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Neue jüdische Presse · 1918-01-11 · Heft 2 (11.1.1918) · p. Seite 6

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 2 (11.1.1918)
Date
1918-01-11
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6. linb sehr resigniert sinken. — Vögele sah dies alles und sann nur rin Weilchen darüber nach, und sofort flammte -die Munterkeit blitzartig in dem Kinde auf und entzündete in ihr mit einem Male einen vollen Schlacht-Plan der siegreichsten Taktik. i „Bachur!" rief sie aus, so hell und frisch und munter, daß alle wie aus einem Traume aufwachten: „Bachur, wollt Ihr mir nicht eine Weiber-Frage betintnjorten?" „Warum nicht?" sagte der Zempelburger mit Lächeln, „Wenn Euch eine Männer-Antwort genügen kann." . ' _ „Sagt mir," rief Vögele: „Warum singt man in der heiligen lieben Schul' Mi nicht beim Herausheben der Thora, und warum singt man so diel vor dem - Hineinheben derselben?" Der Zempelburger wußte nicht, wo das hinaus sollte und sagte mit unsicherer -Stimme: „Das ist ein alter Brauch, der" — „Geht doch," rief Vögele, ihn unterbrechend, „Ihr wollt mir nur mit einer gelehrten Männer-Antwort kommen, daß wir Weiber sehen, wie wir Euch gar nicht begreifen. Ich will Euch erst einmal die Weiber-Antwort sagm, die ich in meinem „Z'eno ureno" gelesen Hab'!" „Nun?" lächelle der Zempelburger. . „Ehe man Gottes Wort hat gehört," sagte sie, „ist die Seele still und wlll nur aufhorchen und kann gar nicht singen. Hat sie aber Gottes Wort aus der Helligen lieben Thora vernommen, da wandelt sie Gesang an voll Erlösung und voll Segen! — Was haltet Ihr von dieser Antwort?" „Sie ist so wähl und richtig wie Gottes Wort," sagte der Zempelburger; „man möchte nach ihr gar einen Lobgesang anstimmen!" „O nein!" rief Vögele, „so leichten Kaufs kommt Ihr bei mir nicht fort! Nicht wahr, lieb Vater!" Reb Chaim war wieder voll Bewunderung und bHahte lächelnd die Frage des Kindes. In seinem Heiden sagte er: „Die Wronker Rabbinerin hatte doch recht! Golde ist gar nicht mit mein Vögele zu vergleichen. Sie hätte nur müssen ein Jung' sein!" Vögele aber fuhr munter fort: „Wie soll wohl meine Golde ihr Lied singen, wenn Ihr, Bachur, uns noch gar kein gelehrtes Wöttchen gesagt habt aus der helligen lieben Thora? Nicht wahr, Golde?" Goldes Blick drückte der Schwester tausendfachen Dank aus und schweifte über den Zempelburger hin, so rührend und bittend, daß dieser sich sofort rüstete, der Aufforderung gebührend Genüge zu leisten. Denn so ist. es nach der Väter Ausspruch Sitte in allen guten Häusern, daß, wo da essen auch nur zwei an einem Tisch, gehört werde ein Wort der Lehre; und zumal ein guter Gebrauch in jeder frommen Gemeinde, daß der Bachur als Sabbatgast ein Wörtchen sage aus dem Wochenabschnitt, welches das Herz des Gastgebers stärke und erfreue. Und so begann der Zempelburger wirklich von dem Wochenabschnitt der Thora zu sprechen; aber'der Abschnitt WgM dieser.Mache, warmer nicht-.das Hchwerzlichste, fcaSjEjier berührt werden konnte? Er blickte auf Reb Ehäüns AnllitzRlnd sah es trübe und de^chteieäHWf Golde, ihre Augen blickten schwermutsvoll auf den alten Vater. Er fragte forschend in Vögeles Angesicht; ihre Augen sprachen, aber er verstand die Sprache nicht. „Was will sie?" fragte er sich, während er zerstreut den ersten Vers des Wochenabschnittes als Text seines „Wörtchens" rezitierte. Aber Vögele ließ ihn gar nicht weller sprechen „Guter Bachur," rief sie aus: „nun müßt Ihr mir noch eine Weiberfrage erlauben!" „Die Ihr wieder besser beantwortet?" lächelte er. „Das wollen wir einmal sehen!" rief sie aus. Reb Chaims Augen waren wieder voll Bewunderung. „Erllärt mir doch einmal," fragte Vögele mit vielem Nachdruck, „warum der Wochen-Abschnitt vom vorigen Sabbat mit einem Weibe beginnt und der Wochen- Abschnitt vom nächsten Sabbat wieder schon der Weiber im zweiten Vers gedenkt und weshalb gerade der heutige nicht?" Der Zempelburger war. wiederum verlegen, nicht um eine Antwort, sondern well er wußte, wo das hinaus soll. — .Lasset mich," sagte er deshalb, „erst Eure Weiber-Antwort hören, und wenn sie falsch ist, sag' ich Euch die rechte!" Armckfurter Urasktifches Familienbäatt. „Gut," sagte Vögele, „gut! Ihr sollt die Weiber- Antwort hören!" Sie erhob sich vom Stuhl und sprach in einem Tmi. dem man es anmerkte, wie viel ihr auf das, was sie beabsichttgte, ankomme. „Wir armen Weiber", sagte sie, „uns hat Gott,- gelobt sei er, ein schwach Gemüt gegeben, darum hat er uns nicht hingestellt, um ein hart Wort an uns zu richten. Euch Männern aber hat er ein fest Gemüt gegeben, das sich nicht beugen soll bei Strafred, denn die Strafted von Gott sind wie Baterred, die ihn aufrichten sollen! Darum steht Ihr allein dabei! Wär' ich ein Mann," fuhr sie ohne Unterbrechung fort, „wär' ich ein Mann und ein solcher Gelehrter, wie Ihr seid, ich träte hin und sagte: Was predigt Ihr Strafted' solch' einem greisen Haupte. Mich ruft aus zur Thora, ich weiß, was da gesagt hat Salomo, der König, gesegneten Andenkens „die Straf' von Gottes MuNd ist Balsam für die Wund'!" und morgen Nachts wollt' ich inmitten des Beshamidrasch vor allen Bachurim und allen Gelehrten beweisen, daß ich recht getan habe!" Reb Chaim war einen Augenblick starr vor Staunen über die Weisheit seiner Tochter, dann richtete er sich hoch auf von seinem Stuhl und war nahe daran sich vor ihr zu bücken. Seine Hände und seine Stimme zitterten. „Das ist der Maggid! der große Maggid, mein Aeltervater, Friede sei ihm.-- Vögelche, mein Kind! Hast du das geredt, oder hat ein Engel dir alles gesagt? — — Komm her," — er breitete die Arme aus, — „daß ich dich noch einmal heut segne." Vögele konnte nicht allein dem Aufruf folgen, denn Golde war aufgesprungen, hatte sich der Schwester ans Herz geworfen und sie mit ihren Armen umllammert. Der Vater mußte beide Kinder in seinen Armen aufnehmen. Von der unvermuteten Auftegung sehr angegriffen, sank er, mit dem rechten Arme Vögele, dem linken Golde umfassend, auf seinen Sitz zurück. „Reb Chaim," begann jetzt der Zempelburger nach einer Pause, „ich glaube, ein Engel von Gott hätte nicht wahrer, nicht llarer sprechen können als Euer Kind. Ich schäme mich, diese Wahrheit näht längst gefunden hu haben, und bitte Euch, daß Ihr mich morgen an Eurer Statt zur Thora treten laßt." Der Alte wiegte den Kopf hin und her wie jemand, der vor Verwunderung keines Wortes mehr mächtig ist; dann blickte er um sich, als wolle er sich dessen versichern, daß alles, was er sieht und hört, kein Traum sei, und endlich zog er die Arme von den Kindern fort und bedeckte mit beiden Händen sein Gesicht. Nach einer Welle erst, nachdem zwei große Tränen bis auf feinen grauen Bart hernieder. gerollt waren, streckte er die Hand dem Zempelburger hin, in welche dieser einschlug. „Bachur," sagte er mit sehr bewegter Sttmme, „Gott, gelobt sei er, rufe ich zum Zeugen an. Auf dieser Well könntet Ihr mir nichts mehr bieten als Ihr getan und kann ich armer Mann Euch nichts geben, was ich Euch nicht sonst auch gern gegeben hätte. Aber auf jener Welt, wenn mich Gott wird abgerufen haben und wenn ich werd gereinigt sein durch Strafen von all meinen Sünden und ich werde gebracht werden von dem Moloche) in den lichten Gan-Eden*), daß ich ' soll hxkommen Hmxinen Anteil im Jenseits, dann werbe ich Lehen zu den lichten Zadikim*) von Moscheh^unftrm Lehrer an, besten Antlitz leuchtet wie die Sonne, bis zum Sch'loh hackodausch,, der seinen, Sitz hat mitten in dem siebenten Himmä- und ich werd für Euch Fürbitte tun, daß Ihr und alle, die Euch angehören, sollt beglückt werden bis hundett Jahr, wie Ihr mich habt beglückt an dem heuttgen lieben helligen Sabbat!" Golde war auf ihren Stuhl gesunken und verbarg ihr Angesicht, und auch in Vögeles Augen flimmerten Tränen, wie sehr sie dieselben zurückzuhalten bestrebet war. (Fortsetzung folgt.) Literarische Chronik. Jüdische Literal« i» italienischer Sprache. In Florenz erschien als blibliophlle Ausgabe in 300 numerierten Exemplaren ein Kalender für daS Jahr 5678, redigiert von Mario Bolaffio, herausgegeben von der Ortsgruppe Florenz der jüdischen Jugendorganisation Italiens (Druckerei Collint e Cencettt). Elisa Rosseli Benanini (Florenz) hat unter dem Titel „Riz.cordati Lei tempi antichi! (Erinnere Dich alter Zeiten!)" eine Sammlung von Erzählung«: aus der jüdischen Geschichte für Knaben herausgegÄben, die Emanuel Rosseli illustriert hat. . , Die schon genannte Florentiner Gruppe (Floren-, Piazza Giordano Bruno 2) gibt unter dem Namen „Ttki) Engel. *) Paradies. s) FromMen. Rr 2 w a h" eine Sammlung von Jugendbüchern heraus, die trotz der Kriegsschwierigkeiten einen großen Erfolg hattet Bisher erschienen: Ein hebräisches Atthabet als Kinderspiel (L'alsabetv ebraico mobile), eine Palästinakarte für Elementarschulen von M. Bolaffio, ein Lesebuch .jüdische Kinder" (Fanciulli ebrei) vonGiulaArtom-Cassuto und zwei Lesebücher für die erste und zweite Bolksschulklasse von A.Genazzani, die in Anlehnung an die berühmten Romane Piccolo mondo Fogazzaros, den Titel „Piccolo mondo ebraico („Kleine hebräische Welt") führen. Elementtau über die Juden Galizien». Der französische Ministerpräsident George Clernenc e a u hat vor zwanzig Jahren nach einer Reise in Galizien einige Skizzen in einer nur für Freunde bestimmten Sammlung „Au pied du Sinai" veröffentlicht. Interessant sind die Stellen, in denen er über die in Lemberg gewonnenen Eindrücke berichtet: „Ich fand die Synagoge bei einer Feier. In dem unbeschreiblichen Chaos von Stimmen hörte ich Schofer blasen, den letzten Widerhall der Trompeten von Jericho. . Am andern Tage besuchte ich' in der Umgebung von Lemberg die weißen Wohnungen der ruthenischen Bauern, wo vor den Heiligenbildern das ewige Lämpchen brennt. Dann sah ich nicht ohne Ueberraschung jüdische Knechte mit talmudischen Löckchen, die kräftig den Pflug zogen. Wer wagt es also zu behaupten, daß Judenhände Arbeit fliehen? Sie haben zweifellos die seltsamsten Anlagen zum Handel >u,'nd verstehen ihn wie die Christen das Evangelium. Aber Man findet in den Dörfern von Galizien jüdische Handwerker aller Professionen, weit von Lemberg widmet sich eine Kolonie jüdischer Karaiten ausschließlich dem Ackerbau. Durch ein sonderbares Verhängnis muß diese energische Rasse, über den ganzen Erdball zerstreut, stets bekämpft und doch unbesiegbar, in der chnstlichen Welt die beiden Gegensätze des Schicksals darstellen: das schrecklichste Elend und die rücksichtsloseste Goldmacht. Die Söhne Christi, die es selbst nicht verschmähen, zu gewissen Zeiten ihre Taschen mit Gold zu füllen, verurteilen die Geldinstitute Israels, deren Beispiel sie jedoch nachzuahmen sich bemühen. Wer wird für die Unglücklichen, die gegen das harte Gesetz des Lebens und gegen den nicht minder harten Druck der unversöhnlichen Oligarchie«: ankämpfen, ein mitleidiges Wort einlegen? Wann wird Man endlich in den Opfern des Schicksals und der Menschdn, ohne Unterschied der Rasse oder der Geschichte, nichts anderes sehen wollen als das Unglück, dem man helfen soll?" Brekt-LitowSk. „Ir Tehilla" (Stadt des Ruhmes) —«so heißt den Titel, eines im Jahre 1855 in Brest-Litowsk, der Stätte, an der jetzt die Friedensverhandlungen geführt werden, in hebräischer Sprache herausgegebenen Buches des um die Geschichte dieser Stadt hochverdienten A. L. Feinstein. Eine wertvolle Ergänzung bietet jetzt die soeben erschienen« Schrift des Armeerabbiners der Bugarmee Dr. A. Tänzer „Brest-Litowsk, ein Wahrzeichen russischer Kultur im Weltkriege", die die bedeutungsvolle Rolle der Stadt von den ältesten Zeiten bis mitten in den Weltkrieg hinein Verfolgt. Polnische Nachtstücke von Benno Elkan. 144 Seiten. Mit Federzeichnungen des Künstlers. München, Delphin Verlag. Elkan mutet mich wie Lilien an. Ein wundervoller Flachenkünstler. Wer nicht am Körperlichen haften bleibt, dem schwingt sich das Wort, dem flügeln sich die Gedanken. Und dies Hervorstechen des Geistes, ist jüdisch. Nachstehend einige Proben, die im Rahmen dieser Zeitung auch wegen ihres Gegenstandes Stätte finde« mögen: Seite 86. ,, . . . Die Männer sitzen auf niedere« Holzbänke» oder lehnen ans Geländer angeschrügt. Alle sind in lange» Kaftanen, blaßbraun gelockt. Ihr Gespräch fließt kaum sichtbar dahin. Keine Erregung, keine Gesten. Sie hocken, stehen, lehnen. In graben Reihen umranden sie das öde Feld: Aus stumm-bleichen Gesichtern schweigt es. Doch kein sprechendes Schweigen ist es, kein tönendes, klingendes, erfülltes. Nein, ehpmelancholisches, langesflaches Schweigen, stumpf wie. Me blinde Ankplatte.- Die.laMsam nachgleitenden Augen-schweigen sich: selbst dot. Es flackert nützt in ihnen, es zittert nicht, einzig ein lebloses Wesen scheine» sie, ein verhängtes Fenster, dessen verblaßten Vorhänge« der Wind leise Bewegung gibt. Der Frauengarten dagegen hat Strömungen. Gruppe« von ungewöhnlich schönen Mädchen gehen auf und ab. Ihre schwarzen Haare sind aufs peinlichste geordnet und glänzen daher mit stolzen Lichtern. Goldenes Ohr- und Halsgehänge auf schneeiger Haut grüßt die dunlle Glut der roten Lippen, und schillernde Zähne, lachende Zungen zappeln durcheinander. Nicht ist es laut oder fröhlich. ES ist gedämpftes Leid verbreitet um all die nahen Toten, die vor kurzen Monaten, verratveschuldigt, zu blutigen Klumpen erschossen worden waren..." Seite 137. „ . . Dann kommen einige Kinder Heruntergelaufe«, und spielen Versteck hinter den Säulen. Niemand beachtet: sw. Endlich, als eines fällt und schreit, kommt ein Diener unb jagt sie mit aushokenden Gesten, die aber nicht arg zu nehmen sind, benn sein verwelktes Gesicht ist voller Güte,' hinaus ins Freie. Die Vorlesung aus der Thorarolle geht indes weiter. Aufgerusene entledigen sich der Ehrenpflicht, dem Borbeter beizustehen, teils mit innerer Sammlung, teils mit äußerlicher Getmchtigkeit. Alle aber sprechen, murmeln, schluchzen, singen und kreischen durcheinander und huldigen Gott am ihre persönliche Weise. Eine rechte Andacht liegt über all denk nicht. ES ist nicht die Massensuggestton, die einen im Dom bei manches Handlungen, wenn alles niedersinkt und auch den Ungläubigen berührt, leicht ergreift. Es ist hier mehr eine persönlich gefärbte Auseinandersetzung, die. den Herrn der Heerscharen mit sächlichen Begründungen, tausendfällig bewiesen, preist und lobt. Seine Taten werwm aufgezähft, 5 und Ein für zitti war eige «lüi Gr: Scn ihre Oh: Glu ist bas Jak M. grei wir eine zu r der ende sond Wie Ans dem Ged uns« satio gier: schü tion Spr zioni richt bei k pro schü, die l dem der hält. Regi Herr entst nach Broj hebt gleit gani gleit an Bei 80V

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