Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 9 (1.3.1918)
- Date
- 1918-03-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 9 L. V. B^d.ehMn^ Herrainfaneliir I Irnkfirt tt liii, IHMnalnm Ii.l i Tefapkea: Röaar'SMO. imkTE IEiHS'HCHVRIDElHil. I Auf 'Wwuch hukirt ▼•rarkeiimng. | Kanir man es unter solchen Verhältnissen den Juden verdenken, daß sie tatsächlich die airmarschierenden deutschen Truppen als Befreier, als die Bringer der Gleichberechtigung ansahen? Wenn eine kleine Enttäuschung eingetreten ist, so mag das vielleicht an Len anormalen Kriegsverhältmsse» liegen. Soviel jedoch ist Har, daß die deutsche Regierung ein großes Unrecht begehen würde, wollte sie für die tatsächliche Emanzipation der. Juden bei den Friedens- Verhandlungen nicht wirkliche Bürgschaften von der rumänischen Regierung verlangen. .Eine furchtbare Depression macht sich in allen jüdischen Kreisen bemerkbar. Man fürchtet die schlimmsten Pogrome. Wie oft habe ich jschon diese Drohung aussprechen hören! Schon die-Tatsache, daß der größte Teil der Juden sich deutsch verständigen kann, genügt den „echten" Rumänen, um sie als deutsche Spione zu bezeichnen. Muß da nicht die deutsche Regierung bei der bekannten, warcklmütigen rumänischen Bolksstimmuug kräftig für diese unglücklichen Menscheneintreten? Das wäre nicht nur eine Pflicht der Menschlichkeit, sondern es läge auch im Jnteresse der deutschen Diplomatie, sich die-Dankbärkeit der Juden zu sichern. ' * (Ben Nachein.). Die •tmeittfcttotf It« i» N«tzl»»d. Die neugestaltete jüdische Gemeinde in Rußland tritt nach und nÄh ins Leben. Tie aller . Orten stattfindenden Wahlen-haben, einen durchaus demokratischen Charakter und verbürgen zum großen Teil die Zusammenstellung des neuen Gemeindewesens auf gerechter, dm wirksichen Verhältnissen entsprechender Grundlage. - Soweit aus den bisher vorliegenden Ergebnissen zu schließen ist, wird in den künftigen jüdischen Gemeinden das nationale Element dominieren. Wie in den beiden Hauptstädten die nationale Richtung-durchschlagend gesiegt hat, so gewinnen die Zionisten und die national gerichtete Orthodoxie inden meisten Städten die Oberhand. Entweder gelangen die Zionisten an die «erste Stelle oder die nationalorthodoxen Parteien wie sie in den Organisationen „Rezach Jisroel" und „Nesoret wecherut" vereinigt ist. Diese Richtungen erkennen Palästina als eine ihrer Hauptforderungen an und gehen demgemäß an verschiedene), Orten mit den zionistischen Wahlkomiteen zusammen. Die Arbeitsparteien treten gesondert auf; der „Bund", die „Poale Zion" und die „Vereinigte Sozialisten" (Sozialisten-Territorialisten und Seymisten), die gegenüber den gmannteu Parteien an zweite Stelle treten, halten sich gegenseitig die Wage, auch kenn hie und da die „Poale Zion" den Vorrang erkämpfen. Behindert wird die Wahlbeteiligung durch die unsicheren Zustände und die allgemeine Unruh-Stimmung. Jedoch verlausen die Wahlen im großen und ganzen unter reger Teilnahme Her jüdischen Wähler, die infolge des freien Wahlrechts eine äußerst hohe Zahl bilden. In Smolens k gewannen die Zionisten 12. Sitze in der neuen Gemeinde, die Orthodoxie 7; es folgen die „Poale Zion" und-die „VereinigteSozialisten" mit je s echs', dev „Bund" mit 4 und die sogenannten Unparteiischen (großenteils national gesinnt) mit 3 Sitzen. Auch in Lug ans k erhielt die zionistische Liste die meisten Stimmen; es wurden 14 Zionisten, 8 BundistenI, 8 Poale Zion und Bereinigte Sozialisten, 3 Orthodoxen und 6 Kandidaten anderer Listen gewählt. In Oriol brachten die Zionisten 14, der Bund 10, die Orthodoxen 6, Vereinigte Sozialisten 4 und andere Richtungen 11 Kandidaten durch. Aus Öst- RußlaNd werden ebenfalls den nationalen Parteien gün-' stige Wahlergebnisse gemeldet. So fiel in -Perm die Wahl jugunftet der Orthodoxen und der Zionisten ans, die 12 b^w, 9! Vertreter in die neue Gemeinde entsenden. So nahmen die beiden Richtungen in 'den Orenburgev Wahlen eine dem obigen Ausgang umgekehrte analoge Stellung ein. In Wo l o g d a teilen sie sich in den ersten Rang mit je sechs gewählten Vertretern, während dem Bund 4, den Poale Mo»»'. 2 Mandate zufallen. Die Wahlen in Jeljec uud Samara (vgl. Nr. 5 „Familienblatt") bieten ein ungefähr gleiches Bild. In Otschakow gelang es den Zionisten, vollends den ersten und alleinigen Platz zu erringen. Bon den 56 zionistischen Mitgliedern * der neuen Gemeindeverwaltung gehören 38 der? Jugend- Organisatton Zelre Zion an.? n,.. MMIrlsHer Url«a für Peffach. ' Das Kriegsministerium hat unter dem 8. Februar (8871/1 18. 6. 1a) folgendes verfügt:; 1. Für die in Den heimatlichen Garnisonen oder an festen Standorten in den Etappengebieten befindlichen Mannschaften Heimaturlaub oder Urlaub nach der nächsten jüdischen Gemeinde: wo dies aus dienstsichen Gründen unmöglich, Dienstbefreiung an den 4 Hauptfeiertagen und deren Vorabenden, ferner für die in den Garnisonen verbleibendenan den beiden ersten Vorabenden Städturlaub bis 12 Uhr nachts zur Teilnahme am Gottesdienst und der.häßlichen Andacht (Seder). 2. Für Die- Mannschaften an der , Front, soweit es die Kriegslage gestattet, zum mindesten die Möglichkeit, die beiden Abende Mittwoch, den. 27. und Donnerstag, den 28. Mchtz (die sogenannten Sederabende) in gemeinsamer gottesdienstlicher Feier gruppenweise zn begehen, soweit nicht, weitergehende Erleichterungen wie gut» 1 für sie möglich find. tzfraolitischM 1 Wenn möglich, Ausdehnung der für das Fest beantragten-Bergiinstigungen aufden an die ersten Festtage unmittelbar anschließenden Sabbat. Die Kvmmandobehörden werden darauf hingewiesen, daß strenggläubige jüdische Mannschaften von einem mit Reisen verbundenen Urlaub nur dann Gebrauch machen können, wenn ihnen die Möglichkeit gewährt wird, die Reife selbst vor Beginn und nach Ende des Feiertags, bezw. des an die ersten Hauptfeiertage diesmal unmittelbar anschließenden SabbatS (30. März) zurückzulegen. Wegen Regelung der Einzelheiten werden sich dir Feldrabbiner an die Armeeoberkommandos, denen sie zngeteilt sind, wenden. 3. Etwaige Wünsche der in den Etappenlazaretten und Reservelazaretten befindlichen jüdischen Verwundeten nach Duldung der am Pessachfeste verbotenen und nach Verpflegung mit rituell zitbereiteten Speisen mögen seitens der leitenden Aerzte an die am Platze oder in der Nähe befindlichen Räbbinate, wo solche fehlen, den Synagogengemeinden .weitergeleitet werden. Es wird sich dann in. den meisten Fällen die Möglichkeit bieten, dem religiösen Empfinden der Verwundeten und Kranken ohne Schädigung der gesundheitlichen und disziplinären Interessen Rechnung zu tragen und dadurch Gewissenszwang zu vermeiden. Jlu« alfa; Mett, twtfie* Kd«. Serif«. »ilfsmerk für ftHffte«. Seitdem die englische Armee den südlichen Teil Palästinas besetzt hat, kommen aus deu Städten im Norden Palästinas, aus Safed, Liberias, Haifa, den dort gelegenen jüdischen Kolonien, ebenso wie aus Damaskus Nachrichten über die große Notlage der jüdischen Bevölkerung. Während früher alle Hilfsgelder aus dem Ausland über Konstantinopel,-zum Teil über Berlin nach Palästina geleitet-wurden, erreicht jetzt ein großer Teil der Hilfsgeldcr aus dem Ausland, der über Egypten nach Palästina kommt, die im Norden lebende jüdische Bevölkerung nicht. Um so notwendiger ist daher besonders wegen der Notlage der dort lebenden Evakuierten eine tatkäftige Hilfe. Das „Hilfswerk für Palästina", welches gus verschiedenen jüdischen Organisationen Deutschlands gebildet ist, ist in der Lage, mit Unterstützung der in Betracht kommenden Reichsämter die Hilfsaksionen durchzuführcn und rnft das deutsche Judentum' dringendst zur Hilfe auf. Einzelspenden und Sammelergebnisse sind abzuführen an das „Hilfswerk für Palästina", Berlin IV. 15, Sächsifchestr. 8. Postscheckkonto Berlin 4192. Bankkonto: Nationalbank für Deutschland, Berlin IV., Kurfürstendamm 211. Serif«. 3ilif4.9r««etti««fe> SM. 8fcfi|eief«ffe. Erste Auei«hl»«i Trotz der Kürze der Zeit, in der diese Abteilung des Jüdischen Frauenbundes besteht, ist es doch möglich, zwei Auszahlungen ä 500 M. vorznnehmen. Bedingung ist ärztlicher Nachweis für eine gesunde Frühehe. Schriftliche Meldungen an.Frau Dr. Eschelbacher, Berlin dl., Oranienburgerstraße 68. Serif«. Ef»e »r. Tschl«no>».»,l«»fe. Tie Zion. Organisation erläßt zum Andenken an ihren Heimgegangenen Führer Tr. Tschlenow einen Ausruf zur Gründung einer Kolonie. In dem Aufruf heißt es: „Wir haben dem Jüdischen Nationalfonds den Auftrag gegeben, die Kolonie Tschlenow zu errichten. Wir verlangen im Einvernehmen mit dem Jüdischen Nationalfonds von der gesamten Zionistischen Organisation die Aufbringung von einer Million Francs, im Rahmen der Nachlah-Aktion zum Erwerb des notwendigen Bodens. Der Grund und Boden der Tschlenow-Koloich: bleibt wie aller Grund und Boden, den der Jüdische Nationalfonds erwirbt, für ewige Zeiten Gemeinschaftscigentum, Eigentum des jüdischen Volkes." 9e*»tfttri «. M Erhöh««, M Serbreucher.HöchstPreises für SUjj*». Im Hinblick auf die seit einigen Monaten eingetretene weitee Crrhöhung aller Nebenspesen, insbesondere der Verpackungsmaterialien, hat die Reichsgetreidestelle ans Antrag der Bäckereien genehmigt, daß der Berbrancherhöchstpreis für das Pfund Miqzos von 83 Pfg. auf 85 Pfg. erhöht wird. veBerreich-AUgLr». «fe». vlt V«itl QXngitV* In der Monatsschrift „Der Jude" untersucht Heinrich Margulies das Zahlenverhältnis der Polen zu der übrigen Bevölkeomg Galiziens. Die Mehrheit, die die Polen, die Beherrscher des Landes, sich herausrechnen, ergibt , sich nur aus der Hinzurechnung der Juden zn ihnen. In WirklichLit sind die Zahlen folgende: Polen 3 798363, rithenen 3208025 und Juden 871804. Scala - Lichtspiele SefeUkrgMM SS. fcUtoguN St. Modernes Theater T«Mmg «Ms bmhp «md hegyewageader gjfaae. Seite S g: Kaffee Ruhland 3 Kaiacrstraaae SS Ksiaarsfcaase 86 TSgUcb erstklassig« HT Unterkaltaagsmaalk ■ qjuu Geuags-Binlagea. »> ■ •fe Ssatswietocuuf. Die Pogrombcwegung ist noch immer im Steigen begriffen. Die Stimmung der Massen und ihre Unzufriedenheit mit den schlimmen Zuständen, namentlich der Teuerung nimmt an vielen Stellen eine mehr und mehr judenseindliche Färbung an. Es bedarf daher oft nur des geringsten Anstoßes, um Ausschreitungen gegen die Juden zn veranlassen. Die Unruhstifter sind großenteils die fahnenslüchtigen, raublustigen Soldaten oder Rote Gardisten, die in den kleinen schutzlosen Städten auf willkommene .Beute rechnen und so eine immer wieder hell aufflackernde Pygromstimmung nähren. Im Süden toerden solche Pogromversuche stets häufiger und wirksamer. Verschiedene Städte und Städtchen, wie Dnbno, Talni sind letzthin von schweren Pogromen heimgesucht worden. An den Plünderungen taten sich sogar Soldaten eines Kiewer Regiments hervor. Die jüdische Habe fällt den Bande» zum größten Teile in die Hände. Täglich werden neue Unruhen in den lleineven Orten der Ukraine hervorgernfen. Die jüdische Presse ist ein deutlicher Spiegel dieser bedrohlichen und gefahrdrohenden Lage. Insbesondere sind die Zeitungen „Der Telegraaf" in Kiew und „Unser Leben" in Odessa ganz von solchen Berichten eingenommen. Der „Telegraaf" gab vor kurzem folgende Darstellung des Pogromschreckens in der Ukraine: Eine starke Pogromwelle geht durchs ganze Land. Etwa dreißig größere und kleinere Städte haben bis jetzt Pogrome erlebt. Das jüdische Gut ist den raubenden Horden preisgegeben. Wer sind die Pogromurheber? Soldaten, Bauern, Weiber und Kinder rotten sich zusammen, geben vor, die Spekulanten untersuchen zn wollen. Es wird geraubt, geplündert, geschlagen, und wenn die nahende Hilfe kommt, dann findet sie leere Läden, ausgeranbte Stätten, wo nichts mehr zu retten ist. Die Juden schweben in größter Unruhe, wenden sich in ihrer. Not an den und jenen, schicken telegraphische Bitten. Man eilt zum Kommissar, vom Kommissar zum Generalsekretariat — von hier zu verschiedenen Organisationen und Komitees und weiter. Währenddessen nimmt alles seinen Gang, die Pogrome mehren sich, und das Ende ist nicht abzusehen. P»lr*. » »«rscha«. 15. Februar. «emeiNSewahle» a«k AweiterienstzstG». Die allgemeine Unzufriedenheit der jüdischen Bevölkerung mit verschiedenen Satzungen der Gemeindeordi- Nation hat bereits eine Reihe von Neuerungen notwendig gemacht. Ein sehr strittiger Punkt, das Zweiknriens y st e m, ist dagegen noch immer nicht endgültig geißelt, Tie ungerechte und durchaus zwecklose Festsetzung einer Zweikurienwahl wird allseitig verurteilt, und hat schon vielfache Gegenkundgebungen der jüdischen Parteien zur Folge gehabt. Auch wenn diese Ansicht nach und nach dnrchdringt, so ist bis jetzt kein endgültiger Beschluß über den genannten Punkt erfolgt. Die zur Prüfung der Gemeindestatuten eingesetzte Kommission gelangte trotz langer Beratungen zu keiner Einigung — drei Mitglieder stimmten für die Abschaffung dieses Punktes, drei dagegen und die Angelegenheit ist an die obersten polnischen Instanzen verwiesen worden. Um die jüdischen Wünsche der polnischen Regierung zur Kenntnis zu bringen, haben in Lodz eine Reihe von Organisationen und Instituten eine Abordnung von etwa 30 Mitgliedern nach Warschau entsandt. Zunächst wurden die jüdischen Vertreter vom Minister für Religions- und Bildungsangelegenheiten empfangen. Im Namen der Abordnung sprachen die Herren Dr. Rosenblatt und Dr. Brande. Das Küriensystem, führte Dr. Rosenblatt aus, findet allgemeine Ablehnung der jüdischen Bevölkerung und würde im Falle der Beibehaltung als ein Zeichen von Mißtrauen empfunden werden. Die Juden Polens sind treue Bürger ihrem Lande und erfüllen diese ihre Pflichten gewissenhaft. Das gibt ihnen ein Recht, die Lösung ihrer Fragen in die eigenen Hände zn nehmen. Ter Minister versprach in seiner Antwort, das non der Mordnung ausgesprochene Verlangen bei der künftigen Beratung dieser Angelegenheit im polnischen Ministerium in Betracht zu ziehen. Die politische Regierung ist von dem Wunsch geleitet, alle Bürger Polens in Zufriedenheit leben zn sehen. Tr. Brande ersuchte den Minister bei Behandlung jüdischer Fragen stets den unmittelbaren Weg zur jüdischen Bevölkerung zn nehmen. Darauf begab sich die Abordnung zum Vizepräsidenten des Ministerrats, znm Landwirtschaftsminister und schließlich zum Ministerpräsidenten. Auf die Ausführungen Tr. Rosenblatts gaben die polnischen Minister das Versprechen» die vorgebrachren Wünsche prüfen zu wollen. Ukraine. «i» Minister fiir jüdische «ngeleieuheite». Tie Ukraine ist der erste Staat, der den Juden national-kulturclb Autonomie und eine eigene Vertretung im Ministerium nach den Grundsätzen der neuen Verfassung eingeräumt hat. Zuni Minister für jüdische Angelegenheiten ist der Obmann der „Bereinigten jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei" Dr. Moses Silberfarb ernannt. Tr. Silberfarb ist ein Sohn frommer Eltern, hat den Cheder besucht, seine Studien „als Externist" betrieben, schloß sich der jüdisch-sozialistischen Partei an und redigierte das Parteiorgan in Wilna.