Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 17 (26.4.1918)
- Date
- 1918-04-26
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Sekte 4. Ihnen keine. Ehre. Seit den acht Wochen, die sie auf dem Dorfe lebt, hat sie alles Lernen rein vergessen; sie weiß nicht mehr, was die schlechteste unter Ihren Schüleri.i.ler kann. Sehen Sie sich z. B. dieses „Geschreibsel" an! Sollte man nicht meinen, eine Fliege sei ins Tintenfaß gefallen und dann Übers Papier hingekrochen? Wo ist die schöne Schrift, die sie von Ihnen güernt hat, und die ihr der beste „'Buchhalter" nicht nachgemacht hat?" Liebe Mutter bis zu hundert Jahren! Es kommt noch etwas viel Aergeres und was Herrn Julius Arnsteiner noch besonders ärgern wird. Ich weiß nämlich gar nicht mehr, ob es in der Welt eine „Grammaire" von I. B. Machat gibt, woraus ich alle die schönen Ausgaben gemacht habe, und die mir doch nicht in den Kopf gegangen sind. Alles ist fort, nicht eine „Vokabel" ist in meinem Gehirn geblieben. Mit wem sollt' ich ftanzösisch reden? Mit Reb Feiwel, oder mit Josef? Auch von der deutschen Sprachlehre weiß ich kein Wort mehr, und ob ich in der halbdergangenen Zeit spreche, wie Herr Arnsteiner immer wollte, ooer in der zukünftig vergangenen, das ist mir jetzt alles gleichgültig, llnd besonders die „Partizipialkonstruktion" ist mir verloren gegangen. Der redliche Finder kann sie aber behalten. Ja, liebe Mutter bis zu hundert Jahren, das alles ist aus deiner Tochter geworden, und meinst Dü, sie grämt sich darüber? Dafür leme ich jetzt andere Dinge, und frag nur einmal meinen Lehrer Josef, wie er mit mir zufrieden ist? Was kann man aber alles wissen ohne I. B. Machats französische Grammatik und ohne Herrn Arnsteiners Partizipialkonstruktion? Das erleb' ich jetzt alle Tage!' Da Zehe ich z. B. mit Josef durch ein Feld; plötzlich bleibt Josef stehen und ftagt mich: „Fräulein Rosa! (ich weiß nicht, warum er mich nicht Rosel nennt) wissen Sie, was auf diesen! Felde wächst?" — Wie soll ich das wissen? Habe ich das von Herrn Arnsteiner gelernt? Da reißt er einen Halm ab und erllärt mir, das sei Sommerfrucht; dann bleibt er wieder bei einem anderen Felde stehen und sagt mir: Das da ist Winterfrucht! Oder cs fliegt ein Vogel mitten auä der Saat auf. „Fräulein Rosa", ftagt er wieder, „hören Sie dort die Amsel? Sehen Sie, wie dort jener Specht nach Nahrung ausgeht?" Oder wir gehen durch einen Wald! Mutter, wie schön ist's in so einem Walde! Jeden Baum, jeden Strauch kennt Josef, und neulich, wie ich recht anmaßend von einem Baume sagte: „Da auf der Eiche hoch -oben zu sitzen, muß etwas Schönes sein!" hat er mich ausgelacht, und als ich ihn ftagte, warum er so lachemeint er: „Rosa, das ist ja eine Buche!" Liebe Mutter bis zu hundert Jahren! ich will Dir etwas vertrauen. Du darfst es aber nicht weiter sagen. Ich habe Herrn Julius Arnsteiner, der doch gewiß ein sehr geschickter Mensch ist, im Verdacht, daß er selber nicht weiß, was «ine Buche oder Eiche ist. Woher soll er das auchwissen? Ich glaube, seit oen vierzig Jahren, die Herr Julius Arnsteiner auf der Well ist, hat er nicht Zeit gehabt, sich eine Blume oder ein grünes Feld anzusehen. Dem Feld kann er ja keine Lektionen geben, jeder Vogel auf dem Baum möcht' ihn auslachen! . Ileberhaupt, liebe Mutter, haben die Leute in der „Gasse" gar keinen Begriff davon, was so ein Bauer alles wissen muß; es geht in manchen Kopf nicht hinein. .Und merkwürdig ist's, wie die Leute nichts vergessen, was sie einmal gelernt haben. Bon Reb Feiwel nimmt mich das nicht wurcker, der ist ein aller Bauer; aber 'Josef ist durch fünf Jahre'unter den Soldaten gewesen und weiß heutzutage noch alles mll Namen zu nennen, was da blüht und wächst, was fliegt und kriecht im Feld und Garten. Er hat einen Feldwebel gehabt, von dem erzähll er immer, und Im ungarischen Kriege sind chm zwei Finger abgeschossen worden, nämlich dem Josef, nicht dem Feldwebel. . . Wer weiß, wo sie liegen. Ich wußte lange nicht, daß sie ihm fehlen, es ist mir wie ein Stich durchs Herz gegangen, wie! ich es vor einigen Zagen Bewerft habe. Da erst hat er mir erzählt, daß er Soldat gewesen, und wie es ihm in der Schlacht ergangen. „Josef", sagte ich. zu ihm, „das muß Ihnen ja sehr wehe getan haben; nicht wahr. Sie haben geweint?" — „Ein Soldat weint nicht", sagte er darauf, „und dann Hab' ich die Finger für meinen Kaiser verloren! Hat der befohlen, daß mein Vater Haus und Hof zu eigen haben darf, so kann ich auch oie paar Finger für ihn hergeben! Aber eines hat mich doch dabei zumeist geschmelzt!" — „Was?" habe ich gefragt. — „Wie ich im Spllal im Wundfieber gelegen bin, ist mir's allewell vorgekommen, als Hätte ich noch alle meine zehn Finger und ginge hinter einem Pfluge einher, de» ich drehte und wendete, .je nachdem es der Boden erforderte. Wenn ich dann 'auftzftkasktischs» U«mill»nbl«tt. - Kaffee Bnhland S&iMariMBM 96 KauerafeMB« 86 MriUauige MP VntebattnngwMlc wachte und spürte, daß die zwei Finger mir fehlen, und daß ich vielleicht durchs ganze Leben ein Krüppel bleiben und keinen Pflug mehr werde anrühren können, da hätte ich darüber bald geweint." Denk Dir nur, Mutter, auf seinem Schmerzenslager, mit zwei abgeschossenen Fingern, träumt er von nichts anderem, als wie er hinter dem Pflug wieder geht! Uebrigens hat's ihm, gottlob! nicht geschadet. Der Josef hebt selbst mit der Hand, woran ihm die zwei Finger fehlen, einen Sack Getreide auf den Wagen, wovon Herr Julius Arnsteiner augenblicklich den Tod haben möchte. Die Wunde ist längst zugehellt, uild mir scheint, Joses ist stolz darauf! So, liebe Mutter bis zu hundert Jahren! jetzt mach' ich in meinem Geschreibsel einen Atemzug und will schließen. Morgen wird zum ersten Male auf Reb Feiwels Feld geschnitten, das wird ein heißer Tag weroen, unb ich freu' mich schon seit vier Wochen darauf. Wie ich aufs Dorf kam, sind mir die grünen Halme desselben Feldes bis ans Knie gegangen; jetzt sind sic' goldgelb und so hoch, daß ich mich darin verbergen kann. Es wird heuer ein gutes Jahr, sagt Josef. Im Hof schleift der Knecht Pawel die Sense. Früher wäre niir ein solches Geräusch durchdie Seele gegangen und Schauer hätten mich erfaßt, jetzt hör' ich und lausche und ich Iveiß selbst nicht, was ich daran so gern höre . . . Jetzt beginnen die großen Arbeiten bei uns. Wer es nicht mit eigenen Augen sieht, würde es nicht glauben, welche Mühe und Plage meine Hausleute haben. Unsere Hausierer und Dorfgeher plagen sich gewiß auch . . . Was ist aber der größte Pack mll altem Zinn oder Hasenhäutchen gegen das, was Josef in einer Stunde eines Sommertages vollbringt? Dabei ist er stark und frisch, und die Gesundheit lacht ihm aus den braunen Augen. Warum sieht keiner unserer Hausierer aus wie mein Reb Feiwel? Wenn Du mich nicht bald von hier fortnimmst, werde ich noch eine ganze Bäuerin. Ich bin Deine Dich aufrichtig liebende Tochter Rosel, früher Rosa Ehrenfeld. P. S. Sag mir nur, warum hast Du mir früher so gar nichts von Deiner Freundin Gllel erzählt? Die soll eine Bäuerin sein? Mutter, von der werde ich Dir erzählen, wenn ich einmal wieder bei Dir hin! Noch eines! Frühmorgens, zu Mlltag und abends bet' ich jetzt täglich aus Gitels dickem „Sidur"! Sie will's so, .und ich Üue, was sie schafft. Schade, daß keine deutsche Uebersetzung dabei ist. Aber Eitel meint, sie bete daraus schon über fünfundvierzig Jahre ohne Uebersetzung. - Die Obige. Als Hanncle Ehrenfeld diesen Brief zu Ende gelesen, schüttelte sie gar beoenllich den Kopf. Rosel hatte während ihres Aufenthaltes auf dem Dorfe schon mehrere Briefe geschrieben, sie waren alle kurz und nichtssagend, enthielten nur die Hauptsache, daß das Mädchen sich wohler fühle; aber sie hatten sie weit mehr befriedigt als dieses langatmige Schreiben. Es war in dem Briefe etwas, was nicht nach dem Geschmack« der reichen Frau sich lesen ließ. Sie las den Brief mehrmals durch, aber aber er zeigte sich ihr von keiner besseren Seite. . . Nur auf wenige Augenblicke müssen wir das Dorf verlassen. Wir kommen zeitlich genug wieder zurück, um bei der Ernte gegenwärtig zu sein, auf die sich -Rosel so freut. Das schönste „Gewölbe" unter den „Lauben" des Ringplatzes hatte Hannele Ehrenfeld inne. Sie saß darin wie eine Königin, brell und mächtig, die Kunden kamen von selbst, und sie hatte nicht nötig, nach ihnen auszuspähen ooer sie gar mit Schmeichelworten hineinzulocken. Wer bei Hamrele Ehrenfeld kaufte, mußte, sich nach ihren eigenen Worten eine Ehre daraus machen, und längst hätte sie das „Geschäft" aufgegeben, wenn es ihr nicht eben um dieser Ehre willen leid getan hätte. Es war kurz vor der Ernte, und die „Lauben" sind da auf dem Marktplatze immer leer. Der beste Käufer, der Bauer nämlich, fehlt, und die Geschäftsfrauen haben manche lange Weile. Hannele hatte den Brief ihrer Tochter vom Hause mll sich genommen, um ihn in dem kühlen Gewölbe in aller Gemütsrilhe noch einmal zu lesen und danach die Antwort abzufassen. Ein Gefühl von Scham hielt sie dabei ab, den Brief anderen, etwa ihren Nachbarinnen mitzuteilen; er enthielt zu viel des Beleidigenden, und konnte Herrn Jnlius Nr. 17 Arnsteiner zu Ohren kommen. Eines'besonders schnitt ihr durch die Seele, daß Rosel sich nämlich Über die -Unwissenheit der Leute in der „Gasse" lustig machte. Und dagegen die Bauern, bei denen sie wellte, hervorhob. Dicke Schweißtropfen perlten auf der Stirne der reichen Frau, während sie dieses las, und nicht die Hitze des Sommers, sondern die Angst, daß so etwas unter die Leute kommen und dem Mädchen einen schlechten Ruf verschaffen könnte, hatte sie ihr entlockt. Sie sah nicht ab, wohin das führen könne, wenn Rosel länger auf dem Dorfe bliebe; eine Verwilderung ohnegleichen, daß man sie kaum zu erkennen imstande sein würde, stand drohend vor ihrer Seele. Sie hatte sie aufs Dorf 'geschickt,.damll sie dort gesund werde — und nun rühmte sich Rosel, daß sie das teure „Französisch" und die „Sprachlehre" vergessen hätte. Es traf sich gut, Haß um diese Zeit ein alter Bekannter unserer ,,'Gasse", nämlich der Doktor Emanuel Prager, über den M arftplatz daherkam. Vielleicht erinnert sich noch mancher der Rolle, die er in der Blitzab- 'leitergeschichte unseres wackeren Schlossermeisters Trenderl gespielt hat, der kurz zuvor zu namenlosem Erstaunen von „halb Böhmen" die Tochter der reichen Mindel Brandeis als Frau heimgeführt hatte. Hanncle erschien er in diesem Augenblicke ihr wie vom Hinrmel zugeschickt; dem Doktor war sie gewohnt alles zu vertrauen. Sie winkte ihn zu sich, und er zögerte auch nicht zu kommen. „Lesen Sie nur gleich den Brief da, Herr Doktor," rief sie ihm beim Eintritte ins „Gewölbe" in großer Aufregung entgegen, „nur gleich! Der Brief macht niich ganz verzweifelt." „Ein Schuldner ausgeblieben?" fragte der Doktor etwas neckisch. „Möcht' ich darum Sie befragen?" sagte Hannele in übler Laune. „Bon Rosa ist er." , - Alsbald legte sich die Stirne des Doktors in ernste Falten, sein vorhin lächelndes Gesicht gewann einen Ausdruck nachdenkender Strenge. Er nahm den Brief uild las. Währenddem waren die Augen der reichen Gewölbsfrau unausgesetzt auf sein Antlitz gerichtet; nicht das leiseste Spiel einer Miene konnte ihr entgehen. Der Doktor schien Rosels Brief mit größter Aufmerksamkeit, ja manche Stellen sogar wiederholt zu lesen; dennoch regte sich dabei keine Muskel in seinen! Gesichte. Hanneles Unruhe stieg von Minute zu Minute. . . . solch ein großer Brief ging.ohne Eindruck an ihm vorüber? 'Endlich war er zu Ende gekomnien; ein anmutiges Lächeln spielte um seine feinheschnittenen Lippen, indem er ihr das Schreiben zurückgab. JLtzische Pr»ile«e im Krier-lar»rett Bon Verwalter H. S. Wir saßen zusammen und sprachen über den Krieg, seine Einwirkung auf die jüdischen Verhältnisse und von den Er- Wartungen, die hieraus sich ergeben, Arzt, Oberlehrer und Kaufmann. Der Arzt, eine hübsche Erscheinung, das Gesicht beim Sprechen oft durch ein gewinnendes Lächeln verschont, sagte: „Ja, meine Herren, da sehen Sie, wieviel Unheil der Krieg den Menschen bringt. Wir, die wir jahrein, jahraus für einen Kranken oft Tag und Nacht opfern müssen, unsere Wissenschaft, die den Kampf gegen die Leiden der Menschheit so oft mit Erfolg gekrönt führt, — hier ist unsere Macht begrenzt, denn die Wunden, die der Krieg körperlich und seelisch den Menschen bringt, lassen sich durch alle Aerztekunst nicht beseittgen. Und doch erfüllt es uns jüdische Aerzte wie Bewunderung, wenn wir draußen unsere Glaubensgenossen, vereinigt mll den anderen Konfessionen, mit der gleichen Kraft und Ausdauer kämpfen sehen und viele dabei noch die größten Entbehrungen auf sich nehmen, um, so weit es nur geht, rituell leben zu können. Und gerade das religiöse Moment zeigt uns manch schönes Bild. Wir.sehen gar vft, daß jüdische Soldaten, die schon lange der Religion entfremdet sind, draußen ans dem Felde in der ständigen Gefahr ihren Glauben wiederfinden. Lassen Sie mich Ihnen ein Erlebnis erzählen, das besser als alles das eben Gesagte bestätigen kan». Wir waren vor ... . Das Elend und der Jammer in den von den Russen verlassenen Gegenden war unbeschreiblich. Ueberall auf unseren langen Märschen sahen wir Flüchtlinge, deren Heim zerstört wurde; ganze Ortschaften sind verschwunden, nichts als Trümmer. Da kamen wir in ein zum größten Teil von Juden bewohntes Dorf, das in der Elle, mit der die Russen ihre Flucht ausführe» mußten» fast unzerstört war. Wenn in der Wüste plötzlich dem Durstenden Wasser gereicht wird und ihn aus seiner Erschöpfung reißt, so kann das verglichen werden mit dem Bilde, das ich hier vor Augen hatte. Fern von der Heimat, mitten im Feindesland, wo zum Hohne auf alle Kultur noch das krasseste Mütelalter herrscht, finden wir Menschen, die eine Brücke zu uns. bauen, alte, pa° triarchalische Gestalten, durchgeistigt und erleuchtet von dem Lichte unserer Lehre.' ,^Herr Stabsarzt, wenn es Ihnen recht ist,- besuchen wir heute die Synagoge. Ich war zwar lange nicht