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Neue jüdische Presse · 1918-01-18 · Heft 3 (18.1.1918) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 3 (18.1.1918)
Date
1918-01-18
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 3 „Bachur," sagte sie, „Ihr seit mir gewiß ein gar :ber Gast, und ich habe mich gar sehr auf morgen tittag gefreut, wo ich hoffte, Ihr werdet uns vom Sorte Gottes etwas zum Besten geben, das auch ein Seiberherz versteht. Allein, Ihr wißt, was heute ge- >ah; der Eiruw ist poßul; ich kann mein Mittagsen nicht ins Haus bringen lassen. Es steht in Reb haim Mikwenitzers Ofen. Wir werden uns behelfen üssen; wäre es aber Euch wohl recht, wenn ich Euch tte, dort Euer» Mittagstisch zu nehmen? Ich will ögelchen sagen,'daß sie Euch bediene!" Der arme junge Mensch! Wie sollte er auch nur ein Sott Hervorbringen bei solchem Flattern seines Herzens i solcher Glut, die er auf dem Angesicht fühlte, bei lchcm Beben, das ihn durchfuhr? Er stotterte ein mr Worte heraus so verworren und unverständlich, daß mitten inne hielt, als er wiederum ein Leuchten Täubchens Augen und im Angesicht Reb Noachs einen rnst bemerkte, der wie eine Wolke darüber lagerte. Zch werd' das morgen mit Reb Chaim in der Schul -machen," sagte der Hausherr mit ruhiger Strenge, ld überhob ihn so einer Antwort. Nach einer Panse hr Reb Noach fort: „Ich bin müd', lieb Weib, ich n," setzte er mit einer erzwungenen Ruhe hinzu, „ich n zu alt geworden für die schwere Freitags-Arbeit! — Sir wollen beten!" Mit diesen, in kurzen Absätzen gesprochenen Worten gaiin er denn auch sogleich nach einem flüchtigen Seufr: „Gelobt sei Er und gelobt sei sein Name, der da eiset die ganze Welt in seiner Güte" und fuhr fort i Tisch-Gebet mit ruhigerer und lauterer Stimme und timniung. Nur bei einem Satze im eingelegten Sabbatgebet, ir bei den Worten: „Und in deiner Gnade gewähre es uns, Ewiger iser Gott, daß nicht komme Gram und Leid in unsere uhe," nahm die Stimme wieder bei ihm einen leisen uflug, >rls ob heute gerade seine Andacht eine ttefere eziehung hätte. Was regte sich denn in. ihm? — Eifersucht?! Wie lme dieser Unhold in die Brust des klaren Mannes, des atten eines so liebetreuen Weibes! — Aber ein Schatii war es doch, wohl nur ein „flüchtiger Schatten", je die Schrift cs nennt; und der Talmud erklärt dies!ort: „Nicht wie der Schatten einer festen Mauer, icht einmal wi.i der "Schatten eines schwankenden -aumes, sondern wie der Schatten eines flüchttgrn ogels, der im Sonnenlicht vorüberzieht." Solche Schatn ziehen an wolkenfreien Tagen auch über lichte Gelbe und durch reine Herzen! — Und so sehr war es ii flüchtiger Schatten, daß Täubchen, die sonst so zartihlende Gatttn nichts merkte, ja, daß sie nach dem ischgebet sich wieder an den Bachur wandte: „Bachur, ollr Ihr nicht doch im Vorübergehen Bögelchen einen stütz bestellen und ihr sagen, daß sie sich auf Euch nrichten soll?" Reb Noach stand vom Tisch auf, der Kosminer tte mit flüchtigem Gruß davon, und in der Stube ar es still. Da blickte Täubchen zu ihrem Manne auf, und ihr nge jtilj zum ersten Mal jenen flüchtigen Schatten ber seinem Antlitz. „Noach," sagte sie mit ihrer frischen Sttmme, „bist ii oenn so gar müde heut?" „In meinem Alter" — sagte Reb Noach ernst. „In welchem Alter? mein Herzmann!" lächelte äubchen und schüttelte den Kopf. Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl und sprach mit ner Strenge, die ihm sonst wohl eigen war, aber dem cliebten treuen Weibe gegenüber fremd: „Was hast ii das Bachurchen heut so in Verlegenheit gesetzt?" Sie schüttelte noch immer den Kopf; aber sie lächelte rbei und rückte mit ihrem Sttihl ihreni Manne näher. «Erkennst du denn die Flammen gar nicht, die im schönen Frankfurter Israelitisches FamÜienvlatt. Antlitz dieses Bachurchen leuchteten? Das ist so voll von Liebe jetzt, wie deines immer geleuchtet hat!" Der Schatten des fliehenden Vogels ging wieder stiber das Antlitz; sein Auge forschte, aber sein Mund war stumm. Das Weib aber sprach mit lichtem Lächeln: „Noach, mein Herz, wenn ich dir's gesagt haben werde, was ich gestern Abend in der Mikwe drüben erfahren —" Bei diesen Worten kamen zwei Sabbat-Engel aus dem Hintergründe des Zimmers hervor, wo sie so lange ganz still geweilt hatten, und setzten sich ganz, ganz dicht an beide Sekten der Gatten. „Gestern?" fragte Reb Noach — und der Schatten war weit, weit weg; sichtbar noch, aber doch verschwindend. Der Engel an seiner Sette aber drängte sich so dicht an ihn, daß er sich zu seinem Weibe hinneigen mußte, und der Engel an ihrer Seite flüsterte ihr etwas ins Ohr, und das muß wohl so liebevoll gewesen sein, daß sie gar nicht anders konnte. Sie schlug mit einem Male beide Arme um seine breite Brust und versteckte ihr Angesicht an seiner Schulter. „Als ich heimkam, saßest du über deinen Büchern und bereitest sie vor zu deiner so schweren Freitags- Arbeit, guter Mann! Und ich, ach ich war wieder von allem, was ich dort gehört und gefühlt, so voll, voll Gemütsbewegung, wie ich gar nicht sein soll." Und sie war wieder so, wie der Kreisdoktor meinte, sie solle nicht sein, wie sie aber immer sein mußte, wenn sie Täubchen bleiben wollte. Reb Noach hob ihr am Kinn das Antlitz in üie Höhe und blickte hinein in das Auge und weidete sich an dem Lächeln ihres Mundes und dem Erröten ihrer Wangen; und fort, fort, wett fort, auch nicht in einer' Spur mehr zu sehen war der flüchtige Schatten. „Ich muß dir noch alles erzählen," sagte sie, „von Golde und dem Zempelburger Bachur und von dem liebherzigen Bögelchen und dem Kosminer Bachur, deß Flammengesicht du leuchten sahst. Ach, das ist so lieblich und so duftig wie eine Geschichte in Tausend und eine Nacht!" Und schon wieder war sie, wie sie nach dem Kreisdoktor nicht sein sollte, und das fühlte Reb Noach, an dessen Brust sie das Haupt wieder lehnte, bis in sein liebendes klares Herz hinein. Er neigte sein Angesicht zu ihrem herab, so daß die Engel über der Gatten sich ansehen konnten. Sie lächelten Beide. „Schöne Scheheresade," sagte Reb Noach. „Erzähl' nur alles, denn ich Hab' dich lieb, wie ich dich geliebt Hab' sch on lange Zeiten, als du noch ein halb Kind warst, vor tausend und einer Woche!" Die Gatten erhoben sich, zwei stattliche Gestalten, an einander gelehnt schritten sie langsam aus dem Zimmer; die Engel blickten ihnen nach, lächelten und zogen von dannen. Und draußen über deni Städtchen fanden sie Mondnacht und Sabbatstille gelagert und viele, viele Engel, die heimzogen nach der Höhe: denn die des Sabbat-Abends sind nicht die des Sabbat-Tages. Jene sind lichter und lauter, diese weiser uno stiller; jene lächeln, diese sinnen, jene lieben, diese lehren! Nur in dem engen dunkeln Hausflur der Mikwe drängten sich noch viele, viele Abend-Engel durchrinanaer; denn drinnen war das Stübchen noch immer voll, wett Golde Sabbatlieder sang und immer wieder von neuem anfing, sobald nach ttefer Sttlle die Sttmme Bögrles anstimnite. Warum hat Vögele ihren Stuhl verlassen und sich an Golde eng angeschmiegt auf ihrem Bänkchen? Sie wußte es nicht klar; aber die Engel des Sabbats wußten es, denn sie flüsterten das Synagogenlied „Lecho Daudi", das gehört wird, so weit Israel den Sabbat grüßt: "„Komm, Geliebter, licht. Zur Braut gegangen; Sette- 5: . Ihr liebend Angesicht Im Sabbat zu empfangen." Und er kam. Als der Kosminer in die Tür einttat, da kehrteihm Vögele das Antlitz nicht zu; sie raunte vielmehr Golden ins Ohr: „Guck' du ihn an, wie das leuchtet in Aug' und Löckchen und Angesicht. Ich könnte schier blind werden!" Aber ihre Hand zog von unter dem Tischtuch Messer und Gabel hervor, das sie schon für ihn zu morgen geputzt hatte, als sie eben hörte, daß der Eiruw vernichtet sei, und sie spiegelte alle Sabbatlichter in der blitzenden Klinge wieder, daß die Augen des Kosminerchens auch schier geblendet wurden. — Er machte seine Bestellung an Reb Chaim ab und trug sich als Gast zu morgen Mtttag im Namen Reb Noach Dralls an, und obwohl es sie gar nicht überraschen, konnte, zuckte doch der Arm Vögeles, den sie. um Goldegeschlungen hatte, so voll Lust und Entzücken und Schalkhaftigkeit, daß Golde wirklich von all dem angesteckt wurde Der glückliche Reb Chaim nahm seinen neuen Gast Mit Freude und Ehre auf. „Setzt Euch, Bachur," rief er, „da auf Bögelchens" Stuhl, die Kinder sitzen ganz gnt bei einander. Ihr kommt ja wie gerufen, wir können nun das Tischgebet zu dreien sprechen." Während des Gebetes, bei dem der Kosminer das Antlitz Vögeles nur von der Seite sah, flackerte es in dem armen Menschen wieder wie die große Verzweiflung auf. Aber als sich alle erhoben, da war's ja gar nicht anders zu machen, und die beiden Pärchen sahen sich voll und liebend in die Augen, daß die Engel gar nicht wußten, wem sie folgen und wo sie bleiben sollten, als endlich die Gäste Abschied nahmen.- Es war schon spät, als die Mädchen durch den finstern Flur hinausttaten in die Mondnacht, um in der müden Abendlust ihr glühend Angesicht zu kühlen. Golde schweigend. Vögele in der ganzen Ueberschwenglichkeit ihres Wesens. (Fortsetzung folgt.) Erlebnisse i» ßrutzland. Dr. Mayer-Ebner, eine der führenden Persönlichkeiten, in der bukowinaer Judenheit, .wurde von den Russen als Zivllgefangener nach Rußland geschleppt. Ueber seine dorttgen Erlebnisse berichtet er in Blochs ,/Oesterr. Wochenschrift" u. a. folgendes: „Als ich im Januar 1215 in herzbrechender Verzweiflung im Polizeigefängnis von Kiew saß, meine Abschiebung nach Sibieren erwartend und den namenlosen Jammer meiner jüdischen Leidensgenossen aus Galizien mitfühlend; da war es uns ein hoher Trost im Unglück, daß nicht lange nach unserer Ankunft in Kiew ein jüdisches »Komitee zur Hilfeleistung für die Opfer des Krieges" sich unser in der liebevollsten Weise annahm. Die Herren hatten es verstanden, beim Polizeimeister von Kiew die Duldung dieser Aktion zn erwirken. Ja, dieser damals Allgewalttge gestattete die Errichtung eines eigenen jüdischen Arrestes, der zn Zeiten 2000 und mehr Verschickte beherbergte und eine enge Verschließung bedeutete. Hier fanden die Unglücklichen die weitgehendste Unterstützung. So mancher Jude, der daheim in Galizien als „Polet* galt, vom polnischen Komitee in Kiew aber ignoriert, wurde, erfuhr hier, daß er doch nur zu deu Juden gehöre, und daß nur Juden für ihn brüderliche Gefühle Hegers Zweiundeinviertel Jahre lebte ich mit zahlreichen Leidensgenossen in weltentlegenen Dörfern am Ufer des Ob. Hier hatte ich reichlich Gelegenhett, die Großarttgkett der zugunsten der Verschickten eingeletteten Httfsaktion zu bewundern. Das jüdische Zentralkomitee in Petersburg entfaltete eine segensreiche Tättgkeit zugunsten der russischen Heimlosen (Evakuierte aus RussischDolen) und der österreichisch-ungarischen verschickten Inden. In einem Zettraum von etwa 18 Monaten verausgabte dieses Komitee für etwa 800 nach dem Narimer Kreis (Tomsker Gouvernement) verschickte Juden einen Bettag von 87,000 Ml. Daß aber diese Summe in der segensreichsten und zweckentsprechendsten Weise ausgegeben werden konnte, war dem Umstande zn verdanken, daß sich zur rechten Zeit der rich— 4 £ 4 L 1 i 1 I 1 ]

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