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Neue jüdische Presse · 1918-01-04 · Heft 1 (4.1.1918) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
16 (1918)
Issue
Heft 1 (4.1.1918)
Date
1918-01-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Sk. 1. tätig waren: Flora Posen, Witwe deS unvergeßlichen Jacob L. Posen, Lehmann Weil und Lazarus Klau. Der diesmalige Rechnungsabschluß schließt mit einem- Fehlbetrag von 35,000 M. Die Kaschrusbetriebe erforderten große Zuschüsse. Die Sesselmiete ergab mit 59,880 M. 3000 M. weniger als im Vorjahre^. Die Mizwaus brachten 11,858 M. Die Schulkasse beanspruchte einen Zuschuß von 21,000 M- 160,000 M. werden an Lehrergehältern, 17,500 M. an Lehrer-Pensionen und Witwengehältern verausgabt. . Die Realschule hat mit 630 Schülern die höchste Zahl seit ihrem Bestehen erreicht. Auch die Volksschule erfreut sich einer solch steigenden Entwicklung, daß die Errichtung von Parallelklassen nötig wäre. Es hapert jedoch an den Mitteln hierfür und ist deshalb eine erhebliche Steigerung der Jahresbeiträge erforderlich. Auch von dem Stande der Thora-Lehranstalt läßt sich nur Erfreuliches berichten. Neun Primaner der Realschule treten zu ihr über, nachdem die Fortbildungsklasse der Realschule in Anbetracht des Kriegs noch! nicht Wieder eröffnet werben konnte. Nach Verlesung des Berichtes erösfnete Maier Nußbaum, der Vorsitzende, die Debatte. Es meldete sich jedoch niemand, und so konnte sogleich zu den Wahlen geschritten werden. Die Wahlen ergaben: Sanitätsrat Dr. Rvsenbaum und Nathan Sondheimer für den Borstand, Naftali Schwabacher und Emil Goldschmidt für den Ausschuß. 1 * * Der vorstehende Bericht gibt das Bild einer von starkem Idealismus getragenen Gemeinschaft. Dieser Idealismus verdient wie nach dem Gemeindeleben hin, so auch für das Eiu^elleben eines jeden innerhalb seiner Familie und seines Berufes im Sinne jüdischer Welt- und Lebensanschauung die eifrigste Beachtung all' derer, die um die Zukunft der dem Einflüsse der Religionsaesellschaft unterstehenden Kreise besorgt sind. Das verlangt aber eine starke Milderung des überspannten Bogens jüdisch-politischen Denkens bei manchen ihrer einflußreüben. bcstimmunggebenden Persönlichkeiten. So würde Zeit und Kraft frei, die dann noch auf die Pflege des Menschlichen im besten jüdischen Sinne verwandt würden. Es scheint uns, daß sich ferner mit der. Zeit manche Klassengegensätze herausgebildet haben, die die gegenseitige menschliche Einflußnahme hindern. Nicht mit Unrecht ist schon manchmal z. B. darauf hingewiesen worden, wie wenige darum bemüht sind, die von auswärts kommenden jungen Leute itt' ihr Heim heranzuziehen und ihnen so in mancher kritischen Stunde Schutzengel zu sein. Wir haben eine Frage angeschnitten, über die sich noch! manches sagen ließe, — doch Wir wollen sie diesmal nur anschneiden. „VICTORIA» Erste Berliner Wäscherei und Glanz-Plätterei Ham» Tal. 2002. j| GotlEOtSlraSSB 18. Hansa Tel 2002, Spezialität: Kragen, Manschetten and Hemden. Vögele der Maggw. Bon Aron David Bernstein. (Fortsetzung.) Denn als in Frankfurt am Main die Frage anstand, ob die hohe Obrigkeit, der gestrenge Senat, die jüdische Gemeinde zwingen solle, einen Eiruw einzurichten, erklärte der fromme Rabbi, der ganz entschieden dieser Ansicht huldigte, mit Hand und Mund in folgender sehr instruktiver Weise das Wesen des Eiruw. Er streckte seine rechte Hand und vornehmlich den Daumen dem gestrengen Herrn Senator entgegen, beschrieb erst einen kleinen Kreis in der Lust, der sich dann immer mehr, erweiterte und eine Spirallinie wurde, und diese Spirallinie wurde immer größer und größer, und als sie ungefähr die Größe eines kleinen Luftballon erreicht hatte, war er auch mit der wörtlichen Erklärung des Eiruw fertig, die also lautete: . „Gestrenger Herr Senator: Wir sollen den Sabbat heiligen und sollen nicht Lasten tragen aus unfern Behausungen. Nun aber muß man doch einen Betmantel, ein Gebetbuch und auch ein Schnupftuch, eine Tabaksdose und dergleichen oder gar ein Getränk oder eine Speise am Sabbat von einem Haus zum andern tragen. Da haben nun unsere Weisen, gesegneten Andenkens, gelehrt, daß, wenn mehrere Behausungen sich zu einem Gebiete vereinigen, so soll das ganze Gebiet so gut sein wie ein einzig Haus. Wenn man nun eine Mauer Kerumzieht um die ganze Stadt, so werden alle vereinzelten Behausungen zu einem Gebiet; denn die Mauer ist so gut wie ein Haus. Wenn nun aber keine Mauer um die Stadt, so macht man an allen Eingängen ein Torweg; denn ein Torweg ist so gut wie eine Mauer, und eine Mauer ist so gut wie ein Haus. Wenn man aber keinen Torweg machen kann, so zieht man einen Draht oder auch eine. Schnur über alle Stellen, wo ein Tor- Frankfurter ZsrarLtisch«s FamilienAE weg hätte sein sollen. Dann ist der Draht so gut wie ein Torweg, und ein Torweg ist so gut wie eine Mauer, und eine Mauer ist so gut wie ein Haus. Und darum macht man einen Eiruw, d. h. eine Vereinigung aller Behausungen, aus zwei Stangen, die man aufrichtet und die man miteinander durch einen Draht wie ein Torweg verbindet!" Wir müssen uns damit begnügen, diese historische Szene zur Begründung unserer Ansicht vorzuführen, daß ein Eiruw eigentlich mit den clekrtischen Telegraphen- Leitungen nichts zu tun hat, wohl aber dürfen wir es als erwiesen ansehen, daß der Eiruw dessen Vorbild sei. Betrachten wir nun den Eiruw, das Symbol der Gebietseinheit, in unscrm F.—, so schloß er dasselbe so gut wie ein Torweg, der so gut wie eine Mauer, die so gut wie ein Haus, von der Außenwelt ab. Er verband in Gestalt eines Drahtes an zwei Stangen die gegenüberliegenden Häuser an den Eingängen der Stadt. Wo zwischen Zäunen irgend eine Lücke als Durchweg iu die Außenwelt diente, oder mindestens dienen konnte, war vorsorglich der Eiruw angebracht. Die Stadt war daher im vollsten Sinne des Wortes umschlossen, und zu dieser Umschließung gehörte auch der Zaun von Kerkows Haus, ein Zaun, der mit seinen Latten, Leisten und drei morschen Brettern nicht im Entferntesten verriet, welch historische Bedeutung boshaften Angedenkens in ihm verborgen liege. An demselben Freitag, an welchem wir in unserer Geschichte angelangt sind, hatte kein Mensch in dem stürmischen Freitagsgewimmel des Städtchens eine Ahnung der Gewalttat, die in Kerkows Busen reif geworden war. Es lies Jung und Alt in der regelmäßigsten Freitags- Anarchie durcheinander. Die schönen Güter, Öffentlichkeit und Mündlichkeit, die eigentlich niemals in %. fehlten. Wurden heute im vollsten Maße der Harmlosigkeit genossen. Begrüßungen und Anfeindungen, Liebe und Streit, häuslicher Friede und häuslicher Zwist, der die Liebe erfrischt, alles wurde auf offener Straße begonnen und abgespomien. Alle Streitigkeiten der Frauen unter einander vom Sonntag bis zum Freitag waren nur Generalproben für die wirkliche Aufführung am heutigen Tage, wo auch die Männerrollen besetzt werden konnten. Und schön war es zu sehen, wenn unter dem schallenden Zuruf der Gattinnen ein Geist der Ritterlichkeit die Hcimgckehrten umkleidete und sie oft mit Hasenfellen gegen einander den Streit ausfochten, den jene angezündet hatten. Der Freitag war auch der Markttag in F—. Wenn in der Wüste vor alten Zeiten das Manna am Freitag in doppelter Portion vom Himmel regnete, strömte es in F. aitz^Freitag siebenfach herab; denn es war der Tag, der eine ganze Woche in sich barg. Was gebacken werden konnte, wurde heute gebacken, was gebraten werden konnte, wurde heute gebraten, was gesotten werden konnte, wurde heute gesotten, was gestritten werden konnte, wurde heute gestritten, was gesprochen werden konnte, wurde heute gesprochen, was gerannt werden konnte, wurde heute gerannt: Männer, Frauen, Jungen, Mädchen, Bauern, Bäuerinnen, Juden und Gojim, alles durcheinander und alles in großer Eile, denn — es ist Freitag. Und von dem großen Zauber atemloser Freitags- Geschäftigkeit waren auch alle Personen erfaßt, die wir mit besonderem Interesse bisher betrachtet haben. Reb Noach Bratl schwitzte in seinem Speicher, in welchen heute alles einzog, was von Wolle und Hanf, von Pelzwerk und Wachs, von Schweineborsten und Honig aus dem Lande kam. Der gute Mann in den besten Jahren senkte oft schwer, daß er für die ganze Woche noch frisch genug sei: aber für den lieben Freitag sei er schon zu alt. Täubchen hatte sich die Aermel aufgeschürzt und die Haubenbänder statt unter dem Kinn im Nacken zusammengebunden, denn sie steht in der Küche und Ureter und rollt und schneidet Nudeln und flicht die Weizcnbrote und bereitet den Bntterkuchen und den Baumölkuchen und siedet den Fisch und schneidet das Zugemüse und schaffet die Kugel und reget die Hände ohne Ende für den lieben heiligen Sabbat. Die gute Golde eilt mit Hast über den Markt, um Einkäufe zu machen für den guten Sabbat und den guten Gast und hält nicht einen roten Heller von dem harten Taler zurück. Vögeles Hände sind schon sehr zeitig so voll Lichter- Zieherei für die heilige liebe Synagoge, daß sie frühe noch im Stande ist, sich den Talg abzuwaschen und sich mit Messerputzen zu beschäftigen. Selbst im Beshamidrasch herrscht das F-reitagsgewühl der Bachnrim, die mit ihren Speisemarken hercinnnd herausrennen und mit dem Schulklopfer zanken, der ihnen nicht Rede stehen will. Seite i „Ich sag' Euch," schreit der erzürnte Schulklopfer den armen Kosminer an: „es ist kein Irrtum, ich irre mich nicht! Täubchen Reb Noach Bralls hat mir ausdrücklich gesagt: Ihr, Kosminer, sollt Euer» Sabbat bei ihr haben, und der Zempelburger soll bei Reb Chaim Mikwenitzer essen!" Und er stürzt davon. Der Kosminer ist zwar sehr aufgeregt, daß es nicht umgekehrt ist, und seine Hand fährt unwillkürlich nach der Tasche, um Kotzeüues große Verzweiflung zu fassen; aber welcher Jude hat Zeit am Freitag zu verzweifeln? Sogar Leeser Schlapp hat nicht Hände genug, um seine Pantoffeln allen an den Kopf zu werfen, die ihm heute in den Weg rennen, und in dem Gesumme der großen Freitags-Geschäftigkeit geht auch sein Wort verloren, das die Woche über von Eckstadt zu Eckstadt durch alle Eiruws klingt. Füße, Rockschöße, Aermel männlichen Geschlecht», Haubenbänder, Unterröcke, Brusttüchel weiblicher Wese», jagen, flattern und fliegen wirr durcheinander. Kinder werden umgerannt, Katzen retirieren auf di: Dächer, und selbst die Hähne können ihr weises Kikriki nicht der Welt verkünden, wenn sie nicht auf einem Zaune oder auf einer Eiruw-Stange eine sichere Zuflucht gefunden haben. — Denn mit einem Worte: es ist Freitag! Nur zwei Charaktere birgt die Stadt, an deren Ruhe die Mellen des Freitagswirbels vergeblich an» stürmen. Zwei Charaktere, himmelweit von einander verschieden und nur in einen Punkte sich gleichend, daß der Freitag sie nicht hinreißt. Der eine, der Bösewicht Kerkow — den wir nimmermehr Uhrmacher Kerkow nennen werden — steht mit seinen schwarzen Plänen an seinem schwarzen Zaun, der den Eiruw ergänzt. Da wir seine ruchlose Tat noch zeitig genug sehen werden, wollen wir nicht weiter in den Abgrund seiner Gedanken niedertauchen. Der andere, Reb Chaim Mikwenitzer oder wie er sich lieber hört: „Reb Chaim des Maggids", sinnt gelassen in seiner Hinterkammer über seinem dicken Folianten. Die Wasser der Mikwe waren von gestern Abend her noch warm genug, sodaß das Institut seiner Sorgfalt nicht weiter bedurfte. Die Tür zur Mikwe stmid offen, und ein und aus zog jeder männlichen Geschlechts, den sein Herz trieb, nnterzutanchen und auszutauchcn in den Quellen absoluter Reinigungswasser. Reb Chaims Seele war trübe gestimmt und tauchte heut: ganz besonders tief unter in dem Meere der Betrachtung des vor ihm liegenden dicken großen Folianten. Als Golde ihm heute früh angekündigt hatte, daß ein Bachur seinen Tisch zieren solle am kommenden Sabbat, hatte sich seiner Seele jene Betrübnis bemächtigt; denn wenn er dies auch für eine große Ehre ansah unddem Bachnr mit vollstem Herzen alles gönnte, ivas sein Tisch bot, war es doch gerade dieser Sabbat, an dem er nicht einen Menschen bei sich sehen mochte. Wäre all seine Widerstandskraft nicht schon längst an dem hartherzigen Starrsinn des Staatsministers von Altenstein gebrochen, so hätte er Goldes Einladung nicht gutgeheißen. So aber ergab er sich seinem Schicksal und suchte für seinen Gram im dicken Sch'lvh hackodansch einen Trost; denn dieses gute Buch hatte für Reb Chaim einen noch weit höheren Wert als für die ganze Welt; er las nicht nur alles, was darin stand, heraus, sondern auch alles, was nicht darin stand, hinein, wie z. B. die Barbarei Altensteins, die Herrlichkeiten der guten frommen Stadt Wronke und die zwei schwersten Pflichten des Mikwenitzers: die Pacht- und die Stras-Borlesung. Was Altenstein anbelangt, so kennen wir bereits diesen trüben Flecken am Lebenshorizont Reb Chaims. Was die Pacht der Mikwe betrifft, so wollen wir versichern, daß sie gezahlt wurde, wenn nicht durch Reb Chaims Einkommen, so doch durch den Fleiß der Kinoer. Bezüglich der guten frommen Stadt im Großherzogtum Posen, Namens Wronke, so wollen wir nur hier andeuten, daß sie der Lichtpunkt in ben Knnstreisen Reb Chaims und seiner Kinder war; denn der Wronker Vorsänger schwärmte damals ebenso für Golde wie die Wronker Rabbinenftau für Vögele, und beide, der Vorsänger und die Rabbinenfrau, entzündeten ganz Wronke iu einen Wettkampf des Enthusiasmus, der beispiellos war und beispiellos blieb für ewige Zeiten. Die Erinnerung an Wronke hätte sicherlich die Erinnerung an Altenstein völlig verlöscht, wenn nicht eben das kam, was uns jetzt beschäftigen muß, nämlich die bereits erwähnte Straf» Vorlesung. Wer bewandert ist in der heiligen Schrift, der weiß, daß an zwei Stellen die schrecklichen Strafandrohungen ausgeführt sind, die Israel treffen werden für die Sünde der Abtrünnigkeit. Wenn es mm beim Borlesen der

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