Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 15 (1917)
- Issue
- Heft 43 (16.11.1917)
- Date
- 1917-11-16
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8. ' graue» Stube verbring«» wird, über jenes Buch, welches.' sich fast auch zu wundern scheint, daß er es so lange verlassen, gebeugt, und das offen auf dem Tische liegt. Merkwürdig, wenn er auf das Buch hinblickt, bedeckt ein seltsamer, fast scheuer Ausdruck sein blasses Gesicht. Er wendet seine Augen ab und fetzt sich still auf die Bank am Fenster. , Wahrscheinlich kann er auf das Buch nicht sehen, denn er wendet fortwährend seinen traurigen Blick davon ab. Eine tiefe Falte'liegt zwischen seinen Augenbrauen und wirst auf das ganze Gesicht den Ausdruck düsterex. Ticffinnigkell. Er hat nun das Leben der Tat versucht, des peinigenden, aber zugleich ergötzlichützZLewens' mtb hohen Glücks, das Leben der Niederlage und der Triumphe. Aber es war ein Traum, er muß jetzt zu den großen Folianten zurückkehren, zu mühseligen Studien, die ihn vordem beschäftigt. „And was wird den Menschen und mir davon herauskommen?" , . Er dachte an die. Menschen ... Was wird er Jetzt mit der heißen, rührenden Liebe zu den Menschen anfangen? Mit der Liebe, die dort auf der armseligen Theaterdiele aufflammte in dem mächtigen Herzen Simsons, und die auch in der schwachen Brüst Schimeles stark und mächtig pochte? Wie wird er sie ausdrücken? Wozu wird er sie benutzen? Mit welchen Taten wird er ihr glühendes Begehren stillen? Was wird er mit dem Borgefühl der andern Liebe beginnen, die das flammende Auge der Delila entzündete? Was soll aus dem Vorgefühl jener rührenden und glücklichen Liebe, welche in dem großen Herzen Simsons entstanden, mit Tränen und Seufzern einer unaussprechlichen Sehnsucht es erfüllt hat, nun werden in dieser grauen Alltäglichkeit ohne Ideale? Schimele kannte nicht einmal dieses Wort, aber da sie einmal vor seinen Augen vorbeigegangen, hing er an ihnen mit seiner ganzen Seele. Ja, vor seinen Augen sind die Ideale der Tat, der Liebe und des Ruhmes vorbeigezogen..." Er beugte seinen Kopf nieder und blickte auf seinen Anzug. Ein merkwürdiges Lächeln spielle auf seinen Lippen. Der weiße Mantel umhüllte weich seine Knie und i Füße, das Scharlachgewand schimmerte von Gold, die Kette von Glasperlen bedeckte noch seine Brust, bei dem Lichte der lleinen Lampe blinkte er vom Glanz' der Rubinen, Smaragden und des Silbers, auf der Stirn fühlle er das Wehen des Federbusches, welcher Dom' rittellichen Helm, herabhing. Er lächelte eigentümlich, dann erhob er seine Hände, und. langsam nahm er den vergoldeten Helm , mit dem Federbusch' von seinem Kopf herunter. Er legte ihn auf den Tisch und blickte ihn' mit seinen brennenden Augen an, von welchen nach „ einem Augenblick zwei große Tränen über seine Wangen stoffen. % „Lebe wohl, du starker Simson! Du großer Mann, der mich gelehrt hat, daß es in,der Well große Heldentaten, groß: Liebe für die Menschen, schöne Delilas und schwache, unglückliche Schimeles gibt." ... - Er faltete seine Hände so gewaltig, daß die Knochen in den Gelenken knackten, dann, erhob er sie zu seinem / Hals und fing an, die Kette von Rubinen, Smaragden und Silber abzulösen, er hielt sie vor sich, und durch das Netz der schimmernden Schnüre glänzten seine , Tränen. — „Lebe wohl, du starker Simson, du großer Mann!" Plötzlich erhob, er die Augenlider- und die Hände, .welche die Kette hielten, fielen auf seine Knie. Er sah vor sich ein Bild und wußte im ersten Augenblick nicht, was cs bedeuten sollte: Ihm gegenüber stand das Stübchen, welches wie eine dunlle Höhle aussah, und mit sechs Paar lebhaft blitzenden Punllen besäet war.. Diese Punkte waren menschliche Augen und schimmerten aus verschiedenen Höhe»' uiü> Entfernungen. Die menschlichen Gestalten, zu welchen sie gehörten, waren ganz in der Dunkelhell verborgen. Die sechs paar Äugen ruhten auf dem Gesicht Schimeles und drückten' Staunen, Entzückung und freudige Bewunderung aus. In dem Moment, wo er die Kette auf die Knie fallen ließ) singen die blauen, grauen und schwarzen Punkte sich ihm zu nähern an. Mlc waren durch einen glänzenden Funken ciktbrannt, und in der Höhe wieder, auf dem höchsten Punkt, glänzten noch zwei kleine Lichter, die wie goldene Dukaten, aussahen, und von der Höhe, von welcher sie kamen, hörte man cm ständiges, moiwtoncs Murmeln. Es war die Katze, dfe in der hohen Oeffnnng des Ofens'saß und den Herrn de» Hauses anglotzte! Neben ihr befand sich die ganze Famllie, die, als Schimele kam, geschlafen hatte, dann aber aufgewacht war. Jeder saß. an seinem Orte auf der Erde und schaute auf das Franffurter Israelitisches FanÄieMatt. herrliche Kostüm des Vaters und des Mannes... So schauten sie ihn alle seit langer. Zell an, den. Atem in der Brust hemmend, um die Erscheinung in Scharlach und Gold nicht scheu zu machen, welche ihnen wie im Traume, erschien. Dann kam Zipa aus der Dunkelheit hervor. ' . Sic setzte sich ihnr zu Füßen, hob ihr dunkles, verrunzeltes Gesicht in die Höhe, welches von den schwarzen Bändern einer runden Haube eingerahmt war, die sie in der Nacht anstatt des Schellels trug, faltete ihre Hänhe..ichK bMte in -Mid- EMbt-«miL-s8em Ausdruck WMlMHW I^UDhW'EWW^^emMunkel die?!irothaMgenWöp.feWtenLels^und' .EstKchensHeräuZ^ Auch Enochs blasses, schmales Gesicht war zu sehen. Hinter ihnen allen stand Liba mll dem aufgepflochtenen Zopf und mit dem Leinen Lesser auf dem Arm. Alle schwiegen. — Und auch Schimele schwieg lange, der Reihe nach die ihn schon nahe umringenden Gestalten ansehend. Dann maß er sie alle mit einem Blick, und rasch sein Gesicht in die Hände verbergend, fing er laut und jämmerlich zu weinen an. Und weinend sprach er: „Meine armen, armen Kinder, meine armen .Fische, meine Brillanten? Was werde ich für Euch tun? Was kann ich für Euch tun? Ich bin selbst arm, schwach Lein und so — ohnmächtig, und Ihr werdet immer arm, Kein und unaufgeklärt bleiben!" — > Plötzlich horte er auf zu stöhnen und zu ächzen, erhob sich von dem Stuhle, und vor dem Fenster stehen bleibend, versenkte er seinen Blick in die Dunkelheit. So stand er lange, lange sinnend, bis er wieder den langen Streifen sah, der auf dem Boden der schwarzen Nacht eine goldene Letter bildete, deren Stufen mll Engeln besät waren; und an der Spitze stand wieder der weiße, mildleuchtende Engel des Gebetes, der mll Dornen gekrönt war und selbst Kränze flocht.. Schimele wendete sich zu der lleinen Schar, die seine Famllie blldete, und nahm den lleinen. Lesser aus den Härchen Libas. — Wenn jemand damals auf dem engen Hofe gestanden hätte. So hätte er hinter dem Fenster bei dem matten Licht einer lleinen Lampe ein eigentümliches Blld gesehen. In der Tiefe der Stube leuchteten noch immer, wie in der Luft hängend, die goldenen Augen der Katze. .Näher strahltest von dem dunklen Boden die blassen, schmalen - Gesichter von Liba und Enoch, die den Mund vor Verwunderung öffneten; noch näher standen Ester und Mendele, sie hielten sich an den Händen und öffneten weit ihre blauen Augen. Schimele bückte sich über den Tisch, — in den beiden ausgestreckten Armen hielt er das zweijährige Kind im grauen Hemde und indem er es fest an die. Scheiben des Fensters drückte, richtete er seinen flehentlichen, tränenvollen Blick hoch empor und rief aus voller Brust: „Sandalfon, Sandalfon! Du Engel des Lichtes, bitte du zu Gott, daß er ihn zu «einem „starken Simfon" mache!" » Literarische Chronik. Heinrich Graetz und Samson Raphael Hirsch. Des jungen Oldeirburger Landrabbiners S. R: Hirsch» „Neunzehn Briefe" machten auch auf einen ungewöhnlich begabten jungen Menschen in Wollstein, namens Heinrich Graetz, einen tiefen, besttmmenden Eindruck. Graetz, der in seinen religiösen Grundlagen wankend gewesen war, wurde nun in seiner traditionstreuen Auffassung wieder gefestigt. Doch nicht nur dies, es hatte ihn ein solch starws Verlangen nach dem Schreiber der „Neunzehn Briefs erfaßt, daß er zu ihm wanoerte. . Drei Jahre blieb der Schüler bei dem Meister. ' Noch einmal kreuzte sich der Lebensweg der beiden. Graetz hatte in Breslau zum Doktor promoviert, war in Gleiwitz bei seiner Probepredigt stecken gsblieben und hatte deshalb dem Rabbinerberuf entsagt und den Posten eines Leiters der orthodoxen Religionsschnle in Breslau über-! nominen: die Religionsschule ging ein und Graetz entschloß sich', als politischer Korrespondent nach Wien zu gehen. Auf der Reise nach! Wien kehrte er bei Hirsch, der inzwischen Landesrabbiner von Mähren geworden war, in Niwlsbnrg ein. Graetz. übernahm die Leitung der Gemeindeschule in. Lunenburg unt> verheiratete sich dort 1850;, zwischen Hirsch und chm hatten sich inzwischen Gegensätze in chrer jüdischen Auffassung hevansgebildet, und es heburstc nur eines Anlasses, um die Trennung herbeizuführen. Der Besuch Graetz' mit seiner jungen Frau bei Hirsch gab diesen Unlatz, indem Hirsch: verlangte, daß die junge Frau ihr Haar bäcckt trage und das Ehepaar dies abschlug. Zum 50. Todestage Abraham Mapns veranstaltete der „Haibri hazair" in Lodz eine größere Gedenkfeier. Die hebräische Festrede des Dichters I. Kavan war von warmer Verehrung^MapuS getrogen. Die hchhen Verdienste MapuS um die hebräische Sprache Nr. m re: bnb und Literatur und den eiuschjneidenben: Einfluß s, Werke auf das russische Judentum, unterzog der Rc einer eingehenden Würdigung. Die Zionssehnsucht, m„ I. Levy, ist eines der Hauptmotive des Mapust Schaffens. Diesen Huldigungen schloß sich -Ratsin« Lew in an. (Vergl. unseren Leitaufsatz in Nr. 1 D. Red.). ... ■ ■ Abraham Reifens 85 jähriges Jubiläum wurde in Wilna in einer großen vom Jüdischen Kult! verein einberufenen Gedenkversanimlüng gefeiert. H. Hi perin rühmte in warmen Worten die dichterische-D sönlichikeit Reifens. Reisen ist in vollem Sinne deZMor ein Pollsdichter; er schöpft aus dem Urquell der B, seele und spricht darum tiefdringeydzum Volke. ^Pas disch, die Sprache der Massen, Hat Reisen'-'stets uni scheut verteidigt, führtet S.' Meisen aus, allen -Angrijl zum Trotz. Einige vexbreitete . Lieder des Dichters: I haim", „dos hemerl" würden vom Opernsänger Winogrodow.vorgetragen. Darauf, nach, einer Rede I Olschwangers über Reifens dichterische Motive, fl den die Aufführung eines Reisenschen Einakters: ,, Schadchen'S Tochter" und die Rezitation weiterer Li .Lnljet Huljet", „Js awek zum Krieg der Meleichi" stat stag 3 S ■ret ion Jüdischer Nationalkalender 5678. 3. gang. Herausgeber Otto Abeles u. Ludwig Bato. 200 , ten, 8 Abbildungen. Wien, ll/1, Zirkusgasse 33, Jüd^ j Zeitung. Der Titel „Kalender" sagt zu wenig, denn rin.lifo > wertvolles Jahrbuch, in einer Reichhllltigkeit des Inh, . und in einer so ansprechenden Ausstattung, daß denj Her, [ gebern uneingeschränkte Anerkennung gebührt, ist hier Oeffentlichwit übergeben worden. t Einige der Arbeiten seien hervorgehoben. Nachum mann behandelt die Ghettoromantik. Er ist der ,Uer zeugung, „daß das Ghetto fallen muß, um Palästina stehen, zu lassen". ..Adolf Stand schildert den ersten nistenkongreß. Heinrich Loewe zeigt Graetz als nati, empfindenden Juden, durch den „wir den stolzen Geschi, bau unseres Volkes kennen lernten", von dem wir J edle nno stolze Begeisterung für unser Volk geerbt hal Martin Buber bringt sieben Geschichten von Baals, Finkelsteins Essay über Naftall Herz Jmber, den Di der „Hatikwah", ist literarisch sehr fein. Ostas Th, Untersuchung über die Bejahung im Judentum Verdi besondere Erwähnung. Den Wert des Buches sehen wir darin, daß es Nachdenken über die jüdische Gegenwartslage und kunftsfrage Richtung und Anregungen gibt. Ueber mai Einzelheiten kann man nattirlich verschiedener Mei sein. * Der Pojaz. Eine Geschichte aus dem Osten Karl Emil Franzos. 11. und 12. Auflage. Seiten. Geheftet M. 4.50. Stuttgart und.Berlin, I. | Cottasche Buchhandlung Nachfolger. Der Pojaz, die beste Schöpfung Franzos, übt in alter Frische seine Spannkraft auf das LesepnbliI ans; daS zeigt die jetzt herausgekommene 11. und 12.9r läge. Das verdankt er seinen Vorzügen: er ist reich Poesie, atmet sittliche Kraft und die Handlung fesselt | zum Schluß. „Imme rw ährender Ga^tenkalender", bunden mit der SaatundPslanztabelle „K mos". Hier findet der Ratsuchende in Tabellenform Pslanzzeiten, Pflanzentfernnngen, den Wasser» und Dünl bedarf sowie alle sonstigen besonderen Ansprüche der I brauchlichen und selteneren Nutzpflanzen genau verzeich« In dem „Immerwährenden Arbeitskalender", werden ' übrigen Fragen kurz und bündig beantwortet, wozu Gartenarbeiten in 27 Unterabteilungen gegliedert sä Davon betreffen 8 den Gemüsebau, 4 den Obstbaus den Ziergarten und der Rest die übrigen Arbeiten. (5 25 Pfg., Verlag: Franckhschp Verlagsbuchhandlung, Stl gart.) Literarische Notizen. 'erd J .ui! Nach einer durch den Krieg hervorgerufenen Unterb« üng von 3 Jahren begann in Krakau die hebräi^ Wochenschrift am izp ah" wieder zu erscheinen, hat sich ein spezieller Kreis von führenden galizischen sönlichikeit gebildet, die die literarische und finauzi, Existenz des Wochenblattes garantieren. j Die in Lemberg in polnischer Sprache erscheine, Zeitschrift „Moriah" hat soeben ihr. 11. und 12. £ herausgegeben. . \ Im Berlage „Senonith" in L e m b erg ist ein ne, hebräisches Lehrbuch „Leschonenn" („Uns Sprache") erschienen. Verfasser sind M. Tennenblatt N. Siegel. - ' Im Hebräischen Verlage „Assaf" in Newy ist unter dem Titel „Mireren Sawith" eine v, ständige Ausgabe sämtlicher philosophischer und liier, scher Artikel des bekannten hebräischen Schriftstellers 's fessor Dr. David N e n m a r k in Cincinnati schienen. ' In Kiew ist eine große jüdische Berlagsfirma im dem Namen „Kie w er Verlag" ins Leben rufen worden. . . - Die vereinigten jüd. soziallst.. P« teien in Kiew haben mit der Herausgabe einer-Zeit, unter der Bezeichnung „Neue Zeit" in jüdischer.SpiHn t begonnen. Dieselbe» Parteien geben seit Oktober in C h, kow ebenfalls sein jüdisches Organ) „Arbeiter-Z tnng", heraus. - Der . Hebräische Theaterverein ,.Ha maß" in Moskau will, den bekaiinten Roman . Abrahain Mapu „Ahawath Zion" (Zionsliebe),-, für Szene bearbeitet, auffMren. Ik M 3,