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Neue jüdische Presse · 1918-03-01 · Heft 9 (1.3.1918) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 9 (1.3.1918)
Date
1918-03-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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ihre Gutheit und all ihre Frommheit und all ihre Heiligkeit." — Sie hielt wieder inuc und preßte Golde's Hand air ihr Herz. Dann aber fuhr sie fort: „Und wenn ich werde gedient haben drei Jahre in eurem Haus, wie eine getreue Magd, die euch nur dienen will, wie man Gott, gelobt sei er, dienen muß, „nicht um Lohn zu bekommen"?) und es wird heimkehren mein Erlöser, ein lichter Mensch mit lichtein Herzen, und ec wird sagen: Reb No ich, ihr seid ein „Fünfziger", der, lvie die Väter angeschrieben haben, da ist „zum Rat"; ich aber bin eilt „Zwanziger", der da ist „zum Betrieb", nachzueilen der Nahrung, damr lvird Gott; gelobt sei er, euch beide zusammen beglücken und mein zitternd Herz wird freudig sein mit euch!" Sie hielt jetzt lange, recht lange inne. Dann aber sprach sie wieder ganz ruhig: „Reb Noach, das ist mein Tachliß-Deroschoh!" Reb Noach sprach ein ganze Zeitlang kein Wort, sondern drehte seinen Kopf immerfort hin und her, lvie' jemand, der seinen Sinnen nicht trauen mag. Dann endlich legte er seine breite Hand auf den Tisch, und sprach in tiefstem Ernst: „So wahr wie morgen noch ist ein Tag des Gottesgerichts/) und so wahr Gott, gelobt sei er, uns eine günstige Entscheidung geben soll, es wird bei mir nicht ein Wort von all dem, was du da gesagt hast, fallen zur Erd!" Wieder hielt er inne und sann. Es waren viele Lebenspläne, die Vögele hier gezeichnet, und sie lvaren klar, bestimrnt und sicher und griffen in das Geschick aller, ja der ganzen Gemeinde ein! Der schlichte Mann bekam zum erstenmal im Leben eine dunkle Ahnung davon, daß Wesen solcher Art in großen Zcitvcrhältnissen und unter günstigen Uniständen herrschend und Schicksale bewältigend auftreten können, und daß das Kind, das so eben gesprochen, verwandter Natur mit den großen Geistern sein möge, die man Propheten Gottes nennt. — Er schüttelte immerfort den Kopf und suchte nach einem Wort, einem Gedanken für das, lvas er empfand. Endlich sah er ans Golde;-es war ihm nicht entgangen, wie in ihrem Antlitz lvährend der Reden Vögele's gar häufig Farbe und Ausdruck gewechselt, und sah er einen Glanz der Freude dasselbe umschweben. Sind doch die beioen Kinder, so sprach er in seinem Herzen, lvie „Urim" und „Thnmmim"2 * 4 S), die eine wie „Licht" und die andere wie „Wahrheit". — Darum mußte er auch von Golde etwas hören. „Golde," sagte er mit treuherziger Ruhe, „Golde, mein Kind, komm her zu mir." — Sic kam. „Golde," sagte er nach einer Pause, „was ich zu tun Hab, weiß ich, und werde , ich tun, und noch mehr mit Gottes Hilfe, als die da gesagt hat. — Aber sag du mir, du mit deiner Wahrhaftigkeit, sag, versündigt man sich denn nicht, wenn inan anhebt zu glauben an die Worte von deiner Schwester, wie an Prophezeiungen? — Red doch, gute Golde! — Es bewegt sich ja dein Herz, daß man's dir ansieht im ganzen Angesicht. Red doch nur, sag mir all' deine Gedanken und was ich denken soll." „Was ihr denken sollt," sprach Golde's ruhige klare Stimme, „das weiß ich nicht; aber was da in mir lebt, das will ich euch sagen. — Wenn ich mein Vögelchen seh, wie sie so geschwind ausflicgt mit all den Flügeln ihrer Seele, dann lvird niir wie der Mutter, wenn sie das Kind lustig auslausen sieht, und kann nicht nach und kann nicht einmal sehe», wo da an den Ecken ein Stein liegt. Sie kann nur beten zu Gott, — gelobt sei er — „daß er seinen Engeln befehlen soll, das Kind zu hüten, daß sie es an den Händen tragen, damit der Fuß nicht strauchelt"^) — Aber wenn das Kind so fliegend lviede: umkehrt und heimkommt, breitet die Mutter die Arme aus und ninnnt's an's Herz und „freut sich mit Zittern;"6) — denn es hat nicht gestrauchelt! — — Ich- Hab gezittert; aber ich freue nnch: sie hat heut nicht gestrauchelt!" „Und -morgen?" — fragte Reb Noach. „Man betet ja zu jeder Nacht, daß Gott den Engeln befehlen soll, daß keiner strauchele!" Wieder saß Reb Noach ganz still und sann in sich hinein. .. Täubchen aber erhob sich jetzt in der vollen Belvegtheit ihrer Seele, mit der sie die ganze Zeit ver¬ 2) Sprüche der Bäter 1. 3. . 8) Der siebente; Tag des Hüiteniestes wird als „großes Hosiannah-Fest," als ein Tag des Gottesgerichts gefeiert. 4; Zwei Tafeln am Brusischiid des Hohen Priesters, die auch als Orakel gebraucht worden sind. 6t Psalm 31. 1L 12. SJ Nach Psalm 2. 11. SrnnffuBtH' Fsrarlitischss Kakiilievblrtt. geblich gerungen. „Noach," rief sie, „sei nur nicht bang, ich Hab keine Gemütsbewegung, ich Hab schon seit vier Wochen keine Gemütsbewegung, das ist nur das Lachen der Seele, die in mir so licht wird, wenn dieser Maggid redet. — Komm, komm nur zu mir, mein Vögelchen! Weißt du, Noach, das ist doch wie am großen Freudenfest der Thora, wo man ein Licht vom Altar nimmt und cs in die heilige Lade stellt, ans der man alle Thora-Rollen herausgenonunen hat, um damit zu tanzen! Konun, du Licht vom Altar, komm du an mein Herz!" Vögele lag am Herz der geliebten Frau; aber nur einen Augeilblick. Dann richtete sic sich hoch auf und sprach, den Arm nach Golde ausstreckend: „Ein Licht vom Altar! Wohl leuchtet es zum Gebete, und es hat die Gnade, auch für kurze Zeit hineingestellt zu werden in die heilige Lade! Doch brennt es nur vor den Leuten; man zündet's an, lvenn' man kommt, und löscht es anS, wenn man geht! Aber ein andres, ganz andres Licht noch brennt in jeder lieben, heil'gen Schul, das brennt nicht vor den Leuten und leuchtet nicht, wenn andere Lichter leuchten. Es brennt in seinem stillen Schrein durch Tag und durch Nacht, wie da geschrieben "steht: „ES soll nicht verlöscht werden!" Denn es soll sein „ein ewiges Licht!" was da leuchte allen Seelen, die durch die Schul gehen bei Tag und bei Nacht, wenn die Leute nicht drin sind? Das ist das Licht für alle Lichter, das brennt still für sich, und man zündet daran an alles, was da leuchtet vor der Welt! — Golde! Du mein stilles, ewiges Licht," rief Vögele, „nicht tvahr, ich Hab heut nicht gestrauchelt!" „Nein, nein, mein gut Herz, nein, du hast noch gar nicht gestrauchelt!" sagte Golde. „Aber zittern Hab' ich dich heut gemacht?" Golde schwieg. „Und gebetet hast du für mich?" Golde schwieg. „Und inimer, immer wirst du für mich beten?" „Ja, meine gute Schwester!" Und Golde nahm Vögele in ihren Arm, während Täubchen an der Brust des geliebten Mannes ruhte. Was sollen wir noch erzählen? Wir können nach der Rede unseres Maggid nur mit der Schrift sagen: „Und cs ward also!" Nach drei Jahreil kamen zwei herrliche junge Männer aus Berlin. Der Zempelburger, ein Lehrer wie er Jetten gefunden wird, voll Liebe und Herzenstreue . für seinen schönen Beruf, und der Kosminer, ein eifriger Kaufmann, voll vortrefflicher Sachkenntnis für sein Fach und nebenher ausgerüstet mit einem höchst schätzenswerten Sinn für alles Gute und Schöne im Bereich der Kunst und Literatur. Täubchen kam ihnen entgegen,»einen lieblichen Knaben an der Hand und eine neue Hoffnung unter ihrem Herzen, und versicherte schluchzend aller Welt, sie habe gar keine Gemütsbewegung! Reb Noach wurde es nicht schwer, sein Gelübde zu erfüllen. Er griff tief in seine Tasche, um die Mikwe zu einem recht ansehnlichen Schulhaus umznbanen. Die Gemeinde wußte es ihnr Dank, und Gott segnete sein Haus und seine Geschäfte,., daß es sich unter der rüstigen Leitung des Kosminers bald vielfach vergrößert emporschwang. Sollen wir von Vögele erzählen? Oder gar von Golde? Wie jene Buchhaltcrei und deutsche Literatur bei ihrem Kosniincr studierte; diese gläubig zu Gott und ihrem Zempelburger aufsah, und ihre Hände nicht ruhen ließ im Schaffen und Wirken für alle? — Wir müßten ein eignes Buch hierüber schreiben! Und sollten wir die Hochzeit beider Paare im Hochsommer des darauf folgenden Jahres schildern? Sollen wir erzählen, wie Täubchen ihre goldene Kette um Golde's Hals schlang, wie ihre zitternde Hand den geliebten Maggid schmückte? Sollen wir erzählen, wie Reb Noach die Wohnung für den Zempelburger, und Kcrkow'S Haus für den Kosminer, seinen Kompagnon, aus eigenen Mitteln ausstattete und sogar mit eigener Hand schmückte? Oder sollen wir den Zug durch die Gasse bis ans den Schulplatz beschreiben, wo der Trauhimmel stand? Erzählen von der Gemeinde, in der kein Auge trocken blieb, als die Schwersenzer Musikanten zum Braut-Gang das echte Hraut-Mcnuett ausspielteu? Oder wie alle, alle jauchzten, als man ein zweifaches „Gut Glück" rief? Sollen wir ein Bild geben von der Lustbarkeit nach Tische im Hause Reb Noachs, als die „lange Mindel" und die „kleine Chaje" einen eignen Tanz „Lulow und Esraug" aufführten? Sollen wir's beschreiben, wie die alte reiche Genendel ihren goldbetreßten Festtags-Rock aufschürzte, ihre hochhackige» Seite 5. Pantoffeln auf di« Hände steckte und auf ihren bloßen Strümpfen einen Braut-Tanz aufführte, zu dem sie mit den Pantoffeln und alle Weiber mit den Händen den Takt klatschten? Sollen wir euch den lieblichen Felix, den ältesten Sohn Täubchens, zeigen, wie ihnr der Wachtmeister seinen langen Säbel umschnallte und ihn mitten auf den Hochzeitstisch stellte, daß alle lachten, bis ihnen die Tränen aus den Augen liefen? Oder sollen wir's versuchen zu schildern, welch ein Jubel entstand, als ein Wunder unerhörter Art geschah, und Reb Rephoel Wunderthäter plötzlich erschien und einen kabbalistischen Kosak tanzte, bei dem die lebhafte Gitel Asek's schrie: „Den Kosak mög' man in ein heiliges Buch einschreiben für ewige Zeiten!" Oder soll ich euch das größere Wunder noch beteuern, daß die schwarze Ssoro mit Lceser Schlapp in der Küche einen Friedenstraktat bei einer und derselben Gänsebrust abschlossen, laut welchem „ewiger Friede" zwischen diesen zwei Mächten herrschen solle? Es wäre all dies und noch mehr, wovon man Bücher voll schreiben könnte, doch nichts, gar nichts, wenn ich euch zeigen könnte Reb Chaim's altes Antlitz, wie er seine Kinder segnet, Reb Noach und Täubchens Antlitz, als er zu ihr sagte: „Weißt du, mein Herzweib, heut Hab' ich auch die Gemütsbewegung!" Vögele's Antlitz, als sie ganz wortlos am Halse des Kosminers hing, und — dein Antlitz, heilige Golde, im Arme deines Gatten! Literarische Chrsnik. Der NafientypnS der Abgeordneten Dr. Artur Mahler. Anläßlich der Wiederkehr des Todestages von Tr. Artur Mahler, des srühverblichenen Bolkssührers und Gelehrte», sei an eine Nottz der Politisch-Antropologischen Revue (1907, Nr. 5) erinnert, die nebst manchem, dem wir nicht beipflichten können, eine außerordentlich treffliche Charakteristik von Dr. Mahlers Rassentypus enthält: Nationaljüdische Abgeordnete. Da alle Parteien im Wiener Reichsrat, mit Ausnahme der Sozialdemokratie, seit Jahren national differenziert sind, so wollten auch die in Galizien und Bukowina lebenden Ostjudeu nicht zurückstehen nnd sic haben auch tatsächlich vier Abgeordnete durchgesctzi. Die zionistische Wochenschrift „Die Welt" (1907, Nr. 2-1) veröffentlicht ihre Bildnisse und die „Jüdische Zeitschrift" bringt ihre Lebensgeschichte. Auf den ersten Blick sieht man, daß der eine der vier Abgeordneten, Privatdozent Dr. A. Mahler, einen ganz anderen Typus darstellt als die drei anderen. Er hat ein langes, schmales Gesicht, eine hohe Stirn und die.edlen, geraden Züge westeuropäischer Geistesführer. Tatsächlich ist er auch kgar nicht Ostjude. Er ist in Prag geboren, hat ln London studiert, war in Rom P-rosessor der Archäologie und ist erst seit wenigen Jahren mit der zionisttschen Gedankenwelt in Berührung gekommen. Reiner Idealismus mackst ihn zum Zionisten. Ganz anders die drei anderen: Dr. Straucher, Advokat in Ezernowitz, Dr. Gabel, Advokat in Lemberg und Adolf Stand ebenda. Diese stehen also inmitten der zionisttschen Volksbewegung. Ihren Gesichtszügcu nach sind sie durchaus keine Idealisten, sondern reine Jnteressenvertteter. Stand und Gabel haben die hethitische Nase und sind im übrigen Mischlinge, -stand ivahrscheinlich mit der mittelländischen, Gabel mit der blonden Rasse. Straucher zeigt keine hethittschen Züge, sondern das unproporttonierte Gemisch aller möglichen Raffen. Man sieht ans diesen vier Bildnissen, daß sie die alte Erfahrung Lestättgen, daß die Wortführer einer Rassenbewegung durchaus nicht Vertreter oder doch reinblüttge Vertreter dieser Rasse zu sein brauchen. A. K.-Hk Das soziale Ideal bei Plato und bet de» Propheten. lieber dieses Thema führte Geheimrat Hermann Cohen in der Montagsvorlesung der Lehranstalt für die Wissenschasr des Judentums folgendes aus: Mit dem Begriff des Guten, den Plato auf der Suche nach dem Problem der Sittlichkeit fand, wird er zum Begründer der philosophischen Ethik, deren beide Fundamente: wissenschaftliche Erkenntnis und Sittlichkeitsproblem, sich hier zum ersten Male verbinden. Aber bei Plato fehlt die Idee des Menschen noch vollkommen, die zum . ersten Male durch den Juden Philo gemäß dem prophetisch-jüdischen Geist in die platonische Jdeenlehre eingefiihrt wurde. Die Gotteserkenntnis ist das Hauptgcbot der Bibel. Aber dieses Erkenntnisgebot ist ganz anders als bei den Griechen; die Propheten suchen die Antwort nicht in der Astronomie oder anderen Wissenschaften, sondern erwerben sie im idealistischen Sinne von jenseits alles sinnlichen Seins. Hier tritt der sittliche Faktor ein: was bei Plato das Gute war, wird bei den Propheten der Gute. Mit dem Begriffe des einzigen Gottes wird zugleich der Begriff des .Menschen und der Liebe geschaffen. Für die Propheten war die Armut das Leiden der Menschen. Mit dem Erbarmen ging ihnen die Liebe auf. In der Armut, die sie.zum Angelpunkt des Daseins machten, erkannten sie das Grundleiden der sozialen Kultur. Der Arme ist der Jdcalmensch, an dem sich die Gerechtigkeit Gottes zur Offenbarung bringen wird. Die soziale Gesetzgebung wird zum Ideal des theokratischen Staates. Das soziale Ideal PlatoS vertritt dagegen drei scharf geschiedene Stände: Philosophen, Krieger und Gewerbetreibende. Hier fehlt der Begriff des Menschen iwch ganz. Bei den Propheten ist die enge Standespolitik durch daS Mitleid mit den Menschen überwunden, Politik und Gottesglauben sind in den Menschheitsglanben überge-

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