- 1918-05-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. brav und tüchtig; er trinkt nicht, er spielt nicht und gibt keinen Kreuzer unnütz aus. Nur gegen dich hat er die unglückselige Idee, da ist er wie ausgrtauscht . . . Soll ich das einzige Kind wieder Kommißbrot essen lassen und auf einem harten Brett in der Kaserne schlafen? Soll ich zugeben, daß er in einer Winternacht irgendwo Wache steht, wo er, Gott behüte, mir erfrieren kann? Ich frag' dich selbst, Rosel ... du hast ja so viel gelernt nick so viele Bücher gelesen. Ist es da nicht besser, du gehst zu deiner Mutter wieder zurück, damit ich und mein Feiwel ihren Sohn behalten?" „Es wird nicht ganz so sein," sagte das Mädchen nach einer guten Weile, und ein seltsames Lächeln glitt dabei über ihr liebliches Antlitz. „Du wirst mir sagen, mein Kind, wie Josef von dir denkt?" eiferte Gitel, „dem seh' ich's auf hundert Schritte an den Augen an, ob er einem Menschen wohl will oder nicht. Ich sag' dir, Rosel, deinetwegen will er aus dem Hause, deinetwegen will er wieder zu seinem Feldwebel." „Meinetwegen?" sprach das Mädchen langsam nach. Dann saß sie einige Augenblicke, wie nachsinnend demjenigen, was sie jetzt soeben vernommen. Holde Lichter spielten dabei auf ihrem Antlitze, nicht die der untergehenden Sonne, sondern die aus dem Gennitc herausleuchten, wenn es sich zu irgend einer' bedeutenden Tat erhebt. Mit einem Male stand sie von der Bank aus. „Ich schreibe nicht an die Mutter," sagte sie mit Innigkeit, „und Josef wird nicht unter die Soldaten gehen . . ." Diese merkwürdige Sicherheit des Mädchens verblüffte die Bäuerin derart, daß sic, keines Wortes mächtig, ihr nur in das feingerötete Gesicht starrte. „Verlassen Sie sich darauf," beteuerte leise Rosel, „die Prinzessin wird schon mit ihm reden." „Roselleben! wenn du das könntest! Wie glücklich möchtest du mich machen!" seufzte Gitel. Rosel sprach kein Wort mehr; sie schaute auch nicht auf. Nur ein Lächeln war auf ihrem Antlitz lcuchteüd geblieben. Was sollte 'es bedeuten? X. Ein Gespräch zwischen Nacht und Morgen. Die Nacht, die diesem an Erschütterung so überreichen Abend folgte, sollte nicht vorübergehen, ohne für die Bäuerin noch eine Begebenheit von bedeutungsvoller Art gebracht zu haben. Mitten in der Nacht wachte nämlich ihr Mann Feiwel auf, was ganz gegen den gewöhnlichen Gang seiner Natur war; denn nach Gitcls Ausspruch war cs nur einmal während ihrer dreißigjährigen Ehe, daß er von seinem Schlaf, worin er ganz und gar einem zugebundenen Sack Erdäpfel glich, eine Ausnahme gemacht, nämlich als er die „große" Krankheit (zur Buße gesagt) uberstand. „Gitel," rief er erst leise, dann immer lauter, „bist du auf, daß man mit dir ein Mörtel reden kann?" „Gott Lebendiger! Du bist doch nicht etwa krank gelvorden?" schrie die Bäuerin, schlaftrunken in die Höhe fahreiü»; sie war erst kurz zuvor, nachdem sie in Sorgen und Kummer lange dagelegen, in einen leichten Schlummer gesunken. „Mir fehlt nichts," sagte Feiwel mit klarer Stimme, was in der Nacht gleichfalls zu den Seltenheiten gehörte, „aber unserem Josef fehlt etwas, und das will mir nicht aus denr Kopfe." „Hat er dir auch gesagt," rief Gitel, „daß er wieder unter die Soldaten will?" Den alten Bauer schien diese Mitteilung nicht im geringsten zu Überraschen. Nach einer guten Weile schlug er ein lautes Gelächter auf. „Will er wieder?" rief er dazwischen, „du wirst sehen, er wird sich seinen Feldwebel schon aus dem Kopf schlagen." \ „Du wirst ihn doch nicht mit Gewalt zwingen wollen?" meinte Gitel trocken. „Dazu ist das Jüngel doch ein zu großer Jung'!" „Wenn er es nicht gutwillig tut," sagte Feiwel lustig, »so muß man ihn zu seinem Glücke zwingen." „Red deutsch mit mir, Feiwel," sprach Gitel. . „Ich Hab' ihm eine Prinzessin zur Frau bestimmt," meinte der Bauet, dessen Stimme zum leisen Flüstern geworden war. „Mir scheint, Feiwel," sagte die Bäuerin, „du hast einen Traum gehabt, und jetzt meinst du, du träumst noch immer. Du weißt nicht, was du redest." „Wenn ich von einer Prinzessin rede," meinte Feiwel,' „so mein' ich damit das Prinzessele, was wir im Hause'haben!" Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Die Bäuerin schrie nicht auf vor Entsetzen, als sie diese abenteuerliche Mitteilung ans dem Munde ihres Mannes vernahm, sie ergriff nur ein Schwefelholz und zündete damit die Kerze an. „Ich muß dich beim Licht sehen, Feiwel," sagte sie, indem sie die Kerze aufhob und dem Bauer damit ins Angesicht leuchtete. Das behäbig volle Antlitz des alten Bauers lachte ihr aus der llmhüllung einer riesigen Schlafmütze entgegen. : „Ich mein's im Ernst, Gitel," rief er lustig, „ganz im Ernst. Warum? soll das Prinzessele für unseren Sohn zu schlecht sein? „Feiwel Narr!" schrie Gitel erst jetzt auf, „nicht Feiwel Bauer sollt' man dich heißen. Schläfst du oder bist du wach? Oder hältst du mich selbst für einen Narren?" „Lösch das Licht nur wieder aus, Gitel," sagte der Bauer sich streckend, „ich seh' im Dunkeln auch und weiß, was ich weiß." „Was weißt du?" rief Gitel hastig. „Daß das Prinzessele für unseren Josef das prächtigste Weib auf der.Welt wär'," meinte Feiwel. „Sag mir nur, Feiwel." rief die Bäuerin nach Liner langen Pause, während welcher sie ihre Geister nur mühsam zu sammeln vermochte, „sag mir nur, was hast du dir in deinen alten Kopf für eine Fliege gesetzt? Weißt du oenn, was du redest? Ich will gar nicht davon sprechen, daß Josef gegen das Mädchen mit Leib und Seele ist, aber bedenkst du nicht, wer sie ist und wer er? daß wir nur einfache Bauersleute; sind, und sie Hannele Ehrenfelds Tochter?" „Das Prinzessele in der Geschichte von meiner Babe war zuletzt auch froh, daß sie einen Bauernsohn zum Manne bekommen hat. Freilich war's auch ein Prinz," sagte der Bauer, den alle Ausrufe und Aufschreie Gitels nicht beirrten, „aber ist unser Josef nicht auch ein Prinz — unser Prinz?" „Spaß treiben kannst du auch bei der Narrheit?" rief die Bäuerin mit Bitterkeit. „Hör an, Gitel," begann mit einem Male der alte Bauer in einem Tone, den sie an ihm nicht gewohnt war, denn er klang ernst, fast bittend, „glaubst du oenn, ich werde in solchen Dingen Spaß treiben mit dir, oder dich sonst zinst Narren halten? Ich weiß, ein gescheites Weib fügt sich in alles, in Ernst so gut, wie in Spaß; aber wie es einmal auf das Kapitel kommt, daß man sein eigenes Kind gut versorgen möchte, da sind sich alle Weiber gleich. Sie verlieren nämlich den Kopf!" Zn der Bäuerin größtem Erstaunen fuhr der Bauer in diesem Tone zu sprechen fort. Seine Rede war ein einziger Lobspruch auf das Prinzessele. Das hätte er nie geglaubt, und wenn cs ihm der erste Rabbiner in der Welt gesagt hätte, daß aus einem verwöhnten und verzärtelten Mädchen werden könne, was aus Rosel geworden. Man müsse nur sehen,!vie sie etwas anruhre, welch einen besonderen „Geschmack" das alles habe. Beim Trinken verschütte sic nichts, beim Essen beschmutze sie nicht das Tischtuch oder stecke gar die Finger in die ^,Tunke" hinein. Alles geschehe mit >,Tanl" (Anmut) und mit Geschick. Er habe sie oft im Stillen betrachtet, nie habe er etwas Unebenes an ihr bemerkt, das Herz gehe ihm auf, wenn er ihr goldiges Antlitz schaue. Zu denken, das Kind könnte wieder aus dem Hause gehen, und er hätte dann nichts weiter von ihm, das gehe ihm wie ein Messerstich durchs Herz! Da sei ihm einmal der Gedanke gekommen, ob man Rosel denn nicht fürs ganze Leben hier auf dem Dorfe behalten könnte. Das Kind sei schon in dem Alter, wo man an solche Dinge denken könne, und passe zu Josef, wie nur in der Welt etwas zusammenpasscn könnte. Kurz und gut, das Prinzessele müßte inr Hause bleiben, es gehe, wie es gehe." Namentlich die letzten Worte hatte der Bauer mit einer so markigen Entschiedenheit gesagt, daß sic Gitel im ersten Augenblicke ganz einschüchterten. Welches Muttcrherz folgt nicht willig dem Zuge solcher Rede, wenn sie zuletzt auch in einen lustigen Traum endigt! „Sag nur Feiwel," nieinte sic nach einer Pause ... „Glaubst du im Ernste. Hannele Ehrenfeld wird uns einfachen Bauersleuten ihre Tochter geben? Gott der Lebendige weiß, was Rosel ,nachbekommt'!"*) „Weiber! Weiber!" rief der Bauer beinahe zornig, was jedenfalls von einer merkwürdigen Aufgeregtheit seines Wesens zeigte. „Geht denn das in euren Kopf nicht hinein, daß ein Bauer in heutiger Zeit mehr gilt als sie alle dort, wie sie in den Buden und Gd- *) Bolksausdruck, statt: welche Mitgift sie erhält. Seite 5. wölben sitzen und sich gegenseitig die Kunden abjagen? Weißt du denn, daß ich, Feiwel Bauer, mit keiner Hannele Ehrenfcld auf der ganzen Erde tausche? Ich, der ich dasitze auf meinem Hof und meinen Aeckern und bin keinen Kreuzer darauf schuldig, ich bin mehr als die Leut' in den Gassen niit all ihrem Geld und Geldeswert. Sie haben ihre Schuldner über die halbe Welt ausgestrcut, wie einen verschütteten Sack mit Erbsen — ich, ich habe sie alle beisammen! Mein Feld, meine Wiesen, nieine Kühe und Ochsen, das sind meine Schuldner, und dazu brauche ich keinen Advokaten, sondern meine eigene Hand, daß sie mir zur Zahlzeit nicht schuldig bleiben. Gott allein im siebenten Himmel äst mein Borger, einmal leiht er mir mehr, das andere Mal weniger, aber immer doch so viel, daß ich und meine Familie davon leben können. Laß sie dich auslacheu, Gitel, wenn du einmal zur /Jahrzeit' zu ihnen Kommst und hast eine altmodische Haube an. Laß sie lachen und spotten! Du bist doch Gitel, die Bäuerin, und dein Mann heißt Feiwel Bauer; das will, wie es mir vorkommt, beinahe so viel heißen, als wenn man in der ,Gasse' sagen könnte: ,Gitel die Gräfin ist da!' Denn was ist's, warum man von einem Grafen mit so großem Respekt zu reden gewohnt ist? Man denkr sich, der hat soviel und soviel Einkünfte; hat Aecker und Wiesen, Kühe und Schafe, Fasanen und' Hasen, und seiner Väter Väter haben auch das gehabt. Sieh, Gitel, es kommt mir vor, als wäre es im kleinen so auch mit mir. Mein Vater und Großvater und vielleicht schon dessen Väter sind Bauersleut' gewesen und haben in diesem Hause gewohnt. Warum sind sie nicht fortgezogen? oder haben sich in ein ,Gewölb' gesetzt, um Kunden zu bedienen? Weil es gegen ihre Ehre war! Und doch haben sie die Felder nnd den Hox nur in Pacht gehabt. Ich aber, ich habe das alles zu eigen, mein Name ist wirklich: Feiwel Bauer! Und da sollte ich viel darum mich kümmern, ob Hannele Ehrenfeld nur ihre Tochter für meinen Sohn geben will oder nicht? Wenn mir das Prinzessele nicht so überaus gefallen möchte, meinst du, ich möchte nur den Mund austun, um niit Hannele zu reden über die Sache? Die Hand möcht' ich mir ender (eher) abhacken! So denk' ich aber, es geschieht ihr ebensogut ein Gefallen damit und eine Ehre wie uns. llnd so. Gitellebcn, wollen wir die Sache ihren Gang gehen lassen, wie es Gottes Wille und Schickung ist. Du weißt jetzt, was ich im Kopfe trage ... tu mir nur das eine zulicb' und red' mir nicht ab! Ich habe die Sache zu gut überlegt — und das Prinzessele gefällt mir als Schwiegertochter wie sonst gar nichts auf der Welt." (Fd«fttzung folgt«) Girre Begegnung. Von Schalem Alechem.*) Max Berland war viel auf Reisen. Zu wiederholten Malen reiste er im Jahre von Lodz.nach Moskau und von Moskau nach Lodz. Er war mit sämtlichen Verkäufern an den Büfett» bekannt, stand mit sämtlichen Schaffnern auf vertraulichem Fuß. Auch nach den entferntesten russischen Gouvernements kam er, wo de» Juden nur ei» Aufenthalt vou vierundzwanzig Stunden erlaubt war, plagte sich in den Polizeirevieren herum und mußte so manche Demütigung, so manchen Aerger über sich ergehen lassen. Alles wegen des Judentums! Nicht weil es ein Judentum gab, sondern weil er unglücklicherweise ein Jude war, obendrein von echt jüdischem Aussehen, nach dem Ebenbild Gottes, ja, nach dem Ebenbild Gottes geschaffen: mit. echt jüdischen, schwarzen, glänzenden Augen, echt jüdischem, schwarzem, gekräuseltem Haar, mit echt jüdischer, röchelnder Aussprache und dazu eine N'ase, oh, eine Nase! ... Wie zum Trotz hatte unser Held einen Berus, bei dem er seine Nase aller Welt zeigen mußte, bei dem er reden, immer wieder reden, sich überall sehen und hören lassen mußte, — denn der Bedauernswerte war — Reisender. Zwar hatte er alles mögliche getan: Seinen Bart geopfert, die Schnurrbartsenden nach oben gedreht, er putzte sich wie ein junges Mädchen, trug lauge Nägel und die sonderbarsten Krawatten, die man kaum ein zweites Mal in der Welt finden konnte. Er hatte sich auch an die Speisen gewöhnt, die man ihm auf den Bahnhöfen vorsetzte, und ließ seinen Aerger nur an dem Schweinebraten aus. über den er nicht schlecht geflucht hatte, als er ihn zum erstenmal aß. Aber trotz aller Bemühungen gelang es Max Borland nicht, seine 'Abstammung vor den Juden wie vor den 'Andersgläubige!.' zu verleugnen. Man erkannte ihn, wie einen bösen Schilling, genau so wie den vermaledeiten Kain: Auf Schritt nnd Tritt ließ man ihn fühlen, wer er ist nnd was er ist. Kurz, er war tatsächlich zir bedauern. War Max Berland vor seiner Reise nach Kischinew ein bedauernswerter Mann, so gab es nach dieser Reise Entnommen dem bei Georg Müller, München, erschienenen „Scholem Alechem, Aus dem nahen Osten. Novellen. 435 Seiten." Empfehlender Worte für ein Buch des großen jüdischen Humoristen bedarf es in unserem Blatte nicht. D. Red.