Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1918-01-11 · Heft 2 (11.1.1918) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 2 (11.1.1918)
Date
1918-01-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2692297-2693075-2693077--10172-2705471
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

7 entity mentions

Se-te L durch seine Erklärung bereits erworben hat, in noch stärkerem Maße gesichert werden wird. Dem gesamten jüdischen Volke aber dürfen und werden die Erklärungen der türkischen und deutschen Regierung Grund sein, mit gesteigerten Hoffnungen der Zukunft entgegenzuschreiten und mit noch stärkerer Gewißheit und Zuversicht der Verwirklichung seiner historischen nationalen Ideale und Forderungen entgegenzusehen. Wie-ergewrusuug der jüdische« Eigevart. Wenn das Leben eines Menschen die Höhe der chm auf den Lebensweg mftgegebenen Möglichkeiten erreichen soll, dann müssen seine Chqr rakteranlagen zur veredelten, Völlen Entfaltung gebracht werden. Nur so erwirbt er sich das Recht der Existenzberechtigung auf unserer Erde. Aber auch nur so wird chm Lebensbeftiedi.qung> das einzige wahre Glück. Diese Pädagogik hat aber nicht nur für den einzelnen Menschen, sondern auch für eine b»- stimmte Masse von Menschen, die zusammen als Volk begriffen wird, ihre Geltung. Jedes Volk hat seine chm eigenen Wesenszüge; weiß es diese sich zu erhalten und zur höchsten Entfaltung zu bringen, dann füllt es! seinen Platz aus, denn dann gcht cg: der Menschheit all' das, was cs chr zu gefeit vermag.. Wir Juden sind seit Urb^inn unseres nun viertausendjährigen Weiterganges das Volk der Religion. Schon unser Urvater Abraham hat Zweck und Sinn seines Daseins zu erforschen gesucht, hat Gott erkannt und empfing dgher Gottes Offenbarung, hat aus Grund dieser Offenbarung seine Lebenscmffaffung. gestallet. Sein Vorbild blich richtungweisend seinen Nachkommen, fadaß diese nur dann Blütenzeiten erlchten, wenn sie das Strebeziel chres Urvaters zu dem ihrigen machten. Seit AuHgantz des Mittelalters ist das jüdische Volk allmählich in eine ^Tiefstandperiode geraten, aus der hdrauszukoutmen sich in seiner Mitte gerade in unseren Tagen verschiedene Bemühungen gezeigt haben. So in Regenerationsbestrebungen der traditionellen Judenheit, Bestechungen, die bereits vor 50 Jcchren sich an den Namen Samson .Raphael Hirsch knüpften und in den letzten Jah!-- ren an den mit dem Namen Louis Feist verbundenen Versuch die gesamten Kräfte der traditionellen Judenheit, unabhängig von ihren Richtungen und Strömungen, zu einer Wellorganisation zusaMmenzufassen. So ferner in dem Wiedererwachen des jüdischen Volksbewußtseins, das in dem Zionismus seinen Ausdruck gefunden hat. Samson Raphael Hirsch prägte das für den .Sinn seiner Lchensarbeit typische Wort: „Mensch- Jistoel". Er wollte volle AnteilncHNie an allen NÄMollen Geisteserrungdnschastetr ' 8k ^Zeit unter streAgswr WMstng ,i>e£, jüdischen, HgHart auh der W-Müge -W jEGy»''!-Mniittio^ Doch obie Äffsvnilierung war in der Judenheit-WesteuröPis schon zu weit vorgeschritten, und so arbeiteten sich nur einzelne zu seinem Ideale empor. Die Mehrheit der sich traditionstreu nennenden Judenheft Westeuropas hat nicht mehr ein bewußtes jüdisches Eigenleben, sondern ist in einem beträchtlichen Maße ihrer Well- und Lebensanschauung bereits stark von ihrer nichtjüdischen Umwelt beeinfülßt. Deshalb wollle Louis Feist die „Organisation" schaffen, die Organisation, die durch Aufstellung immer neuer gemeinsamer Interessen der traditionstreuen Judenheit Wehre errichtet für ein jüdisches EjgenlÄen. Agudas Jisroel sollte die Orgcmisation heißen — doch er starb, es kam der .Krieg, — und heute wissen wft nicht, ob nach dem Kriege aus der Agudas Jisroel jemals eine Ätzudas Jisroel, ein Bund aller traditionstreuen Juden ohne.Rücksicht auf ihre besondere Schattierung weiden wird. Daß sich dies nur dann praktisch verwirklichen kann, wenn man den Kellal-Jisroel-Gedanken, die Einhöft des Mischen Volkes, anerkennt, haben jene traditionstreu 'Gesinnten zu ihrem Panier erhoben, die sich unter dem Namen „Mis- AranGntter MselttWL FanMorÄatt. rachisten" der Bewegung anschlossen, die diese Einheit betont, nämlich der zionistischen. Des weiteren glauben sie, daß ein .jüdisches Eigenleben seit dein Fallen der 'Ghettomauern wahrhaft nur dort wieder erstehen kann, wo sich das jüdische Leben in all' seinen Ausstrahlungen — nicht nur in seiner konfessionellen, sondern auch in seiner sozial-sittlichen, seiner rechtlich-ethischen und seiner wirtschaftlichen . Ausstrahlung — frei entwickeln kann, das ist im Lande der Väter, in Palästina. So schafft der alte Kellal-Jisroel-Gedanke im modernen Organisations-Gewande wieder Ausblicke auf eine zukünftige Blütezeit. Vorläufig freilich lassen sich leider auch aus einen nicht unerheblichen Teil der thöratreuen Judenheit folgende Worte Dr. Nathan Birnbaums anwenden:* *) „Juden — Kinder des Volkes, das Gott auserwählle, damit es das Leben modle und meistere — sind lieber ordinäre Sklaven jeder Möralkonjunktur als geadelte Diener des ewigen Gottes." Auch sie glauben, daß „das Stampfen der Maschinen, das Schwirren der Drähte, das Rollen der Eisenbahnwagen, die 'Frechheft der Wolkenkratzer, der Lärm der Börse und! das Geschwätz der Presse den Sinn ihres Lebens und den Fortschrftt bedeuten." Und an anderer Stelle: „Im Westen ist es die ganze jüdische Bevölkerung, die sich, teils willig, teils widerwillig, teils wissend, teils ohne es zu wissen, auf verschiedenen Stufen fortschreitender und meist auch, fortgeschrfttener Berheidung befindet. Im Osten mit seiner großen altjüdischen Masse bröckelt auch diese — dank dem Lebensvorbilde und der in mannigfachen Formen auftretenden Werbearbeit der westlichen und Heunischen Heidenjuden — nicht unbeträchtlich ab. Immer wieder von neuem tauschen 'Volljuden ihren Stil, ihre ungebrochene Lebenslinie, ihre eigene Schönheit gegen Oede, Zerflatterung und Ordinärhdft, ihre große, schöne und fruchtbare Scheu vor der Sünde gegen die leere Genußsucht des modernen Babels) oie Gefanrmellhöit, Geschlossenheft und Zucht des jüdischen Geistes gegen Verbreiung ein, immer wieder tauchen neue Anwärter auf die Ehre auf, sich den lebendigen Gott aus dem Herzen .reißen und an seine Stelle Stückkenntnisse, Wissenssplitter und Daten, unwahre Sentimentalitäten und politische Schlagwörter setzen, aus der „Finsternis des Ghettos" ins „Licht der Zivilisation" sich führen zn lassen." Vieles also gllt es auszumerzen, vieles wiederzugewinnen, damit das jüdische Volk wieder seiner alten Bestimmung lebt. Mit einer Organisierung, auf dem Gedanken des jüdischen Bolksbewußtseins beruhend, ist wieder eine Blüteperiode für das Volk der Religion, für die Entfaltung eines Lebens im Sinne der Thora zu erhoffen. A«r der Wett der Lhtjfidi«. Bon Lhaim Bloch, Delattzn (dzt. i« k. u. I. Heeres ...«nr- (Fortsetzung.) «Ä - - -_'T- ”rr Der und Suchende irrd oft, braucht eisre gewisse Zeit, bis dr den richtigen Weg findet, min danrtz geradeaus der Höhe zuzudilen. .Dies Äar bei Rabbi Israel Baalschem nicht der Falls er gehörte zu jenen bevorzugten Menschen, in deren Wesen sich die Ergenschvften und das Schichai einer Generation gleichsam verkörpern, und mit der verblüffenden Sicherheit, die das Genie kenirzeichnet, fand er ohne langes Tasten den Weg zu seinen Brüdern. Er war mit einem Herzen voll königlicher Güte und einer ungewöhnlichen Kraft des Gemütes begabt, und so war es ihm ein Leichtes, die Seelen der Massen zu erobern. Sie folgten instinktiv seinem der Bolkspshche entsprungenen Gedankengang: die Sympathien flogen ihm schon beim Auftreten, da er sich einen Weg Erkämpfen wollte, zu, und wer anfangs mit einem Scherz auf den Lippen zu ihm kam, empfand sogleich Ehrfurcht im Herzen. — Eine Frömmigkeit, welche die Gesundheit und Heiterkeit der Seele und das Geheimnis der Lebenskraft bedeutet, eine große schwärmerische und doch! lautere Begeisterung bildeten den Grundzug seines Wesens. Durch seine immerwährende Fröhlichkeit war er ein Verkünder von neuen Wegen zu Gott: Der Mensch soll immer freudig sein und soll dem Weltenherrn in Frohsinn dienen. „Kvmrnt, laßt uns dem Herrn frohlocken" (Psalm 85, 1). „Dient dem Herrn mit Freude, naht ihm mit Gesängen" (Psalm 100, 2). War es Zufall, war es Ahnung des eigener! Geschickes: Baalschem wurde rin Tröster seines Volkes, und seine Worte konnten ungehemmt bis zu dem tiefsten Grund *), „Gottes Volk" von De. Nathan Binchäuni. 48 Seiten. M. 1,20. Wien I, Rotenturmstr! 22, K. Löwit Verlag. Skr. 2 der Seelen seiner Brüder gelangen. Er schuf die romantische Atmosphäre durch die der Chassidismus entstanden ist. . Als ein Träumer des Ghettos wird Israel Baalschem von manchen Seiten bezeichnet. Er gehörte jedoch nicht zu jenen irrenden und irreführenden Ghettoträumern Urrel Akosta (1590—1640), Boruch Spinoza (1632—1677), Sabbatai Zewi (1626—1676) und Jakob Frank (1720—1790), die ihre Brüder von dem Wege, der ihnen von Gott bestimmt und von der Geschichte vorgeschirieben ist, ablenkten, er brachte kein fremdes Feuer auf dem Altar dar, aus dem er opferte. Sein Handeln war der Ausdruck seiner tiefstes Gläubigkeit und durchglühten Ueberzeugung.; Er hatte sich zur Ausgabe gemacht, das Leben der Juden nach Gottes alten Geboten neu einzurichten und. so durch Bildung einer gottgefälligen.neufrommen Gemeinde die notwendige Voraussetzung für die Herbeiführung des Gottcsreiches zu schaffen. Diesem: Umstand ist es zu verdanken, daß der Chassidismus in seiner weiteren Entwicklung einen weit größeren Einfluß auf die östlichen Juden genommen hat als die freisinnige Haskala und sogar als die kühle Altfrömmigkeit. Mag sich der Chassidismus wie jede andere lebendige Strömung wenden und wandeln, — Baalschems Geist wird in ihm fortleben. Als dem Bahner eines neuen Weges zur Vergöttlichung der Welt gebührt Israel Baalschem ein Ehrenplatz in der jüdischen Geschichte neben den großen Gottessuchern Rabbi Jehuda Hachasid (gestorben 1217), Verfasser des „Buches der Frommen", Rabbi Josef Karo (1488—1575), Verfasser des berühmten Religions-Kodex, Salomon Molcho (1601 bis 1532), der den Märthrertod starb, Rabbi Jsak Lurje (1534—1572), Rabbi Chaim Vital (1543—1620) und seinen großen Zeitgenossen Rabbi Moses Chaim Luzatto (1707 bis 1749) und Rabbi Chaim ben Ator (1696—1743)*). Im Geistesleben findet der gleiche Prozeß statt wie in der Natur. So, wie unsere Asche den Boden düngt, dieser wieder die Kräuter und Gewächse nährt, aus denen die Tier- und Menschenwelt instinktiv ihr Lebensbedürfnis befriedigt, so vollzieht sich dieser Kreislauf auch in der West: der Ideen. Es geht nie etwas verloren. Immer findet sich ein Menschenkind, dessen Seele den ausschlaggebenden Ton auffängt und ihn weitergibt. — Die von Baalschem ringeführte Pflicht, daS Gebet mit heißer Hingabe zu verrichten, die sein Nachfolger Rabbi Dowher von Mesiricz in seinen „Sammlungen der Sprüche" ausführlich begründet, erschien vielen als grotesk und anstößig. Grätz berichtet darüber: „Beim Beten machte er rasende Bewegungen mit dem ganzen Körper. Die Bewegung trieb ihm das Blut in den Kopf, machte seine Augen flimmern und versetzte Leib und Seele in einen solchen Zustand der Ueberreizung, daß er eine Todesschwäche empfand." Es ist nun höchst interessant, daß etwa 160 Jahre nach Baalschem Professor Geheimrat Hermann Cohn, der berühmte Kantforscher und idealistische Philosoph» folgende Worte in einer jüdischen Studenten-Monatsschrift niederschrieb: „Wer mit der ganzen Glut seines Herzens) mit Zittern und Beben fein Schema Israel betet, der, nur der allein befestigt sein jüdisches Ich unerschütterlich in Geist und Seele."-) Schlögel hat recht: „Das echte Neue kommt nur aus dem Alten, Vergangenheit muß unsere Zukunft gründen." Es ist ferner eine tendenziöse Entstellung der Wahrheit, ein Ueberblerbsel der chassidischen Sturm- und Drangperiode, auf die hier hingewiesen werden muß, wenn immer wieder behauptet wird, Baalschem oder seine Jünger hätten das.Hhora- und Talmudstudium als nicht erstrebenswert und txieBrfolgung der rituellen Vorschriften als Nebensache erklärt.- Im Gegenteil! Wer die chassidische Literatur — worunter selbstredend die von den verschiedenen Zadikim verfaßten Thorabücher zu verstehen sind, nicht aber die Geschichtsbücher, durch die größtenteils entstellte Erzählungen Verbreitung fanden — unbefangen studiert, dem braucht man nicht noch zu versichern, daß Thora, Talmud und Schrilchau-Aruch im Chassidismus ihren edelsten, pietätsvollsten und vollkommensten Ausdruck gefunden haben. Der Geist, der aus dieser von einer überirdischest-Selbstverleugnung erfüllten, etwa anderthalb Jahrhunderte alten Literatur sprüht, kann niemals,als ein gegen das Studium der alten Wissenschaft des Judentums gerichteter, angesehen werden:, . ly v •: : ’u'• Auf der großKr Höch^itM O st i l ch; auf der^.nMhr als sechzig weiß. (Symbol der GUade) gekleideter Zadikim versammelt waren, ließ der Nestor unter den Chassibimführern, Rabbi Abraham Jehuschua Heschl von Opatow, ein Mann gleich hervorragend in Wortwirkung und Darstellung, scharf und schneidig, von unerbittlicher Strenge und doch! ein „Freund Israels"^) in einer Aussprache mit Rabbi Jizchak Maiir«) von 'Warschau (Güra-Kalwarya) «ine Aeußerung fallen, die die wahre chassidische Tendenz kennzeichnet. Er sagte: „Der S ch ulchan-Aruch ist unsere K ö n i g s st r ä ß e. Als sich durch die Verhältnisse ich Golus auf dieser Straße Sümpfe bildeten und sie unpassierbar wurden, da kam Baalschem und fand einett Seitenweg über Berge und Wälder, der aber trocken war und zum Ziele führte. Seither versperrten diesen'schmalen Pfad gewaltige Felsblöcke, so baß er nicht mehr passierbar ist; es kamen Neulinge, und anstatt Stricke um. die Fetsblöcke zu ziehen, bis der Weg frei wird, begannen sie, neue Seitenpfade zu suchen, über neue, unwegsame Abgründe zu gehen. Und da steht der Geist Baalschems, der mit arif- Eine ausführliche Biographie dieses hervorragenden Mannes hat Rabbiner Dr. Jakob Nacht in Fokschany herausgegeben. s) „K. C. Blätter" Mai/Juni 1916. S. 645/ll. s) Titel des von ihm verfaßten bei den Chossidin» außerordentlich beliebten Werkes. *) Jünger des Rabbi Simche Bunem von Przysucha, dem bekannten chassidischen Neuwegsricher, Lehrer des Rabbi Mendel von Kozk, dem Begründer der radikalen Kozker Richtung innerhalb des Chassidismus. 3 8 Toi geh kein die m den. übe hall nich Ein sich! auf naa Ma! gem dem darr trof Urs, dom sich« Sal führ bit füll dies« den lchö: Une den vert vor Dr. pfar und der ftai bri uni UN f rei Zior cüf , 01 aise stets Lisch Ein Gr« liche durö Eig i richt» alle i inu Sell Gese, beabj Gem, Sell dieser Ügter den I derwl spreä 5000 waltr könn« rung rmrg ist. i Mit i ermä klär» trage

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.