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Neue jüdische Presse · 1918-01-11 · Heft 2 (11.1.1918) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 2 (11.1.1918)
Date
1918-01-11
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Volksschule, um die ersten einleitenden Maßnahmen zu treffen zur Begründung eines Vereins, der den einstigen Zöglingen der Schule zur weiteren Fortbildung im Hebräischen und in anderen Fächern, sowie zur Pflege einer edlen GeselligiLit Gelegenheit geben soll. Es wurden zunächst zwei Kommissionen gewählt, welche die Statuten entwersen und für den Verein werben sollen. Behufs Beratung der Statuten und zur Entgegennahme des Berichts über die Erfolge der Werbetätigkeit soll die erste Hauptversammlung am Sonntag, den 27. Januar, unr 6 Uhr wieder in den Räumen der Agudah stattfinden. vögele -er Maggis. Bon Aron David Bernstein. Da eben zum morgenden Sabbat ihm diese Straf- Vorlesung ans dem Wochcnabschnitte bevorstand, so wird man cs begreiflich finden, daß er nicht in der Stimmung »rar, einen Bachnr bei sich zu sehen und wird es verstehen, wenn wir sagen, daß er heute ganz besonders vertieft blieb in seinem dicken Folianten, der ein Heil tvar für alles, ivas geschrieben steht, und — „was »idjt geschrieben steht." Wir haben die Wirbel des Frcitagsstromcs in F. kennen gelernt; wir müssen es nun hervorheben, daß sie, wie alles, tvas einen Anfang hat, auch ein Ende hatten. Wenn die Sonne, ohne sich um Kerkows Uhr zu kümmern, den Meridian von F. durchschnitt und von ihreni Höhepunkt des Mittags nach den Sandbergen im Abend hinabzusteigen begann, da legten sich die Wirbclwellen. Das Rauschen und Wogen nahm einen friedlicheren Charakter an. Der Markt war zu Ende. Alle umgcrannteu Kinder standen wieder ans den Beinen, alles verscheuchte Geflügel sammelte sich an den Türen wieder, um die wurmstichigen Erbsen und Bohnen aufzupickcn. die man von den guten aussonderte, welche zum „Scholent" gebraucht wurden. Die Bewegung hatte den aufregenden Charakter der Ocffentlichkeit verloren und wallte sanfter im Innern der Häuser weiter. Selbst der Rauch, der .aufwirbelte ans den Schornsteinen aller Häuser, in welchen gekocht, gebacken, gebraten und gesotten wurde, stieg heute in geraden, lichten, friedlichen Säulen zur Höhe, und die dicken Schlacken, die zuweilen nieocrfanken, deuteten genugsam an, daß die Weisheit beim Wiederaufbau des Städtchens nach dem Brande vorgcivaltet habe, in jedem Hause einen Scholent-Ofcn einzurichtcn. In diesem Punkt macht nur ein Hans eine verwegene Ausnahme, das zweistöckige Haus von Reb Noach Brall. Täubchen setzte ihr Scholent-Essen zu morgen Mittags in den Ofen des Mikwenitzers, aber als die „schivarze Soro", die Magd Täubchens, das Essen über die Straße dahintrug, mußte sie wegen der Ausnahme des zweistöckigen Hauses die Schmähungen von Lecser Schlapp hören. „Die heutige Welt!" schrie er, „das Haus baut man bis in den Himmel hinein, und zu einem kleinen Scholentöfchcn für die zwei einzelne Leut' bat mau kein Platz!" schast hörte ndau Relidigte rsön- Jsr- )avid ihren : und tler ii a l». auS* Wir führen diese Rede nur an, um ans die Folgen dieses Mangels, die wir bald kennen lernen werden, vorzubereiten und um anzndeuten, daß die Ruhe der Straße wiedergekehri und Lecser Schlapp wieder Herr des Schauplatzes seiner Wirksamkeit war. Tie schwarze Soro fand Golde mit dem glühenden Antlitz vor dcni Scholentosen, im Begriff ihr Scholent zu versorgen; Vögele, die eben recht dick den Sand über den Flur streute, sprang ihr entgegen; erplagte sie die Neugierde, stieb Noach Brails Scholent mit dem ihrigen heute zu vergleichen. Sie untersuchte die Topfe mit Kennermiene und schrie lustig ans, als sie die „Kugel" sah. „Golde, sieh! Mein Kosniinerchens Kugel istso rund und so voll wie sein Antlitz." Tie glückselige Golde lächelte still in sich hinein. Sie hatte ihrem Zempelburger eine Kugel zurechtgeniacht, die auch nicht g&mlfisgee ’&mämt&m. ein Aepfelchen und eine Rosine weniger haben konnte als die Kugel des reichen Reb Noach Brall. Mil der sinkenden Sonne senkten sich nun die Engelschaarcn des Friedens herab, um jeden Frommen -zu begleiten von der lieben heiligen Schul' bis in die lichte Sabbat-Stube. Alle Tische waren gedeckt, alle Lichter ausgestellt, alle Weihe-Becher hervorgeholt, alle Kinder gewaschen, alle Weiber geputzt, alle Männer gezwickt, alle Baumöl-Kuchen aufgelegt, alle Fische gesotten und alle Feuer gelöscht. Selbst Reb Chaim in seinem Hinterkämmerchen tauchte empor aus den Tiefen des dicken Folianten, in welchem das Grauen vor der Straf-Vorlcsung, der Zorn über Altenstein und die Seligkeit über Wronke in cineni dunklen Gemisch sich harmonisch verwickelten. Die ganze Gemeinde erwartet den Sabbat, daß er komme und die Menschheit zwiefach beseelige. Alle Ohren horchten ans, um den Schulklopfer zu veniehmen, dessen drei Schläge an jede Tür ankündigte den lieben Gast, den heiligen Tag, an dem Gott geruht und sich gefreut hat über alle seine Werke. Da, mitten in der Andachtsstille der uniergehenden Sonne und des emporsteigenden Sabbat erdröhnte ein Schall durch die Stadt, der alle Herzen erzittern machte. Es folgte ein zweiter, utld eine Ahnung der eben in Ausführung begriffenen Schandtat durchdonnerte die Geister. Ein dritter: er war ein Signal zu einem gemeinsamen Schrei des. Entsetzens. Ein vierter, ein fünfter, und alles, was Beine unter dem Leibe hatte, stürzte zur Stätte des Verbrechens. Ein sechster und ein siebenter: der Eiruw war Poßul. Der Bösewicht Kerkow — denn von ihm ward die Schandtat vollführt, und nach seinem Haus stürzte die Flutwelle der Menschheit —, der Bösewicht Kerkow stand da frech wie ein Mörder nnt aufgeschürzten Hemdsärmeln, mit einem Antlitz weiß vor Wut und schwarz vor Ruß, und in seiner Hand schwang er eine ungeheuer große Kneifzange, wie sie nur ein Grobschmied hat und haben kann. Mit dieser hatte er das Werk der Vernichtung unbemerkt in stiller Boshaftigkeit vorbereitet, die Latten und Stakete seines Zaunes gelockert und gelöst, mit dieser großen Grobschmied-Zauge schlug er mit sieben gewaltigen Schlägen — ihre Zahl stand fest und war ein Hohn ans das Werk der sieben Tage — die morschen Bretter nieder, den Eiruw vernichtend. Wenn wir sagen: alte Kinder waren wieder umgcraunt, alles, was Flügel hatte, stürmte wieder auf die Dächer, alles, was Hände hatte, griff nach Waffen um sich, alles, was Odem hatte, schrie nach dem Wachtmeister und dem Rabbi, — so sollen unsere schwachen Worte nur andeuten, was unsere schwache Feder doch nicht schildern kann. Szenen solcher Aufregung wollen erlebt, können überlebt, aber nimmermehr geschildert werden. Der Wachtmeister kam. Der gute Mann war selber herbeigestürzt. Zwar ohne seinen Säbel, — denn auch er, obwohl christliche Obrigkeit, hielt den Sabbat, ja er begann sogar mit seinem Sabbat-Schnäpschen in Judenhäusern schon am Freitag Mittag; — aber um* gürtet mit Entrüstung gegen den Haman, der sich Kerkow nannte. Doch, der gute Wachtmeister, auf solche Schandtat war er nicht gefaßt; nach den vielen Schnäpschen hatte der Schreck ihn so benommen, daß er taumelte: und hätte nicht der lange Simson ihn gehalten, er wäre zu Boden gestürzt. Aber auch der Rabbi, Reb Jitzchak Reb Simches, kam! — Und hier sah man, daß in gewaltigen Erschütterungen der Zustände wohl die weltliche Macht erschlafft niedersinkt, die geistliche Macht jedoch ordnet das Gefüge der zerrntteren Welt mit einem Worte wieder. Der Rabbi stand da — ein kleines Männchen im langen schwarzscidencn Kaftan. — Er erhob die Hand und ries: „Schah!" Stille gebietend. Und es ward still: selbst die wildesten Hähne auf den Dächern wagten keinen Laut. Und in dieser Stille sprach der Rabbi folgende Sätze aus, deren Unumstvßlichkeit sich erst im weitern Verlauf unserer Geschichte bestä.igeu wird. „Der Eiruw poßul! — War oer Judenfeind bat gemacht mit seiner Z.uig. das ist vom Himmel so verhängt. Ihr sollt nicht vergessen, daß wir sind in der Betbanunng' — — — Die Weiber sollen anzünden die Lichter! — — — Tic Männer sollen kommen in die Schul herein! — — Schahh!! Es ist Sabbat über die Welt" — — Sv sprach er. — Und es geschah, wie der Rabbi gesprochen hatte. Es sonderten sich die Weiber und die Männer, jene um anzuzünden die Lichter, diese, in ihrer Mitte sogar der gute Wachtmeister, um zu gehen in die Synagoge. Kerkow, der Bösewicht, blieb allein bei den Zeugnissen seiner verruchten Tat. Mit seinem Zaun hatte er eine große Idee zertrümmert, eine Ein- «süe 5. heit zerstückelt, ein Gebiet der Ganzheit zerbröckelt in einhundert siebzehn Separat-Territorien vereinzelter' Häuser der Stadt F . . . In der wunderreichen Mikwe wirkte das große Ereignis des Tages für den Augenblick sehr verschiedenartig auf die Personen. Reb Chaim, als er hörte, was geschehen, schlug noch einmal den Sch'loh hackodausch auf, legte die Hand auf ein Blatt und sprach gelassen und feierlich wie jemand, der die Schatten der kommenden Dinge lange vorher sah: „Hier steht es geschrieben! Das ist alles das Werk Altensteins!" Die gute Golde war vom allgemeinen Schreck s» eingenommen, daß sie das beste Stück Fische, welches sie eben für den Zempelburger zurechtlegte, zur Erde fallen und ein Raub der Katze werden ließ, die sich dies Ereignis zu Nutze machte. Mit Vögele aber war es ganz sonderbar. Sie hatte kauin vernommen, was geschehen, da sprang sie lachend aus, griff nach einem frischen Paar Gabel und Messer und putzte mit einer Hast und Gelenkigkeit, daß es nur so blitzte, noch ehe der Sabbat über die Welt kam. „Vögele", fragte Golde ganz erschrocken, ,,wa» machst du denn, du hast doch schon vier Paar geputzt?" „Guck!" ries Vögele statt einer Antwort und spiegelte ihr schalkhaftes Gesicht im blanken Messer, „guck, s» glitzern die Augen von meinem Kosminer Charifchen!" Und der Sabbat war über die Welt gekommen; nicht ein Freund der Reichen allein, sondern ein Freund auch des Aermsten der Armen. Die Hand des Friedenscngels fuhr über das sorgenvolle Antlitz der Männer, sie verschönend, über das früh alternde Antlitz der Weiber, sie verjüngend. Mir reichem Segen beladen gingen die Heerscharen des Allmächtigen trotz' des zerstörten Eiruw von Haus zu Haus, von Stübchen zu Stübchen, von Kämnierchcn zu Kämmerchen, wo auch nur zwei arme Sabbatlämpchen, zwei Lichtstümpchen brannten. W» mehr der Flämmcheu den engen Raum erleuchteten, Oa glänzten zumeist auch mehr der Kinder Köpfe; und auf dem Haupte jedes Kinoes sahen die Engel des Sabbats die Hand des Vaters und die Hand der Mutter eine lleine Weile ruhen und legten zu deren Segenssprnch auch den ihrigen darauf nieder. Aber alle Engel, die herumschweiften durch das ganze Städtchen, sie fanden keinen lichteren Raum mit lichteren Seelen als die in den engen ärmlichen Stübchen der Mikwe. Auf Goldes Antlitz lagerten sie in rosigen Scharen, und Bögelcs Wesen umschwebten sie von allen Seiten, als wüßten sie gar nicht, wo an ihr das liebste Plätzchen zu finden. So gedrängt voll war das kleine Stübchen von ihnen, daß der gute Reb Chaim glaubte, in Wronke zu sein, und der Zempelburger — denn er saß am Tisch, Golden gegenüber — sich fühlbar von ihnen angehaucht empfand. Sein sonst bleiches Angesicht rötete sich: sein sanfter Blick strahlte lebhafter, und sein Herz bewegte sich in Rythmen, die zwischen Wehmut und Jubel mitten inne schwebten. Wie sich s gebührt, hatte inan singend die Engel mit dem Liede „Friede sei Euch" begrüßt, den Segen über den Becher gesprochen, für die Sabbatheiligun> gedankt, die Hände gewaschen, das Sabbat-Brot geschnitten, die Speisen herumgetcilt und auch schon davon genossen: aber alles in tief stiller Weise. Wären nicht Bögeles Augen zuweilen gar so lebhaft, man hätte glauben mögen, einen schönen Traum zu sehen Nur über Reb Chaims Antlitz lagerte noch der stille Gram der „Straf-Androhungen". Er warf einen Blick aus seinen Gast und sah dessen Auge am Angesicht Goldes hangen, die Ml vor sich hinsann. In der guten Seele des Reb Chaims dämmerte die Hosfnnng aus, daß ivohl der Zempelburger auch an die Triumphe seiner lieben Kinder in Wronke denke» möge, er richtete deshalb an ihn die leise Frage: „Bachnr, seid Ihr . schon einmal, in Wronke gewesen?" Als jedoch der Zempelburger diese Frage verneinte, wendete sich Reb Chaim, ,wie jemand, der aus einer bitter» Gegenwart sich gewaltsam flüchten möchte, an seine älteste Tochter, die bei dem Namen dieser idealen Stad: mir einem ängstlichen Blick zu ihm aufschauete. „Golde, mein Kind," sagte er bittend, „willst du heute nicht einmal das Lied singen, das der Mronkec Vorsänger von dir gelernt hat?" — In einer Seclenpein für die sie kein Wort finden konnte, wendete sie ihr Gesicht um Schonung bittend den: Vater zu; dieser aber fühlte sich hierdurch schmerzlich zurückgewiesen. Mit der Hand durch die Luft fahrend, als ob es Altenstein und die Strafandrohungen von sich abwenden möchte, ließ er den Kopf sehr betrübt:

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