Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 43 (16.11.1917)
- Date
- 1917-11-16
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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43. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 5jeldrabbiner Prof. Dr. Maier Tauber erhielt »lb. BerbienstkreUA m. Krone, Felbrabbiner' cz Löwy das Ritterkreuz des Franz Jo- Ordens am Bandedes-Militärdieiist- >zes. erfo«Ee» u. kleine Mitteilungen. >erli«. . Am 25. November findet im II. VerwaltungSde der jüdischen Gemeinde, Rosenstr. 2/4, die erste ,g des Verwaltungsrates der am 6. September Sekten „Zentralw.ohlfahrtsstelle-.der Jusür Deutschland" statt. In dieser Sitzung:soll prstand gewählt und unter mrderem der vorläufige ßplan der Zentralwohlfährtsstelle ausgestellt werden, lerltn. Im Verein für jüdische Geschickte und Literatur Rabbiner Dr. Jacob-Dortmund über „Graetz". habe die jüdische Geschichte in zwei Teile zergliedert: ichtc des Volrskörpers und der Volksseele, der jü- » Lehre. Sein.^Geschichtswerk habe der deutschen cheit das Selbstbewußtsein gestärkt und den Glauben «’ Zukunft gegeben. — der Fürsorge für unbemittelte alte Mitglieder der Gemeinde dienen drei Häuser. Im Jahre 1916 wurden samt 305 Personen in ihnen verpflegt, was 232 889 Ausgaben verursachte. Die Verpflegung stellte sich vps und Tag auf 66,5 Pfennig. Das Anstaltsvermögen g rund 4Vr Millionen Mark. Für den Bau eines n Hauses sind heute bereits 750 000 Mark vorhanden. München. Der-jüngst im #1. Lebensjahre verstorbene lFreiherr vonHirschjauf Schloß Planegg war Hte Jude seines Geschlechts. Die Söhne Dr. Karl und kudolf Freiherr v. Hirsch sind längst katholisch, jirschs' Witwe, eine geborene Ladenburg, ist die kster der Frauenrechtlerin Julie Bassermann. Seine er ist Gattin des Oberst Freiherr v. Fleury. — steölau. Alfons Marck Justiz'llt, Stadtrat, Mildes Verstandes der Israelit. Gemeinde usw., ist i Jahre alt — verschieden.- resla«. Oberstabsarzt, Geh. Mcdizinalrat Dr. twitz in Ohl au, Ehrenbürger dieser Stadt, feierte Svldene Doktorjubiläum. lnläßlich ihres Fortzuges von O st r o w o wurde Frau xat Boß zum Ehrenmitgliede des dortigen länd. Frauenvereins ernannt und dessen Kinderheim!ame „Emilie Boß-Heim" zugelegt, ischwege. Rabbiner Dr. C o h n erhielt anläßlich seines tritts in den Ruhestand den Roten Adlerorden luksetz tOverfrankeni. Samuel Fleisch mann, -Vorstand und stellt). Bürgerineister, beging mit seiner Rosalie geh. Lauer, die Goldene Hochzeit, gten. W>e die „Neue Ze>t" er'äbrt, hatte Ministercnt Dr. Ritter v. Seidler mit Abg. Reizes üitglied des Berfassungsausschusses eine Besprechung fS der Judenfrage in Oesterreich Die Besprechung ' demnächst ihre Fortsetzung finden. Bien, Kaiserlicher, Rat Dr. Theodor Lieben, ekretär der israelit. Kultusgemeinde, ist im 75. Leahre verschieben. — ialzvurg. Rabbiner Dr. Viktor Kerrein wurde Karlsruhe (Baden) berufen, jürich. Ein Heim für jüdische Lungen- >ke in Davos dürfte im nächsten Frühjahr zur ichkeit werden, wenn genügend Spenden cinlaufen. den nimmt der Präsident des Hilfsvereins, Moritz , Bahnhofstr. 55, entgegen. inan:! Das Joint Distribution-Komitee in Nvrk sandte nach hier Dr. Boris Bogen und Senior zur Errichtung eines Bureaus für die Ver- >g der Hilfsgelder. Es hät sich! ein Exekutivkomitee und . großes Komitee gebildet; dem ersteren gehören an: M. I. Oppenheim, Staatsrat (Vors.), Bankier . Kann, und Versicherungsdirektor Nehemia de ne.!ew-Uork. Die wmerik Ravbiner-Vereini- 8 (Agudath Harabbvnim Hamatifim) beschloß, eine renz aller-Rabbiner in Amerika eiiizubernfen zu dem e, Fragen jüdischen Glaubens zu diskutieren und Bittschrift an verschiedene Mächte zu senden, insbcre au den Präsidenten der Vereinigten Staaten, an Senat und - die Deputiertenkanuner, des Inhalts, Wiedergabe Palästinas an das jüdische Volk erwägen ollen. Frankfurter Berichte. Serzelchuis der Frankfurter jüd. Vereine usw. iiir Komitee,- bestehend aus den Herren Raphael M. h h e im (Vors.), Prof. Dr. OswaldCohn,Emil eidenheimer und Jacob Rosenheim, Überder Öffentlichkeit zum dritten Male in Form eines n Büchleins ein Verzeichnis der Frankfurter jüdischen ne, Stiftungen und Wohltätigkeitsanstalten, ias Komitee will mit dem Büchlein jedem die Möglichzewähren,^ in gehobenen Lebensmoinenten die gute des Spendens ganz nach, eigener Sympathie, aber genauer Kenntnis des Materials zu betätigen. Verein für jüdische Krankenpflegerinnen. ^ach'dem inder Mitgliederversamnilung erstatteten öftsbericht belief sich -am 30. September die Zahl em Verein angehörenden Schwestern anf 68, die der hwestern auf 3. - fast sämtliche Schwestern waren in der militärischen andetrn- und Krankenpflege beschäftigt. Außerhalb furts waren im unmittelbaren Militär-SanitätKwähreiid des Geschäftsjahres tätig: 5, Schwestern FestupMazarett XXÜ d in Straßburg; 5 Schwestern ' i. V ' in Kriegslazarette» in Bulgarien, Rumänien, Frankreichs und Belgien, Weitere 4 Schwestern befinden sich seit Anfang 1616 ununterbrochen im Dienste der Deutschen Sanitätsmission in Bulgarien und arbeiten c. Zt. im großen Alexander-Krankenhause in Sofia. Der Frankfurter Lazarettzug P. 1 war dauernd mit einer Schwester unseres Vereins besetzt. Im Krankenhause der isr. Gemeinde in Frankfurt wären während des Geschäftsjahres durchschnittlich etwa 35 Schwestern angestellt, wovon die weitaus größte Anzahl in der militärischen Verwundeten- und Krankenpflege tätig war. Jni eigenen Lazarett des Schwesternhauses (Vereinslazarett Nr. 27) sind dauernd 4 bis 5 Schwestern beschäftigt gewesen. Gegenüber diesen großen Aufgaben, ivelche die Kriegs- Pflege erforderte, mußte naturgemäß die private Krankenpflege zurücktreten:' Der Verein, der es.stets als seine Aufgabe betrachtete, seine Schwestern der Frankfurter Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession für die Krankenpflege zur Verfügung zu stellen, mutz an die. Nachsicht seiner Mitbürger appellieren. Konnte er doch neuerlich an ihn herangetretenen Anforderungeil seitens des Militär- Sanitätsdienstes um Ueberlassung von weiteren Schwestern für den Heeresdienst wegen Mangel an ausgebildeiem Personal nicht mehr entsprechen. Die lange Dauer des Krieges hat es mit sich gebracht, daß viele freiwillige Hilfskräfte, die anfangs tätig waren, ihren Dienst nicht mehr' aufrecbterhalten konnten. Außerdem hatte die Erweiterung der Kriegsschauplätze einen weiteren Bedarf an ausgebildeten Krankenschwestern zur naturgemäßen Folge. 'Jüdische, ideal veranlagte junge Mädchen, die den Beruf zur Krankenpflegerin in sich fühlen, haben z. Zt. Gelegenheit, bei den jüdischen Verbandsvereinen als Lehrschwestern unterzukommcn, wobei ihnen eine lebenslänglich^, auskömmliche Versorgung in Aussicht steht. Im eigenen Lazarett des Schwesternhauses, Bornheimer Landwehr 85 (Vereinslazarett Nr. 27) betrug während des Geschäftsjahres die Zahl der Offiziers-Berpflegungstage 286, die der Mannschafts-Verpflegungstage 11,551. Der ferner erstattete Kassenbericht ergiebt bei den großen Anforderungen, die an den Verein in der Kricgszeit gestellt werden und bei dem vollständigeil Versagen einer der Haupteinnahmequellen zu Friedenszeiten, nämlich der privaten Krankenpflege, naturgemäß ein sehr lingünstigcs Bild. Die Berwaltling wird nichtsdestoweniger den schon seit Kriegsbcginn befolgten Grundsatz aufrechterhalten, daß die Pflege der verwundeten und kranken 'Militärpersonen z. Zt. ihrevornehniste Aufgabe sein mliß. , Wolfsfeld-AnSstellnng. Erich Wolfsfeld, von dessen Könne» eine Ausstellung bei Trittler — Goetheplatz — gegenwärtig ein umfassendes Bild bietet, ist 1884 in KrojanSe in Westpreußen geboren. Seine Studien trieb er in Berlin und Paris. Die Lehrnnd Wanderjahre fielen eng znsaminen. In jungen Jahren machte er ausgedehnte Reisen nach Italien, Orient, Rußland usw. Zur Zeit wirkt er als Lehrer au der Berliner Hochschule für bildende Künste. Sein hervorragendes Können hat bereits die Anerkennung der Negierung gefnnden/indem sie ihn jüngst zum Professor ernannte. Eine Besichtigung der Ausstellung bei Trittler ist jedem Kunstverständigen eine Freude und ein Genuß. Der starke Simson. .Erzählung von Elise Orszesko. (Schluß) Vergeblich weinen dort seitwärts die judäischen Greise, vergeblich füllen mit ihren Wehklagen die Luft die judäischen Weiber, und die tapfersten ihrer Männer lassen vergeblich ihr Blut auf den weiten, verödeten Gefilden Judas dahinströmcn. Simson wird die väterliche Erde nicht mehr mit seiner Brust schützen, der die ganze Macht genommen ist, er wird die blitzenden Waffen, die gegen die Feinde gerichtet sind, nicht mehr sehen nnt seinen Augen, weil ihnen das Sonnenlicht entzogen ist! Schimele hörte die Scherze, die Verspottungen und die triumphierenden Erzählungen seiner Feinde und hebt langsam seinen Kopf empor. Herumtappend mit unsicher wankendem Schritt kommt er aus dem Palaste heraus, stellt sich auf die andere Seite der Pfeiler und fängt zu singen an. Aber mit welchem tiefen, grenzenlosen Schmerze ist seine Srimme erfüllt! Welch' eine Hohe Skala von Tönen gelingt ihm anzuschlagen! Wie verzweiflungsvoll ruft und fleht er! Er betet zu dem Gotte seiner Väter um Kraft, um seine frühere Riesenkraft, die er nur auf kurze Zeit besitzen möchte, nur auf einen, einen, einen ganz kurzen Augenblick! Und also rufend hebt er die zitternden .Hände in die Höhe und das blasse Gesicht mit den geschlossenen Augen, mit den einen märtyrerischen Ausdruck tragenden Zügen! In der Tat, wenn er so vor uns steht, eingerahmt von den Creionvorhängcn, beleuchtet durch die kleine Lampe mit dem schmalen Cylinder, die einer von den Philistern ihm dicht vor das Gesicht hält, hat er das Aussehen eines Märtyrers, aber eines solchen Märtyrers, der „den Schmerz von Millionen mit leidet!" Die ihm-so dicht vor das Gesicht gehaltene Lampe, die wahrscheinlich das Bild besser beleuchten soll, berührt ihm fast die Wange. Er rückte sie mit einer energischen, grollenden Bewegung ab, ergreift mit beiden Händen die Pfeiler, schüttelt sie und stürzt sie auf die Philister, welche alle mit großem Geschrei zu Boden fallen. Alle sind tot — auch Simson! Die Leichen der Gefallenen liegen unter den Trümmern des Palastes und strahlen zwischen den sic erdrückende» Pfeilern mit der roten, gelben und grünen Farbe ihrer Kleidung hervor. Der Vorhang fällt, das Publikum applaudiert wie' rasend. Die vornehme und gewöhnliche Gesellschaft des Publikums der beleuchteten Bänke einigen sich in dem einen großen Gefühl des Beifallsjubels! Sie rufen deu Simson, den König, die Delila, die judäischen Greise, '— und.Josel, der Regisseur, har gar nichts dagegen einzuwenden und denkt gar nicht daran, den Lärm zu bändigen. Er hat sich an den Rand der Bühne gelehnt und steht traurig da, weil schon das' Ende des Festes herannaht, dessen Gedanken durch ein paar Monate ein wenig Freude in das mühselige, sorgenvolle und monotone Leben der armen Gemeinde gebracht hatten. Nach beendigter Vorstellung zogen die Künstler ihre Theaterkostüme nicht aus, sondern ergänzten sie durch verschiedene drollige Zusätze, und da sie ein wenig müde waren, tranken sie in der Garderobe ein paar Flaschen Met und stimmten einen heitern, lauten Chorgesang an. Mit diesem Gesang zogen sie auf die Straßen hinaus in die Häuser der reichen Kaufleute und begüterten Hausbesitzer. Dort erwartete sie ein reichliches, schönes Gastmahl, dort konnten sie die ganze Nacht lang singen, tanzen, sich des Purimfestes freuen. C Aber in Mitte dieser lärmenden und heiteren Gesellschaft, die gerade jetzt mit Gesang und Lärm die breiten Treppen ersteigt, die zur Wohnung des Kaufmamis Rosenfeld führen, können wir Schimele nicht finden! Dort durch die dunkle Straße, die hier und da nur durch das matte Licht einer Lampe beleuchtet ist, schreitet langsam eine schlanke, männliche Gestalt. Wenn sie an den Laternenpfeilern vorübergeht, schimmert sie von Scharlach, Diamanten und Gold, mit welchem sie ganz bedeckt ist. Wenn sie aber in die dunklen Winkel kommt, wo ihr langer Mantel noch weißer durch den Wind weht, sieht sie aus wie ein Gespenst. Einsam ist die Gestalt, aber nicht traurig. In den würdigen Schritten erkennt man eine seltene Leichtigkeit und Kxaft, und aus seiner Brust klingt einmal leise, einmal laut, eine große Arie des Triumphes hervor. , Schimele, nachdem er die Phllister und sich selbst durch die eingestürzten Wände des Palastes zerschmettert hat, — ist wieder auferstanden, wurde wieder sehend, vergaß alle Demütigungen und Qualen und hörte keinen Augenblick auf, der „starke Simson" zu sein. Im Gegenteil, wenn er jetzt so durch die Gäßchen schreitet, zwischen den Mauern mit den finstern Häuschen, ziehen mit ihm die Gsanken all der großen Taten, die er vollbracht hat, und er ist übervoll von Stolz und Freude. Manchmal nur schimmert in seinen Gedanken die Erinnerung an die verführerische Delila, — dann drückt eine unbekannte Sehnsucht, ein unbekanntes Leid aus seinem Herzen. Aber gleich erinnert er sich der geretteten Juden, die er von Tränen und Verwüstungen befteit hat; er hebt seinen Kopf hoch empor, lächelt, singt, lauter, freudiger urro schreitet über das unbequeme Pflaster der dunklen Gasse, wie über Lorbeeren. ' So. geht er durch die Boulevards und kommt in die enge Gasse hinein. Mechanisch aus Gewohnheit wendet er sich seiner Wohnung zu nick» denkt gar nicht daran, was. er tut; immerfort singend nimmt er die Klinke der niedrigen Tür in die Hand und bleibt an der Schwelle seines Stübleins stehen. In der Stube neben dem Tische brennt eine Lampe, von welcher ein gelber, stinkender Rauch ausgeht. Grau und niedrig sind die Wände, die Betten voll von Federkissen. Auf dem Koffer und auf dem Fußboden liegen alte Kleider hernn'.geworfen, zerrissen und schmutzig; ein paar größere oder kleinere menschliche Gestalten liegen schlafend hier und dort umher. Das alles bildet in der Dunkelheit ein Chaos, seinen Gedanken und Augen fast unverständlich. Er verstand es aber nach wenigen Gedanken und richtet sich auf. — Der wundervolle, berauschende Traum ist verflogen; er verstand nun, daß er kein Simson war, jener mächtige und poetische Held der Bibel, sondern daß er nur Schimele, der Sohn Gerschons, ein armer Gelehrter dieser neuen Zeit war, der seine garye Vergangenheit und seine ganze Zukunft in der engen.