Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 16 (19.4.1918)
- Date
- 1918-04-19
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. Nr. 16 M»«teftore-Verei«. To die Anmeldungen zu den verschiedenen Kursen sehr zahlreich eingelaufen sind, wird der Beginn derselben in nachstehender Reihenfolge für bei nächste Woche festgesetzt: Geschichtskurs (Tr. B. May) Montag, 22. April, abends 9 Uhr. Religionsphilosophischer Kurs (Dr. I. Rabiu): Mittwoch, 24. April, abends*9 Uhr. Stenographie, Anfänger- und FortbudungskurS (Dr. Gantter): Montag, 22. April, abends 9 Uhr. Spanischer Kurs (Oberlehrer Simon): Trenstag, 23. April, abends 9 Uhr. Französisch- und englischer Fortbildungskurs (Frl. A. Meyer): Tonnerstag, 25. Ihiril, abends- 9 Und HO Uhr. Samstag Nachmittag und Abend: Gesellige Zusammenkunft. Am 29 April, findet in der Loge Carl am Mozartplatz eine größere Lag b'vmer Feier statt, zu der sehr beliebte Künstler hiesiger Theater ihre Mitwirkung zugesagt haben. Das Programm setzt sich folgendemaßen zusammen: Frl. Sagan und Herr Großmann, ernste und heitere Rezitationen, Frl. Gretel Hauch Tanz; Frl. Klein. Gesang; sowie ein Lustspiel und eine Operette unter der bewährten Leitung der Frau Pfeiffer und des Herrn Hauch EintrittAkarten zum Preise von M. 3.50, M. 2.50 und M. 1.50 im Deremsbüro. Jüdische Geschichte in »»r Ngndas JiSroel-Jngendgrutzpe. Ter Lehrgang in jüdischer Geschichte un'er Leitung des Redakteurs Schachnowitz suchet je am Montag, abend, präzis 9 Uhr, in den Vereinsräumen, Hanauerlandstraße 17, statt. Die erste Stunde am letzten Montag bildete einen recht Vielversprechenden Anfang. Tie gebildete männliche und weibliche Jugend waren iu reicher Zahl vertreten, die nicht bloß erneu Vortrag anhörte sondern in reger Selbsttätigkeit den Stoff gründlich durcharbeitete. Auf ein kurzes Referat des Leiters über die Zeit des babylonischen Exils folgte eine lebhafte Aussprache über einzelne Punkte dieser bedeutsamen Epoche, die in gleichem Maße anregend und belehrend für alle Teile war. Der Kursus wird auf dieser gleichen Basis der Selbsttätigkeit der Teilnehmer fortgesetzt werden. Neuanmeldungen sind zu richten an Josef Bamberger, Hermesweg 11. Leseabend der Lioniftischeu J«,e«»,r»ppe. Gute jüd. Bücher kennen ist die Pflicht eines jede«, der nur einigermaßen, auf jüd. Bildung Ansprüche erheben will. Da3 zu' erwerben muß sich jeder Jude, namentlich der nationale Jude, zur Aufgabe setzen. Tas Erleichtert aber in unserer Stadt wesentlich die Zion. Jugend gruppe. Jeden Mittwoch 8Vs Uhr veranstaltet sie im Cafe Bauer einen Leseabend. Da wird aus verschiedenen Büchern, Broschüren, Monats- und anderen Zeitschriften vorgelesen. So z. B. aus Ach ad Haams „Am Scheidewege", Artikel aus dem „I u d e n"; aus Martin Bubers Schriften und Dr. Nathan Birnbaums (Matthias Acher) „Gottes Volk". Im Anschluß daran findet ein Gedankenaustausch statt, und so werden die jüd. Kenntnisse des Einzelnen erweitert und vertieft. Es ist ein Gebot der Stunde für jedes Mitglied der Zion. Jugendgruppe, an diesen Leseabendcn teflzunehmen. Aber auch Gäste werden höflichst zur Teilnahme aufgefordert. , A. O. Generalversammlung »me Jioniftischen JugruHgrnppe. Im letzten Jahre entfaltete die Zion. Jugendgruppe eine rege Tätigkeit. Unter anderem unternahm sie die.Gründung eines Heimes, das aber wegen Mangel an Heizmaterial und Licht im Herbst 1917 aufgegeben werden mutzte. Am 11. April fand eine Generalversammlung dieses Vereins statt. Wie aus dem Bericht des 1. Vors., Herrn Sund heim er, hervorgeht, beläuft fidj die Zahl der Mitglieder auf ungefähr 100. Viele Vorträge wurden veranstaltet. Besonders zog die Chanukkafcier eine große Zahl Besucher ein. Ein Lehrkursus unter Leitung des Herrn Rabb. Dr. Lew i n erfreut sich eines regen Besuches. Außerdem soll ein Kursus über die „Einführung in das Wesen des Judentums", unter der Leitung des Herrn Schriftstellers und Lehrers S. H. G o l d m a n n gegründet werden. Gleichzeitig steht die Gründung eines Geschichtskursus bevor. Herr Sondheimer dankte den Herren Rednern und dem „Franks. Familienblatt" für ihre Unterstützung. Frl. Eisemann verlas den Kassenbericht anstelle der nach Berlin übergesiedelten Kassiererin Frl. Schiratzki. Hierauf ergriff Dr. Szametz das Wort und sprach über den Zusammenschluß der nationale» jüd. Jugendvereine. Alsdann schritt man zur Neuwahl eines Vorstandes. Er setzt sich aus folgenden Mitgliedern zusammen: Refr. Simon 1. Vors., Nesr. Rosenblatt Dr. Szametz, Frl. Grünblatt und Frl. Eiseiltawn. Bei der Kürze der Zeit mußte die Fortsetzung der ordenll. Generalversammlung auf den 26. Aprfl verschoben werden. ' A. O. Die Prinzessin. ikiMm. Sfme Geschichte aus der Mitte des 19. Jahrhundert» von Leopold Kompert- Die Stimme der Bäuerin versagte vor Schmerz; sie brach in lautes Weinen aus. „Ich versteh' dich nicht, Gitel," rief dagegen hell ouflachend der alte Bauer, „ich schwör' dir darauf, es kst nicht ein Erdapfel im Wagen gelegen. Wie ich sie FremHuiet«: Israelitisches Familrandlati. von Hannele Ehrenfeld in Brandeis übernommen habe, so bring' ich dir sie wieder. Nicht ein Erdapfel ist in meinem Wagen gewesen; ich schwör' dir daraus!" „Und weswegen beklagt sich denn das Kind? So aus dem hohlen Faß wird sic doch nicht reden?" fragte Gitel. . „Weiß ich," entgegnete Feiwcl achsclzuckend, „was das kleine Prinzessel gespürt hat? Du weißt, in Dem „Kutsche!" vom Pfarrer könnt' eine Gräfin fahren, so weich und gut gepolstert ist es. Kann ich etwas dasür, daß es für die Tochter Hannele Ehrenfelds zu hart ist?" Gitel wußte, daß ihr Mann keiner Lüge fähig sei; und ebenso schnell - begriff sie als Frau von Verstand, daß das Recht eigentlich auf beiden Seiten sei. Rasch einlenkend sagte sie daher, indem sie mit ihrer Hand über das Gesicht Rosas fuhr: „Du wirst müd' sein, mein Kind, von dem Fahren und Laufen! Komm auf dein Stübel, da findest du ein Bett, das ist weicher als der Sitz in meines Mannes Magen. Da schläfst du dich gut aus, sind wenn du fimh aufstehst, da wirst du schon sehen, daß sich's auch bei Leuten auf dem Dorfe leben läßt." Sie führte sie hinaus, das Mädchen sprach kein Wort dazu. „Etwas Schönes hat sich die Mutter da eingewirtschaftet," sagte der alte Bauer, als sie draußen waren, j$u Josef. „Was? Wer sich eben nicht raten läßt, dem ist nicht zu helfen. Was meinst da oazu, Josef?" Joses blieb diesmal die Antwort schuldig. V. EinckühneTat. Der Schlaf floh in dieser Nacht die wackere Gitel; der Morgen graute bereits, und ihre Augen hatten sich noch nicht geschlossen. Sie horchte auf den Atemzug der in der angrenzende» Stube Schlummernden; bei dem leisesten Geräusche fuhr sie im Bette auf und lauschte, ob mau nicht ihrer Hilfe bedürfe, und ob das „Kind" nicht weine. Schwere Sorgen waren über die arme Frau gekommen, die manches minder ernste Gemüt von sich abgeschüttelt hätte; aber sic, in der ganzen Tüchtigkeit ihres Wesens, rang mit ihnen ulld sah ihnen ins Auge. Oft seufzte sie tief auf aus tiefster Seele, die Größe der Verantwortlichkeit, die sic mit der Auf? nähme des Mädchens in ihr Haus übernommen, stand vor ihr orohcnd, sie wußte sich keinen Rat. Mann und Sohn waren dazu nicht zu gebrauchen, sie hatten sich ja, der eine gleichgültig, der andere aber mit unverhohlenem Widerwillen gegen den Gast ausgesprochen. Wenn das Mädchen wirklich krank war, wie die Doktoren »behaupteten, und in ihrem Hause nicht gesund würde, welche Qualen für die Zukunft hatte sie sich aufgebürdet! Wenn das Kind fern von seiner Mutter bei ihr stürbe! Man sieht, die wackere Bäuerin hatte den Mut, selbst dem Aeußersten ins Gesicht zu sehen; aber trotzdem brachte ihr der bloße Gedanke eisige Schauer. Doch dagegen sprach sich auch eine andere Stimme, die der Hoffnung, aus. Das Kind sei gar nicht so krank, als wofür es ausgegeben werde, flüsterte ihr diese nimmermüde Trösterin zu; es sehe zwar blaß und fein aus, das käme aber von.dem vielen Lernen und Bücherlesen her. Wenn man ihr das abgewöhnen könnte . . . Wahrlich! Gitel hätte nicht sagen können, wie sie das anstelle» wollte; sic war keine gelernte Pädagogin. Alles, worauf sich ihre Beweisgründe gestützt hätten, wäre der Satz gewesen : „Dem Kinde muß geholfen werden." Man hatte es ihr anvertraut, seine Mutter hatte es einer Mutter, übergeben — und wir wissen, daß die wackere Bäuerin ihre Freundin nicht vergessen hatte!. Der Morgen war längst hcrangebrochen, im Hause rumorten Knechte und Mägde herum, und dazu lachte die freundlichste Sonne am Hinrmel. Auch die Bäuerin war längst an ihre Geschäfte gegangen, kummervollen Gemütes, denn der Morgen hatte ihr keinen Rat, keine Erlösung gebracht. Das Mädchen schlief noch, unbekümmert um den Lärm, den diö Bäuerin trotz alles Zuredens nicht beschwichtigen konnte. Gitel freute sich über diesen Umstand; wer so ruhig schlafen konnte in den geräuschvollen Morgen eines Bauernhofs hinein, konnte doch nicht gar so krank sein! Als aber die Sonne immer höher und höher stieg, der Mittag nicht mehr ferne und das Mädchen noch immer nicht aus dem Stübchen gekommen war, da erfaßte große Angst die wackere Gitel. Bon einem so lange währenden Schlafe hatte die tätige Bäuerin keinen Begriff. Mit unhörbaren Schritten nahte sie sich dem Stübchen nnd Höchte zuerst. Nichts regte sich. Da drückte sie auf die Klinke nnd trat rin. KsuMMtcaMS K •ntfclMsif« Kauacsteuse 56 r Vat*rksIti>BgaBSB& •BtniageB. Da lag das Mädchen nnd schlummerte noch. Die Sonnenstrahlen hatten sich breit und weit einen Weg durch das Fenster gebahnt und spielten um das feine Antlitz des „Kindes", daß es eine anmutige, fast durchsichtige Röte angenommen hatte. Die Bäuerin stand vor Verwunderung eine Weile da und wagte kaum zu atmen, denn ein so holdes Bild jungfräulicher Schönheit hatte sie noch nie erblickt. Jenes Gefühl seligen Mitleids, wie eS Mütter beim Anblick eines schlafenden Kindes empfinden, daS sie nicht gerne wecken wollen, durchzog auch sie. Sic hatte nicht den Mut, die Ruhe dieses Kindes zu stören. Aber mit dem scharfen Blicke einer Mutter entdeckte sie auch sogleich die Ursache dieses in den vollen Tag hincindaueriidcn Schlafes. Bon der ganzen Kerze, die sie vor dem Schlasengehen angezündet, war ein winziges „Stümpchen" übrig, und auf dem Kopfkissen lag ein offenes Buch, auf welchem ein Arm des Mädchens ruhte, als wollte sie es schützen. „Lebendiger, großer Gott," schrie es innerlich in dem Herzen der Bäuerin auf, „und die soll nicht krank sei»! Sie muß ja die ganze Nacht gelesen haben . . . woher soll dem Kind dann Kraft komme»? Was hat sih Hannele Ehrenfeld nur gedacht, daß sie das hat zugeben können? Lebendiger Gott! wenn mir so eine Tochter wär' beschert worden, ich hätt' sie ja behütet wie mein eigenes Leben." Du täuschest dich, gute Gitel, in diesem Augenblicke! Du standest wirllich vor deiner eigenen Tochter, uno die eigene Mutter hätte nicht milder und weicher denken können. Zuerst wollte sie in einer Aufwallung von Zorn das Buch vom Kopfkissen wegnehmen; es war ihr, als sähe sie Feuer und Flamme neben dem Haupt des Kindes, nnd dies mußte vor allem gelöscht werden. Aber schon in der nächsten Minute bedachte sie sich eines andere», sie durfte das Kind ja nicht wecken!- „Sie soll schlafen, solang' sie will," murmelte sie vor sich hin, und leise, wie sie gekommen war, entfernte sie sich wieder aus dem Schlafstübchen. Das Mittagsessen mußte gerüstet werden. Mitten im Mahl fragte mit einem Male Rebb Feiwel, als ob ihm die Sache erst jetzt cinficle: „Wo' bleibt denn das Prinzessel? Verschmäht sic unsere Kost?" „Sie schläft noch," entgegnete Gitel mit gesenkten Augen, als .schäme sie sich dieses Geständnisses. „Gitel!" rief der alte Bauer und legte vor starrem Erstaunen Messer und Gabel vor sich hin,, „das ist menschenunmöglich!" „Warum hast bu sie eine Stund' weit laufen lassen, zu Fuß, so ein verwöhnt feines Kind?" sagte die Bäuerin in beinahe gereiztem Tone; er sollte wahrscheinlich das Unzulängliche dieser Anklage übertönen. „Ich kann dir schwören, Gitel," sagte der alte Bauer, „sie ist nicht eine Viertelstunde weit gelaufen. Beim heiligen Johannes, ist sie ausgestiegen, und von da laust man doch nicht eine Stunde bis in unser Dorf?" „Die Mutter hat recht," meinte Josef und hielt die Angen auf seinen Teller geheftet; „wenn man etivas nicht gewöhnt ist, so kommen einem zehn Schritte wie eine Meile vor." Gitel warf einen dankbaren Blick ans den Sohn, den dieser jedoch nicht bemerkte. „Sie wird schon anders werden," sagte sic mit tiefster Ueberzengung. „Man wird nicht auf einmal eine Bäuerin!" „Und zum Essen gibst du ihr gar nichts?" fragte Feiwel. „Laß sie lieber schlafen," meinte die Bäuerin kurz, „das tut ihr besser als alles Essen." '„Essen muß der Mensch, das ist meine Meinung," sagte der Bauer mit großer Ruhe. Weiter war von dem Mädchen nicht mehr die Rede, dafür sprach Rebb Feiwel von den Vorbereitungen zum morgigen Wochenmarkt. Rosa Ehrenfeld schlief indessen auch in den Nachmittag hinein; der Abend war gekomnchn, die Nacht hereingebrochen, und nichts deutete an, Laß sie ans ihrem Schlummer erwacht war. In ihrem Stübchen regte sich nichts, so oft Gitel auch nachsah. Aber nicht der Bäuerin war die schwere Sorge wegen dieses allein unerklärlichen Zustandes an der Stirne zu lesen; sie hatte auf jede Frage stets dasallbereite: „Laß sie lieber schlafen" zur Antwort. 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