Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2692297-2693075-2693091--10289-2705602- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 16 Seite 5 strich unausgesetzt um Mitel herum uud schien etwas auf der Seele zu tragen, für das er keinen Ausdruck finden konnte. Es war Josef. Als Gitcl einmal wieder an der Tür lauschte, ob sich noch nichts in dem Stübchen rege, sagte er mit einem Male: „Sollt' ich. denn nicht um den Doktor gehen, Mutter?" „Warum?" „Sie will ja gar nicht aufwachen!" rief er überlaut. „Mir kommt das zu besonders vor." „Meinst du?" fragte Gitel und sah den Sohn dabei ängstlich forschend an. „Wie kann ein Mensch hintereinander so lange schlafen, ohne krank zu sein? Ich gehe um den Doktor." „Eine Stunde weit gehen!" rief die Bäuerin abl»ehrend. „Nein, nein," setzte sie nach einer Weile wie beruhigt, hinzu, „laß sie lieber schlafen, Schlaf ist der beste Doktor." Trstzdem ging jetzt die Bäuerin mit dem festen Willen an die Tür, um dem unnatürlichen Zustande ein Ende zu machen. Sie drückte stärker an die Klinke und trat ein. Da saß Rosa aufrecht im Bette, den Kopf in die beiden Hände gestützt, als wäre sie gerade aus dem Schlummer erwacht. Freudigen Tones rief Gitel: „Nun, wie geht's dir, Rosel? Dein lang' Schlafen hat mir schon Sorgen gemacht." . Das Mädchen richtete langsam ihr .Haupt auf und blickte mit verwunderten Augen um sich. „Habe ich denn so lange geschlafen?" fragte sie in langgezogenen Lauten. „Mehr als vicrundzwanzig Stunden, mein Kind," sagte Gitel, „und jetzt ist wieder Nacht." „Ich bin noch schläfrig," sagte Rosel nach einer Weile und gähnte. „Willst du denn gar nichts essen?" fragte die Bäuerin, „du wirst dich ja auf den Tod abmatten. Ist nenn heute Jom Kippur (Bersöhnungstag), daß du mit Gewalt fasten willst?" „Essen?" wiederholte gedehnt Rosel, dann nickte sic still mit dem Kopfe. Die wackere Bäuerin war darauf bereits gefaßt. Ohne langes Besinnen eilte sie in die Küche hinaus und holte von dem warm gehaltenen Herde die Speisen herbei, die sie für das Erwachen Rosels aufbewahrt hatte. Es waren nach Gitels Meinung Lcckergerichte, wie sic auf einer „Grafentafel" sich nicht zu schämen brauchten, und sie hatte sich in dieser Ueberzeugung auch nicht gelauscht. Anfangs langte das Mädchen mit schlaftrunkenem Widerwillen danach; bald aber forderten die erwachten Lebensgeister ihr Recht. Gifel bemerkte mit inniger Freude, daß der Appetit des „Kindes" ganz ivie der einer „gesunden" Person sei; si,e glaubte das Klügste zu tun, wenn sie Rosel so wenig als möglich mit Fragen und Antworten unterbrach. Auch Rosel schien nicht große Lust zum Sprechen zu haben. So kam es, daß das kleine Mahl in wenigen Augenblicken verschwunden war, zu der Bäuerin großer Freude, dir sich dadurch von der Angst, das Kind könnte „shch aushnngern", befreit sah. „Bist jetzt satt, Roselleben?" fragte sie unnötigerweise. Rosel nickte statt aller Antwort nur mit dem Kopfe und langte nach dem Buche, das auf dem Kopfkissen lag. „Was willst ou jetzt tun, Rosel?" rief die Bäuerin wahrhaft erschrocken. „Lesen will ich/' sagte das Mädchen gleichgültig und begann in dem Buche zu blättern. Gitel fühlte, wie ihr alles Blut aus dem Herzen zum Kopfe schoß, sie wurde feuerrot im Gesicht. Zorn war es, der in ihr überwallte gegenüber dem unvernünftigen Verlangen dieses Kindes. Dennoch war die Scheu, dem Kinde ihrer Freundin wehe zu tun, so überwiegend in ihr, daß sie in sich selbst das Maß fand, «m dieser Gereiztheit Herr zu werden. „Mein Kind," sagte sie anscheinend ruhig, „in meinem Hause muß vor oem Schlafengehen alles Feuer gelöschr sein." Rosel schaute verwundert auf; sie begriff wahrscheinlich nicht, in welchein Zusamnienhange das Feuer ini Hause mit ihrem Buche stand. „Lesen kannst du, wann du lvillst," fügte Gitel als Erläuterung hinzu, „nur nicht jetzt. Die Nacht' hat Gott eingesetzt, daß man sich ausruhe, nicht aber, daß man sich abmatte und die Augen verderbe. Ich weiß zwar nicht, was da im Buche steht; aber war' es noch so schön, die Gesundheit an einem Mädchen ist doch tausendmal schöner — und du bist nicht gesund, mein lieb' Kind!" Frankfurter Israelitisches Familienblatt. -- - - --- - „Mir fehlt nichts," entgegnete Rosel trotzig, „und meine Mutter hat mir das Lesen niemals verboten." „Deine Mutter!" rief die Bäuerin voll Wärme, „deine Mutter ist eine arme Witwe mit all' ihrem Geld, und könnt' sich um dich nicht umschen. Sie hat dir alles nachgeben müssen und in allem deinem Kopf folgen. Darin, mein lieb' Kind, liegt d?ine Krankheit; glaub das mir, Rosel, denn ich keinne mich aus in diesen Sachen und habe auch Kinder gehabt. Jetzt aber bist ou mir anvertrant, und ich bin deine Mutter! lind so sage ich dir, mein Kind, wir sind zwar Bauersleute, und bei uns nimmt man das Wort nicht so genau und lcgt's auf die Wage. 'Bei uns, sag' ich dir, folgt das Kind seiner Mutter uud lehnt sich nicht dagegen auf, und tvenn die Mutter etwas anbefichlt, so schweigt das Kind und denkt sich: Die Mutter muß das besser verstehen. Wo käme die Welt hin, wenn jung' Blut klüger sein wollte als alte Äiit'? Ich, meine liebe Rosel, bin schon eine alte Frau und stell' jetzt deine Mutter vor. Wie ich noch so jung war wie du, Hab' ich nicht gewußt, was auf ein Quentel geht; in deinem kleinsten Finger hast du mehr gelernt als ich in meinem ganzen Leben! Dessentwegen darfst du aber doch nicht glauben, daß ich nicht weiß, was dir gut tut. Drum folg, mein lieb' Kind, glaub mir, du wirst's nicht bereuen." Lautlos hatte das Mädchen diese lange Rede der stattlichen Gitel vernommen, und als diese jetzt, mehr aus Erschöpfung als aus Mangel an Stoff, innehielt, denn ihr Herz war übervoll, drückte Rosel das Buch an sich, als fürchte sie, es könnte ihr entrissen werden. Sie blickte dabei starr vor sich hiu; sie hatte kein Auge für ihre herzliche Ratgeberin. „Nun, hast du mir nichts zu sagen?" fragte Gitel nach einer Weile, während sie das Mädchen scharf beobachtet hatte. „Meine Mutter hat's mir nicht verboten," brachte endlich Rosel heraus, indem sie das Buch heftiger an sich drückte. „Sv verbiet' ich dir's," rief die Bäuerin mit lautschallender Stimme, und mit einer raschen Handbewegung entriß die kräftige Frau das Buch. Erst schaute Rosel, entsetzt über dieses ungeheuerliche Tun, mit weitanfgerissenen Augen zur Bäuerin; dann sank sie leise wimmernd in sich zusammen. „Ich will's vor Gott und vor deiner Mutter schon verantworten," sagte die Bäuerin noch in der Heftigkeit ihres Tuns und wandte sich zum Gehen. Aber an der Tür wäre sic fast umgekehrt; das Weinen des Mädchens schnitt ihr durchs Herz. Vielleicht durchzuckte sic der Gedanke, ob sie denn auch das Recht habe, so willkürlich, so herrisch in das Wesen dieses Mädchens einzugreifen; aber wie unter der Gewalt einer inneren Stimme rief es in ihr: „Laß dich nicht irre machen, Gitel, was du rust, kannst du verantworten!" Und sic ging; das Buch nahm sie mit sich. VI. Z u m L i ch t e! Wenn Naturen, wie die unserer Gitel, einmal aus dem Kreise gewöhnlichen Tuns heraustreten, fällr es ihnen meistenteils schwer einznlenken; denn in der Selbstständigkeit eines Charakters liegt es eben, daß er nicht so leicht znm Geständnis eines etwaigen Uebergriffes zu bewegen ist. Die Bäuerin war sich wohl bewußt, daß sie zu weit gegangen; sie hatte Rechte ausgeübt, die nur der wirklichen Mutter zukanien; aber sie bereute ihr Verfahren nicht. Wie heiß auch die Tränen des Mädchens auf ihre Seele brannten — das Buch hätte sie ihr nicht zurückgcstellt, und hätte man ihr große Schätze dafür geboten. An einem Buche sollte es liegen, daß ein Mensch gesund werde? Hatte man sie darum aufs Dorf geschickt, daß sie da Bücher lese? Gesund sollte sie werden, und ihr hatte man sie anvertraut! Konnte sie weniger tu», als was jede Mutter getan hätte? Sv beschwichtigte Gitel die einzelnen Stimmen, die ihr ivegen des gewaltsamen Verfahrens denn doch Vorwürfe machten; und eine Genugtuung, die nahezu an Triumph grenzte, füllte ihre Seele aus: „Besser ist's, sic weint jetzt als später," sagte sie bei sich, indem sie selbst zur Ruhe ging. „Hannele ist eine arme Witwe, die sich nicht zu helfen weiß. Läßt das Kind Französisch lernen und Gott der Lebendige weiß was noch alles, aber daß sie zur Zeit folge und nicht rebellisch ist, oas hat sie ihr leider Gottes nicht durch Lehrer beibringen lassen! Jetzt spürt man es erst, und das Holz läßt sich vielleicht nicht mehr gerade biegen!" Die Bäuerin schlief in dieser Nacht so 'ruhig und sanft, wie Menschen, deren Gewissen kein Fleck trübt, nur immer schlafen können. Aber als sie in aller Frühe das dicke Gebetbuch hernahm» da mußte der, zu dem sie die heiligen Worte hinaufschickte, denn doch manchen tief ans der Brust geholten Seufzer vernehmen; das Geschehene trat erst jetzt in seinen möglichen Folgen vor ihren Geist. Wie alles Gebet nur Demütigung ist vor einem Höheren, ein Klären und Reinigen des Niedersatzes im Gcmüte, so trat auch bei der Bäuerin das Gefühl der selbständigen 'Tat, die sie in der Nacht fast über sich selbst erhoben hatte, vor dem Gedanken zurück, wieviel sie über sich genommen, wieviel sie zu verantworten habe! Klar war sie sich dessen bewußt, nicht in nebelhaften Umrissen, daß, was sie begonnen, auch zu Ende geführt werden müsse. ' Sollen wir er geradezu heraussagen? Die gute 'Bäuerin schämte sich gewissermaßen, daß sic wieder vor Rosels Angesicht treten sollte. Aengstlich überlegte sie, wie sie ihr, die sie so tief gedemütigt glaubte, entgegengehen, ob sie im Tone der Strenge, oder in den milden Lauten der Versöhnung mit ihr reden solle. Sie rang nach einem Entschlüsse, und je mehr sie darüber nachsann, desto zweifelhafter war ihr die Art des zu beobachtenden Benehmens. Tie Bäuerin war nie in einer solchen Lage gewesen; jede Verstellung lag ihr fern! Znm ersten Male in ihrem Leben machte sich in ihr eine Macht geltend, deren sie in ihren einfachen Bcrhältilisscn nie bedurft hatte. Aber diese Stimmung hielt nicht lange an. Plötzlich kam ihr der Gedanke: Wie, wenn das Mädchen, erzürnt über die Behandlung, die ihr gleich am ersten Tage ihrer Ankunft geworden, den Entschluß gefaßt hätte, wieder heim zu wollen? Ob sie sie zurückhalten könne und dürfe? Gitel war darauf gefaßt, daß Rosel ihr mit diesem Anträge entgegenkommen werde; es war gar nicht anders möglich! . . . Was sollte sie ihr in diesem Falle antworten? Sie durfte nicht hcimkehreu, bis Befehl von ihrer Mnirer cingetroffen; darüber war sie im ersten Augenblicke mit sich im klaren — sie brauchte nur ein entschiedenes: Nein! zu sagen. Aber wenn Rosel nicht gehorchen wolle, sollte sie das Mädchen mit Gewalt zurückhaltcn, ihr eigenes Haus zum Gefängnisse für eine sich hinaussehnende Seele machen? Minder starke Gemüter wären, von dieser Aussicht erschreckt, bereit gewesen, sich sobald als möglich von der Unruhe einer unangenehmen Lage zn befreien: aber das tüchtige Wesen unserer Bäuerin erhob und stärkte sich gerade unter dieser Last. Der Gedanke, daß das Mädchen Widerstand leisten könne, erhitzte ihr Blut und machte, daß sie sich zur vollen Höhe ihrer tief sittlichen Anschauung erhob. Eine Mutter ist für die andere verantwortlich! so sagte sic zwar nicht, aber es war der Kern ihres innersten Denkens, „was der einen nicht gelang, das sollte die andere versuchen", lind in dieser Lage befand sich Gitcl, die Bäuerin, soeben! Hinweg war nun jedes Gefühl von Scheu; aufgcrichtetcn Hauptes schritt die Bäuerin über den Hof nach deni Garten; dort auf der. Bank unter dem Kirschbaum, wo sie geivöhnlich saß, wollte sie Rosel erwarten. Tahin wollte sie das Mädchen rufen lassen und gedachte mit ihr zu reden, wie cs sich geziemte! (Fortsetzung folgt.) Hebräische Leltto«.») Bon M a r B r o d Dreißig Jahre alt bin ich geworden. Eh ich begann, die Sprache meines Volkes zn lernen. Da war es mir, als sei ich dreißig Jahre taub gewesen. Und nun erschüttertein, so lang zuriickgehalten. Daß losgelassen sie wie Blitz die Lust durchschlugen. Nun schüttelten mein Ohr die alten Laute, Tie meine Wiege schön umklunigen hätten. Tie mir in Knabenschritt und erster Liebe Und erster Mannestat Geleit gewesen wären. Nun kam zn spät das Wiegenlied und klang nicht süß. Nein, wie erzürnt ob bitterer Versäumnis Brach es als Blitz und jäher langer Donnerton Mit Krampi und Wirrwarr her. Doch neigte ich Das Haupt ihm gern, wie man der Mutter lauscht. Der Zürnenden, und aus dem Grollen war's. Als klirre Wüste auf, Zusammenlanfen. Ein Späherpfiff, ein ganz vergessener Hörnerschall Und unseres alten Gottes Zuruf vom Gebirge. JjibischeS vs« Felde. (Aus einem Briefe..>, Jüdische Kameraden habe ich hier noch nicht getroffen, bin aber am früheren Platze häufig bei Gottesdiensten mit Bekannten zusammen getroffen und auch mit Unbekannten stellte sich bei solchen Gelegenheiten rasch ein herzliches *) Aus dem Gedichtbande „Das gelobte Land". M. 2.50, geb. M. 4. Leipzig, Kurt Wolfs.