Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 6 (8.2.1918)
- Date
- 1918-02-08
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6.___~ Auch die Liebe widersteht dem allgemeinen Zauber nicht ganz. Sie Wüst nicht, aber sie träumet, wie es dann von ihr im hohen Liede heißt: „Ich schlafe, aber es wacht mein Herz!" — Begreift ihr den lieben Vers nicht, o so habt ihr nimmer geschlafen mit wachem Herzen, so habt chr nie geliebt, nie geträumt! Wollet ihr aber den Sinn fassen, so sehet zwei Traumgebilde! Der Zempelburger sitzt im Stuhl. Er hat um Golde, die neben ihm steht, den Arm geschlungen. Sie aber, sic lehnt nur leicht an seine Schulter, sie steht so sicher, so vertrauend und doch so gehoben, als wäre der Vers nur auf sie gedichtet: „Wer ist .sie, die emporstcigt aus der Wüste, lehnend an den Geliebten?" Und Vögele? — Sie spricht nicht; auch nicht ein einzig Wort! Sie sitzt im Stuhl am niedrigen Fenster, und auf einem Bänkchen zu ihren Füßen ruht, liegt der Kosminer, den, Kopf an ihren Schoß gelehnt. Ihre Hände kühlen sein glühend Angesicht, und die Finger wühlen zuwellen in seinen Löckchen! Die Augen beider hangen aneinander. Es spricht das seine: „Du hast mich enthebt mit einem deiner Blicke"; und das ihre erwidert: „O, lege mich wie einen Siegelring an dein Herz, wie einen Siegelring an deinen Arm! Denn gewaltig wie der Too ist die Liebe!" Auch der gute Reb Chaim sieht auf einen Augenblick das Traumgebilde. Er erhebt das Haupt von seinem Sch'loh hackodausch, rückt sich sein Käppelchen zurecht, wundert sich, wie doch der Wronker Vorsänger so merkwürdige Aehnlichkeit hat mit dem Zempelburger, und noch mehr, wie die Wronker Rabbinenftau dem Kosminer Bachur ähnlich sieht; aber sein Kopf sinkt wieder auf den Sch'loh hackodausch nieder. — Schlafe ruhig, du alter guter Freund! Uebcr deinen Kindern wacht die Seelenreinhcll, der Väter Tugend, der Mütter Sllte. Die K'hllla schläft, denn es ist Sabbat-Nachmittag; nur der gute Wachtmeister, das Auge der Obrigkeit, wacht. Er geht jetzt über die vollkommen einsame Gasse, um seines Amtes willen. Er muß den Schulllopfcr wecken, well es Zeit ist, daß er zum Nachmittagsgebct ruft. Die K'hllla wacht! Und daß sie wacht, das zeigt erst das rege Leben im ganzen Städtchen nach dem Webet! ‘ j i i i i Erschütternd ist es, wenn ein gemeinsames Mißgeschick der Massen in gemeinsamen Impulsen bewegt; erhebend ist es, wemr in gemeinsamen Geschicken ein gemeinsamer Mut die Massen belebt; und was die Gemeinsamkeit in solchen Zellen, nach solcher gelehrten Predigt und & solcher K'hllla zu leisten vermag, das bewies die Einmütigkeit dieser frommen Masse, die nach dem Gebet wie ein Mann spazieren ging. Elender Kerkow, di? hast die Einhell der Häuser, der Mauer, des Tores, des Eiruws zertrümmert; die Einheit der Seelen spottet dein! Du triumphierst über Tabaksdosen, die daheim bleiben müssen; die Schnupftücher ftber sind einmütig jetzt und sprechen, ein Glaubensgurt um jede Lende, deinem Frevel Hohn!' „Die Schlange hat ihn schon gebissen!" So lautete ein Gerücht von Kerkows Haus her. Aber es war nur ei» Gerücht. Als die verzweigten Ströme der Spaziergänger sich vor dem Hause Kerkows sammelten, ergab es sich, daß es noch keineswegs so weit mll ihm sei. Es war weder im Haus, noch im Hof, noch in seinem Garten ctloas von ihm zu fircken. Aber der gute Wachrmeifter hatte ein beschriebenes Blatt in der Hmid, das Kerkow an ihn gerichtet hatte, und das er der versammelten Gemeinde vorlas, nur von Leeser Schlapps Bemerknngen unterbrochen, die sich wie ein vorzüglicher Kommentar sehr enge dem Text des Schreibens anschlossen. Das Schriftstück von Kerkow lautete: „Wachtmeister, ich wlll nicht mehr unter den Juden leben!" ' „Mag er umkommen unter den Gojinr", bemerlle Leeser Schlapp. „Ich bin erst siebenundzwanzig Jahr alt." „Nimmer älter soll er werden!" paraphrasierte Lrcser. „Ich wand're aus!" „Laß' er gehn zu der Schlang', dann braucht sie nicht in die K'hllla hereinzukommen!" „Ich Witt nicht mehr Grobschmicd, auch nicht Schlosser, auch nicht Uhrmacher sein, ich will noch was ganz anders werden." „Ein schönes Sühnopfer kann er lverden!" frankfurter UraelltWes Famüienblatt. „In England baut man einen Wagen mit einem Schornstein, wo man kein Pferd zu braucht. Das muß ich auch leimen!" „Auf Hexerei will er sich auch noch legen." „Verkauft mein Haus an die K'hllla für 150 Taler, dann könnt ihr euch zehn Taler behalten und schickt mir das übrige, wohin ich euch schreiben werde." „Schickt's ihm in die Hölle." „Sagt der K'hllla, ich bin gar nicht so boshaft. Lebt wohl, euer Kerkow." „Ausgelöscht werde sein Name!" schloß Leeser. „Ich meine," schrie er, „die Schlang' hat ihm schon einen Biß gegeben! Davon ist er verrückt geworden und läuft in alle wilde Wälder, Ivo die bösen Geister und die Schlangen wohnen!" Auf diesen Ansspruch Lccsers gründete sich das Gerücht, daß Kerkow schon den ersten Schlangenbiß fort habe; wir wollen vorgreifend nur erwähnen, daß das Geschick eine edlere Rache an ihm nahm. Kerkows Hand war verurteilt, tausendfach gut zu machen, was sie verbrochen! — Er ging in die Welt, wurde wirklich Lokomoüvführer, später warf er sich auf die Mechanik und jetzt — baut er Telegraphenleitungen, Stangen mit Drähten, — lauter, lauter Eiruws durch die ganze Welt! Die untergehende Sabbatsonne sah der Spaziergänger sehr viele. Unter diesen wandelten auch Golde und Bögele Arm in Arm in ttefem Gespräch; und fern von beiden der Zempelburger und der Kosmincr in ciftiger Unterhaltung. „Golde, Herz," sagte Vögele in ihrer Lebhafttgkell, „ein Stück von ineinem Leben schenkte ich daruni, wenn ich deine fromme Ruhe hätte! Sieh' nur, in mir flackert's immerfort. Ich möcht' immer und immer wissen, was er denkt und was er sagt und was er da so mit seinem Händchen beweist und über was er da so disputiert mit seinem Köpfchen und mit seinen Löckchen und mit seinem blitzenden Verstand. — Warum ist dir gar nicht so?" „Ich weiß nicht!" sagte Golde träumerisch vor sich hin. „Ich meine immer, daß ich ihn lieber Hab'» wenn ich gar nicht all' die Gelehrsamkeit fassen kann, die so ein feiner Bachur hcrauslernt ans all' den guten Büchern." „Lieber?!" fuhr Vögele auf, „lieber haben, was ich nicht versteh'?! Sieh', Golde, wenn ich nicht wüßte, wie du deinen Zempelburger mit deinen ganzen frommen Herzen und mit deiner ganzen guten Seele lieb hast, ich möcht's gar nicht glauben. Ich kann gar nicht lieb haben, was ich nicht ganz klar seh' und hör' und weiß und Hab'! Dann ist cs doch gar nicht so mein, mein! so ganz mein!" Und hierbei preßte Bögele ihre Hand voll Leidenschaft an ihren Busen. Golde schwieg eine ganze Weile, dann aber sprach sie, so ruhig und so hold, als ob die heftigste Liebe in ihr nie zur Leidenschaft werden könnte: „Vögelchen, mein Herz, verstehst du denn unfern lieben Gott in sein ein siebenten Himmel und all' sein Werk in der Höhe und in der Tiefe, kann ihn denn ein Auge sehen, und ein Ohr höre» und sein Verstand messen; und doch haben wir ihn so lieb und so ganz lieb und sagen alltäglich im Gebet, das ist mein Gott, der da ist mein' und meine Seele ist sein!" Vögele - Acmd betroffen und still und nötigte die Schwester ebenfalls, im Gang anzuhalten. Dan» zog sie dieselbe bei Seite, wo kein Auge die Schwestern beobachten konnte, und hier siel Vögele der Schwester um den Hals und küßte sie und weinte an ihrenr Herzen. „Golde, mein Herz!" rief sie, „hör' zu, was ich dir sag'. Du bist schöner als ich! Das weiß die Welt! Du bist besser als ich; das Hab' ich immer gewußt! Dü bist aber auch llüger als ich! Davon kann ich sagen wie Abraham unser Ahn: „Siehe, nun erst weiß ich es!" „Ich weiß es nicht, liebe Schwester!" sagte Goloe. Es war in ihrem Wesen nicht, ihren Wert gegen den anderer zu messen. Vögele aber fuhr bewegt fort: „Deine Seele ist wie dein Nanie, wie Gold so rein, so fest und so weich und so ohne Sprenkelchen Falsch. — Ich, meine gute Schwester, meine Seele ist nur ein Vögelchen, das fliegt auf, einmal in die Sonne und einmal in den Schatten und auf einen Baum und an ein Wasser und springt ein Bischen und singt ein Bischen und guckt in sein Nest und guckt in die Welt, bis es flattert mitten in ein Netz hinein, wo es fest sitzt und gar nicht ab kann. — Ach, frommes Golde Herz, fass' nur da her, und sieh', wie das da flattert- und gar nicht ruhen will!" Nr. 8. Das arme Kind! Sie preßte die-Hand der Schwester an ihr pochendes Heiz! Golde wurde fast beängstigt von dem Wogen, das ihre Hand fühlte, dann aber sah sie wieder ruhigen Blickes in das Auge Vögeles und sagte: „Schalkhafttg Vögelchen! Schmähe dich doch nicht! Bleib nur, wie Gott,' gelobt sei er, dich gemacht hat, und du bist viel, viel besser, wie du meinst und wie du sagst." Und so ist es auch! Anderer Art war das Gespräch zwischen dem Zempelburger und dem Kosminer. „Mich", sagte der Zempelburger, „treibt es fort aus der K'hllla und. aus der Talmudschule, ich will ein ordentlicher Lehrer werden, mein Examen ordentlich machen und meine Golde heimführen, um der frommen Seele ein Leben in der Sttlle zu bereiten, wie sie es verdient. Sie wird beglückt werden, und ich bin es!" „Und ich" — sagte der Kosminer — „ich ringe mit mir, und weiß gar nicht, wie ich solch' ein Wesen verdienen soll. Ich möcht' ein Stück der Welt erobern, um es ihr zu geben. Nicht lernen mehr möchte ich!" rief er voll Leidenschaft, „und wenn ich die gesamte Gelehrtheit habe, ich bin doch nicht, was sie ist. Tun, schassen muß ich etwas, was ihr Herz erfaßt und was sie hinstellt so frei und so ganz vor alle Welt, wie sie es verdient!" (Fortsetzung folgt.) Der Sabbath iu Wilua. In eiilcm Feuilleton „Das Ghetto von Wilna", (Breslauer Ztg.), von Fritz Ernst Buffauer wird der Sabbatheintritt geschildert: Man must an „Bühne und Theater" denken, wenn am Freitag die Sonne sinkt und mit einem Schlage Kinder und Körbe, Menschen.und Dinge von den bis an den Rand gefüllten Gaffen verschwinden, wenn das heiligste Gesetz der Sabbathruhc für vicrundzwanzig Stunden alle weltliche» Gebote außer Kurs seht. Dann flamincn hinter den blinden Fcnsleraugen der Häuser die Kerzen' auf, Spitzen und Silber blicken uns an, tvenn tvir, stehenbleibend, hineinschauen, und Greife biblischen Alters und biblischer Würde sammeln die Jungen um sich zur Zwiesprache mit ihren« Gott. Ist der Schabbvs ein besonders hoher Feiertag, dann gibt Kantor Hrrschmann dem Gottesdienst, in der alten Synagoge durch seine Mitwirkung die Weihe. Wenn diese Kunde in der Indenstadt von Mund zu Mund ging, dann laufen die speckigen Kaftane und weißen Gebctsmäntel noch einmal so zahlreich in das ehrwürdige, ängstlich versteckte Gotteshaus, das seine Erbauer vor viereinhalb Jahrhunderten halb in den Boden der engen Gasse hmcinbohrten. Dämmernde Halbhelle liegt am Morgen über dem majestätischen, erhabenen Raum, dessen marmorne Säulcupracht und monumentale Größe man nicht entfernt in dieser geduckten Umwelt vermutete. Unendlich entrückt aller Geschäftlichkeit ist die Bcterschar, die in fromineni Eifer, den Rhythmus des Gebets auf den Körper übertragend, bedeckten Hauptes mit ihrem Gotte spricht. Bisweilen gärt das gleichförmige Brodeln wild auf wie zischende Brandung, um pbenfo jäh zu verstummen. Dann geht, nein strömt von der schmuckreichen Altarwand eine gebietende Stimme durch den Nanin. Eine Stinime, für die der Musiker keine Klassifizierung weiß. Bald stählerner, strahlender Tenor, bald heroischer Bariton, Anllage, Flehen, Jubel, Dank, Schmerz, Jauchzen — alles und noch viel mehr ist in dieser einen Stimme. Sie bleibt auch ununischränkte Gebieterin, wenn der Knabcnchor mit ihr geht und forzicrte Soprane, für unsere «Ohren schmerzlich grell, ihr die Herrschaft streitig machen. Ein erhabenes Sprachrohr Gottes," tönt die Stimme grollend und gewährend, anklagend und entsühnend über die gesenktcil Häupter der Beter. Sie rüttelt an'verstockten Herzen, tut Scelentore weit auf und ist Mittler auf dein Wege, der von Alltag in Sabbath weist.-- Draußen gehl die flutende Sonne heminnrzgslos über die Dächer des Ghettos. Im Bctramn wird üänur hell, ivenn an Sabbath künstliches Licht erstrahlt. Aber stärkere Kraftquellen als von den elektrischen Lainpen, die barbarischer Geaenwartssln» historischer Kultur aufpsropfte, gehen vom Altar aus, wenn des Borbcters Stimme auhcbt, wenn Herschmaim singt in der alten Synagoge zu Wilna. Nr. 6. -mstag fr syns-ox W,ö korgens 6 synagok bends 5 1 (i Uhr, Sonnte jelcntvort Mvntaj Mittwo hr, oberer Donner hier Dr. Allwöck :ilcr Seit» Freitag Sorrntc Freitag Arm Barrr atze 43, H >nagoge T Mgoge K Gesto hält B trifft: Ks Ui und einst troffen wo: eitereb vei De W ■ffee-Ereat: Fri lOflfesrfhs&laex' " Iffoobaela 8» S. Telefon IW. (AnsriilniM mitFrankfuit) ewflkrteate TeöJsSeÄFPSRfPKr.e (108,(HK) qm jährlich! |sow<> DBflbsrtrifieüe Bettfodtiwelsliws mittel«! Druckluft and Wasserdampf. GEO 'ranfcfnr Telet lauu. 8 Canali Wsches-KaLesirer. Samstag, l>. Februar (— 27. Schewat) Sabbat-Anfang in Frankfurt 5 Uhr. — Sabbat-Ausgang in .Frankfurt 6 Uhr 20 Min., in Berlin 5 Uhr 45 Min. Wochcilabschiiitl: M i s ch p o t i in. — Zivilrechtliche Berordnuiigcn. Vorschriften für das 7. Jahr usw. Parschas Schekolrm. Nausch-Chaudesch Adar: Dienstag und Mittlooch. - -; Dabbatgottesdicnst in Frankfurt. Freitag abend 5 Uhr — Min. in den meisten Synagogen (Königsteinerstr. 6 Uhr, Haüptsynagvge 5 Uhr). ' ' «bev. Aufm L. Vor jetzt klutl ke Weaere