Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 7 (15.2.1918)
- Date
- 1918-02-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 _ " Drmsch und ßill» Ktt Einwanderung entsprach stet» Sem tiefsten religiösen Sehnen der jüdischen Volksseele. 2. Die Orthodoxie erwartet, daß die Türkei diesen auf tausendjähriger religiöser Ueberlieferung beruhenden Palästinabestrebungen Betrauen entgegenbringen und der jüdischen Einwanderung nach dem Kriege sowohl bei der Ansiedelung als bei der Entwicklung des religiösen und wirtschaftlichen Lebens im eigenen Staatsinteressc systematische Förderung an gebe ihenlassen wird. Zu diesem Zwecke wurde ein Vollzugsausschuß eingesetzt, um die Vertretung der Orthodoxie nach außen zu übernahmen, der auch „zur Vermeidung jedes Gegeneinanderarbeitens der verschiedenen jüdischen Organisationen unverzüglich in Fühlung mit anderen Organisationen, welche gleiche Ziele verfolgen, zu treten und soweü sachlich möglich eine Veständigung mit ihnen behufs gemeinsamer Arbeit herbeizuführen", zur Aufgabe habe. Wie man sieht, ist es Tatsache geworden, was noch vor kurzem von gar manchen als ausgeschlossen galt. — Wir allerdings haben dies vorausgesehen und vorausgesagt. (Siehe unseren Artikel.) Gewiß könne» noch Rückfälle eintreten, und die folgenden weiteren Taten müßten noch abgewartet werden, allein sowohl die prinzipiellen Erklärungen bezüglich Palästina sowie die praktischen Beschlüsse, die von der unter Ausschluß der Oeffentlichkeit stattgefundenen Versammlung bekanntgegeben wurden, verdienen die größte Beachtung. Und bedenkt man, daß die Zeit und deren nationale Strömungen es sind, die nicht wenig mit zu der neuen Wendung der „Agudah^ beitrugen, so darf man mit Recht erwarten, daß sie auf dem geraden Wege, den sie jetzt einschlug, zum Heile der Orthodoxie weiter schreiten wird, ohne Seiten- und Mcksprünge zu machen. Soweit die Palästinafwge. — Und nun die Stellung der Konferenz zur Frage der nationalen Rechte der jüdischen Minderheiten in den Ländern der Diaspora! ,/Die Judengemeinschaft/' heißt es im Punkt 3 der einstimmig angenommenen Resolution, „fordert den Schutz von Leben und Eigentum sowie Freiheit der geistigen (b..h. soviel wie kulturellen Die Redakt.) und Wirtschaftliehen Entwicklung der Juden den Einzelländer gleich allen Bürgern des betreffenden Staates." In Punkt 4 heißt es: „Die Formulierung der prinzipiellen Forderungen und die Art ihrer Durchführung muß den berufenen Vertretern der Juden der Einzelländer überlassen bleiben." ,^Lie in Punkt 4 enthaltene Entschließung," heißt cs weiter, „bezieht sich insbesondere auf die ausgiebig erörterte Frage der Personalautonomie, die nach Ansicht der Versammlung nicht grundsätzlich, sondern nur gemäß den besonderen Vorbedingungen in jedem Lande gelöst werden kann." Wie man sieht, die Versammlung lehnt nicht die Forderung der östlichen Juden vom nationalen Rechte ab, vielmehr überläßt sie es den dortigen Juden, zu handeln nach ihrem Gutdünken. Auch dies bedeutet einen großen Ruck, nach vorwärts; die Agudah hat sich auch in Sachen der nationalen Autonomie stark gewandelt. Rabbiner Pinchas Kohn, der Vertreter der Agudah in Polen, hat im entgegengesetzten Sinne gewirkt und suchte mit allen, auch unzuläsisgen Mitteln, der polnischen Judenheit seine antinationale Meinung aufzuoktroieven. — Tie positiven Beschlüsse bezüglich Palästina stehen im engen Konnex mit der neu eingenommenen Stellung der Agudah zur Frage der nationalen Rechte der Juden in der Diaspora, bejaht man das erstere, muß man folgerichtig auch das letztere bejahen. ' Und nun sei noch einiges zum ersten Punkt der Resolution, der wie folgt lautet, bemerkt: „Sei ihrer Erhebung zur Volksgemeinschaft hat Gott der Judenheit, deren Existenzberechtigung, Ideale und Ziele lediglich in der Religion verankert sind, sowie jedem einzelnen Juden für alle Zeiten die treue Erfüllung des offenbarten Gesetzes zur Pflicht gemacht. Wlf dieser gemeinsamen Pflicht beruht das Band gegenseitiger Verantwortung, das die Juden umschlingt." Tiefer Satz bürgt trotz seiner harmlosen Formulierung große Gefahren für die Einheit des jüdischen Volkes in sich, er zerschlägt das Haus Israel in Stücke, sondert davon einen Dell ab und stempelt ihn allein zum Beith- Jisrael. Bis jetzt hieß es: ,Kol Jisroel arewim se böse" alle Israeliten befinden sich in gegenseitiger Verantwortung (siühe Sanhedrin Seite 27, Schowuaus S. 39, Sisro Abschnitt Bechukausai, Mechllto Abschnitt Jisrau und Wajikro rckbo Abschnitt 4 und auch Jalkut). Bis setzt hieß es in Megilah Seite 13: ,ßol hakaufer beawaudoh soro, nikro Jehudi", Ein jeder, der die Götzenmacht verdammt, Jröfc Zud« genannt. Unk laut den Traktaten Kednschin 'Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Skr. 7. S. 40, Chulin G. 6, EchownanS S. 29, Redorim S. 2ö, HaurijauS D. 8wird derjenige, der das D asein fremder Götter leugnet, als einer, der die gesamte Thora akzeptiert, angesehen („Hakaufer Beawaudoh soroh, kemaude bechoh Hathoro kulo"). Also bis jetzt genügte für die Zugehörigkeit zum Judentum dasbloßeLeugnen fremderGottHerten — uyd nun dekreditierte die Konferenz der Agudah, daß nur die treue Erfüllung des offenbarten Gesetzes die Zugehörigkeit zum Verband Israels bedingt; nur auf der gemeinsamen Pflicht zur Beobachtung deS Gesetzes beruhte „das Band gegenseitiger Verantwortung das die Juden umschlingt." Mit diesem Dekret werden kurzer Hand Millionen, wird sogar vielkicht das Gros des jüdischen Volkes aus dem jüdischen Verband gewiesen! Doch für uns, sowie für alle Gesetzestreuen Juden galt und gilt nur der Ausspruch des Talmuds, kein anderer!, auch nicht, wenn er von „den orthodoxen Organisationen im Gebiete der Mittelmächte" kommt! Üebrigens hegen wir starke Zweifel, ob die östlichen Rabbiner sich der Tragweite dieses Satzes bewußt waren, und ob sie nicht ihre sprachliche Ungeläufigkeit irreführte. Gewiß ist der Kern der jüdischen Lehre gleich dem Wesen unseres Gottes sittlich. Ebenso ist es gewiß, daß, die jüdische Volksseele sittlich verankert ist. Das ändert aber nichts daran, daß es zu allen Zeiten im Israel Männer anderer Art und anderer Gesinnung gegeben hat und geben wird, und zwar in nicht geringer Zahl. Aber selbst für diese, sofern sie Käufer Beawaudo soro" sind, gibt es Platz im Israel! Fraglos ist cs das gute Recht der „Agudah", Forderungen bezüglich Einhaltung des Gesetzes zu stellen; auch steht es ihr zu, Männer, die das Gesetz nicht beobachten, aus ihrer Mitte zu verweisen. Aber sie ist keineswegs befugt, Traditionslose aus dem Verband des Judentums zu stoßen. Es ist bedauerlich, daß die Agudah mit der einen Hand wieder nimmt, was sie mit der andern gibt, und dabei merkte sie nicht, wie unkonsequent es ist, von einer jüdischen Volksseele und einer jüdischen Gesamtheit im weiteren Sinne, mit der man zusammen zur Erwerbung Palästinas arbeften will, zu sprechen und gleichzeitig die nichttraditionellen Juden als außerhalb des Judentums stehend zu erklären! — Wir hoffen jedoch, daß nach und nach die Agudah den richtigen Weg finben wird, wie er ihrem Schöpfer Louis Feist s. A., dessen Jahrzeit am 1. War zum fünften Male sich jährte, vorschweLte. Es gab Zeiten — und dies ist noch nicht lange her —, da die Agudah selbst die Gemeiitdevrthodoxen als nicht vollwertig betrachtet; wenn sie also jetzt alle Gesetzestreuen als zum jüdischen Verband gehörend betrachtet, so bedeutet dies einen wesentlichen Fortschritt. Verewigung Mischer Organisationen Deutschlands zur Wahrung der Rechte der Jude» des Ostens. Rach langen eingehenden Verhandlungen kam auf Grund gemeinsam festgelegter Richtlinien, die für die Behandlung jüdischer Angelegenheiten maßgebend sein sollen, eine Vereinbarung zustande, nach der die großen jüdischen Organisationen Deutschlands aller Richtungen sich zusammenschlichen zu einer Vereinigung unter dem Namen »^Vereinigung jüdischer Organisationen Deutschlands zur Wahrung der buchte der Juden des Ostens." §n dieser Vereinigung sind bisher vertreten: - entralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens. 2. Deutsche Bereinigung für die Interessen der osteuropäischen Juden. 3. Deutsch-Israelitischer Gemeindebund. 4. Großloge für Deutschland. S. Hilfskomitee für die notleidenden osteuropäischen Juden, Frankfurt a. M. 6. Hilssverein der Deutschen Juden. 7. Komitee für den Osten. 8. Verband der deutschen Juden. S. Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland. 10. Zionistische Vereinigung für Deutschland. Zum Vorsitzenden wurde gewählt: Dr. JameS Simon, zu stellvertretenden Vorsitzenden: Geh. Justizrat Oskar Cassel, M. d. Ä. und Prof. Dr. Franz Oppenheimer, zum Schatzmeister: Direktor Paul Mankiewitz, zu ehrenamtlichen Geschäftsführern: Dr. Arthur Hantke und Dr. Paul Nathan, zu ehrenamtlichen Sekretären: Dr. Bernhard Kahn und Richard Licht heim. Das Büro befindet sich Potsdamerstraße 41a. IL Stock. Die Bereinigung hat sich vor allem die Aufgabe gestellt, den Standpunkt der deutschen Juden gegenüber den jüdischen Problemen im Osten und im Orient gemeinsam vor den in Betracht kommenden Instanzen schon während der Dauer des Krieges und dann bei den Frieoensverhandlungen zu vertreten. Es ist in Aussicht genommen, auf die Gründung verwandter Organisationen in Oesterreich- Ungarn, dar Türkei, Bulgarien hinzuwivken, so daß durch ein« Verständigung dieser Organisationen untereinander, alsdann die jüdischen Fragen, die durch den .Krieg ausgeworfen worden sind, in einheitlicher Weise seitens aller Juden der Mittelmächte behandelt werden können. Mit den Organisationen, die bisher noch nicht formell angcglicdert sind, sind Verhandlungen über einen Zusainmcnschluß mit guten Aussichten auf einen Erfolg im Gange. Tie Beratungen, in welcher Weise die neue Vereinigung mit dem eben gebildeten „Vollzugsausschuß der jüdischorthodoxen Organisationen der Mitielmächte" znsamm.enarbeiten kann, sind noch nicht abgeschlossen. Die Richtlinien für die Behandlung der Judenfrage im Osten und im vttomanischc» Reiche, ans Grund deren der Zusammenschluß erfolgt ist, lauten folgendermaßen: 1. Rechtliche und tatsächliche Gleichberechtigung mit allen Rechte» und Pflichten als Staatsbürger. 2. Freiheit der Neligionsübnng. 3. Recht und Pflege selbständiger jüdischer Kultur. 4. Recht auf fteie Einwanderung und wirtschaftliche Betätigung in allen Teilen des osmanischen Reiches. 5. Recht auf freie Niederlassung und. Pflege selbständiger jüdischer Kultur in Palästina. Ans der Wett der LhsMinr. Bon Chaim Bloch, Delattzn (bzt. im k. n. k. Heere). G-rtsttzung.) Die bemerkenswertesten Grundlinien seiner Anschauungen laufen parallel mit den Anschauungeil der altjüdischcn Religionsphilosophen und Kabbalisten wie Räbbenu Saadje Gaon (892—942), Rabbenu Bachja Jbn Pakuda, Verfasser des Buches „Herzenspsiichten" (lebte im 11. Jahrhundert), Rabbi Moses Cordovero (1522—1570) und des »nter den Kabbalisten als „Löwen" bekannten Rabbi Jsak Lurjc. Baalschem war ihnen geisteSverioandt, von gleichem Drange beseelt, von derselben Verkündigung ersüllt. Und, obwohl die Begriffe jener vier Gcisteshelden in vielen Dingen entschieden nicht synonymisch erscheinen, wurden sie von Baalschem unabsichtlich — es heißt, daß er die Werke der beiden Erstgenannten nie vor Augen gehabt hat — in Einklang gebracht und verbinden sich in ihm zur harinonischen Einheit. - Tie einzige Ansicht vom Wesen Gottes, die für den Naturforscher möglich ist, daß Gott nicht als transzendent der Natur gegenüberstehcnd, sondern auch immanent in der Natur wirkt, der Pantheismus Spinozas und Goethes tritt beim „Naturnrenschen" Baalschem deutlich hervor. - Gott ist das Wesen jedes Tinges, unendlich, „Ln sof“. Was wir schauen, wohin wir schauen, Tier, Pflanze, Luft und Planet, überall schauen wir seine Herrlichkeit. Er ist der Herr des Weltalls, die Welt ist das Aenßere, das Kleid Gottes, die göttliche Allgegenwart. Er ist einzig und kein Zweiter ist mit ihm zu vergleichen. Er ist ein unendliches Wesen, das keine Zeit beschrankt. Die ganze Welt ist voll seiner Glorie, er vereinigt in seinem Wesen den Erfinder und den Werkmeister, er lebt in der Natur wie der Geist des Erfinders und des Anfertigers in jeder Maschine. Dieser Lehrbegriff der Kabbala würde von Rabbi Moses Cordevaro in seinem gewaltigen Werke „Paradies" in ein System gebracht. Er stellte die Lehre auf von der Selbstbeschränkung Gottes, des Weltenherrn, zugunsten der Welt, vom ,,Sod hazumzum", eine Anschauung, die auch in der jüdischen Religionsphilosophie ihre Vertreter hat und sich in der Problemlösung zwischen Gott und Natur in der Tatsache ausdrückt, daß das Wort „Elokini" (Gott) den Buchstabenzahlenwert des Wortes „Hatewa" (Natur) hat. Nicht nur Gott wirkt auf den Menschen, sondern der Mensch kann auch auf Gottes Ratschlüsse einwirken, diese verursachen oder vereiteln. Denn es heißt in Talmud: „Gott verhängt Böses über die Juden; — doch es kommen die Gerechten und vereiteln es." Oder: „Der Gerechte befiehlt und Gott befolgt." Die Höchstaufgabe des Menschen ist der Hang an Gott, in Gott zu leben, alle Handlungen und Gedanken ausihn zu richten, ihn in allen Dingen zu suchen, in allen irdischen Erscheinungen Gottes Krast zu fühlen und seine Gedanken von allen unvollkommenen und zufälligen Dingen zu Gott zu erheben. 2 Hervorstechend in der Lehre Baalschems ist sein Optimismus. Es gibt nichts Böses, denn alles kommt von Gott, „und von ihm kommt kein Böses." Was er in seiner Weisheit tut, ist gut. Er kennt alle unsere Geheimnisse!, er schaut beim Beginn den Ausgang der Sache, daher enthält auch das Böse Gutes, und sicherlich hätte Gott den Menschen das Geheimnis dieses Bösen eröffnet, wenn mit dieser Eröffnung irgendein Vorteil für den Menschen verbunden wäre. — Das Vertrauen des Menschen zu Gott darf nicht darauf gerichtet sein, daß es ihm gut gehen werde, sondern, daß es sinnvoll ist zu leben, auch wenn man leidet. Denn, was weiß der Span, der wegfliegt, welch ein Werk der Bildner machen will? Das höchste giel, nach dem der Mensch streben soll, ist die schrankeirife Hingebung in den Willen Gottes. Mcht das Thora- und Talmudstudüün an und für sich ist wichtig, sondern die Art des Studiums. Die Handlung bleibt leer und unfruchtbar, ein Körper ohne Seele, wenn sie nicht von Inbrunst und heiligem Feuer getrieben wird. Das Studium der Thora muß Herzenssache sein. „Rachmuna libe bue" Gott fordert die Hingabe des Herzens, nickt aber ein Studium als Mittel, um durch erworbene Gelehrsamkeit zu prunken, Amt, Würde und Einkommen zu erlangen. Ein individuelles Studium für sich bettachtete Baalschem als Enüveihung der Heiligkeit. Ws man ihm einmal das Wort Raw Jehudas im Namen deS Raw: „Es ist auch gut, wenn der Mensch sich mit der Thora und mtt frommen Werken zunächst nicht um»der Sache selbst willen beschäftigt, denn er gewöhnt sich dadurch, alle» de» guten «ach» wegen pr tun" (Nasi»