Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 3 (18.1.1918)
- Date
- 1918-01-18
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2692297-2693075-2693078--10183-2705483- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 4. Militärkräfte verfügt. Die Ausgaben des Selbstschutzes bi* streitet das Organisationskomitee des alljüdischen Kongresses^ Immer zahlreicher werden die Selbstschutzvereinigungen im Süden, wo die Pogronibewegung einen bedrohlichen und teilweise blutigen Charakter führt. In Kiew, dem ehemaligen Hort der Reaktion, wo seit Ausbruch der Revolution einige mehr oder wenig gefährliche judenfeindliche Unruhen stattgefunden haben, ist auf einer jüdischen Soldatenverfanimlung beschlossen worden, eine alljüdische Militärorganisation zu gründen der die Einrichtung eines allgemeiner» Selbstschutzes obliegt. Aus kleineren von Pogromen heimgesuchten Städten werden Vorbereitungen zur Gründung eines Selbstschutzes seitens der jüdischen Jugend und der jüdischen Soldaten gemeldet. — Pogrome in der Ukraine Die jüdischen Zeitungen sind wieder einmal mit Pögromnochrichten angefüllt. Diesmal wütet diese Seuche in der Ukraine. > So wird aus Ale ko folgendes gemeldet: Die Soldaten rauben und plündern. Die Behörden sind machtlos. Es kann nur besser werden, wenn die Soldaten versetzt iverden. ■ ‘ ' Aus Demidowka wird berichtet: Die hiesige Bevölkerung befindet sich in starker Erregung. Die Soldaten rimben nicht Mein, sondern mißhandeln auch Männer, Frauen und Kinder. Pole«. rSarschan. 3ahre»»ersa««l»ug M „MiSrachi " In der letzten Novemberwoche hielt der „Misrachi" hier feine Jahresversammlung ab. Die Versammlung er- Sffnete der Vorsitzende Herr Lewin-Epstein, indem er auf die Entwicklung des „Misrachi", der in Polen bereits 8000 Mitglieder zählt, hinwies. Unter dem Vorsitz vonS. Gleichmann gab Herr Schtschleranski einen Bericht über die Tätigkeit der Organisation. Der „Misrachi" veranstaltete eine große Zahl öffentlicher Vorträge und gab eine Reihe Broschüren heraus, die zum Teil in 10,000 Exemplaren verbreitet wurden. Die vom „Misrachi" gegründete Gesellschaft „Nachlath-Awoth" dient der Gründung von Kolonien in Palästina. In der Provinz bestehen bereits 80 Zweigvereine des „Misrachi". Außerdem gründet die Organisation ein besonderes Cheder, in dem 60 Kinder lernen, und beabsichtigt jetzt die Gründung einer ,Mädchenschule". In bet Diskussion wurde darauf hingewiesen, daß der „Misrachi" sich nicht eng genug an die Zionistische Organisation «»geschlossen und zu wenig unter den orthodoxen Kreisen die Palastinaarbeit propagiert habe. Als Vertreter des Zionistischen Zentralkomitees sprach Dr. Klumel, der die Versammlung aufforderte, den zionistischen Gedanken in die orthodoxen Massen zu tragen. Ein Referat über Palästina und das Verhältnis der orthodoxen Juden zu Palästina von Rabbiner I. Rapoport wurde mit großer Begeisterung ausgenommen. In den Vorstand würden gewählt: Lewin-Epstein, S. Gleichmann, M. I. Oclianski, I. Schtschjeranski, M. Kirschenbaum u. a. »arscha». von de» Lnrbtner-Bereinignng. Auf der Versammlung der Rabbiner - Vereinigung („Agudas Ho-Rabbonim") ‘ wurde über keinen Vorschlag ^gestimmt; sämtliche Vorschläge wurden Kommissionen zur Bearbeitung Übergaben. Die ^Immission zur Bearbeitung der Vorschläge vom 1. November — Rabbiner R. I. Neufeld-Nvwidwor, der Grjaeiwer Raw und die Rabbonim von Tikbin, Kaul und Sgersch — hat ihre Arbeit bereits beendigt. Es zeigt sich. Laß, wenn die Rabbinervcrsanrmlung nicht von den deutschen Rabbinern Dr. Kohn und Dr. Carlebach beeinflußt woÄen wäre,^sich manches anders abgespielt hätte. So verurteilte die Kommission den Namen „Religionsaefellfcfjaft", mit welchem man die jüdischen Gemeinden in Polen nach: den Boffchlägen in der Rabbinerversammlnng benennen wollte. Diese Bezeichnung erfasse nicht den Begriff des Judentums und gebe zu der Auffassung Anlaß, daß wir auf unsere kulturellen und nationalen Rechte als ein besonderes Volk verzichten. Die Kommission sprach sich außerdem gegen das vorgeschlagene Zwei-Kuriensystem aus, da sich das jüdisch- Volk niemals in Klassen und Stände einteilte, sowie des weiteren gegen die Nomination in die Kreisräte und in den Oberrat, die R«ck>biner sollen gewählt und nicht nominiert werden. Der Arier *** *ie Ivtze». •«ins. Leutnant Fritz Helbenheimer erhiell bas Eiserne Kreuz 1. Kl. * jRfitnfetn. Albert Rosenthal, Sohn der Lehrers- Witwe Getta R„ wurde zum Leutnant befördert. Gefreiter Joseph Wild erhielt das Eiserne Kreuz 1. Kl. ■ Ä#ri*«*f. Gefr. Siegfried GunderSheim. Sohn des Kaufmanns A. Gündersheim, verdiente sich das daher.Mil.-Berd.-Kreuz 3. Kl. m. Schwertern. Ptrntztznr«. In den Räumen der Anitas-Loge ist von der israäit. Gemeinde ein jüdisches Svldaten- ' |eim eingerichtet worden. Biebrich Osfizier-Stelwerketer Josef Sender erhielt das Eiserne Kreuz 1. Kl. BreSlau. EtabSm^t Dr. Hugo Hanf wurde mit depr Eis. Kreuz 1. Kl. ausgezeichnet. Jack S p inkmanu, österr. Oberleutnant, und Ott o Frankfurter Israelitisches Fasriliendlatt. Singer, Friedhofsverwalter der jüd. Gemeinde, starben den Heldentod. Ern st Guttmann tvurde zum Leutnant befördert. Asien. Blochs Wochenschrift verzeichnet in Nr. 3 folgende Auszeichnungen an Inden: 3 Ritterkreuze des Franz Josef-Ordens, 3 Militärverdienstkreuze 3. Kl., 27 silb., 49 bronz. Signum laudis, 44 gold., 4 ,filb. Verdienstkreuze, 16 silb. Tapferkeitsmedaillen 1. und 47 2. Kl. und 64 bronz. Tapferkeitsmedaillen. Wien Abg. Reizes erhielt v«m jüd Zentr«lbilfskomi1ee in Lemberg eine Depesche, worin es heißt: „Einige tausend rumänische Juden, die seinerzeit von den rumänischen Behörden mitgeschleppt worden waren und sich bis nun auf russischem Boden aufgehalten haben, überschritten mit Bewilligung der zuständigen Militärbehörden die Feuerlinie in der Hoffnung, in ihre von unseren Truppen besetzte Heimat zurückgelangen zu können." Das Komitee bittet Reizes, dahin zu wirken, daß die Verschleppten nach ihrer Rückkehr in die Heimat nicht in Jnterniertenlagern untergebracht werden, sondern ihre Wohnstätten aufsuchen können. Warschan. Die hiesige jüdiscke Gemeinde erhielt von dem Aewyorker Jüdischen Hilfskomitee wiederum eine größere Summe für notleidende Juden und zwar 290,000 Mark. London. „The Graphic" bringt di« Abbildung der Medaillen, welche die Soldaten, die als erste in Jerusalem eingezogen sind, erhalten haben. Diese Medaillen tragen auf beiden Seiten hebräische Inschriften und auf der einen Seite auch rin Christusbild. Dasselbe Blatt meldet, daß eine der ersten Abteilungen, welche in Jerusalem eingerückt sind, aus lauter Juden bestand. Perßsrrrlies «. kleine MitteUrrrr-e». Berlin. - AuS dem Judentum traten hier in letzter Zeit n. a. aus: Kaufmann Alfred Zeutler, Dr. Gustav Feibelsohn, Edith Reisner, geb. Zerner, Kaufmann Eugen Speyer, Frau Dr. Pryll, Frl. Klara Flatow, Dipl.-Jng. Otto Rothschild, Kaufmann Alexander Kaiser, Dr. phil. Willy Haas, Frl. Henriette Gerber, Kaufmann Heinr. Manczyk, Kaufmann Walter Sternberg, Rechtsanwalt Rich. Bechxr, Fabrikbesitzer Rich. Heinemann und Kunstmaler Fred Goldberg. Berlin. Jakob Ostwald - Scböneberg, Martin Lutherstr. 31, früher Lehrer in Witten, Mitbegründer und Ehrenmitglied des Altersheims in Unna usw., feierte den 80. Geburtstag. BreSlau. In Gleiwitz verschied San'tätSrat Dr. Carl Mannaberg, langjähriger Repräsentant der dortigen jüdischen Gemeinde. In Landeshnt fügte Stadlrat Hamburger seiner vorjährigen Spende von 60,000 Mk. zur Errichtung einer Kinderbewahranstalt weitere 30,000 M. hinzu. Frau Jnstizrat Boß, jetzt in Lichterfeldc wohnhaft, schenkte der Stadt Ostrow einen Bauplatz im Werte von 12,000 M. Freiburg. Der im September 1914 hier verstorbene Privatier David Julius Wetterhan aus Frankfurt a. M. hat in seinem Testament eine Stiftung vor» 168,000 Mark an der Freiburger Universität zur Förderung naturgeschichtlicher und medizinischer Studien errichtet.? Bietzen. Adolf Austerlitz, seit drei Jahrzehnten Vorsitzender des Israelit. Wohltätigkeitsvereins, ist verschieden. ' ■; Trekeltz. Hauptlehrer Andorn beging sein 28jähr. Jubiläum als Lehrer der hiesigen jüdischen Volksschule. - Serben n. Ätzer. Am 9. Januar wurde tzebrer und Prediger Matthias Braunsbcrg, der beinahe 25 Jahre in der Gemeinde in segensreichster Weise gewirkt hat, zur letzten Ruhe gebettet. Trotz der herrschenden Kälte folgten der Bahre nicht nur die derzeitigen Schüler und sämtliche Mitglieder der Gemeinde, sondern auch zahlreiche Lehrer und Freunde, Vertreter der verschiedenen Behörden und Bürger der Stadt. Am Grabe hielt in Vertretung des Landrabbiners Dr. Gronemann-Hannover Rabbiner Dr. Freund-Hannover die Grabrede — ein Meisterwerk nach Form und Inhalt —, des Entschlafenen vielseitige Verdienste in Schule und Gemeinde, vorbildlchen Charakters, freundliches vornehmes Wesen und wahre Frömmigkeit schildernd. Hierauf widniete der Nachbarkollege und. Freund Rothschild-Achim herzliche Abschiedsworte. Acußerordentlich herzlich dankte sein hochgeschätzter Vorsteher, Bankdirektor Lehmann- Verden, ihm für seine unermüdliche Dieiistbercitwilligkeit und für seine Pflichttreue, ganz besonders dabei hervor« hebend, daß ihn in seinem Leben und Streben, in seinem Schaffen und Wirken niemals der Verdienst, sondern das Verdienst lockte. Es sprachen ferner noch die Kollegen Seelig-Emden als Verwandter und Katz-Nienburg im Aufträge des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Sannover. Die Gebete verrichtete der Amtsnachfolger Kolge M o s b a ch (früher Brakel). Ans Anlaß des Scheidens Braunbergs aus dem Amte wurde s. Z. ausführlich über die Personalien berichtet. Ergänzend möge heute noch erlvähnt werden zur Ehre der Gemeinde und des Kollegen, daß auf Anregung des derzeitigen Synagogenvorstehers Bankdirektor Lehmann damals eine Lehrer Matthias Braunsberg-Stiftung mit der Bestimmung, daß die Zinsen den Armen der Gemeinde zugute kommen sollen, ins Leben gerufen worden ist. Wien. Engelbert Pernerstorfer, der dieser Tage verstorbene sozialdemokratische Führer/ hatte lebhaftes Interesse für uns Juden und besaß eine gründliche, liebvolle Kenntnis jüdischer Sitten und Mischer Literatur. Interessant ist sein Urteil über die Mission des Judentums in der Zeitschrift „Der Jude", deren Mitarbeiter er war. Er schrieb: „Dadurch, daß das jüdische Volk der 9k. 3 Welt gezeigt hat, ein Volk könne auch leben, wenn es in seiner Gesamtheit aufs Lernen und Wissen auSgehe, hat es ihr einen großen Dienst erwiesen, wenigstens jener Welt, die an einen intellektuellen Fortschritt hohen Grades glaubt und auf ihn hinarbeitet. Vielleicht wirkt bei dem Antisemitismus konservativer Kreise, wenn auch unbewußt, die Furcht vor dem geistigen Leben der Juden mit." KathiFrank, die große Tragödin und Schwägerin des berühmten Burgtheater-Schauspielers Adolf Sonnenthal, ist — 65 Jahre alt — im Elend gestorben. Sie war von Heinrich Laube entdeckt worden, gehörte zehn Jahre dem Wiener Stadttheater an, war dann in Hamburg, Riga und Stuttgart und verbrachte ihre Glanzzeit in ihrem zwölfjährigen Wirken am Frankfurter Schauspielhause. Im Jrvingplacetheater in Newyork beendete sie ihre schauspielerische Laufbahn. Twza-Datz« -Ungarn) Rabbiner Brisk istnach 48jähriger segensreicher Tätigkeit in hiesiger Gemeinde verschieden. Er erreichte ein Alter von 70 Jahren. L»»tz»n. Lord Re ad in g, der früher Sir RmsirS Jsaacs hieß, ist tzum englischen Botschafter in Washington ernannt worden. Vögele der Maggid. Von Aron David Bernstein. (Fortsetzung.) Und als die Engel des Sabbats sahen, daß cs Wehmutsträneu waren, die in aller Augen schwebten und als sie wahrnahmen, wie in jeder Träne neue vnd neue Sabbatlichter brannten, da begannen sie den stillen Reigen wieder zu tanzen um jedes Haupt und um den Tisch und ringsum in der ganzen Stube, und bald waren ihrer wieder so viel, daß der Raum zu eng ward in dem Stübchen, und all die, welche noch immer hinzuströmten, den dunkeln Flur füllten und bis zur Haustür hinaus, in welche der Mond gar hell hinein leuchtete. Aber nach einer ganzen Weile, da horchten sie alle auf, denn Vögele begann mit ihrer zarten -Stimme das Sabbatlied „der Ruhe und der Freude" zu singen mit der Melodie, die der Vater erbeten hatte. Sie sang allein, leise, >vie es so recht zum Mitgesang einladet. Und als sie an oen Vers kam: Der Himmel Himmel, Erd' und Meer Das ragend hohe Himmelheer — da. trennten sich die Engel zu zwei Schaaren; denn bic des Sanges umringten Goldes Haupt, die mitzusingen begann, während sie des Wortes sich treu zu .Vögele hielten. Die Stimme Goldes klang so glockenvoll, so glockenrein, so warm und so aus der Herzenstiefe, daß jeder, der auch nur einen Ton ihres Mundes hörte, ohne ihr reines Gesicht zu sehen, zu ihr hätte die Worte des hohen Liedes (2, 14) sprechen mögen Wie süß die Stimme Dein, So hold muß -Dein Antlitz sein. Am reich gedeckten Tisch des Reb Noach Brall saß um dieselbe Stunde der Kosminer mit Flammen der Verlegenheit im Antlitz; denn Täubchen, die stattliche Frau, hatte ihn heute mit einer Zuvorkommenheit ausgenommen, wie sie ihm noch in keinem Hause widerfahre» war. Solcher Aufmerksamkeit in reichen Häusern nicht gewohnt, war er schon hierdurch ein wenig eingeschüchtert; aber die liebe Frau hatte weit mehr, als es sonst Sitte ist, sich mit Fragen, seine Person betreffend, an ihn gewandt und lächelte zuweilen, wenn er in Verwirrung zu sein schien. Dem Scharfblick des Kosminers entging es nicht, daß Reb Noach heute ernster war als sonst, und daß er das Benehmen seines Weibes gegen ihn nicht billige. Wenn er verlegen die Augen senkte und dann mit seinem schnellen Blick aufsah, überraschte er mehrere-. male die stattliche Hausfrau, wie ihr Blick in seinen Blick in seinen Mienen zu lesen suchte, und erschrak, ioie er hiergegen einen singen, forschenden Blick von Reb Noach Brall entdeckte, der auf ihm und zuweilen auch mit Spannung auf seiner Frau haftete. welche Flammen schlugen über ihn zusammen, als Täubchen folgende Worte an ihn richtete: -