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Neue jüdische Presse · 1918-02-15 · Heft 7 (15.2.1918) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 7 (15.2.1918)
Date
1918-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
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t Erscheint wöchentlich am Freitag. KeniSSpreis pro jlirrtetjochr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.LÜ frei inS Haus. Bei der Post abonniert Mk. 185, frei ins Haus 4 Psg. pro Monat mehr. — Bei Zusendung durch Streifband für Deutschland und Oesterreich-Ungarn M l.2.— für alle übrigen Länder Mk. 2.5V Einzel - Nummern kosten IL Pfg. AedaKtisn und GLpeditimr: Franlifiirt a. M. rr Cattgeffr. 7. Fernsprecher Amt Hansa 2903. HeraitsgeV-r: Katg Geis. Insert ionspreis für die sechsgespaltene Petitzeile 8ü Psg., für die Reklamezeile Mk.1.—. Bei Wiederholungen entsprechender Rabatt. Platz- und Datum-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Annoncen-Annahme bei der Exped. und ina-Annoncen-BureauS. Konto bei dem Postscheckamt in Frankfurt a. M. unter Nr. 4864. k ir « r 16. Aatzrs«»r. Freitag» de« 3. Mar 3678 (13. Februar 1918) Rr. 7. mss^ssssssssas Zwei zeitgeurStze Betrachtungen. In den.„Gesammelten Schriften" von Samson Raphael Hirsch (Frankfurt a. M, I. Kauffmann), deren Neudruck dringend wünschenswert wäre, begegnen wir einem vor über einem halben Jahrhundert erschienenen Aufsatz, in dein sich dieser Geistesriese mit der damaligen Gegenwart in seiner ernsten, gedankenschweren Art aüseinandersetzt. Es heißt darin u. a.: „In welche trostarme Zeit versetzt uns der Eingang dieses Prophetenworts: Nicht im Menschenkreise mehr, aus dein Menschenkreise hinaus haben die Engel des Friedens ihren Sehnsuchtsrus, Gott zu schauen, gerufen und sitzen nun wieder und weinen: Sie haben darauf verzichtet, im Menschenkreise nach Gott zu schauen. Wo Gott wohnt, wohnt die.Freude, und im Menschenkreise wohnt der Jammer/ Wo Gott wohnt, wohnt der Friede, und im Menschenkreise wohnt der Streit. Wo Gott wohnt, wohnt das Heil und das Leben, wohnt die Blüte und der Regen, und iin Menschenkreise wohnt das Elend und der Tod, wohnt oie Verkümmerung und die Verödung. Sie sind von Gott gesendet, das Wort und das Werk des Friedens zu bringen; aber die Menschenerde ist keine Stätte mehr für ihre Sendung. Das' mit so vielem Geist und so vieler Kraft angestrebte Ziel des gesteigerten Verkehrs, der alls eiligsten Verbindung, des lebendigsten Austausches der Güter und Leistungen und des his zur höchsten Blüte ausgebeuteten Reichtums der Natur ist gescheitert. Die Verkehrsbahnen liegen öde, einer komnit nicht mehr zum anderen. Städte liegen im Verfall, und dieNatur, die den Menschen .tragende und nährende Erde, die mit so vieler Einsicht und Umsicht, mit so vielem Fleiß und so vieler Kraft im Dienste der Menschen angestrengte Erde, bis in ihre entferntesten, entlegensten Winkel liegt sie zerknickt,- versagt sie den Dienst, hat sic Kraft zur Blüte und zum Segen eingebüßt. ' Und woher dieses alles? Ist die Welt gealtert? Steht sie im Stadium ihrer Grabeslegung? Ist überhaupt der Fluch von außen gekommen, daß eine feindliche, äußere, dämonische Macht,- die das Lachen und die Freude haßt und sich nur an dem Jammer und der Träne weidet, sich dem Gedeihen und der Blüte der Menschen entgegenstemmt,-welcher vergebens der.Mensch mit all seinen. Erfindungen und Anstrengungen entgcgcnarbeitet und die so die erträumte Herrlichkeit des Menschen zum trostlosen Gelächter macht? Ist es das? Es ist es n i ch t! Es ist der Mensch, der das Bündnis mit dem Menschenheil und dem Natursegen zerrissen, .es ist der Mensch, der sein eigenesStädteglück verworfen, es jst der Mensch, der, indem .er sittlich gesunken, indem er „Enosch" wurde, sich gedankenlos dies alles: verscherzt. Er meinte sein Glück zu sichern, indem er die Welt eroberte und vergaß, daß er sein Glück preisgibt, indem er sich selbst verliert. Er vergaß, daß nicht von außen herein, daß nur von innen heraus'das Menschenheil begründet wird und/ daß . „sittlich, sein" nicht ein luxuriöses Letztes, sondern das Erste, Unerläßliche,- Unersetzliche sei. Er vergaß, daß keine physische, mechanische, daß eine sittliche Ordnung die Welt, der Menschen Welt regiere und daß die Blüte der Menschheit nicht ein Produkt der. Natur, Laß vielmehr die Blüte der Natur ein -Produkte der Blüte - der Menschheit sei. . . Der Rausch ' des. Menschen Muß sich, ausivben/. sein Traum der .- absol u i e n ^MenschenherrlichM durchträumt werden, bevor auch nur ein Strahl aufdämmernden Menschheitsbewußtseins seine Stätte findet. So lange der Mensch auch nur an einem Spinnefaden den Traum weiter anknüpfen konnte, als vermöge er — ohne sittliche Unterordnung seines ganzen Wesens und Strebens unter Gott — sich auf eigene materielle Füße zu stellen, als sei .seine Hoheit die absolute, höchste über die Erde, und als habe er nicht nur Lehnsträger und Diener eines Höheren,zu sein — so lange mögen die Engel des Friedens ihre Gottessehnsucht aus dem Kreise der Menschenerde hinaus-' weinen — auf dieser ganzen, von dem sich selbst vergötternden Traum.der absoluten Menschenhöheit durch und durch erfüllten Menschenerde ist keilt Raum für die Herrlichkeit des Alleinen und sein Reich. ... . . . und es gehört die ganze schmerzensreiche Erfahrung vergeblicher Jahrtausend« dazu, die Menschheit zum Bewußtsein zu bringen, daß nicht Sonnenschein und Regen, nicht Wind und Wetter der Geschicke, daß von innen heraus, daß ihr eigener Geist, daß das verkehrte Prinzip, die verkehrte Richtung cs ist, an dem, lvie am Feuer, die Stroh- und Stoppelideale des Menschenbeginnens zu Schanden werden. Ganze Völker, die im Glorienscheine mit klingendem Spiele über die Bühne der Zeiten gewandelt, sinken, untergehend, zur Bedeutung des Kalkes für den künftigen Gottesbau auf Irden zusammen. . . ." * Im neuesten Heft des von uns . bereits öfters warm empfohlenen .führenden Organs des geistigen Deutschlands, der „Deutschen Rundschau" (Berlin, Gebrüder Paesel (Dr. Georg P a e s e fl), das wiederum eine Fülle von tiefdurchdachten, feingegliederten und scharf betrachtenden' Beiträgen enthält, veröffentlicht Wilh. Schäfer, der seit seinem gleichfalls in der „Deutschen Rundschau" zuerst erschienenen, Pestalozzi behandelnden Roman „Lebenstag eines Menscbenfreundes" zu den anerkannten deutschen Erzählern gerechnet wird, einen ergreifenden, von hohem sittlichen Ernst getragenen „Lebensabr i ß", dem wir folgende, der jetzigen Gegenwart gewidmete Stellen entnehmen: „Ich habe diesen Krieg von Anfang an als ein grenzenloses Unglück betrachtet; und wenn ich auch den Schrei der Erlösung, verstand, mit dem die Volksseele aus einem ihr unerträglich gewordenen Dasein hinauszog in die Entscheidung: ich habe niemals geglaubt, daß diese Entscheidung auf den Schlachtfeldern fallen könne ... ich sehe in diesem Weltkrieg den Zusammenbruch der Zivilisation, darin der unselige Menschengeist seinen Hochmut zu vollenden glaubte. Wir hörten darin zwar viel von. der Kultur, sprechen — jeder läuft dem nach, was ihm mangelt —, aber darum war sie dem europäischen Geist vielleicht ferner alsin. der Zeit, .die nun ihr fürchterliches Ende findet. Wie ich meinen Pestalozzi sagen lasse, kann Kultur nur da sein, wo das Gewissen des Einzelnen sich zur sittlichen Persönlichkeit durchfindet und wo. die Gesellschaft zur Gemeinschaft solcher Persönlich leiten wird. Ob eine solche Gemeinschaft nicht nur ein schöner Traum sei, das ist die bekannte — und bequeme — Frage des Zweiflers; jedenfalls stand ihr das Mittelalter näher als die moderne Zivilisation trotz all ihrer gerühmten Fortschritte der - Technik und Vernunft. In ihrem eifrigen - Bildungsbetrieb war der gebildete Mensch im Sinne bei: Üuttur selten;' der schreiende 'Gegensatz von Aberglauben und Werwissen, auf dem ihre Bildung stand, wurde allein überdeckt durch die tausend Brücken, die das Geschäft dem Vergnügen gebaut hatte. Es war noch in den Tagen der ersten Siegesnachrichten, als ich in den mir herzlich vertrauten Chorälen Bachscher Bearbeitung das Lutherlied aufschlug: wie ich da an die Worte kam: „Nehmen sic nns den Leib, Gut, Ehr, Kind, Weib» laß fahren dahin! Sie Habens kein Gewinndas Reich muß uns doch bleiben!" erstickte mir Klang unL Stimme. Wo ist unser Reich? fragte eine Klage mein Gewissen, und ich konnte ihm -keine Amwort geben. Seitdem habe ich den-Kreislauf von Ursache, Veranlassung und Wirkung dieses Krieges abirren müssen bis zur Verzweiflung, um zuletzt innner wieder an die Frage der - eigenen Verantwortung und Schuld zu kommen. Es scheint eine grenzenlose Ueberhebung, daß der Einzelne sich an diesem Weltbrandeine Schuld beimessen will: aber wenn mein Pestalozzi die Wahrheit sagt — und ich vermag .kein anderes Bekenntnis für das zu finden, was wir Kultur, also den Jdealzustand menschlicher Gemeinschaft nennen — so muß es an ihrer Grundlage gefehlt haben, an der sittlichen Persönlichkeit, also bei mir: demr wo anders sollte ich die Persönlichkeit suchen können! . . . Bin ich, .der Dichter, nicht auch in der Zivilisation befangen gewesen, habe ich den Tanz um das goldene Kalb nicht mitgemacht. Las heißt, wenn ich auch wenig von dem Gold des Kalbes sah, war ich nicht beim Tanz? . . . Ich weiß es nur zu gut, was ich mir als Berufung auslegte in diesen schweren Jahren, es könnte mehr sein, als meiner Begabung erreichbar ist; aber wird dies nicht unser aller Schicksal sein, wenn wir an den Wiederaufbau unsercs Daseins gehen? Ich habe mir's nicht ausgeöacht, es ist im Sturmwind auf mich gefallen, was es für das Volk der Juden bedeutet hat, in den Büchern — die wir Christen das Alle Testament nennen — neben seiner religiösen Offenbarung und dem Nationalschatz .seiner Dichtung noch eine wortgcwordene Geschichte seiner Herkunft zu besitzen." Kurze Bemerkuuseu zur Fraukfarter Tagung der orth. Orgauisattoueu im Gebiete der Mittelmächte. Fraglos sind dir Ergebnisse dieser Tagung erfreuliche! Zum erstenmal sprachen Agudah-Männex von einer jüdischen Volksgemeinschaft; zum erstenmal von einer jüdischen „Volksseele"; zum erstenmal von einer jüdischen Gesamtheit im buchstäblichen Sinne und zum erstenmal aber auch von tausendjährigen Palästinabestrebungen der Judenheit. Tie vermeintlich abgesplitterten Glieder des jüdischen Volkes haben sich wieder gefunden, der zerrissene Faden mit dem tausendjährigen Martyrium der Ahnen und deren felsenfesten Hoffnungen wurde wieder aufoefangen und an ihm angeknüpft, und so wurden auch Beschlüsse im Sinne der jüdischen Vergangenheit und Zukunftshoffnungen gesagt, die folgendermaßen lauten: 1. Die Orthodoxie erblickt — unter verbrüchlichem Fest- Halten an den messianischen Zionstzoffnungen der Judenheit zu allen Zeiten in der Besiedelung, des heiligen Landes durch Juden die Erfüllung einer im Religionsgesetz begründeten Pflicht, deren möglichst ungehinderte und umfassende Ausführung zu sichern, Aufgabe der jüdischen Gesamtheit ist.

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