Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 16 (1918)
- Issue
- Heft 2 (11.1.1918)
- Date
- 1918-01-11
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die letzten Wochen haben zwei Ereignisse gebracht, die für den Prozeß der wachsenden weltpolitischen Anerkennung der jüdischen Palästinabestrebungen, die die Hoffnung auf ihre Verwirklichung immer stärker und greifbarer erscheinen läßt, von außerordentlicher Bedeutung sind. Zunächst hat der türkische Großvezier Tataat Pascha in einem Interview mit Dr. Jul. Becker als Berichterstatter der Vossischen Zeitung in eingehender Weise seine Stellung zum Zionismus auscinandergesetzt und darin in klaren und unzweideutigen Worten den Sympathien der türkischen Regieruiig für die zionistischen Bestrebung!: u Ausdruck gegeben und die wohlwollende Unterstützung derselben in Aussicht gestellt. Die Unterredung mit Talaat Pascha stellt die erste offizielle Meiuungsäußerung der türkischen Regierung in Bezug auf ihr Verhältnis zum Zionismus dar, eine Meinungsäußerung, auf die man bekanntlich in den weitesten jüdischen Kreisen seit langer Zeit bereits mit großer Spannung wartete. Nunmehr ist sie erfolgt, und mit größter Befriedigung darf man konstatieren, daß sie durchaus im positiven Sinne gehalten ist und entgegen allen ctlvaigen gegenteiligen Befürchtungen eine offene Stellungnahme der türkischen Regierung für den Zionismus bedeutet. Diese positive Stellungnahine ist fast ohne jede Einschränkung, denn die Forderung und Voraussetzung, die der türkische Großvezier an sein Versprechen einer Förderung der zionistischen Bestrebungen knüpft, daß diese sich innerhalb des Rahmens der türkischen Souveränität und der türkischen Staatsgesetze vollziehen müssen, ist nur selbstverständlich und entspricht durchaus den Grundsätzen des .zionistischen Programms und der zionistischen Politik. Unter dieser Grundvoraussetzung erklärt sich der türkische Großvesir nrit den wichtigsten zionistischen Einzelforderungen, wie freie Emigration und Kolonisation in Palästina, örtliche Selbstver- Ivaltung und die freie Möglichkeit der nationalkulturellen Entwicklung, einverstanden. Bon welcher Bedeutung diese Stellungnahme der türkischen Regierung ist, brauchen wir nicht erst darzulegen. Wir haben wiederholt schon auf die Bedeutung einer' solchen Stellungnahme hingewiesen und. immer wieder dem Wunsche und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß die türkische Regierung die Notwendigkeit einer solchen positiven Stellungnahme erkenne und demgemäß handele. Gerade weil das zionistische Programm immer sich in erster Reihe von dem Grundsatz der Loyalität gegenüber der Türkei hat leiten lassen, gerade weil die Türkei seit Jahrhunderten innerhalb des jüdischen Volkes aufrichtigste Sympathien besitzt, gerade : deswegen mag es besonders wünschenswert erscheinen, daß die türkische Regierung ihre Zustimmung zu den jüdischen Palästinawünschen in klarer Weise zum Ausdruck bringt und nicht den Eindruck in jüdischen Kreisen aufkommen läßt, als ob. diese Wünsche sich im Gegensatz zu ihr realisieren ließen. Es ist bekannt, daß manches, was im Laufe des Krieges in Palästina geschehen ist, einen gewissen Anlaß' zu solchen Befürchtungen gegeben hat, und es ist weiterhin bekannt, in welch außerordentlich eifriger und geschickter Weise die Ententestaaten! diese Vorkommnisse in .ihrem Sinne ausgebeutet haben, und mit Bedauern mußte man bereits kontalleren, daß all diese Dinge bereits ihre Wirlsig auszuÄen begannen und die historischen .Sympathien des jüdischen Volkes für die Türkei bereits hier und da geschädigt hatten. Darum darf man jetzt doppelte Genugtuung darüber empfinden, daß in autoritativster Weise von dem höchsten Leiter des türkischen Staates all diesen Befürchj tungen der Boden -entzogen wird, und die türkische Regierung sich für die jüdischen historischen^ und nationalen Palästinahoffnunacn ausspricht. Es ist naturgemäß, daß das jüdische Volk die Erklärungen des Großvesirs als einen Anfang betrachtet, als den Anfang eines neuen Stadiums in der Beziehung der Türkei zum Zionismus. Mit .Hoffnung und Zuversicht schaut die Judenheit auf die weitere Entwicklung dieses Stadiums und ist überzeugt, daß, was Talaat Pascha in so schönen Worten gesagt hat, nunmehr auch durch Taten und positive Maßnahmen der türkischen Regierung bekräftigt und bestätigt rverden wird. Die positive faktische Realisierung der Zusicherungen Talaat Paschas wird die innere Verbundenheit des jüdischen Volkes mit der» türkischen Staate in immer steigendem Maße stärken und das traditionelle Verhältnis des Judentums zur Türkei, das Verhältnis aufrichtiger Sympathie und Freundschaft auch für die Zukunft sichern, ja wird es in gesteigertem Maße für beide Teile ftuchtbar werden lassen. Wenige Tage, nachdem die Unterredung mit Talaat Pascha veröffentlicht wurde, verbreitete das offizielle Wolffbüro eine Erklärung der deutschen Regierung zur Judenfrage. In dieser Erklärung, die der Unterstaatssekretär des Auswärtigen Anits abgegeben hat, spricht die deutsche Regierung ihre Sympathie für die Bestrebungen der Juden aller Länder zur Wahrung und Pflege ihrer kulturellen Eigenart aus, erklärt sich mit den Worten Talaat.Paschas solidarisch und begrüßt die versprochene Förderung des Zionismus durch die türkische Regierung. Mit dieser Erklärung hat Deutschland die nationalen Forderungen des jüdischen Volkes .'anerkannt und ihnen ihre Unterstützung zugesagt, eine Tatsache von bleibender und historischer Bedeutung. Es ist bekannt, welch außerordentlich tiefgehende Wirkung die vor einigen Wochen veröffentlichte Erklärung der englischen Regierung fiir .den Zionismus in allen Kreisen des jüdischen Volkes ausgeübt hat. Me nunmehr vorliegende Erklärung der deutschen Regierung wird nicht verfehlen, in gleicher Weise die stärkste Befriedigung innerhalb des jüdischen Volkes auszulösen, das mit Dankbarkeit konstatieren wird, daß Deutschland volles Vertrauen für seine Wünsche und Hoffnungen besitzt und bereit ist,^ ihre Verwirklichung zu unterstützen. .'Es wäre falsch, anzunehmen, daß die Erklärung der deutschen Regierung etwa in erster Reihe aus propagandistischen Gesichtspunkten heraus veranlaßt und zur Gegenwirkung gegen die englische bestimmt sei. Denn alle, die mit den Verhältnissen näher vertraut sind, wissen, daß Deutschland seit längerer Zeit bereits in vielen Fällen seine Sympathien für die Patästinäbestrebungen durch positive Taten bekundet hat. Wenn dieser Sympathie erst jetzt öffentlich Ausdruck gegeben wird, so liegt der Grund, wie man wohl annchmen darf, darin, daß Deutschland in der Palästinafrage der verbündeten, türkischen Regierung, die ja unmittelbar daran interessiert ist, den Vortritt lassen wollte. Nunmehr, da die türkische Regierung sich für den Zionismus ausgesprochen hat, hat die deutsche Regierung unmittelbar daraus sich für ihn erklärt, und nachdem vor einigen Wochen der österreichische Minister des Meußern, Gras Czernin, 'in einer Unterredung mit Herrn Dr. Hantle auch seinerseits feine warmen Sympathien für die zionistischen Bestreüungen bekundet hat, darf man jetzt ohne jede Uebtertreibuna sagen, daß die Zentralmächte als Gesamtheit sich für die jüdischen Palüstinawünsche ausgesprochen haben. Diese Tatsache stellt eine glänzende Rechtfertigung und Krönung der bisherigen jüdischnationalen Politik in diesem Weltkriege dar. Jetzt, da beide Mächtegruppen sich für die jüdischnationalen Bestrebungen erklärt haben, ist der Beweis erbracht, daß die unbedingt neutrale Haltung, die das jüdische Volk von Anbeginn im Kriege eingenommen hat, die allein richtige war und allein zu den großen Erfolgen führen konnte, die der jüdisch-nationale Gedanke jetzt errungen hat. Es ist^ nur selbstverständlich, daß diese Erfolge, die auf Grund der bisherigen PMti? errungen worden sind, den Zionismus und darüber hinaus alle jüdischen Kreise in ihrer bisherigen Haltung nur bestärken können. Es bestand unmittelbar nach der Erklärung der englischen Regierung fiir den Zionismus und der liefen Wirkung, die sie überall ausgeübt hat, vielleicht im Augenblick die Gefahr, als ob es gelingen würde, das jüdische Volk von dieser neutralen Haltung irgendwie abzubringen. Die Erklärungen der türkischen und der deutschen Regierung haben diese Gefahr endgültig beseitigt, indem sie bewiesen haben, daß die Judenheit von Seiten der Zentralmächte mindestens die gleiche Sympathie und Förderung seiner nationalen Bestrebungen erwarten 'darf wie von Seiten: der Entente. Es ist klar, daß von der deutschen Erklärung dasselbe gilt wie von der türkischen, daß auch sie einen Anfang darstellt, und weitere positive Bekräftigungen dieser Erklärung zu erwarten und zu erhoffen sind. Das gilt nicht nur für die Palästinabestrebungen, die ja während des Krieges nicht unmittelbar .weiter gefördert und realisiert werden können, sondern: das gilt in ganz besonders hohem Maße für die ostjüdischen Fragen, zu denen ja die deutschen Erklärungen in ihrem ersten Teile auch Stellung genonmren hat. Die deutsche Regierung erklärt dg, daß sie den Bestrebungen der Judenheit zur Wahrung und Förderung ihrer Eigenart und Kultur Verständnis rmd Sympathie entgegenbringe und bereit sei, sie zu unterstützen. In Polen und in Litauen hat die deutsche Regierung' die Gelegenheit und auf Grund dieser Erklärung auch die Pflicht, dieses Versprechen einznlösen. Es ist bekannt, daß nicht immer bisher im Osten in den okkupierten russischen Gebieten die deutsche Politik von dem Geiste, der in der Erklärung der Regierung herrscht, getragen worden ist, und besonders für Polen ist es ja leider eine schon oft. konstatierte Tatsache, daß in vielen wichtigen Punkten die berechtigten Wünsche der Judenheit zur Wahrung und Pflege ihrer Kultur nicht in dem Maße berücksichtigt worden sind, in dem es notwendig gewesen wäre. Wir hoffen, daß die Erklärung der Regierung auch für diese Dinge den Beginn eines neuen Stadiums darstellt, und daß besonders auch bei den.gegenwärtigen Verhandlungen mit der russischen Regierung^ bei denen ja die Ostjuden-Frage irgendwie geregelt werden muß, die Haltung der deutschen Regierung in diesem Punkte dem Sinne und Geist der.Erklärung entsprechen wird. Wir hoffen aus das zuversichtlichste daß die nächste Zukunft den Versprechungen der deutschen Regierung den Beginn ihrer Erfüllung bringen wird, wodurch der Anspruch Deutschlands auf den Dank des Wischen Volkes, den es. sich.