Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 12 (22.3.1918)
- Date
- 1918-03-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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12. Nr. 12. Fraulfurtsr Israelitisches Familienblatt. Seite 5. chstelle, enntnii Anordtem ,i a t aus. nfts ifi Der in dem n eine, ll Händen ist, bbinerl berufen ltante». Lebens. feiert«; Sini dent. mg de, ist die verfität irdischen en, daß altenen beträgt,!ilnngs- 550,000 Rlduiig nfangsichülern suchern. unterde der Botisrael bereits nnächst, ertreter!ag des en sechjullad er, dem i dessen Lalmidc ' Schas- Sijum ifrigsten -chülern [bet die ehmsten tätiger lürftige e Hand, ses der en sein, ät und id zum chaffcn. anderts eine ngeren, d singt n läßt atternchatten aat sie hen in hinein- -lg gegroß, Aeckern ,elchein Leute, die noch vor gehn Jahren in der dumpfen „Gasse" irgend einer Gemeinde gehaust haben, nun als wirkliche „Freiherren" sitzen, und zwar leiten sie diesen Titel nicht von einem vergilbten und verknitterten Pergamente, sondern von etwas ganz anderem her, toas nicht verwischt und nicht zerrissen werden kann, was von Tag zu Tag altert und doch ewig jung bleibt, nämlich von der Mutter Erde selbst, von der einige freie Schollen ihnen gehören! Da, Land und Wiese, Acker und Garten, Wald und Boden gehört jetzt manchem aus der „Gasse", und der Boden ist nicht verdorben, der Hof nicht veckoinmen; die Schwalbe nistet dort wie in früheren Zeiten, und wenn Gott ein gutes Jahr geben will, so gedeiht der Halm jetzt wie damals, als „Waclaw" und „Pawel" aufs Feld hinausfuhren, nicht „Anschel" oder „Rüben". In Böhmen sitzt jetzt mancher hoch oben auf eineni init Garben belasteten Wagen und lenkt mit kundiger Hand seine Rosse durch das enge Hoftor ein, der noch vor' einigen Jahren hinter verschossenen Westen und Kottonstoffen die Kunden anrief! Mancher steht im heißen Sonnenbrände auf dem Felde und schioingt die gewalttge Sense, der noch vor nicht langer Zeit in Hitze und KAte um ein Hasenhäutchen feilschte.. Mancher zimmert mit Axt und Säge im Hause herum, der ehedem bei dem kleinsten Gebrechen, das irgendwo zur Schau trat, uni Zimmermann und Tischler rief. Manches Auge ist scharfblickend und muttg geworden, das nun ohne Erschrecken hoch oben auf dem Kirchturme den Dachdecker hantieren sieht, was es bekanntlich früher selten vermocht hat. Fürwahr! Wie - Opferduft steigt der Segen, der in der eigenen Scholle liegt, zum Himmel empor, und wie wenige auch verhältnismäßig unter so viel sehnenden Herzen sich dessen erfreuen, was wunderbar kräftigend in dem Worte: Hof und Acker liegt — die kleine Lerche freut sich doch darüber. Hebt sie sich doch ans freiem Felde himmelan!... Gehen wir wieder aufs Dorf hinaus! Von der Landstraße ab führt ein Seitenweg hinaus; es ist ein selten befahrener Weg, der sich da zwischen Kornfeldern rechts und links, zwischen Wiesen und teilweisem Waldland, wie es der Charakter der böhmischen Landschaft mit sich bringt, in jenes Dorf hinanszieht. Nur zweimal in der Woche, wenn es Wochemnarkt in der benachbarten Kreisstadt gibt, belebt sich Die einsame Straße; große Wagenzüge bewegen sich dann in den tiefgefurchtcn Geleisen und bringen das Erträgnis des Feldes dahin, wo Absatz zu hoffen ist. Zweimal in der Woche läßt mich Feiwel „Bauer", wie er weit und breit in der Umgegend heißt, seine Rosse anspannen, und dann fährt entweder er selbst oder sein Sohn Josef zu Markt; zumeist aber liegt dieses Geschäft dem Sohne ob, der Wind und Wetter besser vertragen kann als der alte Bauer. Der alte Bauer! Wer sich unter ihnr ein grauhaariges Männchen mit eingebogenen Knien und schlotternden Gliedern denken wollte, wie würde er sich täuschen und dem wirklichen Bilde ferne stehen. Feiwel ist ein kraftvoller alter Mensch in der besten Bedeuttmg dieses Wortes, und wiewohl schon hoch in den Sechzigen stehend, würLe er jeden wie ein „Trenderl" wegblasen, der sich unterstehen wollte, ihm beim Ausladen des schwersten Sackes mit Getreide behilflich zu sein. Ja,' das kann der „alte" Bauer, und er kann noch mehr. Das wildeste Pferd so mit der gewaltigen Faust zst packen, daß es steht und willig seinen Meister anerkennt, das wird ihm in den „Gassen" sobald keiner nachtun. Wenn er angetan mit seiner Jacke von schwarzem Manchester und in den gelbledernen Hosen sich anfrichtet, oder wenn er beim Morgengebet die Tefillin von dem nervigen Arme herabnimmt, dann hat eS ein Aussehen, als könnte er sich selbst von den Himmlischen nichts gefallen lassen, als tue er nur gleichsam seine Schuldigkeit und weiter auch nichts mehtt Freilich, der alter Bauer hat sein ganzes Leben auf diesem Dorfe zugebracht; der Hof, auf dem er jetzt als selbsteigener Herr sitzt, ward seit undenklichen Zetten von seinen Vorfahren als Pächtern bewirtschaftet. Mit den feinsten Fibern seiner Seele wurzelt erauch in dem Boden seiner Heimat, in der er groß und stark geworden war. Selten kam er über die Gemarkung seines Dorfes hinaus, er mußte denn zur Kreisstadt hin; vor den Leuten in den „Gemeinden" hatte er eine besondere Scheu, er fühlte sich nicht wohl, wenn ihn Geschäfte einmal zu ihnen führten. Er war wirklich ein Bauer nach innen und außen und verdiente diesen Beinamen so gut, als er nur je einem war beigelegt worden. Wenn er einmal im Jahre in einer „Kille" erschien, der in Sprache, Benehmen und Kleidung ungeschlachte Mann, dann ward er fast mit Blicken betrachtet, als sei er einer Menagerie entsprungen, und jedes, ging dem „Bauer" gern aus dem Wege. Wer die Augen öffnen will, nicht mit aller Gewalt vor dem Lichte verschließen, der kann bald gewahr werden, daß Gestalten wie unser Feiwel Bauer schon längst jene allzeit fertige Doktrin zerstört haben: die Leute aus den „Gassen" könnten niemals eins mit dem „Ganzen" lverden, und in ihrem Blute stecke etlvas, das sie gewaltsam scheide von der anderen Trachten und Anschauung. Natürlich! Wer sich Gottes lebendige Welt so kleinlich vorstellen kann, daß er die gesamte Menschheit gleichsam nur aus einer Tonart spielen lassen will, dem wird Feiwel eben kein „Bauer" sein. Er wird tausend und abertausende Unterschiede herausgrübeln, einen feiner als den anderen, und wenn das trotz allem dem nichts nützt, weil dagegen viel siegreichere Gründe ausgestellt weroen können, wird er mit der Faust auf den Tisch schlagen und ansrufen: Zur eigenen Scholle sei er doch nicht befähigt! Da ist denn Schweigen besser als Reden, und Leute wie Feiwel Bauer mögen zusehen, wie sie mit jener geballten Faust fertig werden. Einstweilen wird er auch zur Genüge fertig. Ec läßt seine gefüllten Scheuern, das brüllende Rind in den Ställen, den Pflug, den sein eigener Sohn führt, und endlich die kleine Lerche für sich -sprechen, die sich in seinem Felde heimisch fühlt. Daß es aber anders sein könne, daran denkt er nicht! Feiwel Bauer ohne Acker und Dorf! ohne Manchesterjacke und Lcderhosen! mit einem Hasenhäutchen auf dem Rücken durch die Dörfer hausieren gehend, er, der stolze, reckenhafte Bauer! Sagt ihm doch das, die ihm die eigene Scholle mißgönnte es wäre nicht unmöglich, daß eine solche Figur wieder aus ihm werden könnte. ... Er wird euch nicht auslachen, er wird es einfach nicht glauben, denn er ist eben kein „politischer" Kopf. Kann man wohl einem Menschen Arme nnd Beine abhauen und ihm dann zurufcn: „Jetzt geh, und hebe einen Sack Getreide auf! springe und tanze." Einen ähnlichen Gedanken vermöchte Feiwel Bauer zu denken, vielleicht auch nicht. Es ist besser, wenn er überhaupt nicht zu denken hat. JJ. Ein Brief. Unter eineni Kirschenbaume, der fast bis zum Boden fruchtbeladene Aeste herabgesentt hatte, saß auf einer Bank eine stattliche Frau, in halb städtischer, halb bäuerlicher Kleidung. Sic hielt einen Brief und schien darin eifrig zu lesen. Oben in den Zweigen über ihrem Haupte krachte es zuweilen, zuweilen kollerte auch eine rotwangige Kirsche zu ihren Füßen nieder, was sie aber im Lesen nicht sonderlich zu stören schien. Mehr taten es die glitzernden Sonnenstrahlen, die wie aufgelöste goldene Fäden über ihr Antlitz und das Papier fielen. Sie rieb sich öfters die Augen, rückte den Brief näher an sich, aber es schien eben nicht, als förderte sie dies in deni schwierigen Geschäfte. Verdrießlich legte sie das Schreiben endlich zusammen und sprach halblaut vor sich hin: „Ich weiß gar nicht, was die Sonn' heut' will. sie scheint mir fast die Augen heraus." Jemand mußte diese Worte gehört haben, denn in den Zweigen des Kirschbaumes krachte es stärker, und ein Kichern tvard vernehmbar, das der statttichen Bäuerin nicht entging. „Lachst mich aus?" rief sie ärgerlich zum Baume hinauf. Wieder krachte cs in den Aesten, und eine wurmstichige Kirsche fiel gerade vor der Bäuerin in das Gras. Sie bückte sich nieder und warf sie weit weg von sich. „Ich lach' die Sonn' aus, Mutter!" erscholl eine Stimme vom Baume. «Kttt»« Wifc) Schehechejo««. „Gesegnet seist Du, Gott unser Gott, König der Welt, der uns hat leben lassen und uns erhalten hat und uns hat gelangen lassen zu dieser Zeit." Mir diesem Segensspruche werden die gehobenen Momente inl Leben des Juden, der Beginn seiner Festtage nnd die hehrsten Ereignisse seines Familienlebens eingeleitet. Doch wie oft ist schon das Wort zitternd und pnt wehem Herzen gesprochen worden? Wenn eine Krankheit den Körper in Schmerzen winden läßt oder wenn vertterte Horden, wie so häufig inr Oste», mit Mordinstrumenten gegen die jüdischen Häuser ziehen, — ist es in solchen 'Augenblicken nicht eine eigentümliche Forderung, Gott den Dank dafür auszusprechen, daß er diese Zeit hat erleben lassen? Seit vier Jahren zerfleischt sich die Menschheit in dem furchtbarsten Krieg, — und trotzdem besteht bei bestimmten Gelegenheiten des Jahres die Pflicht, den Segensspruch zn sprechen? Doch gerade dann hat der Segensspruch erst seine ttes innere Bedeutung, denn da erst offenbart er die Grundlagen jüdischer Welt- und Lebensanschauung. Wenn jinsteres Gewölk den Blick in die Zukunft nmdüstert, spricht er den Glauben an eine bessere Zukunft, das Vertrauen auf Gottes Leitung alles irdischen Geschehens aus. D<S Judentum ist die Religion des Optimismus. Es lehrt Lebensbejahung und die Entwicklung der Menschheit zu ihrer Vollendung hin trotz scheinbaren Sttllstandes oder gar Rückschrittes. Wer in jeder Lebenslage und zu jeder Zeit den Segensspruch „Schehechejonn" mit Ueberzeugung zu sagen weiß, hat die Religion des Judentums begriffen, ist erst „religiös" im Sinne des Judentums. Literarische Chronik. Ehauwaus-ha-Lewowaus (Das Buch der Pflichten des Herzens) von Rabbi Bachja ben Josef B a k n d a. Ins Hebräische übertragen von dem Arzte Juda Tibbon, ins Deutsche von Em. Baumgarten. Tie 3., 4. und 5. Phase der Naturbetrachtung, des Gottesdienstes und des Gottvertrauens, mit einem Vorworte von Rabb. Tr. Selig Bamberg er, M. 3,20, elegant gebunden M. 4. Hamburg, George Kramer (Hebräische Buchhandlung.) r Rabbi Bachja ben Josef Bakuda, ein in Spanien lebender Zeitgenosse Raschis, hatte sein „Chauwaus-ha-Lewowaus" in arabischer Sprache verfaßt, da zn seiner Zeit die arabische Sprache den Juden Spaniens geläufig war und er sein Buch als ein VolEbuch gedacht hatte. Wie sehr es dies war, beweist die Tatsache, daß sein Ruf schnell weit über Spaniens Grenzen hinausdrang und schon nach wenigen Jahrzehnten mehrere hebräische Uebersetzungeu bestanden. Auch heute noch sollte es überall dort in jüdischen Kreisen, wo man in der Tradition wuselt und nach Erkenntnis des Judentums strebt, eingehende Beachtung finden. - Das Verhältnis des Menschen zn seinem Gotte bildet den Inhalt des in „zehn Pforten" eingeteilten Buches. Tie Pforten behandeln: Einheit Gottes, Naturbetrachtung, weil sie auch zur Verehrung Gottes führt. Gottesdienst, Gottvertrauen, Weihe der Handlungen, Demut, Rückkehr, Abrechnung des Menschen mit seiner Seele, Enthaltsamkeit. Liebe zn Gott. Tie Uebersetzung des Titels mit „Herzenspflichten" ist wohl wortgetreu, aber nicht dem Inhalte entsprechend. „Seelenpflichten" wäre der richttge Ausdruck. Tr. Josef Mieses umschreibt den Titel iu der letzten Nummer der „Freien Jüd. Leserstimme" wie folgt: Leitfaden für die richtige Auffassung und Erfüllung der das Seelenbeztn. Geistesleben betreffenden Pflichten." Herz ist Trumpf. Roman von Kurt Holm: 482 Seiten. München, Albert Langen. ' Das Leben eines genial begabten Münchener Künstlers, Erst reich an sprudelndem Uebermut, dann an Tragik Ein Oberamergauer Bauernkind, hatte er nie gelernt, seine Triebe zu erziehen, sondern ließ sich von den Dingen um sich herum treiben. So schlugen denn seine guten menschlichen Anlagen nicht zum Segen aus, sein Leben war ein zerrissenes und wurde vorzeittg jäh beendet. Schuld erzeugte Fehler auf Fehler, immer schwerer trug die Seele des gefeierten Künstlers, bis sie zusammenbrach. Anders die Frau, die er nach vierzehnjähriger, in den Augen der Wett glücklichen, in Wirklichkeit aber an Glück armen Ehe betrog. Sie erkannte in dem tragischsten Augenblicke ihres Leber» die Verfehlungen der Vergangenheit und die Pflicht der Zukunft. In einem Absatz saßt der Dichter den Lebensinhalt seines Helden zusammen. Ter Absatz lautet: ,Mer diesen. Toten richtig ansah, wußte es besser. Und mochte er ihn auch schnell wie der BW aus dem Hinterhall überfallchr, haben, der Sieger, der ihn auf den Rücken legte, — wie viel Zeit braucht denn ein Mensch, ruw vor dem Sturz ins