Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 13 (27.3.1918)
- Date
- 1918-03-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Soldat setzte sich neben sie hin und begann nach einer Weile: „Herzliebste Gitel!" „Bon wem ist denn der Brief?" unterbrach ihn die Bäuerin, ohne zu bedenken, daß sie eigentlich ihre etwas mangelhafte Lesekunst verriet. „Unterschrieben steht: Hannele Ehrenfeld," sagte der Soldat gleichgültig. „Gott," rief die Bäuerin und tat fast einen Sprung von ihrem Sitze weg, „ist das nicht die Hannele, die mit mir vor dreißig Jahren in die Schule gegangen ist?" „Es steht nur unterschrieben: Ihre aufrichtige Freundin Hannele Ehrenfeld," sagte der Soldat trockenen Tones. „Nun, dann ist sie es gewiß," schrie die Bäuerin, ,,möcht' sie sich denn unterschreiben: Ihre aufrichtige Freundin, wenn sie's nicht wär'? Ich möcht' meinen Kopf darum geben, daß es dieselbe Hannele ist, die vor dreißig Jahren meine beste Freundin gewesen war; es kann gar keine andere sein. Nicht zehn Schritte auseinander haben wir gewohnt; ich Hab' den ganzen Tag bei ihr gesteckt und sie bei mir, wir waren tttfe Zwillinge. Später sind wir auseinander gekommen, wie das schon unter Mädchen zu gehen Pflegt, das. eine muß dahin, das andere dorthin. Hat denn ein Mädchen einen Willen? Ich Hab' deinen Vater, genommen und bin aufs Dorf heraus, sie ist in der „Gasse" geblieben und hat den reichen Ehrenfeld geheiratet, den ich auch hätte haben können. Ich Hab' aber nicht gewollt, weil mir dein Vater lieber war. Seitdem Hab' ich sie nicht gesehen, — und jetzt schreibt sie mir nach dreißig Jahren! Hannele Ehrenfeld schreibt mir zuerst! Da muß etwas ganz Außerordentliches vorgegangen sein." So hatte die Bäuerin in ununterbrochenen! Redeflüsse ihrer Verwunderung über die Briefschreiberin Luft gemacht; der Sohn hatte sie reden lassen, denn es lag wahrscheinlich in seiner Disziplin, seinen Vorgesetzten in dessen Rede nicht zu unterbrechen. Dennoch konnte er nicht umhin, als die Mutter nun geendigt hatte, lächelnd zu fragen: „Darf man schon lesen, Herr Oberst?" „Um Gottes willen," rief die Bäuerin mit einem Male fast entsetzt aus, „Hannele Ehrenfeld wird doch in kein Unglück gekommen sein ... sie wird mich doch nicht etwa brauchen?" „Sei ruhig, Mutter," sagte lächelnd der Sohn, „brauchen ivill sie dich wohl, aber mit dem Unglück sieht es gar nicht so arg aus." Ein tiefer Seufzer kam aus der geängstigten Seele der wackeren Frau, es schien, sie glaubte der Versicherung des Sohnes nicht ganz recht. Dann aber ermannte , sich. „Und jetzt lies, Josef," rief sie mit großer Entschiedenheit. „Herzliebste Gitel!" begann dieser — „Sie erinnern sich gewiß nicht mehr an eine gewisse Hannele, die vor mehr als dreißig Jahren Ihre beste und treueste Freundin gewesen ist. Es >var uns aber beiden von Gott bestimmt, daß wir nicht sollten beisammen bleiben; denn wie hat meine gute Mutter (mit der der Friede sei) immer gesagt, wenn die Red' auf die Bestimmung eines Mädchens gekommen ist? Ein Mädchen, hat sie gesagt, ist wie ein Federt, man iveiß nicht, wo es aus der Luft niederfällt. Und noch eins, herzliebste Gitel, wenn man endlich niedergefallen ist, — dann erst hat man Beispiele auf Beispiele in allen möglichen Sorten und Gattungen, daß das Federt gern wieder aufgeflogen und ganz verschwunden war'! Besonders wenn einem Gott das Unglück zngeschickt hat und macht einen vor der Zeit zur Witwe. Dreißig Fahre habe ich mit meinem seligen Ehrenfeld in Leid und Freud zugebracht. Sie haben ihn ja gekannt, herzliebste Gitel, was er ,zur Buß' gesagt' für ein elend Leben auf der Welt geführt hat; er hat nicht eine zesunde Stunde gehabt, und wie ec vor zwei Jahren .einen Tag vor Purim' Hab' ich Jahrzeit) leider Gottes Frankfurt« FfvaMisches $ami&*nfelaü. gestorben ist, da haben die Doktors gesagt, das, was ihm gefehlt hat, ist ein zu großes Herz gewesen. Gitel! da haben Sie keinen Begriff davoi^, wie Schweres mir durch den Tod von meineni seligen Mann geschehen ist. Ich hält' ihn gern noch gepflegt und gewartet, noch einmal und zweimal so lange, denn was tut man nicht alles für einen kranken Mann, aber so bald hält' ihn Gott doch nicht zu sich rufen müssen^ Was Hab' ich jetzt davon, daß ich in der ganzen Welt die reiche und angesehene Hannele Ehrenfeld heiße? Zu leben hätte ich genug gehabt, dafür hat wein guter Ehrenfeld nicht zu sterben gebraucht, und mit-dem, was ich, Gott sei Lob und Dank! von ihm habe, hätt' er und ich noch bis zu hundert Jahren können auskommen und hätten uns nicht brauchen ein, grau Haar wachsen lassen. Es hat aber nicht so sein sollen, und so steh' ich jetzt ohne meinen guten Mann mutterseelallein auf der Welt, und weiß nicht, was ich mit dem einzigen Kinde anfangen soll. Die Doktoren zerbrechen sich den Kopf, was meiner Rosel fehlt; der eine rät dies, der andere jenes, aber keiner hat noch gemacht, daß sie besser aussieht und frisch und gesund wird. Wenn man sie fragt: ,Rosa, wo leidest du? wo tut's dir weh?' dann schüttelt sie den Kopf und zeigt aufs Herz! Leider Gottes! Ich will's gar nicht aussprechen, was meine Meinung über die Krankheit meiner Rosa ist, ich glaub' aber, ihr fehlt, was ihrem Vater gefehlt hat, nämlich ein zu großes Herz. Neulich hat mir gar einer von den Doktoren, der Dr. Prager, gesagt — seinen Vater werden Sie gewiß noch gekannt haben, er hat ,Schimme Dorfgeher' geheißen — das Kindes Krankheit, hat er gesagt, konnnt von Ueberspannung und von dem vielen Bncherlcsen her, und wenn ich nicht wollt', daß sie langsain dahinschwinde, so müßt' ich sie auf ein Dorf schicken, unter einfache Leute und in gesunde Luft, da könnt' ihr vielleicht noch gut werden. Da Hab' ich ihn aber mit allem Respekt, den ich vor ihm habe, ganz gut ausgelacht, wie beschwert auch mein Herz war. Mein Kind, Hannele Ehrenfelds Tochter, soll auf ein Dorf? Und von den Büchern sollt' sich ihre Krankheit herschrciben? So viele Pfund wiegt sie gar nicht, was sie an Silber schon gekostet hat, und Französisch kann sie besser noch als Deutsch. Es soll eine auftreten und soll einen Brief schreiben oder ans cinenr Buche so vorlcsen, wie meine Rosa! Eine Prinzessin ist auch nicht seiner aufgezogen worden wie mein Kind! Ich Hab' ihn also gut ausgclacht meinen Herrn Doktor und Hab' das Kind nicht auf ein Dorf unter die Kuh' und Hühner geschickt, weil das für meine Tochter nichts ist, Dazu hat sie ihr Französisch und Deutsch nicht gelernt, daß sie in ihren? achtzehnten Jahr soll nnter einfache Leute gehen! Hab' ich nicht recht, herzliebste Gitel? Lebt sie de??n nicht unter einfache?? Leuten? Ich versteh' den Doktor gar??icht, was er, damit meint. Weil er mich aber in einem fort ängstigt u??d inir Tag und Nacht vorhält, dem Kind könnte nicht besser werden, und es geht mir zilgrunde, so Hab' ich nrich doch als Mutter dazu entschlossen, und ivill?nir keine Borwürfe machen. Und lvie eine Stimme vom Himmel ist mir dabei eingefalleir, daß ich sie?tirge?lds besser aufgehoben hätte als bei Jh?re?r, herzliebste Gitel. Tun Sie mir aus alter Freundschaft den Gefallen, und nehmen Sie men? Kind zu sich, es soll bei Ihnen gesund werden. Viel Mühe wird Ihnen das Kind nicht inachen, — wenn es nur einen Platz hat, wo es ein Buch lesen kan??, ist eS zufrieden. Ich verlass' rrrich dara??f, daß ich keine Fehlbitte getan habe, und schließe als Ihre aufrichtige Freundin Ha??nelc Ehrenfeld. Nachschrift. Sie haben doch gewiß Pferd ur?d Wagen? Da könnt einer von Ihren Leuten bis Bra??deis kommen, das ist die Hälfte Weges. Da?nöcht' ich rnit meiner Rosa warten, weil ich von meinem Geschäft nicht lar?g' abweseird sein kann. Schreiben Sie mir mit umgehender Post, u??d ich werde nicht ermangeln, danach das Meinige einzurichten. Die Obige." Lautlos hatte die Bäl?eri?r das lange Schriftstück angehört, unverwa??dt hatten dabei ihre Blicke an den Lippen des Vorlesers, gehangen. .Als ec jetzt innehielt, seufzte sie tief auf; sie war hefttg bewegt! „Das ist ein Rapport! Die versteht's fast so gur?vie unser Feldwebel," sagte Josef, indem er sich wie erschöpft an den Baum lehilte. „Weil du nicht weißt, wie eurer Mutter urns Herz Saite t>. gp Kaffee Kuh fand Kaiseratraaae 58 EaisarstMW« SS Täglich erstklassige BIT* Uaterbaltaagsmaalk "Z88 g»".=ae.- CtasaBgs »Einlagen. i—: ist," fuhr es heftig aus der Bäuerin, „well du gar nicht bedenkst, was Hannele Ehrenseld leidet." „Wie kommt das dazu?" fragte lächel?rd der Soldat. „Du bist also schon ferttg mit deinem Beschlich?" „Wieso?" entgegnete die Bäuerin urrd errötete, als märe sie auf einem verborgenen Gedanken ertappt worden. „Ich sch' dir's an," sagte Josef und sah sie dabei forschend an. „Ich soll sie also nicht irrs Haus nehrnerr?" fragte sie hastig, „ich soll also von Hannele Ehrenfeld, von meiner alten Freurrdin, mich umsonst bitten lassen?" (Fortsetzung folgt.) Kri-,s-Pafi«h»> (Den jüdischen Müttern gewidmet.) Von E. König', k. u. k. Fähnrich i. R. Mutter, in der Sedernacht - Bete, doch nicht weine — Wenn verschwunden jene Pracht Bon dem Pessah-scheine; Jene Schönhell, die mein Herz Einst mit Glück erfüllet, Wenn unS jetzt wilder Schmerz, Tiefes Leid umhüllet. Mutter in dem Geist bei dir Bin ich wieder heute, Wenn auch Heimat nicht dahier Nur in ferner Welle . . . Wenn uns auch ein Kriegs-Gott teilt Reich an Blut und Sterben, Doch bei dir mei?? Herze weilt, Hütet vor Verderben. Mutter, in der Sedernacht Bete, doch nicht weine — ' Auf Hagädah fallet sacht Eine Trän' alleine . . . Eine Träne, die ja bloß Mutteraug besitzet. Gleich der Sonne, klar und groß Liebesschein sie blitzet. Pattzische Paradoxie. Berthold Viertel hat in einem Feuilleton die paradoxe Lage der galizischen Judenheit so treffend geschildert, daß seine Worte festgehalten zu tverden verdienen und deshalb auch in diese» Blättern wiedergegeben seien: Völlig unglaubhaft: dieses jüdische Fluktuieren zwischen Orient und Okzident; das zähe, wurzelquälende Verlernen des in Höllenzeiten bewährtell Mten und dieses fieberische, fliezeuüe Erlernen des lukrativen Reuen. (Aber das Neue ist die wahre Hölle.) Das treue, charaktervolle Jiddisch und das allzu geläufig gestaminelte Hochdeillsch, dem erst langsan« wieder das Hebräisch nachwächst. Vergleichbar dem Anack?roniZn>uS „Jude" in der gallischen Natur, der zuerst Land bewirtschaftet und dann erfährt, wie Gras aussieht. Ich verstehe nichts von Wirtschaft. Ich sah den Polen, den autochthonen Herrn, den glücklichen Besitzer dieser begnadeteil Erde, der aber die Gnade nicht zu schätzen weiß (oder jedenfalls nicht zu schätzen wußte), der in Paris am grünen Tisch farbenblind getvorden ist für die schwarze Erde — und der den Judeir gerufen hat, damit er ihm die lästige Sorge dieser Erde abnehme. Ja, so muß es gewesen sein. Der Jude, der noch nie Erde gesehen hatte, sollte sie betreuen, eine Erde, die er noch gar nicht liebte, eine Erde, die ihr Herr verstoßen hatte — und die sich doch so gern, so üppig ausbeuten ließ! Galizische Paradoxie. Ueberall diese Paradoxie. Ich sah hinter der polnischen Eleganz die heimliche, unheimliche Primitivität — das Märchenschloß mit den prärcchhaelitischen Prinzessiuen, aber ohne Klosett. Und ich sah den Juden als Bringer, Retter, zaubergeivaltigen Faktor einer Zivilisarivn, die er selbst nicht besaß. Ich sah den berüchttgten „wilden" Händler, den Autodidakten des Kapitalismus — der, lvie mal? sagt, Galizien ruiniert, und den?nan doch hier erfinden müßte, ivenn es ihn nicht gäbe. Und-ich erkannte schließlich in dem schmutzigen, abgerissenen, höchst unschönen jüdischen Pauper den einzigen Träger eines überlegenen Lebensernstes, einer überlegene?? Vernunft, einer überlegene?? Moralität i?? dieser absurden Welt. Ich spreche von Extremen, von auffallenden Kontrasten, die auch der Laie, auch der Neuling sehen?rmß, so grell sind sie. Ich spreche rncht von tiefen Wandlungen, nicht vom polnischen oder jüdischen Nachwuchs. Nickst von heraufkvmmender Solidarität, die dann weniger pittoresk, lange rricht so reizvoll sein wird. Diese Welt läßt sich schwer.in ei» System bringe??. Herr Professor S., Bildhauer, ein freundlicher, wohlwollender alter Herr, war, ebenso wie ich, zum erstenmal in Galizien, und sah aus den düsteren Mmrerrissen des Ghettos die schwarzen Gestalten hervortauchen, mit ihren unglaublichen Köpfen und Gesichtern. Jesaiasgcsichter, *) Aus Kriegskalender. Htckls Wiener jüdischer Bolkskalender für das Jahr 5678. Verlag: Jüd. Buchu. Kunstverlag Max Hickl, Brünn u. Wien.