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Neue jüdische Presse · 1918-02-15 · Heft 7 (15.2.1918) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 7 (15.2.1918)
Date
1918-02-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 7. . Gott von Abraham, Isaak und Jacob, Behüt' dein Volk Israel in deinem Lob Die sieben Tag', daß sie uns bekommen Zu Hell und Gut und allem Frommen. Der heil'ge Sabbat geht dahin usw. Und der liebe heil'ge Sabbat war dahingegangen. I In der mondhellen Nacht trat der Kosniiner in einer kaufe nach dem eben verrichteten Mitternachts-Gebet leraus aus dem Beshamidrasch; der Zempclburger tilgte ihm. I „Sieh'," sagte der Kosminer und deutete auf das »ensterchen der Mikwe, „sie haben schon ihr Lämpchen »usgclöfcht." I „Sie wachen aber noch im Mondenschein." — I Sie gingen vorüber. I „Was machst du da?" fragte der Zempelburger. I Der Kosminer hatte Kotzebue's Verzweiflung aus der Tasche gezogen und zerriß die Blätter in kleine petzen. I „Ich will das nur in alle Winde zerstreuen," sagte fr, „das sind ganz leere Reden, das weiß ich erst jetzt, Ivo mein Herz voll geworden ist." I Er warf die Fetzen in den Wind. „Ich weiß »ar nicht, wie ich das Hab' bei mir tragen können über den Sabbat ohne Eiruw," lächelte ec. Und die Fetzen flogen hin voin Winde getragen [über Dächer und um Schornsteine und an Zäunen nnv über die Gasse, ein Paar wirbelten um die heilige liebe Schul' herum und jagten davon, und ein größeres Stück Verzweiflung tanzte ganz lustig niitten auf dem Markt, wie das nur ein so gemachtes Stück Verzweiflung zu Stande bringen kann. Die Bachurim lachten dazu, drückten sich die Hände und gingen wieder in's Beshamidrasch. > Und es war, wie der Zempelburger gesagt hatte. >Jn der Mikwe wachten die Schwestern noch. Golde lag in ihrem Bette; Vögele war aus dem ihrigen gestiegen und hatte sich auf das Bett der Schwester gesetzt. „Ich kann gar nicht mehr schlafen, liebe Golde!" sagte Vögele, „mein Herz will wachen und immer wachen und immer wachen!" Golde setzte sich iin Bette auf und nahm die Schwester in den Arm.' „Golde Herz," sagte Vögele, die sich wie ein Kind an sie schmiegte, „Golde Herz, hast du unsere liebe gute Mutter, Friede sei mit ihr, gekannt?" Nach einer Weile sagte Golde: „Gekannt?" — Ich glaub', man kennt die Mutter erst, .wenn man Mutter ist!" „Hast du sie denn so recht gesehen?" fragte Vögele nach einer Weile. „Ja!" sagte Golde uiit tiefer Regung, „so recht Hab' ich sie gesehen! Nicht wie man sieht ein Menschenangesicht! Nein, „so wie man sieht eilt Altgesicht des Engels" und man weiß und weiß wieder nicht, wie das aussieht!" Und beide Kinder weinten. Nach einer Weile fragte Vögele leise: „Golde Herz, sag' mir nur, lvar das recht, daß der Kosminer heut meinen Mund küßte?" „Es war kein Unrecht!" sagte Golde ruhig. „Und gestern," rief Vögele leidenschaftlich, - ,,hab' ich ihn gar zuerst 'umhalst und ihn geküßt! War es kein Unrecht, Golde Herz?" „Es war kein Unrecht! Schwester!" antwortete Golde ruhig. Vögele barg sich »vie ein Kind an den vollen Busen der Schwester: Nach einer Weile richtete sie sich auf. ' „Golde Herz!" rief sie, „und Deine reinen Lippen haben das noch nicht gekostet!" Golde schwieg; und Vögele mißverstand dieses Schweigen der Schonung nicht. „Golde Herz!" rief sie, „hast du denn noch nicht verstanden den flammenden Vers. „O, küßte er mich Küsse seines Mundes!"') „Lieb Vögele," sagte Golde und drückte die Hand der Schwester an ihr Herz: „ich versteh' ihn!" „Und warum hat er dich noch nicht geküßt!" „Weil er recht hat!" „Und wenn er dich IjättL gefaßt und fjnttf dich geküßt!" fiel Vögele ein. Golde nahm beide Hände an ihre» Busen und lächelte und sprach: „Er hätte auch dann recht!" Und wieder lagen die Schwestern Brust an Brust. Nach einer ganzen Weile, während sie beide den Tönen aus dem Beshamidrasch gehorcht hatten, sagte Golde: .... 1.-2.. . Frankfurter Israelitisches Familienblatt. „Komm', Vögele lieb, laß uns nicht so herumfliegen mit unfern Gedanken in dieser Nacht nach dem Sabbat wie nichts Rechts, leg dich da bei mir, ich sing' dir auch den Psalm-Vers „von Gottes Huld"') sieben mal und dann schläfst du ein!?" — Vögele gehorchte wie ein Kind, und Golde sang mit ihrer vollen tiefen Stimme in ganz eigner, eigner Art, wie sie vor keinem Menschen singen kann: „Und Gottes Huld komm' auf uns herab! — Und unser Händewerk richte du auf hoch über uns. und unser Händcwerk richte und baue du es auf!" Sie sang es siebenmal, immer anders, immer eigentümlicher, immer tiefer, immer seelenvoller. Damr borchte sie, stieg behutsanr aus ihrem Bette, uni Vögele nicht zu wecken und legte sich auf deren Lager zur Ruhe. — Heilige Golde! * Vier Wochen nach diesen Begebenheiten, und es war anr vierten Halbfeiertage des Hüttenfestes, da saß Reb Chainl des. Maggids in feiner Laubhütte und richtete an den Sch'loh hackodausch wiederum die wichtige Frage wegen der Pacht; denn der liebste Gast der Mikwe war noch nicht wieder erschienen. Der gute Sch'loh hackodausch schien (um die Antwort in einiger Verlegenheit, aber es dauerte nicht lange; denn die schwarze Ssoro kani und legte einen harten Taler auf den Sch'loh und bestellte, daß Täubchen bitten lasse, es möchten doch die Mädchen zu ihr kommen. Der gute Reb Chaim! er nahm den Taler von dcni Folianten mit einer Andacht herab, als käme er direkt eine höchst befriedigende Antwort auf die ge« . stellte Frage aus der heilige» Hand seines heiligsten Schutzgeistes. Er stand auf und bestellte den Kindern, tvas ihnen Täubchen Reb Noach Brall's sagen ließ. Was war doch den lieben Kindern? — Sie lächelten, erröteten, sahen sich an, wurden ganz rot, lachten, schlugen in die Hände, fielen sich in die. Arme, küßten sich und lachten und sprangen und tanzten gar in dein Stübchen herum, daß alle an ihren Dochten aufgchängten frisch gezogenen Lichte für die heutige Festnacht des großen Hosiannah mit zu tanzen anfingen, als ahnten sie auch, was Gott, gelobt sei er, getan hat an der liebherzigen Täubchen Reb Noach Brall's. Golde hielt zuerst inne und faltete die Hände: „Mir sagt's mein Herz, es ist erhört ihr Gebet! Aber laß uns still sein und hoffen auf Gott, denn er tut es!" Vögele aber rief: „Nein, Golde Herz, es ist, es ist Wie die beglückte Mutter Hannah ruf' ich aus für unser Täubchen: „Es ftohlockt mein Herz in Gott, cs jauchzt meine Seele in ihm^)!" und wieder klatschte sie in die Hände und tanzte mit ihrem Schemel in dem Stübchen herum, bis sie erschöpft inne halten mußte. „Komm, Vögelchen," sagte Golde, „laß uns gehen; aber laß uns ganz ruhig hintreten vor unsere gute Beschützerin und Helferin." Und doch blieben die Angesichter soleuchtend, als sie über die Gasse gingen, daß der Zempelburger und der Kosminer, die sie vom Fenster des Beshamidrasch aus beobachteten, ganz geblendet waren, und Reb Noach, der sie von ferne kommen sah, zu Täubchen sagte: „Da kommen die Kinder mit Gesichtchen wie Engel, welche gute Botschaft bringen!" Und wie ein Engel guter Botschaften stand in lichter Röte auch die stattliche Täubchen da; und als sic die beiden Mädchen mit beiden Händen hielt und Reb Noach sie so zu Dreien sah, da wurde ihm so warm um das Herz, wie am Tage, da Abraham gesessen. am Eingang seines Gezeltes. Täubchen nahni beide Schwestern an ihr Herz und stand lange so; Reb Noach ward es, als müßte er, wie Abraham vor den Engeln^), sich vor ihnen bucken zur Erde. Endlich lächelte Täubchen und sprach munter: „Du, Maggid! was gucken deine Augen mir so tief in mein Herz hinein! Und du, Golde Herz, schlägst die Augen nieder! Ich Hab' euch gerufen, daß sich mein Herz soll heut baden in eurer Lieblichkeit, liebherige Kinder!" Und Täubchens Angesicht ward dabei wieder umflossen von dem züchtigen Leuchten der eigenen Lieblichkeit. Nach einer Pause trat Reb Noach zu den Dreien und sprach mit einer festen sichern Sttmme, als wollte er sich selbst ermuntern: „Täubchenlieb, ich Hab' dir die Kinder kommen lassen, daß du sollst mit ihnen fröhlich plaudern, wie es dein Herz begehrt. Vorerst aber laß Golde bei dir bleiben, und ich will mit Vögele meinen Text ganz allein abreden." Er nahm Vögele's Hand. „Laß sie mir noch ein bischen," bat Täubchen und lächelte ihren Liebling an. — Vögele aber raunte ihr -) Psalm 90. 17. der beim Nachtgebet gesprochen wird. . . -S}_1. Samuel.2. 1.. 1. Mos. IS. 1L Seite 5. halblaut zu: „Das ist das Lachen, wonach ich Hab' geblickt in euer Herz hinein, das Lachen, was Gott gemacht hat unserer Aeltermukter Sarah. Nun geh ich mit euern Mann und ruf' euch zu frohlockend: „Ich komm zurück. zu Euch!"5) — und mit heiterm Blick folgte sie Reb Noach in das Nebenzimmer. Hier ließ sich Reb Noach in sein Lehnstuhl am Tisch nieder und zog einen zweiten Stuhl an denselben. „Setz' dich! setz' dich! Du Maggid! ich will mit dir da kurz und scharf reden!" sagte er mit einer Lebhaftigkeit, die mit seinem sonstigen etwas steifen und förmlichen Wesen keineswegs stimmte. „Ich steh gern vor euch!" sagte Vögele mit Ruhe: aber in ihrem Gesichte und in ihren Augen spielte ein ganzes Heer von Plänen und Gedanken durcheinander: und all das regte sich nur noch lebendiger und strahlender, als sie mit einem flüchtigen Blick durch's Fenster den Zempelburger und den Kosminer drüben in der Gasie langsam dahin wandernd bemerkte. „Maggid!" sagte Reb Noach, der ihr Gesicht beobachtete. „Ich meine, du weißt schon alles, was ick, dir zu sagen Hab'." „Ich weiß nur," sagte Vögele mit der ganzen Bewegtheit ihres Wesens, „was ich euch zu sagen Hab', Reb Noach!" Reb Noach schüttelte verwundert den Kopf und sagte: „Nun! gut! red' du!" Vögele aber fuhr mit Sanftheit und Bestimmtheit fort: „Was. ich weiß und euch zu sagen Hab', ist: ich geh nicht ftüher aus cuerm Haus, bis Gott geschickt hat das Heil, daß „jedwedlicher, der es hört, frohlocken wird mit uns°)!" Reb Neoch schlug mit beiden Händen so kräftig aus den Tisch, daß Täubchen und Golde herbeieikteu. „Täubchenlieb!" rief er, „meinst du, ich Hab' dem Maggid gesagt, was ich will und daß der Kreisdoktor auch gesagt hat, wir sollen sie zu uns ins Haus nehmen? So wahr soll Gott — gelobt sei er — uns unser Glück bescheeren, ich Hab' kein Wort gesagt, und sie Hai alles schon gewußt!"; Vögele aber fuhr sanft und heiter fort, als ob sie gar nicht unterbrochen worden wäre: ,^fch werde euch dienen wie eine Magd und an euch tun wie eine Tochter und euer Sorg' tragen wie das Herz von einer Mutier, und ich will lachen durch den ganzen Tag, und ich will sinnen für euch durch die ganze Nacht, lind ich werd' machen, daß die Monate werden hingehen und ihr wie Jakob unser Ahn sagen werdet, sie sind „wie ein paar einzelne Tage!" — Und Golde, meine heilige Golde," hier faßte sie die Hand der Schwester, „sie wird arbeiten daheim doppelt wie sonst, und wird wachen daheim in der Nacht doppelt wie sonst und wird für euch beten zu Gott doppelt wie sonst. Und Gott — gelobt sei er — wird uns alle beisammen erhören, wie er geredet hat: „Und ich werd' begnaden, wen ich lieb habe." „Mer Reb Noach Brall!" fuhr Vögele mir noch sanfterer Stimme fort. „Ich bitt euch! Es hat ausgedacht mein Herz eine gute Sache; darum höret mich 'an, uitd höret mich ganz an, was ich tu* * reden!" Sie hielt inne und lehnte sich an Golde, die, das Hallpt gesenft, neben ihr stand. „Red, red, du hefiger MaggÄ!" sagte Reb Noack. „Täubchenlieb," fügte er nach einer Pause hirizu, „setz du dich da neben mich her; und jetzund red und red nur lustig und red behendig, wie es mein Täubchen hören' mag!" Vögele fühlte, wie ein leises Zittern durch die zarte Seele Golde's zog. Sie blickte auf Täubchen und sah die Rührung ihres ganzen Wesens in ihrem Antlitz, und mit einer leichten Wendung ihres Kopses schüttelte sie plötzlich all die sanfte Feierlichkeit, nnr der sie bisher gesprochen, von sich ab und hob »ach einer Keinen Pause im heitersten Tone ihrer Schalkhaftigkeit also an: „Reb Noach, ich will euch eine Gelehrten-Frage vorlegen: Warum hebt die heilige Schrift Gottes an mit den Worten: „Bereschit", d. h- „Am Anfang" und warum endet sie nicht mit dem Wort „Tachliß?"?) (Sortletzung fülgt.) b) Worte des Engels, welcher Sarah den Muttersegeu verheißt. (1. Mos. 18. 10.) «) 1. Mos. 21. 6. •) Das Wort „Tachtiß" eigentlich „Ende", bedeutet zugleich Zweck, Endzweck oder richtiger noch: #tal* tisches Ziel. In diesem letzter» Simr wird es redeweise am häufigsten gebraucht und muß auch so in.der felgenden Rede Bögeke's verstanden nrerden, die eine „Tachliß-deroschoh", das heißt, einen auf praktische Ziele hinlenkenden Gelehrten-Vortrag. halten will. . . .'

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